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CINARCHEA
Themenschwerpunkt

Thema: "Archäologie - Film - Museum"

Von Pinsel & Spaten zu Pixel & Daten



Angelina Jolie steht als Lara Croft in TOMB RAIDER mal wieder im heißen Schlacht­getümmel. Nach erfolgreichem Kampf gegen Piraten im Chinesischen Meer sagt einer ihrer Kombattanten, er habe nun einen neuen Markt entdeckt: die Archäologie.

Vor 30 Jahren hätte diese Aussage in einem Abenteuerfilm zwar gelinde Verwunderung ob dieser doch recht weltfremd klingenden Sichtweise zum erfolgreichen Gelderwerb hervorgerufen, aber keinerlei Anlaß geboten, hierin einen ernstgemeinten Wink auf die aktuelle Situation globaler Märkte zu sehen. Die Archäologie als Wissenschaft und das Bild ihrer Vertreter waren im Bewußtsein der Öffentlichkeit geprägt von der Darstellung, wie sie in dem Dreiklang des genialen Buchtitels Götter, Gräber und Gelehrte mit­schwangen. Altertumswissenschaftler umgab ein Nimbus, der keinen Platz bot für neue Medien. Bösewichter gab es aus dramaturgischen Gründen in Filmen und Abenteurer­zählungen häufiger als in der Wirklichkeit. Sie waren zumeist wissenschaftliche Einzel­gänger, wie sie in jeder Disziplin auftauchen, die von Ruhm- oder Eifersucht getrieben wurden und aus manischer, ideologischer und gelegentlich politischer Getriebenheit ihr Handwerk ausübten.

Ein Musterbeispiel mit Realitätsnähe war der von Max v. Sydow verkörperte Archäo­logieprofessor in MARCH OR DIE. Die ernsthafte Archäologie nahm höchst selten das Medium Film als Mittel zur Information in Anspruch, Schulfilme der Landesbildstellen versprachen kaum Anreiz für Heranwachsende, dies Fach als Beruf zu wählen, und die großen Videoschränke im GRM in Köln, die die Innovation "Video" mit Verve publik machten, verschwanden bald, weil sie die Besucher ob der lauten Kommentare störten.

Vor 25 Jahren erfaßte das actionreiche Abenteuerleben des Archäologen Indiana Jones weltweit ein Millionen-Publikum in den Kinos, und jeder wußte, daß dessen Existenz nur dank der guten alten Tricktechnik Hollywoods funktionierte. Humorlosen Altertums­wissenschaftlern war daher gleich das ganze Medium suspekt.

Vor 20 Jahren waren die ersten archäologischen Filmfestivals etabliert (Verona, Paris, Brüssel, Bordeaux) und boten dem Publikum die Chance, auf großer Leinwand im Kreise interessierter Laien und Fachleute in konzentrierter Form über Grabungen weltweit informiert und über neue Techniken in Kenntnis gesetzt zu werden. Filme gab es gelegentlich als optisches Zubrot in Museen, oft in einer abgedunkelten Ecke, nur das frisch erbaute Wikinger Museum Haithabu hatte einen eigenen kleinen Kinosaal mit der Möglichkeit, die eigens für diese Ausstellung hergestellten Filme simultan in vier Sprachversionen zu sehen.

Vor 15 Jahren gelangte durch eine überraschend erfolgreiche deutsche TV-Serie im ZDF - die von Gisela Graichen initiierte C-14 -Reihe - die seriöse Archäologie in populärer Weise ins Bewußtsein eines großen Teils der Bevölkerung, und seitdem hat ein richtiger Boom an Sendungen zur Archäologie eingesetzt. Nachfolger kämpften um Einschalt­quoten, die zum Maßstab für Sendetauglichkeit wurden. Bald entstand der Eindruck, als bestehe diese junge Wissenschaft allein aus dem Aufspüren neuer Fundstätten und der Präsentation glänzender Objekte. Zu Sensationen hochgepuschte Ergebnisse rechtfertigten die Sendung, die Kärrnerarbeit der Archäologen blieb ein unzugängliches Arkanum. - CINARCHEA hat sich von Beginn an in Begleitsymposien kritisch mit der Medienpräsenz befaßt und die Archäologie gleichsam als Paradigma für medialen Umgang mit Wissenschaft im Fernsehen angesehen.
(Vgl. dazu die Symposiumsthemen und Publikationen ARCHÄOLOGIE UND NEUE MEDIEN Cinarchea 98 und FUNDE FILME, FALSCHE FREUNDE - DER ARCHÄOLO­GIEFILM ZWISCHEN PROFIT UND PROPAGANDA Cinarchea 2002.)

Seit 10 Jahren weiß der Fernsehzuschauer dank aufwendig computer-generierter Bilder, wie schön die pompejanischen Häuser im Innern gewesen waren, bevor der tödliche Aschenregen niederfiel. Bei ständig fortentwickelter Speicherkapazität der Rechner (1) können wir heute mit der virtuellen Kamera durch die römischen Villen gehen, erkennen womöglich am Schatten an den Wänden den Sonnenstand und erschließen die Uhrzeit jenes rekonstruierten Tages. Die vom leichten Sommerwind geblähten Gardinen lassen uns frösteln, sind es doch die ersten Anzeichen nahenden Unglücks. - Die Emotionalisierung mit Hilfe digitaler Technik begann, das Symposiumsthema hieß: DIE MOORLEICHE IM GEGENLICHT - GROßE GEFÜHLE IM ARCHÄOLOGIEFILM (CINARCHEA 2004). Der interessierte TV-Seher weiß seit dem Gletscherfund am Similaun, welche Wissenschaftszweige es durch gezielte Kooperation ermöglicht haben, auch nach verkorkster Skistockarchäologie aus kleinsten Spuren verläßliche Aussagen über das Leben unserer Vorfahren vor 5000 Jahren zu machen und wie es damals wohl bei einer Alpenquerung zugegangen sein mag. Teure Produktionen mit einer Länge bis zu einer Stunde breiteten sich aus, medial wurden diese Sendungen durch Spielszenen aufgelockert, die sog. Re-enactment-Szenen, die bald zu einem regelrechten must der Fernsehberichte wurden. Die digitale Technik hat auch hier geholfen, Reste alter, heute verfallener Tempel im Bild zu alter Größe zu generieren, in denen wie in richtigen Kulissen agiert wurde. Computergestützte Programme vermochten sie so zu bearbeiten, daß sie immer lebensechter erschienen. Die handliche DVD-Technik trägt dazu bei, derartige Produktionen auch privat zu Hause verfügbar zu haben. Das Begleitsymposium zu CINARCHEA 7 lautete entsprechend "Schöner, länger, bunter - aber besser? Neue Wege im Archäologiefilm".

Seit 5 Jahren gibt es vermehrt beachtenswerte Filme zum Thema Raubgrabung. War Susanne Offenbachs SCHATZSUCHER, SCHIEBER, SAUBERMÄNNER (1994), mit einer lobenden Erwähnung bei CINARCHEA 96 geehrt, noch eine rare Bearbeitung dieses Themas, häufen sich – zeitlich parallel zur Plünderung des Museums in Bagdad - derartige Titel. Spektakuläre Angebote auf dem Markt wie die Himmels-Scheibe von Nebra heizten das Thema an, und die Aufdeckung höchst raffinierter Fälschungen, wie sie z.B. in KING SALOMON'S TABLET OF STONE (CIN 08) gezeigt werden, erschüttert den Glauben an ehrenwerten Umgang mit antiken Kulturobjekten. NETWORK (Cin 08) zeigt den weltweiten Handel, der mit einem Umsatz von über 9 Milliarden Dollar den des internationalen Drogenmarkts übertrifft, in den auch staatliche Museen einbezogen sind, und die Diskussion um die Rückgabe kostbarster Schätze aus dem kulturellen Erbe an frühere Besitzer ergreift inzwischen auch ein interessiertes Laienpublikum.

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CINARCHEA 08 behandelt zum ersten Mal in einem Schwerpunktthema kein drama­turgisch-ästhetisches oder auf die Medien Film und Fernsehen bezogenes Sujet, sondern einen Komplex handelspolitischer und wissenschaftsethischer Fragen, der mit dem Gegenstand antiker Kulturgüter allenfalls ein würdigeres Handelsobjekt benutzt als der internationale Drogenmarkt. Geadelt wird er dadurch indes nicht. In seinem Referat zum Abschluß des Filmprogramms macht sich Cornelius Holtorf darüber Gedanken, in wieweit dies das Fach wirklich trifft: Der Archäologe und sein ehrenwerter Kampf gegen die Raubgräber und den illegalen Handel mit Altertümern.

Dr. Kurt Denzer

(1) Anmerkung des Setzers: Die Speicherkapazität allein genügt nicht. Es ist vor allen Dingen die drastisch gestiegene Rechengeschwindigkeit in Verbindung mit verbesserten Algorithmen, die die heutige virtuelle Kamera zu ihren Leistungen befähigt.

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