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Presseinformation 30/2013 vom 06.02.2013 | zur Druckversion

Die Zukunft der Milchwirtschaft in Schleswig-Holstein

Agrar- und Ernährungswissenschaftliche Fakultät lädt zur Hochschultagung


Die 63. Hochschultagung der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) findet am Donnerstag, 7. Februar, statt. Alle Fachbereiche präsentieren dabei ihre Forschung rund um die regionale Milchwirtschaft in vier Themenbereichen: Pflanze und Umwelt, Tier und Gesundheit, Ernährung und Lebensmittel, Ökonomie und Agribusiness. Von ökonomischen Fragen zum Wettbewerb im Milchsektor über die Preisbildung bei Biomilch bis zu züchterischen Herausforderungen und die Energiebilanz der Kuh wird das zukunftsträchtige Leitthema von allen Seiten beleuchtet. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Weitere Informationen zum Programm und frühere Schriftenreihen:
www.agrar.uni-kiel.de/de/veranstaltungen/hochschultagung


Das Wichtigste in Kürze:
Datum: 7.2.2013
Zeit: Eröffnung 10:00 Uhr
Ort: Kieler Universität, Audimax, Christian-Albrechts-Platz 4

Ein Foto steht zum Download bereit:

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Bildunterschrift: Die Forschung in der Milchwirtschaft ist das Leitthema der diesjährigen Hochschultagung der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät.
Copyright: CAU, Foto: Claudia Eulitz

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www.uni-kiel.de/download/pm/2013/2013-030-1.jpg

Einige Themen der Tagung:



Zukünftiger Wettbewerb im Milchsektor
Prof. Dr. J. Sauer (Institut für Agrarökonomie)

Die deutsche Milchwirtschaft sieht sich in den zukünftigen Jahren unverändert großen Herausforderungen ausgesetzt. Die zunehmende agrarpolitische Liberalisierung führt zu einer fortschreitenden Konsolidierung vor allem in der Milchverarbeitung. Diese begegnet auf der anderen Seite stagnierenden Wachstumsmöglichkeiten im Inland sowie im EU-Binnenmarkt infolge einer Sättigung der relevanten Märkte. Im Rohmilcherfassungsbereich bedeutet der Wegfall der Milchquote 2015 und die Neuausrichtung der gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union eine anhaltende Neuorientierung der Landwirtschaft sowie der Milchindustrie. Letztere muss die Milchbeschaffung und -qualität effizient und nachhaltig sicherstellen. Der Strukturwandel in der Rohmilchproduktion ging in den letzten Jahren unvermindert weiter. Im Jahr 2012 wurden noch zirka 85.000 Milchbetriebe gezählt mit einer zunehmenden Milchkuhzahl pro Halter sowie einer steigenden durchschnittlichen Milchleistung pro Kuh (Statistisches Bundesamt 2012). Wettbewerbsorientiertes Management wie zum Beispiel anhaltende Produktivitäts- und Effizienzsteigerungen sind für die Milchproduktion kurz- bis mittelfristig also wesentlich, um volatile Milchabnahmepreise auf Betriebsebene nachhaltig kompensieren zu können. Wettbewerbsorientiertes Handeln auf der Rohmilcherfassungsstufe setzt die Kenntnis der relevanten Wettbewerber voraus, das heißt Milcherzeuger im relevanten Einzugsgebiet und potenziell rohmilchabnehmede Molkereien. Das Bundeskartellamt (BKA) hat mit seiner Sektoruntersuchung Milch (Endbericht Januar 2012) zusammenfassend „erhebliche Einschränkungen des Wettbewerbs auf den regionalen Märkten für die Beschaffung von Rohmilch“ festgestellt. Vor diesem Hintergrund, versucht dieser Forschungsbeitrag mehr analytische Klarheit in diesen Teil der Diskussion um den zukünftigen Wettbewerb im Milchsektor zu bringen. Nach der Darstellung einer angemessenen Marktabgrenzungsmethode für den Erfassungsbereich, werden im zweiten Teil des Beitrages verschiedene empirische Szenarien für Schleswig-Holstein präsentiert. Anhand zweier Molkereistandorte wird die Wettbewerbsfähigkeit von Milcherzeugern in Abhängigkeit von der regionalen Marktabgrenzung zur Erfassung von Rohmilch analysiert. Hierzu werden drei unterschiedliche Szenarien mit Hilfe von Milchbetriebsdaten quantitativ diskutiert:
1) Erfassungsgebiete nach der BKA-Definition,
2) optimale Erfassungsgebiete ohne grenzüberschreitenden Einzug und
3) optimale und grenzüberschreitende Erfassungsgebiete.
Die Ergebnisse zeigen, dass je nach Festlegung des Rohmilcherfassungsgebietes der Molkerei sich unterschiedliche Anforderungen an die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit des Milcherzeugers mit Standort in Schleswig-Holstein ergeben. Eine grenzüberschreitende Erfassung von Rohmilch bringt eine deutliche Änderung der wettbewerbs- und strukturrelevanten Parameter mit sich, bedeutet allerdings nicht notwendi-gerweise einen höheren Wettbewerbsdruck für den Erzeuger. Pauschal definierte Erfassungsgebiete führen zu Fehleinschätzungen des jeweils relevanten Wettbewerbs und des resultierenden Strukturwandels, dem sich der individuelle Milchbauer ausgesetzt sieht. Intensiver Wettbewerb auf Rohmilchebene wird sich schließlich erst einstellen, wenn flexible Wechsel der Erfassungsgebiete ohne versunkene Kosten möglich sind. Aus der Perspektive einer Molkerei in Schleswig-Holstein ist es für die Optimierung der Erfassungskosten und Rohmilchpreise von zentraler Bedeutung, ökonomisch fundierte Szenarien zur Dynamik in der Erzeugerstruktur zu kennen.


Preisbildung im Lebensmitteleinzelhandel bei Biomilch
MSc. Thore Holm und Professor Jens-Peter Loy (Institut für Agrarökonomie)

In Zeiten stagnierender Umsätze im deutschen Einzelhandel und Lebensmitteleinzelhandel (LEH) in den letzten zehn Jahren sind Wachstumsmärkte in diesem Bereich von besonderem Interesse. Ein solcher Wachstumsmarkt ist das Bio-Produkte-Segment, das in der letzten Dekade durchweg zweistellige Wachstumsraten aufweist. Schon zu Beginn des Jahrtausends hat der traditionelle Lebensmitteleinzelhandel in Form eines steigenden Angebots in diesem Bereich auf diese Tendenz reagiert. Während 1999 der traditionelle LEH zirka 26 Prozent der Bio-Lebensmittel angeboten hat, sind es heute über 50 Prozent. Neben der Teilnahme an diesem Wachstumsmarkt nutzt der traditionelle LEH durch Schaffung eigener Handelsmarken die Bio-Produkte zur Imagepflege in Richtung gesunder und qualitativ hochwertiger Nahrungsmittel. Das ist nicht nur für viele Discounter von besonderem Interesse. Diese Entwicklung darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Bio-Produkte auch heute nur rund 4 Prozent des Gesamtabsatzes ausmachen.

Spiller legt 2001 eine erste Untersuchung der Preissetzung im deutschen LEH bei Bio-Produkten vor und folgert:
(1) Hohe Preise für Bio-Produkte bilden die zentrale Barriere für die weitere Verbreitung,
(2) Die hohen Preise für Bio-Produkte im LEH sind nur zum Teil auf höhere Produktionskosten zurückzuführen,
(3) Der Bio-Markt im LEH zeigt eine geringe Wettbewerbsintensität,
(4) Preispolitische Instrumente werden von allen Anbietern nur in geringem Maße eingesetzt.
So werden nach Hamm und Michelsen (1999) bei Bio-Milch 1997/98 rund 15 Prozent höhere Auszahlungspreise durch die Molkereien für Bio-Milch im Vergleich zu konventioneller Milch an die Bauern gezahlt. Der Preisaufschlag im LEH beträgt aber zwischen 25 und 80 Prozent. In 2000 beträgt der Aufschlag im Durchschnitt bei den Erzeugern 25 und im LEH 55 Prozent. Auch wenn sich der Erzeugerpreisaufschlag erhöht hat, so kann der Großteil des Preisaufschlages im LEH nicht durch die Erzeugerkosten erklärt werden. In 2009 und 2010 erhöht sich die Auszahlungspreisdifferenz auf 12 Eurocent oder 46 Prozent. Die Aufschläge bei den Groß- und Einzelhandelshandelspreisen befinden sich auf ähnlichem Niveau mit 48 und 53 Prozent. Auch wenn vermehrter Wettbewerb eine Ursache für die erhöhten Auszahlungspreise sein könnte, so spricht die über 50 Prozent höhere Spanne zwischen Erzeuger- und Einzelhandelspreisen bei Bio- im Vergleich zu konventioneller Milch gegen eine Zunahme des Wettbewerbs auf Groß- und Einzelhandelsebene und weiterhin für die Durchsetzung einer Hochpreisstrategie.
Bezüglich des Einsatzes von Marketinginstrumenten lässt sich für den Zeitraum von 2009 bis 2010 festhalten, dass bei konventionellen Produkten je nach Definition in 3 bis 8 Prozent der Fälle Preisaktionen eingesetzt werden, während dies bei Bioproduktion in 2 bis 7 Prozent der Fälle zutrifft. Auch die Höhe der Preisreduktionen ist mit 16 beziehungsweise 13 Prozent vergleichbar. Bei der Umsetzung von Preisänderungen im Zeitablauf lassen sich ebenfalls keine fundamentalen Unterschiede zwischen konventioneller und ökologisch produzierter Milch feststellen, wobei im Untersuchungszeitraum die Preise für Bio-Milch auf allen Stufen im Mittel etwas stabiler verlaufen.
Insgesamt deutet die Untersuchung darauf hin, dass die Wettbewerbsintensität im Bio-Produkte-Segment nur geringfügig angestiegen ist. Folglich sind die Preise im Vergleich zu konventionellen Produkten im LEH weiterhin auf hohem Niveau.

Literatur:
Spiller A. (2001): Preispolitik für ökologische Lebensmittel: Eine neo-institutionalistische Analyse. Agrarwirtschaft Heft 50 Nr. 7: 451-61.
Hamm U. und J. Michelsen (1999): Der Markt für Ökolebensmittel in Europa. Agra-Europe 38, H. 43, Dokumentation, S. 1–19.


„Wie kann mit züchterischen Ansätzen auf die neuen Herausforderungen beim Milchrind reagiert werden?“
Prof. Dr. G. Thaller (Institut für Tierzucht und Tierhaltung)

In Schleswig-Holstein steigt bei rückläufiger Anzahl von Betrieben die durchschnittliche Bestandsgröße kontinuierlich an. Durch konsequente Zuchtarbeit wurde ein hohes Leistungsniveau erreicht, auf der anderen Seite sind jedoch Abgangsraten von nahezu 40 Prozent bei den Kühen zu verzeichnen. Als Abgangsgründe werden zu 21 Prozent Fruchtbarkeitsprobleme, zu 14 Prozent die Eutergesundheit, zu 10 Prozent Klauen- und zu 4 Prozent Stoffwechselerkrankungen angegeben. Angesichts dieser Problematik hat sich der Schwerpunkt in der Zuchtzielsetzung immer stärker auf diese funktionalen Merkmale verlagert. Die besondere Herausforderung ist es dabei, zum einen Seite präzis definierte Merkmale möglichst genau und zum anderen im für die Zuchtwertschätzung erforderlichen Umfang zu erfassen. Weitere Anforderungen an die moderne Milchrinderhaltung sind unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit eine hohe Ressourceneffizienz sowie die Verringerung der Ausscheidung klimarelevanter Gase. Die Zucht ist gemeinsam mit den benachbarten Disziplinen gefordert, über neue Forschungsansätze die relevanten Fragestellungen zu bearbeiten. Im Institut für Tierzucht laufen aktuell Forschungsprojekte, in denen neue Möglichkeiten für die Erfassung der wesentlichen funktionalen Merkmale untersucht werden. Im Bereich der Fruchtbarkeit werden über kontinuierliche Messungen des Progesteronspiegels der Beginn des ersten Brunstzyklus sowie die Zwischenbrunstzeiten bestimmt. Die dabei neu entwickelten Kennzahlen zeigen eine klare Beziehung zur nachfolgenden Trächtigkeit. Besonders interessant erweist sich der Zusammenhang mit der Energiebilanz, die gerade zu Beginn der Laktation bei hochleistenden Tieren ein wichtiger Indikator ist. Die laufenden Arbeiten zur Berechnung der Energiebilanz werden ergänzt durch ein Kamerasystem mit einer automatisierten Bildverarbeitung zur Bestimmung der Körperkondition der Kuh. Das Ziel ist eine fortlaufende Bewertung der Stoffwechselsituation während der Laktation, die bisher über aufwändige Rückenfettmessungen oder den subjektiv erhobenen ‚body-condition-score‘ erfolgt. Die Herausforderung besteht in der Bestimmung neuer Merkmale aus den umfänglichen Bilddaten, die tierzüchterisch interpretiert werden können und zu den gängigen Größen in Beziehung stehen.

Im Weiteren wurden intensive Forschungsarbeiten im Bereich der Klauengesundheit durchgeführt. Die Bewertung des Gangs mit Hilfe des ‚loco-motion scores‘ bietet eine wertvolle Hilfestellung, um das Auftreten von Klauenkrankheiten frühzeitig zu erkennen. Es konnten dafür vergleichsweise enge genetische Beziehungen ermittelt werden, die indirekte züchterische Ansätze zur Verbesserung der Klauengesundheit erlauben.

Bezüglich der Eutergesundheit werden derzeit zwei verschiedene Vorgehensweisen verfolgt. Zum einen wird mit ‚Cell-Sense‘ Geräten unmittelbar beim Melkvorgang über die Viskosität der Milch eine Bestimmung der Zellzahl vorgenommen, die letztlich zeitnah Informationen über den Gesundheitszustand des Euters liefert und auch für unmittelbare Managementmaßnahmen genutzt werden kann. Zum anderen werden neue statistische Ansätze verfolgt, aus den vorliegenden monatlichen Zellzahlmessungen über die Streuungen zusätzliche Hinweise auf die Anfälligkeit für Mastitis zu erhalten. Wesentlich für die praktische Zuchtarbeit wird es sein, ob es gelingt, entsprechende Prüfverfahren kostengünstig in den Betrieben zu implementieren.


Änderungen der Milchfettzusammensetzung als Indikator für eine negative Energiebilanz bei der Kuh
Dr. Max Holstermann, Dr. Ralf Blank, Professor Andreas Susenbeth
(Institut für Tierernährung und Stoffwechselphysiologie)

Die hohe und in Zukunft weiterhin steigende Leistung von Milchkühen ist nur dadurch möglich und vertretbar, wenn die Energie- und Nähstoffversorgung tier- und leistungsgerecht erfolgen kann. Wegen der begrenzten Futteraufnahmekapazität und der notwendigen Strukturversorgung kommt es bei hoher Leistung besonders in der Laktationsspitze zu einer erheblichen energetischen Unterversorgung mit der Folge der Mobilisierung von Körperreserven. Die Höhe dieses energetischen Defizits wird als eine maßgebliche Ursache für Stoffwechselstörungen und verzögerte Fruchtbarkeit angesehen. Bisherige Methoden zur Bestimmung des Umfangs einer solchen Mobilisierung von Körpersubstanz, die unter praxisnahen Haltungsbedingungen eingesetzt werden, können jedoch nur als wenig geeignet angesehen werden. Gegenstand dieses Beitrags ist es, über Untersuchungen zu berichten, die das Ziel verfolgen, das Potential der Milchfettzusammensetzung als empfindlichen Indikator für Körperfettmobilisierung zu prüfen. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Veränderung der Konzentration des C-13-Kohlenstoffisotops und des Fettsäuremusters des Milchfetts sich als geeignete und sensitive Parameter erwiesen haben. Der Zeitpunkt im Verlauf der Laktation, zu dem die Tiere eine ausgeglichene Energiebilanz aufweisen, kann mit beiden Verfahren mit ausreichender Genauigkeit bestimmt werden. Es zeigte sich darüber hinaus, dass die Körperfettmobilisierung weitgehend unabhängig von der Höhe der Milchleistung ist und durch Körperkonditionsparameter nur unzureichend beschrieben wird. Die großen Unterschiede im Umfang und der Dauer der Fettmobilisierung zwischen den untersuchten Tieren weisen darauf hin, dass Tiere sich sehr verschieden an eine hohe Leistung anpassen.


Kontakt:
Dekanat der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät
Telefon: 0431/880-2591
E-Mail: dekanat@agrar.uni-kiel.de