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Presseinformation 24/2012 vom 25.01.2012 | zur Druckversion

Genetik der Lebenserwartung

Kreuzungsexperimente mit kurzlebigem Fisch liefern wichtige Hinweise


Lebewesen können unterschiedlich alt werden. Die Lebenserwartung wird dabei wesentlich durch ihre Gene bestimmt. Doch welche Gene sind das genau? Forscherinnen und Forscher des Leibniz-Instituts für Altersforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) in Jena haben gemeinsam mit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und der Humboldt-Universität zu Berlin im Genom eines sehr kurzlebigen Fisches erstmals Bereiche ausfindig gemacht, in dem die Information für die Lebensdauer verschlüsselt ist. Kreuzungsexperimente kurzlebiger und langlebigerer Stämme des in Afrika beheimateten Fisches Nothobranchius furzeri – ein neuer Modellorganismus in der Altersforschung – lieferten dazu wichtige Hinweise. In der renommierten Fachzeitschrift „Aging Cell“ sind diese Ergebnisse jetzt publiziert worden.

Die Lebensspanne jedes Lebewesens wird durch genetische und umweltbedingte Faktoren bestimmt und variiert von Art zu Art sehr stark. Galapagos-Riesenschildkröten können zum Beispiel mehr als 200 Jahre alt werden. Auch der Mensch mit einer Lebenserwartung von etwa 80 Jahren ist als langlebig anzusehen. Demgegenüber sind der Fadenwurm mit einem Durchschnittsalter von wenigen Wochen oder die Fruchtfliege mit zirka 45 Tagen ausgesprochen kurzlebig.

Ebenfalls eine extrem kurze Lebensspanne hat der aus Ostafrika stammende Fisch Nothobranchius furzeri (Türkiser Prachtgrundkärpfling), der als neuer Modellorganismus für die Erforschung des Alterns am FLI genutzt wird. Die Lebensdauer des Fisches ist perfekt an das afrikanische Habitat angepasst und variiert zwischen drei (kurzlebige Populationen) und acht Monaten (langlebigere Populationen). Selbst unter optimalen Bedingungen im Laboraquarium, also bei ständiger Verfügbarkeit von Wasser und bester Fütterung, lebt der Fisch ähnlich kurz wie in Afrika. Die Information über die extrem kurze Lebensdauer muss also irgendwo im Genom gespeichert sein.

Auf der Suche nach Bereichen im Genom, die Informationen für die Lebenserwartung von Organismen tragen, sind die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun erstmals einen großen Schritt vorangekommen. Sie führten Kreuzungsexperimente mit dem Fisch N. furzeri durch und zeichneten die Lebensspanne der Nachkommen auf. In Zusammenarbeit mit Professor Andre Franke von der Christian-Albrechts-Universität in Kiel bestimmten sie anschließend in deren Genom eine Vielzahl genetischer Marker. Kollegen der Humboldt-Universität zu Berlin um Professorin Gudrun A. Brockmann halfen bei der Analyse der Daten.

„Bei unseren Kreuzungsexperimenten verpaarten wir kurzlebige mit langlebigeren Laborstämmen“, berichtet Dr. Jeanette Kirschner, die die Untersuchungen während ihrer Doktorarbeit in der AG Genomanalyse, FLI, vornahm. „Die mittlere Lebensspanne der kurzlebigen Fische betrug elf Wochen und die der langlebigeren Fische etwa 30 Wochen“. Die Nachkommen in der ersten Generation wiesen im Vergleich zu den Eltern eine mittlere Lebensspanne von etwa 22 Wochen auf. „Für uns ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Lebenserwartung genetisch festgelegt ist und dabei nicht nur ein Gen eine Rolle spielt“, unterstreicht Dr. Matthias Platzer, Leiter der AG Genomanalyse am FLI.

Im nächsten Schritt wurden die Geschwister der ersten Generation untereinander verpaart. Die umfassende DNA-Analyse der zweiten Generation ergab, dass bestimmte genetische Marker bei kurzlebigen Fischen häufiger als bei langlebigeren Fischen auftraten und umgekehrt. „Durch die systematische, genomweite Analyse dieser Marker konnten wir auf vier verschiedenen Chromosomen des N. furzeri Bereiche identifizieren, in denen sich mit großer Wahrscheinlichkeit genetische Determinanten für die Lebenserwartung befinden“, sind sich die Forscherinnen und Forscher sicher. „Der Fisch ist – neben der Maus – damit das einzige Wirbeltier, in dem bisher durch Kreuzung die Identifizierung solcher Regionen, die für das Lebensalter entscheidend sind, gelungen ist.“

Die identifizierten Genombereiche sind allerdings recht groß. „Sie beinhalten hunderte Gene, so dass die Identifizierung der ursächlichen Faktoren nun eine neue große Herausforderung darstellt", merkt Dr. Kathrin Reichwald, Projektleiterin am FLI, an. „Mit unseren Kreuzungsexperimenten konnten wir jedoch zeigen, dass etwa zehn Faktoren für die Lebenserwartung von N. furzeri eine Rolle spielen“, so Reichwald weiter. Um diesen auf die Spur zu kommen, werden derzeit in den gefundenen Regionen alle Gene systematisch untersucht und auch Vergleiche mit nahe verwandten Fischarten vorgenommen. Damit konnte die Größe der bedeutsamen Bereiche bereits um etwa 40 Prozent reduziert werden.

„Außerdem arbeiten wir intensiv an der Sequenzierung des Genoms von N. furzeri; eine wesentliche Voraussetzung für die systematische Suche nach genetischen Determinanten für die Lebensspanne“, erklärt Dr. Matthias Platzer. „Denn der Genom-Vergleich von kurz- und langlebigeren Prachtgrundkärpflingen kann Aufschluss über kleinste Unterschiede in der DNA-Sequenz und ihrer Bedeutung für die Lebenserwartung und Alternsprozesse geben.“ Parallel dazu werden die Kreuzungsexperimente bereits mit anderen N. furzeri-Eltern-Tieren wiederholt, um die aktuellen Befunde zu bestätigen und relevante genomische Bereiche weiter einzuengen. Gelingt es, die zugrunde liegenden Gene zu identifizieren, kann man durch deren gezielte Veränderung ihren Einfluss auf die Lebensspanne genauer untersuchen. Da sowohl Fisch als auch Mensch zu den Wirbeltieren gehören, gehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon aus, dass für die meisten in N. furzeri gefundenen Gene auch ein menschliches Pendant identifiziert werden kann. Ob diese Gene dann auch eine Rolle bei der Lebenserwartung des Menschen spielen und ob sie in Regionen menschlicher Chromosomen liegen, die bereits mit Langlebigkeit in Verbindung gebracht wurden? Das wird die Zukunft zeigen.

Originalpublikation:
Kirschner J, Weber D, Neuschl C, Franke A, Böttger M, Zielke L, Powalsky E, Groth M, Shagin D, Petzold A, Hartmann N, Englert C, Brockmann GA, Platzer M, Cellerino A, Reichwald K: Mapping of quantitative trait loci controlling lifespan in the short-lived fish Nothobranchius furzeri - a new vertebrate model for age research. Aging Cell. (2011), DOI: 10.1111/j.1474-9726.2011.00780.x.

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Bildunterschrift: Kreuzungsexperimente kurz- und langlebiger Stämme von Nothobranchius furzeri (Türkiser Prachtgrundkärpfling) – einem Fisch aus Ost-afrika, der sich mit seiner Lebensdauer an die unterschiedlich langen Regenzei-ten angepasst hat.
Grafik: K. Wagner/FLI; Foto: K. Reichwald/FLI

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Text und Kontakt:
Dr. Kerstin Wagner
Leibniz-Institut für Altersforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI)
Tel.: 03641-656378
E-Mail: koordinator@fli-leibniz.de



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