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Presseinformation 130/2005 vom 14.12.2005 | zur Druckversion

Archäologie für Sarajewo

Kieler Grabungsprojekt in Bosnien leistet "Aufbauarbeit"


Frühe Zeugnisse einer arbeitsteiligen Gemeinschaft der Jungsteinzeit entdeckten Wissen- schaftler der Universität Kiel bei ihrer kürzlich beendeten Grabung von Okolište in Bosnien. Durch die Bergung und Auswertung von etwa einer Tonne Keramik und Alltagsgegenständen gelang es Professor Johannes Müller und seinem Team, eine ausdifferenzierte Sozialstruktur zu rekonstruieren. Der Dorfplan der jüngsten Besiedlungsphase um 5000 v. Chr. lässt sich vollständig nachvollziehen.

Der Fundplatz, etwa 40 Kilometer nordwestlich von Sarajewo, liegt an einem alten Kommunikationsweg, der die Adria mit dem Donaugebiet verbindet. Da in der Region um Okolište bei Visoko während des Jugoslawienkrieges keine Kämpfe stattgefunden haben, besteht bei Grabungen keine Gefahr durch Landminen. Erste Forschungen zeigten ein ausgeprägtes landwirtschaftliches Leben mit Haustieren, Getreideanbau und den einschlägigen Werkzeugen. Einige Tongefäße weisen ein reiches Zeichensystem an Mustern, Figuren und plastischen Tierdarstellungen auf.

Da in einigen Häusern vorrangig Feuerstein bearbeitet wurde, in anderen Tuch gewebt und in dritten Korn gemahlen wurde, schließen Robert Hofmann und Niels Müller-Scheesel vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Kieler Universität auf erste Zeugnisse einer beruflichen Spezialisierung schon um 5000 v. Chr. Offenbar führte diese Arbeitsteilung auch zu einem unterschiedlichen sozialen Status, war doch die Verteilung von grobem Kochgeschirr und reich verzierten Ess- und Trinkgefäßen auch sehr ungleich.

Das Grabungsprojekt läuft seit 2002 und wird seit 2005 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Die Forschergruppe unter Kieler Leitung ist das einzige internationale Grabungsteam in Bosnien-Herzegowina und soll bosnische Wissenschaftler ausbilden. Bei dieser "Aufbauarbeit" arbeiten das Institut für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und die Römisch-Germanische Kommission in Frankfurt/M. zusammen. Aus bosnischer Seite sind das Landesmuseum Sarajewo und das Museum Visoko beteiligt.

Langfristiges Ziel ist, im Spannungsfeld unterschiedlicher Nachkriegsinteressenten in Bosnien ein funktionierendes archäologisches Wissenschaftsleben aufzubauen. Die bosnische Ur- und Frühgeschichte soll zukünftig auch durch die Bosnier selbst erforscht werden können.


Drei Fotos zum Thema stehen zum Download bereit unter:

Foto 1:
www.uni-kiel.de/download/pm/2005/2005-130-1.jpg
Bildunterschrift:
Grabungsteam bei der Arbeit, im Vordergrund Reste einer ehemals senkrechten Wand aus Holz und Lehm, durch einen Brand verziegelt und dadurch konserviert
Foto/Copyright: Uni Kiel

Foto 2:
www.uni-kiel.de/download/pm/2005/2005-130-2.jpg
Bildunterschrift:
Grundrisse neolithischer Häuser und einer schräg dazwischen liegenden Gasse (Maßstab: 1 m)
Foto/Copyright: Uni Kiel

Foto 3:
www.uni-kiel.de/download/pm/2005/2005-130-3.jpg
Bildunterschrift:
Plastischer Gefäßschmuck in Form eines Tierkopfes, Kuh oder Bär? (Breite etwa 5 cm)
Foto/Copyright: Uni Kiel



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