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CINARCHEA
Begleitende Texte zum Festival

GLADIATOR

Aus Anlaß der Oscar-Verleihung bringen wir mit freundlicher Genehmigung des Philipp-von-Zabern-Verlags die Kritik zum Film "Gladiator" von Matthias Pausch

GLADIATOR
Würdigung eines neuen "Sandalenfilms"



von Matthias Pausch

Von einem der siegreichsten, vom Kaiser Marcus Aurelius höchstpersönlich geliebten militärischen Befehlshaber, über den geächteten und zum Tode verurteilten Staatsfeind, zum Publikumsmagneten in der Kampfarena des römischen Kolosseums, das ist kurz skizziert die Erfolgsgeschichte des Films Gladiator. Das eigentliche Erfolgsgeheimnis dieser sog. Sandalenfilme, die meist fiktive, mythologische Themen oder historische Ereignisse griechischer und römischer Zeit in Szene setzen, scheint weniger in der eigentlich erzählten Geschichte zu liegen, sondern ist vordergründig wohl eher in den aufwendigen, monumentalen Inszenierungen bestehend aus rekonstruierten Gebäuden und Massenszenen mit zahllosen Komparsen zu suchen. Schließlich eröffnet sich dem Kinobesucher aber auch eine durch die Nebel der Geschichte beinahe unsichtbar gewordene und damit wenig bekannte Welt, die sich deutlich von den Schauplätzen der Science-Fiction- und anderer Filme abhebt.

Obwohl dem Zuschauer Zeit und Ort des Geschehens eher fremd sein dürften, kann er sich verhältnismäßig einfach in den Film und seine handelnden Personen hineinversetzen. Daß dabei die historische Realität geopfert wird, sei hier bereits am Rande erwähnt: Der zeitliche Rahmen umfaßt die letzten Wochen im Leben des Kaisers Marcus Aurelius sowie die gesamte Regierungszeit des Kaisers Commodus; historisch gesehen also etwa die Jahre 180-192 n. Chr. Der Film beginnt mit einer groß angelegten Schlacht in Germanien; gemeint sind wohl die Markomannenfeldzüge, die auch Thema der Reliefs der Markussäule in Rom sind. Vor diesem Hintergrund werden die militärischen Leistungen des Tribuns Maximus vorgestellt und das besondere Vertrauen, das der Held bei seinen Legionen und dem Kaiser genießt, hervorgehoben. Dieser möchte - entgegen historischer Realität - seinen Sohn Commodus nicht als Nachfolger einsetzen, sondern Maximus, der dem Senat seine alte Macht zurückgeben und die traditionelle Republik wiederherstellen soll. Commodus erfährt davon, tötet seinen Vater und befiehlt als neuer Imperator, den Tribun Maximus zu exekutieren. Dieser kann jedoch fliehen und rettet sich auf sein Landgut in Spanien - leider ist die Landschaft im Film eindeutig als toskanisch zu erkennen -, das bei seiner Ankunft bereits zerstört und wo seine Angehörigen ermordet worden sind. Der Erschöpfte wird von Kaufleuten aufgefunden, nach Nordafrika verschleppt und an den Leiter einer Gladiatorenschule verkauft.

Nach ersten Erfolgen als Gladiator in der Provinz gelangt Maximus nach Rom, um dort an den 150tägigen Spielen des Commodus teilzunehmen. Nach dem ersten großen Sieg erfährt Commodus, um wen es sich bei diesem neuen Super-Gladiator handelt. Fortan ist der Kaiser nur noch darauf bedacht, seinen Widersacher zu vernichten, muß jedoch gleichzeitig die große Anhängerschaft, die sich Maximus im Volk schnell erworben hat, respektieren. Commodus‘ Schwester möchte mit einigen Senatoren den verhaßten Imperator töten lassen und schmiedet mit Maximus ein Komplott, das zwar scheitert, doch insofern ein gutes Ende nimmt, als der schlechte Kaiser Commodus - auch hier wird die historische Überlieferung zurechtgerückt - bei einem Entscheidungskampf mit Maximus im Kolosseum umkommt.4 Auch der völlig erschöpfte Gladiator stirbt aufgrund seiner Verletzungen und kann im Jenseits seine Familie wiedertreffen: ein in bester Hollywood-Tradition stehendes Happy-End wie es nicht eindrucksvoller hätte inszeniert werden können!

Und hier ist ein weiteres Erfolgsrezept des Films festgeschrieben: eine nicht zuletzt bedingt durch unsere immer hektischer werdende Gesellschaft zunehmende Sehnsucht nach vergangenen und damit für immer verlorenen Zeiten. Menschliche Sehnsüchte in verschiedenen Dimensionen durchziehen als Grundmotiv den Film. Zunächst ist die Sehnsucht des Marc Aurel, unter großen historischen Leistungen entsprechend positiv in die Geschichte eingehen zu können, geschildert. Der Held, Maximus, wünscht sich das Zusammenleben mit seiner Familie in Spanien bzw. später im Jenseits. Commodus möchte geliebt werden und beliebt sein. Schließlich ruft das römische Volk nach Brot und Spielen und damit nach Ablenkung von den Unwegsamkeiten des Alltagslebens. Insgesamt sind verschiedene, teils grundlegende Wünsche Erfolg und Wohlergehen der Menschen betreffend angesprochen.

Was des Filmemachers Freud ist aber häufig des wissenschaftlichen Fachgelehrten, in diesem Falle des Archäologen, Leid. In der archäologischen Fachwelt sind derartige Filme nach wie vor umstritten. Die langsam zunehmende Akzeptanz der "archäologischen Filme" unter den Gelehrten ist nicht zuletzt verschiedenen kontinuierlich durchgeführten Veranstaltungen zu verdanken, innerhalb derer Altertums- und Medienwissenschaftler gemeinschaftliche Filmprodukte erarbeiten, international vorstellen und ausloben. Das inzwischen jährlich [Anmerkung: alle 2 Jahre!] stattfindende archäologische Kinofestival CINARCHEA in Kiel hat viel zur Anhebung des archäologischen Films in Fachkreisen beigetragen. Auch an Universitäten werden nun vereinzelt Lehrveranstaltungen angeboten, in denen derartige Filme diskutiert werden können. Wieviel Handlungsbedarf von archäologischer Seite dennoch besteht und Aufklärungsarbeit immer noch zu leisten ist, zeigt trotz großen technischen und personellen Einsatzes sowie einer beeindruckend konstruierten Geschichte auch der Film Gladiator erneut.

Von der nicht geschichtsgetreuen Handlung einmal abgesehen (darauf wird immerhin im Abspann hingewiesen), müssen - wie in älteren Filmen - auch viele Details der zahllosen Alltagsgegenstände, Antiquaria genannt, mit Argwohn betrachtet werden. Mit gutem Recht kann festgestellt werden, daß der Film einem kritischen Archäologenauge nicht standhält. Natürlich sind die Anforderungen in möglichst authentischen Kulissen drehen zu wollen, angesichts der Tatsache, daß viele Einzelheiten unbekannt oder nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand rekonstruierbar sind, an einen solchen Film ungleich viel höher als an einen Fantasy-Film. Der Phantasie der Filmemacher sind in dem hier geschilderten Fall deutliche Grenzen gesetzt. Merkwürdig ist, daß gerade bei den leicht und mit geringem Aufwand recherchierbaren Ausstattungsstücken grobe Fehler unterlaufen sind.

Es sei hier nur auf einige Beispiele hingewiesen. So tragen zahlreiche Senatoren einen hellblauen Saum an der Toga und nur wenige senatorische Würdenträger den eigentlich üblichen Purpursaum5. Möglicherweise ist dem unbescholtenen Betrachter hier eine verschlüsselte Botschaft bzw. Anspielung entgangen, derzufolge es sich bei diesen "weißblau" bekleideten Männern auch um eine Gesandtschaft der bayerischen Staatsregierung handeln könnte.

Ferner trägt der Kaiser Commodus in Rom, auch im Kolosseum, immer einen prächtig gearbeiteten Metallpanzer in der Art, wie sie von kaiserzeitlichen Panzerstatuen - man denke nur an den Augustus von Prima Porta6 - bekannt sind. Nicht die Frage, ob der Panzer im Detail richtig gestaltet ist oder ob der Kaiser genau einen solchen Panzer besessen hat, ist interessant, sondern vielmehr muß festgestellt werden, daß in Rom auch zu dieser Zeit jegliche militärische Bewaffnung zu tragen, nicht erlaubt war - mit Ausnahme der Prätorianergarde. Vielmehr müßte der Kaiser in der Toga oder zumindest einem der verschiedenen Mäntel sowie einer Tunika auftreten.

Auch die übrige Bekleidung stellt ein Problem dar. Literarischen und bildlichen Überlieferungen zufolge hatte sich die Mode im 2. Jh. n. Chr. bereits so verändert, daß neue, in ihrem Schnitt veränderte Bekleidungsstücke - auch in Rom - en vogue waren. Lange Ärmel und verstärkte Ornamente waren im Zusammenhang mit der Tunika zunehmend beliebt. Dagegen sind die zahllosen Zuschauer in der Arena mit ärmellosen, unverzierten Tuniken bekleidet wie sie zu Beginn der Kaiserzeit üblich waren.

Besonders auffällig sind auch die wahllos gruppierten Gladiatoren sowie deren Ausstattung. Entgegen der römischen Gepflogenheit, immer bestimmte Paare miteinander kämpfen zu lassen, werden völlig unübliche Verteidigungs- und Angriffswaffen miteinander kombiniert. Außerdem treten neue und historisch nicht belegte Helmtypen hinzu.7 Der Zuschauer stellt sich hier die Frage, warum man angesichts des immensen Aufwandes bei der architektonischen Ausstattung des Films der Kleidung oder den weiteren Ausrüstungsgegenständen, die doch - an originalen Beispielen orientiert - problemlos hätten wiederhergestellt werden können, so wenig Beachtung schenkte. Schon die Konsultation archäologischer Fachkräfte hätte geholfen, solche Pannen zu vermeiden.8

Schließlich läßt auch die eindrucksvolle, computergestützte Rekonstruktion Roms einiges zu wünschen übrig. Außer dem Kolosseum sind die meisten Gebäude sehr frei nachgebildet. So ist es nur folgerichtig, daß sich eine bestimmte Bauphase der Hauptstadt des Römischen Reiches in der 2. Hälfte des 2. Jhs. n. Chr. auch nicht nachvollziehen läßt. Ganz im Gegenteil: in der Umgebung des Kaiserpalastes werden - bei einem Blick aus einem der Fenster - schmale und hohe, direkt barock anmutende Kuppeln gezeigt, die so sicher niemals das Stadtbild im kaiserzeitlichen Rom mitgestalteten.

Vielleicht sollten diese Schwächen im Detail auch ein Zitat des Commodus eindrücklich ins Bild setzen, der in dem Film von sich selbst sagt, daß er nicht besonders gut in Geschichte sei. Es sei abschließend betont, daß nicht alle Antiquaria fehlerhaft umgesetzt sind. Schließlich muß einlenkend berücksichtigt werden, daß derartige Einzelheiten wahrscheinlich den Filmgenuß nur weniger Filmbesucher wirklich stören. Ein Bewußtsein für historische Realität, die von den Filmemachern möglicherweise gar nicht angestrebt wurde, wirkt sich bei solchen Kinohits ohnehin eher hinderlich aus. Möglicherweise ist es ganz einfach zeitgemäßer, anstelle einer großen historischen Treue der künstlerischen Freiheit ein breiteres Feld einzuräumen.

Dennoch wird den Zuschauern ein facettenreiches Bild der Kaiserzeit vermittelt, dessen optischer Höhepunkt - nach den eingangs des Films geschilderten Handlungen in den unwirtlichen und unkultivierten Provinzen -, die Monumentalität der roma aeterna, sich umso nachhaltiger einprägt. Ob die Schlachtszenen in Germanien zu Beginn des Films oder später die Stimmung im Kolosseum, es bleibt ein lebendiger Eindruck dieser Aspekte römischer Lebenswelt. Die ganze Härte römischer Eroberungspolitik bzw. -taktik wird erst durch die mit ungebremster Dramatik und den vollen Einsatz der akustischen Möglichkeiten vor Augen und Ohren geführte Verwendung von katapultierten Brandgeschossen nachvollziehbar. Die beinahe elektrisierende Stimmung, die bei den Gladiatorenspielen in den Arenen vorgeherrscht haben muß, kann heute zwar bei Stierkämpfen - im südfranzösischen Arles finden diese beispielsweise noch im römischen Amphitheater statt - erahnt werden, doch das Zusammenspiel der vielfältigen optischen und akustischen Eindrücke entfaltet sich im Rahmen des im Film rekonstruierten Kolosseums am deutlichsten. Die besten Modelle, Zeichnungen und Beschreibungen können kein so lebendiges Bild vermitteln, wie dies - wenn auch mit Fehlern im Detail - dem Film gelingt.

Ein - neben dem allgemeinen Unterhaltungswert - unzweifelhaftes Verdienst des Filmwerks Gladiator bleibt: Bewegende einer breiten Bevölkerungsgruppe vermittelte Bilder der Antike vermögen zu einem neuen Interesse an der Römerzeit zu führen oder zumindest Neugierde zu wecken. Die filmische Verankerung einer auch für unsere eigene Geschichte grundlegenden Epoche im Bewußtsein der breiten Öffentlichkeit sollte letztendlich auch zu einem besseren Verständnis der Archäologie als Wissenschaft dienen - ein wichtiger Nebeneffekt in Zeiten eines schwindenden Geschichtsbewußtseins und leerer Kulturkassen.

Unter diesem Aspekt betrachtet, sollte der Film der archäologischen Fachwelt Ansporn zu mehr Aufklärungsarbeit durch Ausstellungen und allgemeinverständliche Monographien sein. Es zeigt sich einmal mehr, wie unmerklich sich das Allgemeinwissen seit beinahe einem halben Jahrhundert, seit Filmen wie Ben Hur, verändert hat, wenngleich in der archäologischen Forschung durchaus erkennbare Fortschritte gemacht wurden. So können und müssen vor allem Ausstellungen, wie diejenige zum Thema Caesaren und Gladiatoren, die in diesem Jahr in Hamburg zu sehen war und in Speyer zu sehen ist, einen wertvollen Beitrag leisten, damit in der Fachwelt bekannte Forschungsergebnisse auch für den Nichtfachmann aufbereitet und zugänglich gemacht werden. Um Archäologie heute in einer stark visuell geprägten Zeit für die Massen interessant zu machen, sind lebendig in Szene gesetzte historische Spektakel oder unter dem Oberbegriff der experimentellen Archäologie gefaßte Veranstaltungen ebenfalls erforderlich. Nur auf diese Weise kann es gelingen, daß ein kritisches Geschichtsbewußtsein späterer Generationen Filme mit derartig vermeidbaren Fehlern überflüssig werden läßt.

Matthias Pausch, Göttingen

(Artikel aus der archäologischen Zeitschrift "Antike Welt", Ausg. 04/2000 entnommen)

Anmerkungen



1 Das Buch zum Film ist im Handel erhältlich: D. FRANZONI, Gladiator. Burgschmiet Verlag, Nürnberg (2000).

2 Auch wenn Commodus nicht die erste Wahl seines Vaters Marc Aurel war, so wurde er doch bereits 177 n. Chr. zum Augustus erhoben und damit zum Nachfolger bestimmt.

3 Informationen im Internet unter: www.uni-kiel.de/CINARCHEA/index.htm

4 Zum historischen Ende des Commodus vgl. T. KISSEL, AW 6 (1999) 616 f.

5 Zuletzt ausführlich zur Toga praetexta: H.-R. GOETTE, Studien zu römischen Togadarstellungen (1990), 3 ff.

6 Eine farbige Rekonstruktion der Statue wird in der Ausstellung "Römer zwischen Alpen und Nordmeer" in Rosenheim gezeigt. Vgl. AW 2 (2000) 178 Abb. 2.

7 Ein eigenes Kapitel ist diesem Thema in dem bald erscheinenden Sonderband der ANTIKEN WELT von M. Junkelmann, Das Spiel mit dem Tod. So kämpften Roms Gladiatoren, gewidmet.

8 Leider war der Katalog E. Köhne / C. Ewigleben, Gladiatoren und Caesaren. Die Macht der Unterhaltung im antiken Rom (2000) zur Produktionszeit des Filmes noch nicht erschienen.

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