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CINARCHEA
Symposium 2006

Vortrag von Dr. Kerstin Stutterheim

Materialisationen vergangener Kulturen in Form von Re-Enactment
– oder: Animationsszenen in Archäologiefilmen der letzten Jahre



Zunächst möchte ich mich für die Einladung bedanken, die mir die Gelegenheit bot, auf der Cinarchea 2006 einige – den Beitrag von Tom Stern und Thomas Tode ergänzende - Beobachtungen zur Entwicklung des Archäologiefilms im Fernsehen der letzten Jahre vorzustellen.

Meine diesem Beitrag zugrundeliegende Untersuchung basiert einerseits auf einer größeren Zahl Archäologie-Filmen, die ich in den letzten Jahren im Fernsehen gesehen habe, da mein jüngerer Sohn lange gerne Archäologe werden wollte und wir alles, was es zu diesem Thema gab, gemeinsam sahen. Nachdem wir im Laufe der Zeit so viele unter brütender Sonne, in schwindelerregenden Höhen kletternde, unter Wasser tauchende oder anderen Gefahren ausgesetzte Archäologen sahen, hat er mittlerweile von diesem Berufswunsch Abstand genommen, die größte Zahl dieser Beiträge zeigt den Beruf des Archäologen als heldenhaft strapaziös bis abenteuerlich.

Da man aber natürlich eine filmwissenschaftliche Analyse nicht allein auf der Basis an die Erinnerung an einige Fernsehabende führen kann, habe ich einige ausgewählte Redaktionen angeschrieben und darum gebeten, mir aus Sicht der Redaktion relevante Sendungen zur Ansicht zur Verfügung zu stellen. Erhalten habe ich die letzten 3 Staffeln von "Schliemanns Erben" aus dem ZDF; von arte habe ich leider keine Antwort erhalten, aber Ulrike Dotzer (NDR/arte) war so freundlich, mir kurzfristig aus ihrer Redaktion zwei jüngere Produktionen zu senden; Discovery Channel hat mir ebenfalls vier Beiträge geschickt. Ergänzend gesichtet hatte ich einige ZDF- und arte-Produktionen, die ich gelegentlich selber mitgeschnitten hatte.

Mein Fokus lag für diesen Vortrag auf der Verwendung von fiktionalen, animierten und Re-Enactment-Szenen in Archäologiefilmen. Szenen dieser Art finden sich nicht nur in Archäologiefilmen, sondern auch in Geschichts-, Ethnologie- und vielfältig gearteten Wissensbeiträgen. Den Ursprung – zumindest der Bezeichnung nach – haben diese in der experimentellen Archäologie und den Reenactment-Gruppen, die historische Ereignisse so detailgenau wie möglich nachzustellen bemüht sind – wie Tomas Thode dies ja bereits dargestellt hat.1 Und doch unterscheidet sich das Re-Enactment im Fernsehen erheblich von beiden Einflüssen – und in Bezug auf Fernsehproduktionen wird nicht so genau zwischen korrektem Re-Enactment und fiktionalen Szenen unterschieden, wie es Tomas Tode abgeleitet von den an der Geschichtswissenschaft orientierten Gruppen der experimentellen Archäologie oder den Re-Enactment-Gruppen beschrieb. Im Fernsehen geht es seit Jahren immer stärker vorrangig um Visualisierung und zweitrangig um historische Korrektheit.

Ihnen sind diese Erscheinungsformen sicher ebenso vor Augen, wie mir: Nackte Füße in Sandalen im Wüstensand, Menschen unterschiedlichster Herkunft in farbigen Kostümen und geschminkt, wie man es von alten Abbildungen her kennt und als Rückschluss auf die Gesichter der die damalige Kultur personifizierenden Menschen überträgt.

Bekanntermaßen wird ein Film im Fernsehen wie im Kino als gegenwärtig empfunden2, das Fernsehen tritt dem Zuschauer gerade mit Filmen wie diesen als Wirklichkeitsinstanz gegenüber – besonders hier in Deutschland, wo der Umgang mit den Bewegtbild-Medien überhaupt nicht oder marginal in den Schulen und Hochschulen vermittelt wird –. Fernsehzuschauer gehen im Allgemeinen davon aus, dass dokumentarische Filme die Wirklichkeit wiedergeben. Sie erwarten trotz der zunehmend fließenden Grenzen eine strenge Trennung zwischen Fiktion und Dokumentarischem.3 Diese Rezeptionserwartung wird noch durch das Fernsehen als Instanz selber bestärkt, da es, wie es Klaus Kreimeier formuliert hat, den Anspruch erhebt, "die Wirklichkeit nicht allein abzubilden, sondern integraler Bestandteil unserer Realität und in vielen Fällen: diese selbst zu sein."4 Für viele Menschen stellt das Fernsehen ein Fenster zur Welt dar, und mit der Zunahme der Fernsehzeiten und all den Implikationen, die das Fernsehen mit sich bringt, bietet es dem überwiegenden Teil seiner Zuschauer ein Bild von einer Welt, die ihm selber nicht zugänglich ist. Angestrebt wird in jedem Fall – vollkommen unabhängig vom Charakter oder Genre der Sendung – eine Überschreitung der Medialität zu einem Realitätserlebnis.5

Der Mensch an sich befindet sich in einer sich ständig erweiternden Bildwelt, er hat seine eigenen inneren Bilder, begegnet täglich neuen, äußeren Bildern und lebt innerhalb einer Gemeinschaft, die über kollektive Bilder des kulturellen Gedächtnisses verfügt. Bekannt ist darüber hinaus, dass die Fähigkeit Bilder zu imaginieren eine der Besonderheiten der menschlichen Spezies ist. Dennoch scheinen die Re-Enactment-Szenen genau diese bildbezogene Phantasieleistung der Fernsehzuschauer in Zweifel zu ziehen. Doch nicht alle Archäologie-Sendungen verwenden Re-Enactment- oder animierte Szenen zur Ergänzung des dokumentarischen Materials. So kann man im Hinblick auf die Fernsehbeiträge zum Bereich Archäologie zwei Gruppen differenzieren: Es gibt Archäologiefilme, in denen das Augenmerk vorrangig auf die Archäologen und ihre Tätigkeit gerichtet wird. Diese Filme kann man zu der Kategorie der mit neutralen Zeichen fungierenden Beiträge zählen, die sich der Wirklichkeit, den Fakten, dem Authentischen widmen.

In diesen Filmen werden die Archäologen bei ihrer Ausgrabungstätigkeit begleitet, bei der Entschlüsselung der Fundstücke beobachtet, man erlebt deren Entdeckerfreude und Überraschung mit, oder aber ihren Kampf gegen die Zeit und die damit verbundenen sehr heutigen Zwänge – wie den Bau einer Autobahntrasse7 oder die drohende Überflutung des gerade entdeckten sensationellen Fundes durch einen geplanten Staudamm.8 In diesen Filmen orientiert sich der Zuschauer an den Archäologen, die in unserer Gegenwart leben und den Spuren der Vergangenheit folgen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, um Lebensspuren ausfindig zu machen, mehr über Glück und Unglück der Menschen damals zu erfahren und die erlangten Erkenntnisse für unsere Gegenwart nutzbar zu machen. Diese Filme – wie zum Beispiel "Allianoi – Antiker Kurort in Gefahr" (Halil Gülbeyaz, NDR/arte 2006, Redaktion Ulrike Dotzer) – sind frei von jeglichem Re-Enactment. Hier vertraut man auf die Faszination, die von den neutralen Zeichen bzw. Texten ausgeht, die auf etwas Echtes, tatsächlich Vorhandenes verweisen. Als weiteres Beispiel ist "Was Knochen erzählen. Die Gräber am Don" (Gary Marcuse. Discovery Canada, 2002) anzuführen – beide Filme sind frei von jeder nachgestellten Szene und leben von den sehr offenen und sympathischen Protagonisten, ergänzenden Nebenfiguren, die für einen Ausschnitt des Lebens am Rande der Ausgrabung stehen oder aber den stattfindenden Konflikt in seiner vielgestaltigen und sehr gegenwartsbezogenen Problematik auf konkrete, persönliche Interessen und zum Teil auch Schicksale betreffende Art nahe bringen. In beiden Fällen sind die im Mittelpunkt stehenden Protagonisten sehr interessante Persönlichkeiten, die uns nicht als seelenlose Wissenschaftler gegenübertreten, sondern auch Ängste, Träume und Hoffnungen äußern. Hier wird der Zuschauer persönlich angesprochen, da man Berührungspunkte zum eigenen Leben wahrnimmt – über die Protagonisten wird ebenfalls eine emphatische Ebene erreicht, die zu einem "Gefühl einer lebendigen Gegenwart" führt, das die Wahrnehmung der Medialität der Sendung in den Hintergrund treten lässt.

Ebenfalls hervorzuheben ist der Beitrag "Nofretete und das Geheimnis von Armana" von Carola Wedel (ZDF 2006)9, in dem auf unterhaltsame Weise die spannende Geschichte des Ehepaares Nofretete / Echnaton mit der Archäologie und der in diesem Fall nicht minder spannenden Geschichte der musealen Bewahrung von Kulturgütern verknüpft wird. In berechtigtem Vertrauen auf die Kraft der überlieferten Bilder, das ergänzend gedrehte dokumentarische Material und die Phantasieleistung des Zuschauers wird in diesem Beitrag auf unterhaltsame Weise Wissen vermittelt, wie es sich die Redaktionen von diesem Format erwarten.10

Nun kommen wir in die Übergangszone: In einigen dieser dokumentarischen Filme taucht gelegentlich eine knappe Sequenz von ein bis drei Einstellungen auf, die einen Widerschein des Ereignisses oder des Kontextes des Fundstückes transportiert. In "Archäologie im 21. Jahrhundert" (Michael Erler, MDR/arte 2005)11 bleibt der Film nah an den beteiligten Wissenschaftlern, die ebenfalls sehr gegenwartsbezogen und auch persönlich zum Ausdruck bringen, welch eine außerordentliche Entdeckung wir begleiten können. Auch hier gibt es durch den geplanten Autobahnbau einen Link zu den Konflikten einer zeitaufwendigen Tätigkeit, wie die der Archäologie, und den temporeichen Zwängen einer zukunftsorientierten Industriegesellschaft, in der die Beschäftigung mit der Vergangenheit immer mehr zum Exotismus gerät. Allerdings wird hier auf der akustischen Ebene sehr stark dazugegeben, um die neutralen Bilder emphatisch aufzuladen. Ein anderer Beitrag des ZDF widmet sich ausgehend von seiner jüngsten Expedition dem Abenteurer Jean Savoy, der seit Jahrzehnten in den Anden nach einer vergessen Hochkultur forscht. "Jäger verlorener Schätze - Wolkenmenschen" (Michael Tauchert und Wolfgang Ebert, ZDF 2002)12 porträtiert in erster Linie den Abenteurer Savoy, beobachtet die archäologische Spurensuche und berichtet von früheren Expeditionen. Hier findet sich der sonst für dieses Format mittlerweile so typische handlungsführende Kommentar, in den O-Ton-Passagen eingefügt werden. In diesem Film stehen die O-Töne noch gleichwertig neben dem Kommentar. Ab und an gibt es in diesem Beitrag dann doch eine aufscheinende Materialisation eines Schamanen oder tanzender Vorfahren, die aber noch keine dominierende oder eigenständige Qualität erreichen, sondern als Illustration fungieren.

In der anderen, in den zurückliegenden Jahren zunehmend das Format dominierenden Gruppe von hybriden Archäologiefilmen werden die Archäologen zu ihren Fundstätten begleitet, wo diese den Weg zu den Kulturen und Geschichten einer bestimmten Region weisen. Diese wird dann – verbunden mit der dramatisch aufbereiteten Tätigkeit der Archäologen, die in der Wüste oder auf dem Hochplateau unter anderen, aufregenderen Bedingungen als dem mitteleuropäischen Büroklima arbeiten – für den Film per Re-Enactment und Personalisierung in Szene gesetzt. Diese Form der Hybride hat vor allem in den letzten 3 Jahren stark zugenommen. Hier treffen neutrale Zeichen auf emphatische Zeichen. Rezeptionserwartungen werden auf die Probe gestellt und möglicherweise sollen die den emphatischen Zeichen zuzuordnenden fiktionalen Einsprengsel bzw. Szenen die neutralen Zeichen überlagern und so ebenfalls in emphatische umwandeln.

Hybrid-Beiträge wie "Der vergessene Pharao" (Pierre Stine, France 3 for Discovery Channel, 2003), "Die schwarzen Königinnen" (Dethlev Cordts, NDR/arte 2005), "Das Geheimnis der Wüstenkönige" (Dirk Laabs, ZDF 2006) oder "Der Schatz Alexanders des Großen" (Peter Prestel, ZDF, 2006) und viele weitere lassen historische Figuren ebenso wie ihre Zeitgenossen wieder auferstehen. Die Bildimagination wird dem Zuschauer abgenommen und durch Fiktionalisierung ersetzt.

Wie Fritz Wolf in seiner jüngsten Studie zu den Trends der dokumentarischen Formen im Fernsehen schreibt, sind die meisten Hybride Versuche, den Unterhaltungswert zu optimieren, was jedoch nicht immer erreicht wird.13

In dem Film "Der vergessene Pharao", der in Bezug auf mein Thema exemplarisch stehen könnte, wird ein Archäologe auf seiner Spurensuche in der ägyptischen Wüste begleitet. Ab und an bilden sich seine Phantasien vor uns bildhaft ab, entweder als Re-Enactment-Szene oder mit Hilfe von Animation und Re-Enactment. Man sieht den Archäologen mit seinem Assistenten gehen, da plötzlich baut sich vor seinen/unseren Augen eine lebhafte Szenerie damaliger Zeit auf, Kinder springen in den Fluss, ein Mann treibt Ziegen... Dann, ein wenig später, sucht der Archäologe, den Blick fest auf den Boden geheftet, nach dem Platz, an dem der Tempel des Pharaos einst gestanden haben mag, so beginnt plötzlich eine mit dramatischer Musik untermalte Sequenz, in der wir drei Männer in einer Naheinstellung mit erstauntem Blick in Richtung des Archäologen aufschauen sehen, dann sieht man Beine in Rock und Fellumhang auf uns zugehen und der Blick öffnet sich auf einen älteren Herrn, hinter dem ein betont gelangweilt und herablassend drein schauender jüngerer Mann mit Pharaonenkappe zu erkennen ist. Der Kommentar erklärt die Situation: "Aus der Hauptstadt Memphis trifft Pharao Usakare ein, mitsamt seiner Gemahlin und dem königlichen Gefolge." Das gesamte königliche Gefolge inklusive der Träger beläuft sich auf 17oder 18 Personen, was sich in der Totale nicht wirklich imposant ausnimmt. Dieser Auftritt des Pharaos verweist unsere Phantasie, nach der man sich den Auftritt eines Pharaos strahlend und imposant, von unglaublicher Verschwendung und beeindruckenden Requisiten unterstützt, vorstellt, in die Schranken. (Vermutlich ließ das Budget die Erfüllung solcher Phantasien oder auch realer Begebenheiten nicht zu). Nun wo der Platz des verschwundenen Tempels gefunden ist, geht der Archäologe durch die verbliebenen Steinreste und wie aus Zauberhand fliegen hinter seinem Rücken zunächst die Steine des Tempels mit lautem Gerumpel übereinander. Er dreht sich um, und da schließt sich auch schon das Dach über ihm, und einen Umschnitt später bringen Kleindarsteller aus allen Regionen Ägyptens Gaben für den Pharao.

Eher amüsant ist auch der jeweilige Auftritt der Personen, deren Abbilder der Archäologe aus dem Sand freilegt: nachdem dem Archäologen Dobrev der Atem stockte, da sich herausstellte, dass seine Theorie stimmt und er an der richtigen Stelle gräbt, wie uns der Kommentar mitteilt, wird vorsichtig die eine Wand freigelegt. Es werden Hieroglyphen und Bilder freigelegt: "Hier ist sein Kopf und dort steht sein Name." Die Kamera fährt näher heran, die Hand des Archäologen schippt den Sand beiseite, O-Ton: "Jetzt kann ich seinen Namen lesen. Er lautet: Haunefa. Und einer seiner Titel: Semavati – enger Freund des Königs." Der Archäologe wendet den Blick wieder der Inschrift zu und mit dem Umschnitt kommt der so beschrieben in leichter Zeitlupe auf uns zu, gekleidet wie vermutlich damals üblich in goldschimmerndem Rock, ergänzt durch silbern glänzende Armreifen und mit einer breiten Kette auf dem nackten, behaarten Oberkörper, einen geschmückten Holzstock mit sich führend. Die gleiche Form der Gestaltung erleben wir nach Auffindung der dazugehörigen Ehefrau.

Ein anderes, ebenfalls eindrucksvolles Beispiel dafür, wie schwer es ist, Bilder herzustellen, die der Imaginationsfähigkeit entsprechen oder diese übertreffen, ist eine animierte Sequenz aus "Die schwarzen Königinnen": Der Archäologe trifft nach 18 Stunden Fahrt endlich an seinem Ziel an: "Vor ihm liegt der heilige Berg, aus dem das Universum geboren wird." Man sieht einen netten, von der Fahrt sichtlich mitgenommenen Mann aus der Autotür steigen und gen Berg schauen, Umschnitt auf den Berg bei Sonnenuntergang, metaphysisch klingende Musik setzt ein, der Kommentar nennt mit gepresster Stimme den Namen des Berges und fährt fort: "Nach dem Glauben der Menschen erhob sich am Anfang der Zeit die Urgäus-Schlange aus dem heiligen Berg." Nach einer Kranaufnahme von Säulen vor dem Bergmassiv folgt ein Umschnitt auf ein animiertes Modell dieses Berges. Auf das Stichwort hin wackelt der Berg, aus einer Ecke bröckelt ein Loch und eine Schlange mit einer leuchtenden Kugel auf dem Kopf (die aussieht wie eine der Vollgummi-Schlangen, die man im Spielwarenladen oder auf Afrika-Märkten kaufen kann) schlängelt sich ein Stück weit aus dem Berg heraus, tänzelt ein wenig, faucht gen Mattscheibe und verglimmt in eine sich ergießende Steinsäule. Der erläuternde Kommentar verbindet den Übergang des animierten Bildes in den Rückzoom des dokumentarischen Materials dieser 60 Meter hohen und reizvoll geformten Steinformation an der Spitze des Felsens. Zu dem Verweis im Kommentar, dass hier vor 2000 Jahren die schwarzen Königinnen lebten, die die Schlange der Macht auf der Stirn trugen, sehen wir eine schöne Senegalesin mit Schlangenstirnband auf Haarnetz, langen Silberohrringen und hölzernen Armreifen in einer aus Untersicht gefilmten Nahaufnahme, die mit Bildsprüngen versehen wurde, eine eurhythmische Armbewegung gen blaßblauen Himmel vollziehen. Der anschließend hinzueilende Archäologe wird vom Kommentar ebenfalls anmoderiert, bevor er selber zu Wort kommt.

Formatbestimmend ist mittlerweile der durchgehende, nahezu immer dramatisierte und mit Pathos gesprochene Kommentar, Re-Enactment oder animierte Szenen mit meist wabernder Backgroundmusik untermalt, imposante Landschaftsaufnahmen, zwischen denen es knapp gehaltene O-Ton-Passagen mit dem einen oder anderen Archäologen gibt. Der Kommentar beschreibt zumeist zusätzlich das, was man im Bild sowieso sieht, falls man hinschaut. Diese Filme sind so gestaltet, dass man nebenbei auch bügeln, das Essen zubereiten oder auch sich über die Ereignisse des Tages unterhalten könnte, ohne inhaltlich etwas wirklich etwas zu verpassen und den Anschluss zu verlieren. Bill Nichols hat diese Form der Kommentarführung in dokumentarischen Filmen mit "Voice of God" bezeichnet14 – eine Charakterisierung, die ich für diese Kommentar sehr zutreffend finde. Hier geht es nicht mehr um die dereinst die Qualität einer filmischen Arbeit bezeichnende Ergänzung von Bild- und Tonebene, um Kommentierung und erzählerische Vielfalt, sondern um eine größtmögliche Vereinfachung und Illustration.

Diese Produktionen erinnern in dieser Form der Gestaltung an den deutschen Kulturfilm der 30er Jahre, in dem ebenfalls der von enormen Pathos getragene Kommentar die Narration bestimmt, kurze Spielfilmrandszenen (hier aber meist mit Dialog) das Thema fokussieren, und man dann animierte Szenen mit neu gedrehtem dokumentarischem sowie Archivmaterial so montiert, dass die Übergänge fließend und der Eindruck beim Publikum stark emotional vermittelt ist.15

Es geht in diesen Beiträgen wie in den Kulturfilmen nicht vorrangig darum, dem historischen Vorbild möglichst nahe zu kommen, sondern angestrebt wird eine vom historischen Vorbild inspirierte möglichst attraktive Visualisierung – eine Art visueller Geschmacksverstärker, der in den meisten Fällen Minuten füllt und eigentlich nichts zeigt. Als Beispiel möchte ich hier eine Sequenz aus "Armageddon" (Gisela Graichen und Peter Prestel, ZDF 2002) anführen: Dieser Beitrag untersucht die Schlacht der Ägypter gegen die Hethiter unter Ramses II. Der Archäologe in weißer Hose und dunklem Hemd sowie sein Begleiter in landestypischer Kleidung bewegen sich durch die Tempelruinen. Der Kommentar: "Seinen Totentempel in Theben West ließ sich Ramses II. zu seinen Lebzeiten selbst bauen, um seinen Kult auf ewig zu sichern. Es ist ihm geglückt, wie wir an der zwar falschen, aber bis heute teilweise geglaubten Eigenpropaganda sehen. Es muss ein starker, schrecklicher Feind gewesen sein, vor dem Ägypten sich so fürchtete."

Wir sehen eine Montage aus Aufnahmen der Tempelanlage, kurzen Bildern von Details der beschrifteten Säulen und Wände, und den weiter gehenden Männern, wobei der Mann in der weißen Hose den anderen gelegentlich auf etwas hinweist. Von diesen beiden gibt es keine O-Töne, nur der Kommentar und eine musikalische Sequenz einer von Instrumenten begleiteten Frauenstimme, ist für uns hörbar.

Nach einer Nahaufnahme auf die Gesichter der beiden Männer, die eine der Wände näher betrachten, werden die Abbildungen des abgefahrenen Tempelabschnitts genannt: "Der Pharao als Gott Osiris, der Pharao auf seinem Streitwagen die Hethiter besiegend. Wer war dieser Angstgegner aus dem Norden?" Es folgt eine Schwarzblende, dann mit einem Trommelschlag, taucht aus dem Dunkel eine Hand auf, die eine weißdampfende Schale in eine Felsnische stellt. Wieder eine Blende und Fackelspitzen sind zu erkennen. Einige Männer gehen mit Hilfe der Fackeln durch dunkle Gänge, der Kommentar erläutert uns, was wir da sehen sollten: "Götterdienst in Hatuscha, der geheimnisvollen Hauptstadt der Hethiter." Weiter gehen Männer mit Fackeln und Fahnen und Tücher durch rauchige Felsgänge an deren Wänden sich Reliefs abzeichnen. Der Kommentar liefert einige Informationen zu der Kultur der Hethiter. Darunter eine dramatisch wirkende Musikfläche. Umschnitt auf einen in den blauen Himmel ragenden steilen und behauenen Felsen. Der Schwenk hinab richtet den Blick auf ein Relief, auf dem die 12 Unterweltsgötter der Hethiter eingemeißelt sind. Nach einem Ransprung sieht man eine der Figuren näher, dazu der Kommentar: "Und so waren sie bekleidet, die Könige und Gottheiten – Schnabelschuhe, Hüte, Waffen und die Herrschaftsattribute." Nachdem man also in den zwei Minuten Re-Enactment eigentlich nichts hat wirklich visuell erkennen und erfassen können, wird jetzt, mit Hilfe des dokumentarisch gedrehten Materials, die Antwort auf die zuvor gestellte Frage geliefert und auch dem Sehsinn Material geboten, sich ein Bild zu machen von diesen bedrohlichen Feinden Ägyptens.

Wie in diesem Beitrag, dem über die schwarzen Königinnen, in dem sich eine vergleichbare animierte Szene über den Gott Osiris und dessen Tempel findet, die mich an die Anmutung der Computerspiele erinnert, und einigen hier nicht genannten anderen, werden entweder Orte oder ins Bild gesetzte Fundstücke genutzt, um eine Überleitung zu den Re-Enactment-Szenen zu bilden.

Diese Form der Gestaltung erinnert an Platons Definition der "Schattenbilder", die bei dem Versuch, die Wirklichkeit bildhaft abzubilden, "um das Dreifache von der Wirklichkeit abstehen"16 und bei deren Versuch einer positiven Täuschung einer negativer Betrug entstehe.

Wie schon in den gezeigten Ausschnitten deutlich geworden ist, gibt es in diesen Hybrid-Formaten (nicht nur der Archäologie-Beiträge) eine Tendenz zur Personalisierung der Geschichte. Im Zuge der Fiktionalisierung bewegt man sich zu einem Geschichtsverständnis zurück, bei dem Heerführer, Könige oder andere Einzelpersonen die Schlachten oder Staatsgeschäfte ganz alleine entschieden haben. In diesem Kontext werden bekannte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte personifiziert: So wird von in "Das Geheimnis der Wüstenkönige" von Dirk Laabs (ZDF, 2006) uns Herodot als alter, ergrauter, mit müden Augen schauender und schwerfällig wirkender Mann in Szene gesetzt, der sich tatsächlich aus seinem Schatten heraus materialisiert; in dem Terra-X-Beitrag "Pyramiden in Amerika" (Jens Afflerbach, Michael Engler, Renate Beyer, ZDF, 2005)17 sehen wir Jefferson zunächst die Grabung auf seinem Grundstück aufmerksam beobachten und dann den – wie es im Kommentar heißt – "klugen Kopf" an seinem Schreibtisch sitzend, schreiben und können bei einer Nahaufnahme auf sein Gesicht ihn regelrecht beim Denken beobachten. Ganz abgesehen von den vielen anderen historischen Figuren, die in den Re-Enactment-Szenen und nicht als kurze Einzelsequenzen wie diesen auftreten.

Werden so unsere Bilder, die wir uns bei eigener Lektüre oder dem Betrachten von Ausstellungsstücken, von Kunstwerken oder auch natürlichen Formationen imaginieren, von den neuen fiktiven Bildern überlagert oder verdrängt? Ivone Margulies formuliert in Bezug auf eine Äußerung Zavattis, dass die für das Fernsehen produzierten Re-Enactment-Beiträge von missverstandener Anerkennung und sozialer Anpassung geprägt sind, die dann in Wiederholung und Entfremdung verschmelzen und zu beispielhaften Formen führen.18

Ein weiteres und besonders irreführendes Gestaltungsmittel findet sich regelmäßig in den Beiträgen zu "Schliemanns Erben", aber auch in anderen Beiträgen dieser Art: Der Einsatz von zusätzlich visuell bearbeiteten Re-Enactment-Szenen, die auf den unbedarften Zuschauer wirken, als wären sie Ausschnitte aus Archivfilmen. Hier ein Beispiel: In "Der Schatz Alexander des Großen" sind die Archäologen auf der Suche nach Spuren desselben. In der fraglichen Ruine wird ein über ein Tor in Stein gemeißeltes Elefantenrelief entdeckt, wie uns der Kommentar erzählt. Mit einem Flashbild, wie es aus den CSI-Serien und ähnlichen, die mit gedanklichen Flashbacks arbeiten, vertraut ist, wird auf eine leicht ocker getönte und körnig anmutende Sequenz geschnitten, in der man ein von Elefanten angeführtes Heer heranstürmen sieht. "Elefanten – die Wunderwaffe der Antike". Der Kenner der Spielfilmgeschichte erkennt sofort, aus welchem Film das Material herauskopiert ist, der unbedarfte Zuschauer sieht sich einer Szene gegenüber, die visuell den Eindruck vermittelt, als sei es Archivmaterial und entsprechend als illustrierender Beleg montiert ist.

Durch die Akkumulation von verfremdeten Materialien verliert der Zuschauer die Möglichkeit, den Einsatz von Archivmaterialien und solchen, die deren Ästhetik annehmen, zu unterscheiden.

Die Frage, die sich im Sinne des Tagungsthemas stellt, ist die, wohin sich der Archäologiefilm in den letzten Jahren entwickelt hat. Folgende Aspekte kann ich zu dieser Fragestellung anführen:

  1. Der Archäologiefilm wird entweder als klassischer dokumentarischer Film realisiert (gelegentlich), oder aber (überwiegend) als ein Format, das dem klassischen deutschen Kulturfilm der 30er Jahre sehr nahe kommt und in dem Fiktion und Realität ineinander fließen. Formatprägend scheint dabei die Sendereihe "Schliemanns Erben" zu sein, wobei aber mittlerweile auch Produktionen anderer Sender in dieser Hybridform hergestellt werden. Es ist eine inflationäre Ausweitung der Re-Enactments zu konstatieren.

  2. Eine Ursache dafür kann in der zunehmenden Unsicherheit gegenüber der Wirklichkeit, wirklichen Menschen und Bildern aus der Wirklichkeit gegenüber leigen. Man trägt unterwegs Musik in den Ohren, sieht Filme auf Bahnhöfen und in der Metro oder dem ICE, die Züge fahren mittlerweile überwiegend sowieso so schnell, dass man von der Außenwelt kaum noch etwas wahrnimmt, die Autoschlangen winden sich durch von Schallschutzwänden umgebenen Straßen und spazieren geht man nur noch selten. Die Vielfalt der bewegten, künstlichen Bilder scheint die der natürlich vorkommenden zu übertreffen und sie als blass und ausdruckslos dastehen zu lassen.

  3. Daraus ergibt sich eine ständig der Steigerung bedürfende Emotionalisierung. Nicht die Fakten, die Realität, historische Besonderheiten oder Einzigartigkeiten sind von Bedeutung, sondern deren Einpassung in eine lineare Erzählweise, in eine genrespezifische Darstellung, in die Reduktion auf Einzelpersonen oder kleine Ensembles von höchstens 10 Komparsen (Fiktionalisierungen sind teuer - Gagen, Kostüme, Schauplätze müssen zusätzlich finanziert werden).

  4. Eine weitere Verwischung der Linien zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisdrang und Fiktionalisierung finden wir in der Verwendung von Computeranimationen. Da die moderne Archäologie aus den gefundenen Stücken und Anhaltspunkten ja ebenfalls das Aussehen von Gebäuden oder heiligen Stätten animiert, kann man dem ja noch Figuren hinzufügen - und schon fühlen sich die jungen, Computerspielästhetik gewohnten Zuschauer angesprochen.

  5. Es scheint auch eine Tendenz in den Redaktionen zu geben, Sendeplätze für lange Zeit fest an eine überschaubare Personengruppe zu geben.

  6. Insgesamt kann man feststellen, dass das Fernsehen, je mehr behauptet, die Realität visualisieren zu können, den Blick auf diese verstellt und mit Scheinrealitäten ersetzt. Das Fernsehen verschiebt die Wahrnehmung seiner Zuschauer, so dass sie Fiktionen bereits für selbstverständlich nehmen und bald kaum noch unterscheiden können zwischen dokumentarischen, der Realität entnommenen Bildern Fiktionalisierungen.

Am Ende möchte ich der Hoffnung Ausdruck geben, dass die verantwortlichen Redaktionen wieder stärker auf Bilder aus der Wirklichkeit setzen, auf echte Menschen und deren Ausdruckskraft vertrauen und ab und an Filmemacher für solche Beiträge zu engagieren, die aus dem klassischen Dokumentarfilm oder dem Essayfilm kommen, die es gewohnt sind, auf die Menschen und ihre Handlungen zu konzentrieren, Bilder zu entdecken und sich für ein Thema dementsprechend kreativ engagieren.

Irgendwann ist so viel Zucker im Kaffee, dass ihn man ihn gar nicht mehr trinken mag oder soviel Glutamat im Essen, dass es zu Übelkeit führt.

  1. www.archaeologie-online.de/links/149/288;
    www.reenactment.de/was_ist_reenactment.html
  2. Juri Lotman: Probleme der Kinoästhetik. Frankfurt/Main 1977; Dirk Blothner: Erlebniswelt Kino. Bergisch Gladbach 1999; Martin Andree: Archäologie der Medienwirkung. München 2006
  3. Eric Karstens / Jörg Schütte: Firma Fernsehen. Reinbeck/Hamburg 1999, S. 188/89
  4. Klaus Kreimeier: Lob des Fernsehens. München Wien 1995. S. 13/14
  5. vgl. Martin Andree: Archäologie der Medienwirkung. S. 11
  6. vgl. hierzu Hans Belting: Bild-Anthropologie. München 2002; Jan Assman: Das kulturelle Gedächtnis. München 1997
  7. "Archäologie im 21. Jahrhundert" MDR/arte
  8. Allianoi – Antiker Kurort in Gefahr
  9. vgl. www.zdf.de/ZDFde/inhalt/4/0,1872,2346500,00.html
  10. ich beziehe mich hier auf eine entsprechende Formulierung Ulrike Dotzers in einem Mail vom 28.4.06 an mich, aber auch auf Äußerungen weiterer Redakteure auf der Veranstaltung Dokville 2005
  11. Redaktion Katja Wildermuth und Heribert Schneiders
  12. vgl www.zdf.de/ZDFde/inhalt/22/0,1872,2015574,00.html
  13. Fritz Wolf: Trends und Perspektiven für die dokumentarische Form im Fernsehen. In: Dokville 2005. Stuttgart 2005. S. 16
  14. Bill Nichols: Representing Reality. Bloomington and Indianapolis 1991.
  15. Zwar nutzt das große Vorbild BBC schon länger Reenactment oder fiktionale Szenen in ihren Living-History-Produktionen und archäologischen Filmen, doch in diesen Filmen findet sich auch stets eine feine Form der Ironie oder einer erkennbaren Distanz, die in den von mir untersuchten Produktionen – wie in den deutschen Kulturfilmen – nicht erkennbar sind.
  16. Platon: Polteia. 10. Buch. Zitiert nach Martin Andre: Archäologie der Medienrezeption. München 2005. S.62
  17. vgl. www.dvdmaniacs.de/Article823.html
  18. Ivone Margulies: Exemplary Bodies. In: Ivone Margulies (ed.): Rites of Realism. Durham and London 2003, S. 217
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