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Presseinformation 100/2007 vom 20.12.2007 | zur Druckversion

Uni Kiel trennt sich von Erblasserin


Das neue internationale Gästehaus der Kieler Universität wird nicht "Hunke-Haus" heißen. Dies beschloss das Rektorat gestern (19.12.) in seiner Sitzung. Die Universität wird die Erbschaft zurückgeben. Wie berichtet, hatte man das Richtfest kurzfristig abgesagt, nachdem Zweifel an der Person der Stifterin, Dr. Waltraud Hunke, im Zusammenhang mit der NS-Zeit aufgekommen waren. Hunke hatte etwa ein Zehntel der Bausumme testamentarisch vererbt. Am Fortgang des Baus, der am Kieler Hindenburgufer entsteht, ändert das nichts.

Rektor Professor Thomas Bauer sieht eine besondere Verpflichtung der Kieler Universität, die zu den Vorreiterhochschulen während der NS-Zeit gehörte: "Wir werden uns dieses Themas von seiten des Rektorates in Zukunft verstärkt annehmen. Es gibt bereits eine Menge von Einzeluntersuchungen, aber kein gebündeltes Werk, das die unterschiedlichen Aspekte übersichtlich zusammenfasst."

In Bezug auf Frau Dr. Hunke liegen dem Rektorat keinerlei Hinweise darauf vor, dass sie irgendjemandem persönlich geschadet hat. Bekannt ist jedoch, dass sie nicht nur seit 1937 Mitglied der NSDAP war, sondern ab 1941 als wissenschaftliche Mitarbeiterin der 'Forschungsstätte für Germanenkunde' im 'Ahnenerbe' tätig war, einer der SS angeschlossenen Institution. Die Forschungsarbeiten ihres akademischen Lehrers, Professor Otto Höfler, dem sie von Kiel nach München folgte, weisen vielerlei Schnittstellen mit der nationalsozialistischen Ideologie auf. Dass Frau Hunke außerdem seit 1941 als Assistentin des Historikers Ernst Anrich sowie des Professors für Germanenkunde und Skandinavistik Siegfried Gutenbrunner an der "Reichsuniversität" Straßburg tätig war, legt den dringenden Verdacht nahe, dass sie selbst zu den linientreuen Anhängerinnen zählte.

Das Rektorat folgt in seinem Beschluss einer Empfehlung von Professor Christoph Cornelißen, der seit 2003 am Historischen Seminar den Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte innehat. "Es geht mir nicht um eine Verurteilung der Person. Das ist nicht unsere Aufgabe. Was allerdings schwer wiegt, sind Stellungnahmen Waltraud Hunkes aus den 90er Jahren, in denen sie ihren ehemaligen akademischen Lehrer Höfler gegen jede Kritik in Schutz nimmt und den Versuch, die Forschungen Höflers aus der NS-Zeit wissenschaftlich kritisch zu beleuchten, als 'Besserwisserei' und 'Verunglimpfung' abtut. Offenbar hat sie sich nie mit ihrer eigenen Vergangenheit beziehungsweise mit der ihrer akademischen Lehrer kritisch auseinander gesetzt. Ungeachtet der langjährigen Unterstützung, die sie unserer Universität hat angedeihen lassen, kann sie unserer wissenschaftlichen Institution unter den neu bekannt gewordenen Umständen kein leuchtendes Beispiel sein."

Die Empfehlung Professor Cornelißens stützt sich auf Recherchen im Bundesarchiv Berlin. Da die Unterlagen der Universität im Krieg nahezu komplett zerstört wurden, lassen sich die Vorgänge in Kiel nicht weiter ausleuchten.


Kontakt:
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Historisches Seminar
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