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CINARCHEA
Begleitende Texte zum Festival

Der Archäologe im Spielfilm

von Dr. Kurt Denzer

Es ist eine der Verabredungen des Genres, daß die Gelehrten solch exotischer Fachrichtungen wie Archäologie, Afrikanistik oder Ägyptologie sich aus ihren Studierstuben, Museen, Lehrsälen aufmachen, um in der wahren Exotik ferner Länder Abenteuer und Geheimnis zu finden. Und eine gebräuchliche Formel besagt, daß diese Professoren des Abenteuers entweder ihre Skurrilität und Naivität behalten oder aber mehr oder weniger überschnappen."

"Er ist so edel", sagt die von Mia Farrow dargestellte Serviererin in der deutschen Version von Woody Allens "The Purple Rose Of Kairo" von dem Archäologen, den sie so oft im Kino bewundert - bis dieser von der Leinwand herab- und in ihr Leben einsteigt, weil er einfach nicht glauben kann, daß man sich einen so schlechten Film so oft ansehen kann. Dabei ist es ja nicht wegen des Films und seiner Qualitäten, daß die junge Frau ihre Freizeit im Lichtspiel-Theater verbringt; der Filmarchäologe Tim Baxter ist das Objekt mehr erotischer denn cinephiler Begierde. So viel Verehrung wird nur übertroffen von der Ausdauer und Cleverness, dem Einfallsreichtum, der körperlichen Kondition und Tapferkeit eines Indiana Jones, der im "Tempel des Todes" eine Frau, die noch nicht an ihn glaubt, und einen Knaben durch die unwahrscheinlichsten Fährnisse der Spielbergschen Trick-Phantasten lotst.

Weder diese persönliche Einsatzbereitschaft noch den Beschützerinstinkt kennt der Archäologe, dem Max von Sydow in "Marschier oder stirb" sein Schauspiel-Talent leiht: er ließ für sich und sein Grabungsteam einen Trupp französischer Fremdenlegionäre anheuern, um unbehelligt von arabischen Stämmen eine kostbare marokkanische Frauenstatue bergen und zum Louvre mitnehmen zu können, was die wilden Wüstensöhne schlicht als Raub kostbaren Kulturgutes empfinden. Selbst Gene Hackmann als hartgesottener Kommandeur vermag dem imperialen Gehabe des Wissenschaftlers nichts abzugewinnen, und auch Catherine Deneuve als Tochter des verstorbenen Archäologen, der den Fundort entdeckt hatte, sieht in der Bergung und "Heimholung" keinen Sinn. Die Strapazen, die man diesen Archäologen zu bestehen zubilligt, kann man sich kaum vorstellen bei der Spezies von Wissenschaftler, den Cary Grant in "Leoparden küßt man nicht" darstellt. Der ehemalige Artist Archibald Alex Leach alias Cary Grant gibt der Figur des staubtrockenen Paläontologen aufgrund seiner körperlichen Fitness jenen changierenden Reiz als Quelle filmischer Komik, die dem schauspielernden Stuntman Jean-Paul Belmondo in der Rolle eines Wehrpflichtigen ebenso abgeht wie seinem Gegenspieler Jean Servais, der einen fanatischen Archäologen auf der Suche nach einem ungeheuren Schatz im brasilianischen Urwald spielt und von Regisseur und Drehbuch am Ende düpiert wird, wenn im Angesicht der endlich gefundenen Edelsteine das einst schützende Erdreich über ihm unter Bulldozern zusammenbricht, die den Regenwald roden, um eine Transamazonica bauen zu können.

Kurz gesagt: die Figur des Archäologen scheint Drehbuchautoren und Produzenten so Phantasie-stimulierend und Zuschauer-lockend zu sein, so einspielförderlich und zeitlos, daß alle Genres benützt werden, aber kaum ein Körnchen Wahrheit beim Buddeln hervorkommt. Es sind keine Gestalten der Gegenwart, die hier erscheinen, und kaum einer der Archäologen verrichtet erkennbar die Tätigkeit seines gelernten Berufes. Das hat er zwar mit vielen Berufen gemein, die auf der Leinwand zu sehen sind, aber ein Chirurg zeigt mehr von seinem gelernten Tun als diese Filmarchäologen.

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