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CINARCHEA
Begleitende Texte zum Festival

Experimentelle Archäologie in Deutschland

von Prof. Dr. M. Fansa

Seit Jahrhunderten wird mit Hilfe von Experimenten versucht, vor- und frühgeschichtliche Verhältnisse verschiedener Kulturen zu erhellen. Experimentelle Archäologie ist der Oberbegriff für alle Theorien und Versuche, technische Geräte, Einrichtungen und Vorgänge zu rekonstruieren, zu überprüfen und zu erklären.

Es ist richtig, daß die experimentelle Archäologie sich mit der Rekonstruktion von vorgeschichtlichen Lebensverhältnissen beschäftigt, aber nicht jede Rekonstruktion ist ein Experiment, sondern jedes Experiment führt eventuell zu einer Rekonstruktion.

Während die ersten Experimente im 19. Jahrhundert noch unsystematisch verliefen, hat sich die experimentelle Archäologie im Laufe der Zeit zu einem methodischen Zweig der Urgeschichtsforschung entwickelt.

Die experimentelle Archäologie arbeitet naturwissenschaftlich, sie verwendet Meßinstrumente und Dokumentationsmedien. Systematisch und unter kontrollierbaren Bedingungen werden archäologische Themen praktisch überprüft, die zunächst nur auf theoretischen Überlegungen basierten. Das Ziel jedes Experimentes muß vorher genau definiert sein. Die daraus gewonnenen Informationen über die Lebensumstände in früheren Epochen helfen den Prähistorikern, die Verhältnisse vorgeschichtlicher Zeit - etwa den Einsatz von Geräten oder den Zeit- und Energieaufwand bei bestimmten Tätigkeiten - annähernd zu rekonstruieren.

Den Ausgangspunkt für die experimentelle Archäologie bilden die Befunde, etwa Hauspfosten, Funde, zum Beispiel ein Steinbild und historische Quellen, wie Texte oder bildliche Darstellungen. Daraus lassen sich Fragestellungen entwickeln, die sich auf Materialbeschaffenheit, Herstellungsverfahren oder auf Funktionen und Zeitaufwand für die Arbeitsleistung beziehen. Ferner müssen die Lagerung von Materialien im Boden und die Veränderung durch verschiedene Umwelteinflüsse analysiert werden. Voraussetzung für dies alles ist, daß die Wissenschaftler sich mit der Forschungsgeschichte vertraut gemacht und das Experiment sorgfältig vorbereitet haben.

Um Zufälle auszuschließen und mehrfache Messungen zu ermöglichen, muß jedes Experiment wiederholbar sein. Ferner soll sein Ablauf fachlich dokumentiert werden. Schließlich versucht man, die Ergebnisse zu analysieren, die entweder vorhandene Theorien bestätigen oder neue Erkenntnisse darstellen. Zuletzt werden die sachlich zusammengefaßten Resultate kulturhistorisch interpretiert und eingeordnet. Damit sind die Voraussetzungen für neue Fragestellungen und Forschungsansätze gegeben.

Eindeutige Beweise für bestimmte Vorgänge in der Herstellungstechnik von Geräten und den Lebensgewohnheiten aus vor- und frühgeschichtlicher Zeit kann die experimentelle Archäologie nicht liefern. Sie ist nur eine von mehreren Möglichkeiten der Erklärung und Interpretation eines Sachverhaltes, doch stellt sie die Vorstellung von der Leistung früherer Menschen auf eine relativ reale Basis. Das Feld für freie Spekulation wird damit eingeengt.

Alle bis jetzt durchgeführten Experimente bemühen sich um Erklärungen der verschiedenen Techniken aus vergangenen Epochen. Nur über das Verhalten des Menschen und seine individuellen Entscheidungen können sie leider nicht informieren. Die experimentelle Archäologie hat es aber dennoch geschafft, die menschlichen Leistungen in den Mittelpunkt der Forschung und der Öffentlichkeitsarbeit zu stellen.

Die experimentelle Archäologie beschäftigt sich mit verschiedenen Feldern.

  • Experimente zur Überprüfung von Herstellungsverfahren
  • Experimente zur Prüfung von Zeitaufwand der Herstellung von Objekten oder Abwicklung von bestimmten Tätigkeiten
  • Experimente, die sich mit der Entstehung von archäologischen Befunden beschäftigen, wie zum Beispiel mit dem Verfallprozeß eines Töpferofens
  • Experimente, die sich mit chemischen und physikalischen Abläufen zu bestimmten Werkstoffen, wie z.B. der Untersuchung der Herkunft von Rohmaterialien, wie Flint, Obsidian usw. beschäftigen
Teilweise werden bei den Experimenten mehrere Ziele verfolgt, wie z.B. der Herstellungsablauf, Zeitaufwand und Rekonstruktionen. Die am häufigsten durchgeführten Experimente beziehen sich auf das Nachvollziehen bestimmter Herstellungstechniken (Herstellung eines Einbaumes und Nachbau eines Hauses).

Während die experimentelle Archäologie in den angelsächsischen und skandinavischen Ländern ihre eigene Tradition hat, scheint in der Bundesrepublik das Verständnis noch wenig entwickelt zu sein.

Mehr Versuchszentren wie das Museumsdorf Düppel wären erforderlich. Aber auch vorhandene Einrichtungen sollten verstärkt zur Unterstützung herangezogen werden, um das Niveau des europäischen Auslands zu erreichen.

Im "Dritten Reich" hatte die experimentelle Archäologie einen besonderen Stellenwert. Dabei ging es weniger um exaktes wissenschaftliches Arbeiten als um den Versuch, mit "Rekonstruktionen" ideologische Vorgaben zu bestätigen. Freie Erfindung wurde als Ergebnis von Experimenten dargestellt. Dies war wohl der Grund, weshalb nach dem Zweiten Weltkrieg die dadurch belastete deutsche Archäologie nicht wie in anderen Ländern den Anschluß an das experimentelle Arbeiten fand.

Nach 1945 zogen die Vorgeschichtsforscher in Deutschland einfach einen Strich unter dieses Kapitel und zogen sich in eine abstrakte Wissenschaft zurück. Das Experimentieren und Rekonstruieren überließen sie den Kollegen im Ausland und die bauten sozusagen den Vorsprung souverän aus, auch was die Vermittlung der Forschungsergebnisse betrifft.

So gibt es in den angelsächsischen und skandinavischen Ländern schon lange große Zentren, in denen die Besucher selbst an Experimenten teilgenommen haben, wie es in Leyre seit einigen Jahren durchgeführt wird.

Erst in den 70er Jahren wurden von der Universität Köln einige Experimente in der Landwirtschaft unter der Leitung von Prof. Jens Lüning durchgeführt. Ein Waldstück wurde mit linearbandkeramischen Geräten gerodet, um den neolithischen Ackerbau zu erproben.

In den letzten 30 Jahren beschäftigten sich viel Archäologen und auch Heimatforscher mit der experimentellen Archäologie. Aus manchen dieser Aktivitäten sind inzwischen größere Forschungsprojekte geworden. Hier sind etwa das Museumsdorf Düppel in Berlin und die Archäologischen Freilichtmuseen Oerlinghausen bei Detmold und Groß Raden bei Schwerin, aber auch die "Langobardenwerkstatt" in Zethlingen zu erwähnen.

Charakteristisch für unsere Disziplin ist die weitgefächerte Zusammenarbeit mit anderen Fächern, insbesondere mit der Ethnologie und der Technikgeschichte. In den letzten Jahrzehnten hatte sich parallel zur experimentellen Archäologie und Ethnologie ein neuer Wissenschaftszweig entwickelt, die Ethno-Archäologie. Sie ist "als Bindeglied zwischen diesen Kulturwissenschaften" in der deutschen Öffentlichkeit noch wenig bekannt, aber ihre Umrisse beginnen sich immer schärfer abzuzeichnen. Ihre Aufgabe besteht darin, Ethnologie und Archäologie wieder einander näher zu bringen und so den Zusammenhang zwischen Kulturentwicklung, Kulturveränderung und dem Absterben von Kulturbereichen sowie dem Absterben ganzer Kulturen besser begreifbar zu machen. Methodisch gesehen umfaßt die Ethno-Archäologie die beiden unterschiedlichen Forschungsansätze "lebendiger Archäologie" und "experimenteller Archäologie".

Die experimentelle Archäologie und die Foto- bzw. Filmdokumentation sind nicht voneinander zu trennen. Ein archäologisches Experiment ohne den Einsatz von Filmdokumentationen ist eine unvollendete wissenschaftliche Arbeit. Um eine solide Dokumentation und später eine öffentlichkeitswirksame archäologische Vermittlung zu ermöglichen, kann auf den modernen Medienfilm nicht verzichtet werden. Die Nachvollziehbarkeit läßt sich am besten durch ständige Wiederholung bzw. durch Einsetzen von laufenden Bildern (Film) erreichen.

Um einige Experimente in ihren Abläufen nachvollziehbar, wurden in der Ausstellung museumspädagogische Vorführungen von bereits geklärten Experimenten eingesetzt. Es handelt sich also um die Wiederholung von Vorgängen, die schon zu einem Resultat geführt hatten. Fälschlicherweise wird die Tätigkeit der Museumspädagogen mit experimenteller Archäologie verwechselt.

Museumspädagogik und experimentelle Archäologie ist ein komplizierter Bereich. Das Nachmachen oder besser Nachvollziehen von wissenschaftlichen Experimenten ist legitim und wichtig als Mittel der Museumspädagogik, denn schließlich geht es darum, wie man historischer Realität näher kommen kann. Im Nachvollziehen von Experimenten macht jeder seine individuellen Erfahrungen und das wird vielleicht immer wichtiger, wenn man dem üblich gewordenen oberflächlichen Vermarkten von Geschichte gegenhalten will.

Prof. Dr. M. Fansa
(Staatliches Museum für Naturkunde und Vorgeschichte Oldenburg)

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