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Presseinformation 218/2012 vom 30.07.2012 | zur Druckversion

Das Herrenmahl

Jetzt vormerken: Fünftägiges öffentliches Symposium im August


„Man ist, was man isst“ – die hohe Symbolkraft gemeinschaftlicher Mahlzeiten hat in den letzten Jahren in den Kulturwissenschaften große Faszination ausgeübt. Davon blieb auch die Erforschung der christlichen Tradition nicht unbeeinflusst, steht doch ein gemeinsames rituelles Mahl, im evangelischen Raum nach Luther „Abendmahl“ genannt, im Zentrum des gottesdienstlichen Lebens der christlichen Konfessionsfamilien. Um dem Phänomen des gemeinsamen rituellen Mahls auf den Grund zu gehen, lädt das Institut für Neutestamentliche Wissenschaft und Judaistik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) vom 6. bis 10. August zu einem öffentlichen, internationalen Symposium ein. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Die Veranstaltung findet zum Teil in Englischer Sprache statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Zum ausführlichen Programm:
www.uni-kiel.de/herrenmahl.

Unter dem Titel “The Eucharist – its Origins and Contexts: Sacred Meal, Communal Meal, Table Fellowship, and the Eucharist in Late Antiquity, Early Judaism, and Early Christianity” lenken Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen den Blick auf die ersten fünfhundert Jahre des Mahls, das im frühen Christentum Herrenmahl oder Eucharistie genannt wurde. Theologie und Religionswissenschaft, Altertums- und Kulturwissenschaft sowie Archäologie und Kunstgeschichte sind in dem fünftägigen Programm vertreten. Die vielseitigen Beiträge sollen zu einem theologischen und historischen Gesamtverständnis des Herrenmahls innerhalb der jeweiligen griechisch-römischen und frühjüdischen Kontexte beitragen. Diesem Anliegen hat sich eine interdisziplinäre Kooperation von über 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Europa, den USA und Australien, die an diesem Projekt beteiligt sind, verschrieben.

Hintergrundinformationen
Gemeinschaftliche Mähler sind aus den unterschiedlichen Kulturen der Antike nicht wegzudenken. Man verspeiste gemeinsam das Fleisch von Opfertieren, lag mit Freunden oder Geschäftspartnern zu Tische oder inszenierte hier seinen möglicherweise dekadenten Lebensstil. Das anschließende Symposium war der Rahmen gelehrter Gespräche. Gleichfalls bewirtete man Gastfreunde, mitunter sogar Götter, die auf der Erde wandelten. Vereine trafen sich zum Gelage oder man schmauste zu Ehren der Verstorbenen. Juden versammelten sich zu religiösen Mahlzeiten in der Synagoge. Speisen und Ablauf des Pesach-Mahls riefen die Geschichte des Exodus aus Ägypten in Erinnerung. Mahlgemeinschaften stellten so beides her: Gemeinschaft nach innen und Abgrenzung einer Gruppe nach außen. Die zahlreichen Mahlkulturen der Antike kommen im Rahmen des Kieler Symposiums als unverzichtbare Kontexte des Herrenmahls der frühen Christen in den Blick, ohne die dieses Realsymbol der christlichen Gemeinschaft nicht verstanden werden kann.
Bibelwissenschaftlern und Kirchenhistorikern eröffnen sich damit zahlreiche offene Forschungsfragen. Umstritten ist etwa, ob es von Beginn an mehrere Typen von Mahlfeiern im Christentum gegeben hat. Aus den vom Apostel Paulus gegründeten Gemeinden wissen wir, dass Essen und Trinken immer wieder Anlass zu Diskussionen im binnenchristlichen Raum bot: Durfte ein Christ das – vielfach einzig erschwingliche – Fleisch von Opfertieren der heidnischen Kulte essen? Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage, in wie weit die frühen Gemeinden, die sich selbstverständlich auch über ihre Mähler definierten, sich dabei an die Vorbilder ihrer Umwelt anlehnten: War das Herrenmahl eine Art christliches Symposium? Fragen zu Gestalt und theologischem Proprium des Herrenmahls bedürfen also einer eingehenden Untersuchung. Hinzu kommt die weitere Entwicklung im innerkirchlichen Raum. Das Herrenmahl wurde im Laufe des 2. Jahrhunderts als Eucharistie Teil der sich entwickelnden Gottesdienstpraxis der Kirche.

Angesichts der kulturellen Verflechtungen und der Entwicklungen des Herrenmahls/der Eucharistie erscheint der von den Initiatoren des Kieler Symposiums angestrebte multiperspektivische Zugang unverzichtbar. Er bezieht die Erkenntnisse sozio-historischer, ritual- und liturgiewissenschaftlicher Sichtweisen ein. Die Kieler Theologen zeigen damit, dass sie die zentralen Themen- und Problemfelder ihres eigenen Faches im offenen Diskurs mit den Vertreterinnen und Vertretern der benachbarten Disziplinen diskutieren.

Die von der Volkswagenstiftung geförderte Veranstaltung des Instituts für Neutestamentliche Wissenschaft und Judaistik steht unter der Leitung von Professor Dieter Sänger und Professor Enno Edzard Popkes.

Das Wichtigste in Kürze:
Datum: 6. bis 10. August
Zeit: ganztägig, siehe Programm unter www.uni-kiel.de/herrenmahl
Ort: Hörsaalgebäude in der Leibnizstraße 1, Kiel

Text: Felix John, Dieter Sänger

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Bildunterschrift: Fußbodenmosaik in der Brotvermehrungskirche. Tabgha, Galiläa, 5. Jh.
Foto, Copyright: Berthold Werner; Quelle: wikimedia

Foto zum Herunterladen:
www.uni-kiel.de/download/pm/2012/2012-218-1.jpg

Kontakt:
Institut für Neutestamentliche Wissenschaft und Judaistik
Stefanie Mende
Tel. 0431 / 880 2309
E-Mail: s.mende@theol.uni-kiel.de