CINARCHEA
Begleitende Texte zum Festival

Zur Ausstellung
"Camera Obscura - Laterna Magica - Kino:
Zur Vorgeschichte der Kinematographie"

von Dr. Kurt Denzer

"Das Auge schläft,
bis der Geist es
mit einer Frage weckt"

(Arabisches Sprichwort)

Im historischen Kellergewölbe des Kieler Stadtmuseums will eine kleine Ausstellung Stationen der Entwicklungsgeschichte der Kinematographie bis zur ersten öffentlichen Kinovorstellung in Erinnerung rufen. Dabei zeigt sich, wie philosophische Betrachtungen, Beobachtungen der Natur, feinmechanische Fertigkeiten, Erkenntnisse der Physiologie, Entwicklungen in der Chemie und ökonomische Voraussetzungen schließlich das Produkt ergeben, das später im Kino zur Kunst- und Unterhaltungsform des 20. Jahrhunderts werden sollte.

Das berühmte Gleichnis im 7.Buch von Platons (427-347 v.Chr.) "Staat", mit der er seine Ideenlehre erläutert, beschreibt die Situation von Menschen in einer Höhle, die - angekettet und mit dem Rücken zum Ausgang sitzend - nur die von der Sonne hervorgerufenen Schatten von Menschen und Dingen sehen können, die sich draußen im Sonnenlicht vorbeibewegen. Es könnte eine ganz frühe Beschreibung sein für die Situation in einem Projektionssaal - wenn es ihn denn schon damals gegeben hätte. Ebenso ist die Stelle in "De rerum natura" von Lukrez (97 - 55 v.Chr.), in der von kleinen Schattenbildchen gesprochen wird, die sich in ruckartiger Abfolge zu einer Bewegung arrangieren, allenfalls der Bericht des Besuchs einer Schattenspielvorführung, garantiert aber keine frühe Form einer Filmvorstellung; dazu fehlt noch viel zu viel, wie z.B. die Möglichkeit einer lichtstarken Projektion. Denn zur Zeit der klassischen Antike wurden die wesentlichen Verrichtungen des täglichen Lebens bei Tage abgehalten, Schauspiele in den großen Theatern dauerten zwar mehrere Tage lang, waren aber weder Spät- noch Nachtvorstellungen. Das Leben richtete sich nach dem natürlichen Licht von Sonne und Mond.

Wenn Aristoteles (384-322 v.Chr.) im Schatten einer Platane bei einer partiellen Sonnenfinsternis sieht, daß die teilverdeckte Sonne, die durch die kleinen Löcher des dichten Blätterdachs scheint, sich am Boden jeweils seitenverkehrt abzeichnet, so ist mit dieser festgehaltenen Beobachtung allerdings ein Abbildungsprinzip beschrieben, das später - unabhängig von ihm - in der Camera obscura nutzbringend angewendet werden sollte: in einem abgedunkelten Raum, in dem durch ein kleines Loch in der Wand die Sonnenstrahlen aufgefangen werden, konnte man die Sonne ohne Schaden für die Augen beobachten - daß sie seitenverkehrt und auf dem Kopf stehend abgebildet wurde, nahm man zunächst als naturgegeben hin. - In der Barockzeit griffen Gaukler dieses Abbildungsprinzip auf und brüsteten sich mit der Möglichkeit, Tote auferstehen und den Leibhaftigen erscheinen zu lassen, indem sie die gespannten Angehörigen in einer dunklen Kammer ausharren ließen, derweil draußen ein verkleideter Geselle vorbeiging, dessen Konterfei auf der gegenüberliegenden Wand erschien und die Gäste in Erstaunen setzte. Im 17. Jahrhundert wurde dies Prinzip der Abbildung - technisch verbessert durch eine Linse und einen Spiegel - als Hilfe zum Abzeichnen weiterentwickelt, die auch Goethe zur Anfertigung von Landschaftsbildern nutzte. Das Prinzip der Camera obscura - wesentlicher Bestandteil jeder Filmkamera - fand also Anwendung in der Wissenschaft, der billigen Unterhaltung und der Kunst. In all diesen Bereichen aber war man bis zum 18. Jahrhundert von der Sonne als Lichtquelle abhängig; künstliches Licht war noch zu schwach zur Projektion in größeren Räumen. Erst im 19. Jahrhundert ist die technische Entwicklung so weit, daß die Lichtstärke ausreicht, um in einem größeren Raum zur Zufriedenheit des Publikums Projektionen durchführen zu können.

Große Lichtspiele gab es im Barock, aber es waren - wohl importiert aus dem Fernen Osten - hochartifizielle Feuerwerke: Schauspiele mit dramaturgisch geplantem Ablauf, kunstvoller Anordnung der Bilder und einem Farbreichtum, der von Pracht und Machtfülle seiner Veranstalter zeugte und Tausende unterm nächtlichen Sternenhimmel begeisterte. Im kleineren Kreis beeindruckte die Zauberlaterne mit ihrem flackernden Licht die Zuschauer in einem abgedunkelten Raum. Diese Weiterentwicklung, die Umkehrung des Prinzips der Camera obscura kombiniert mit Linse und Lampe, konnte ab Mitte des 17. Jahrhunderts zum ersten Mal zur Belehrung und Unterhaltung bunte Glasbildchen an die Wand werfen und markiert damit den Beginn der Geschichte der Projektion. Doch da diese Geräte aus Holz waren, wurden die meisten von ihnen ein Opfer ihrer eigenen Lichtquelle. Das erste Lexikon der Welt aber, die "Encyclopédie ou Dictionnaire Raisonné des Sciences des Arts et des Métiers" von d`Alembert und Diderot (1751-1780), hat sie in gezeichneter Form festgehalten, so daß wir wissen, daß die späteren Laternae magicae aus Metall von gleicher Form waren wie ihre hölzernen Vorgänger. Kenntnisse über mechanische Leistungen unserer Ahnen haben wir vor allem durch das Kriegswesen der Antike: Steinschleudern, Aufzugsrampen und Streitwagen sind uns als handwerkliche Meisterleistungen der Militärtechnik bekannt. Im Theater hingegen löste der "deus ex machina" in vielen Schauspielen des klassischen Altertums den dramaturgisch nicht anders zu entwirrenden Knoten: eine Göttergestalt, die an einem kunstvoll gebauten Gestell aus der Kulisse ins Geschehen problemlösend eingriff. Von feinerem Zuschnitt waren Waagen, medizinische Geräte und Automaten wie der, den Hero von Alexandria im 1. Jahrhundert n. Chr. konstruierte: nach Einwurf einer Münze spendete er dem Besucher eines Tempels heiliges Wasser oder gab den Blick frei auf eine luftige Göttergestalt.

Die Anwendung optischer Gesetze, z.B. beim Gebrauch von Spiegeln, wird zwar auch aus der Antike berichtet, aber in Kombination mit Feinmechanik und Projektion wurde sie für die Vorgeschichte der Kinematographie erst im 17. Jahrhundert relevant, als die bunten Glasbilder der Laterna Magica so in einen Rahmen gepaßt wurden, daß sie aufeinanderlagen und sich leicht gegeneinander verschieben ließen. Auf diese Weise konnten den staunenden Zuschauern bewegte Bilder vor Augen geführt werden wie Schiffe, die langsam durchs Bild glitten, oder ein Mühlrad, das sich stetig drehte. Effektvoller Abschluß einer solchen Vorführung war ein optisches Feuerwerk, das mit der Chromatrop-Scheibe erzeugt wurde: zwei gegeneinander sich drehende Farbkreise erzeugten einen prachtvoll bunten Wirbel auf der Leinwand. - Robertson ließ ab 1794 in Paris die hinter der durchscheinenden Leinwand postierte Laterna Magica auf Rollen näherkommen und wieder sich entfernen, so daß er in Kombination mit den beweglichen Bildern die Größe und Bewegungsintensität seiner Geistererscheinungen variieren konnte. Ab 1837 war H.L. Child mit einer Doppelbild-Apparatur in der Lage, Bilder in weicher Überblendung aufeinander folgen zu lassen, sog. Nebelbilder. Bei virtuoser Handhabung vermochten die Vorführer dabei sogar den Eindruck von Bewegung hervorzurufen.

Nach Erfindung der Fotografie wurden je nach Erfordernis die bis dahin gemalten Bildchen durch Fotografien ersetzt, die gegebenenfalls per Hand koloriert wurden; da die Fotos alle zunächst auf Glasplatten aufgenommen waren, bot sich diese technische Neuerung problemlos an. Die Leuchtkraft dieser farbigen Bilder, die Kontinuität der gezeigten Bewegungen und die unterhaltsamen Geschichten dieser Shows wie eine "Reise zum Nil" hatten ästhetischen Reiz und vermochten ihr Publikum für einen Abend kurzweilig zu unterhalten. Ob die echte Bewegung, die hier noch fehlte, generell als Mangel empfunden worden ist, kann von heute aus kaum adäquat beantwortet werden. Für die Besucher von CINARCHEA gibt es jedenfalls die Möglichkeit, sich bei zwei Vorführungen vom Reiz einer Laterna-Magica-Schau einfangen zu lassen.

Verschiedene Arten, die Welt zum Zwecke der Belehrung und Unterhaltung abzubilden und vors Auge zu führen, suggestiv zu wirken und womöglich damit noch Geld zu verdienen, entwickelten sich im Laufe der Geschichte nebeneinander her. Die bunten Kirchenfenster waren vielleicht die ersten gelungenen Versuche, Geschichten und ihre Personen durch das einfallende Licht wirkungsvoller erscheinen zu lassen. Guckkästen zwangen im 18.Jahrhundert den Blick des einzelnen Zuschauers ohne Ablenkung auf ein Bild, das von hinten angeleuchtet sogar den Wechsel von Tag und Nachtansichten zu simulieren vermochte. Diorama oder Riesenrundpanorama ließen im 19. Jahrhundert den Eindruck aufkommen, mittendrin zu sein. Der Wirklichkeitseindruck wurde durch Farbe, Größe und Anordnung gesteigert, das Gefühl durch die soziale Situation, durch Licht und Schatten intensiviert.

In der technischen Fortentwicklung der Laterna Magica zum Doppelbildprojektor, der statt Glasbilder Fotos auf Celluloid verwendete und sie schnell hintereinander vorführte, hatten die Berliner Schausteller Emil und Max Skladanowsky eine Methode gefunden, die dem Kino nahekam und erlaubte, ca. 6 sec. auf Endlosschlaufen vorzuführen. Sie hatten allerdings noch keinen perforierten Film für die Aufnahme, den sie nach der Entwicklung auseinanderschnitten, die einzelnen Bilder mit Schuhösen als Transportlöcher versahen und zu zwei nebeneinanderlaufenden Filmbändern wieder zusammenfügten. Am 1. November 1895 zeigten sie im weltberühmten Berliner Wintergarten als letzten Programmpunkt des Varietéprogramms acht kurze Szenen mit ihrem Bioscop - die erste öffentliche Vorführung gegen Entgelt dieser Art. Das Konstruktionsprinzip ihres Doppelprojektors, der mangelnde wirtschaftliche und industrielle Background dieser Schaustellerfamilie und die bald auftauchende Konkurrenz mit besseren Geräten verhinderten eine Weiterentwicklung dieses Prinzips, das man vielleicht als die Aufgipfelung der Laterna-Magica-Show bezeichnen kann - das aber an dieser Zuspitzung schließlich auch scheiterte.

Zeitgleich beschäftigten sich seit der Wende zum 19. Jahrhundert andere Wissenschaftler mit einem Phänomen, das als scheinbares Defizit des menschlichen Auges schließlich den entscheidenden Anstoß bot für eine ganz andere Entwicklung, die zum Kinematographen in der heutigen Form führte. Schon im Altertum hatte Ptolemäus (ca. 100-170) in Alexandria beobachtet, daß das menschliche Auge nicht in der Lage ist, die einzelnen Phasen einer schnellen Bewegung getrennt voneinander wahrzunehmen. Diese Trägheit des Auges wird Anfang des 19. Jahrhunderts ausgenutzt, um ein kleines Spielzeug in ganz Europa zu vertreiben: das Thaumatrop. Auf einer Scheibe ist vorn z.B. ein leerer Vogelkäfig zu sehen, auf der Rückseite ein Vogel. Zwirbelt man diese Scheibe an zwei Bindfäden um ihre Querachse, scheint der Vogel im Käfig zu sitzen.

Das Prinzip der Bewegungstäuschung untersucht ab 1830 der englische Physiker Michael Faraday (1791 - 1867) und konstruiert schließlich eine Scheibe aus mehreren verschieden großen Zahnkränzen, die - betrachtet man sie vor einem Spiegel - sich bei einer bestimmten Geschwindigkeit gegenläufig drehen, während der mittlere stillzustehen scheint. Faraday interessiert allein das Phänomen des stroboskopischen Effekts, der Belgier Joseph Plateau (1801-1883) und der Österreicher Simon Stampfer (1792 - 1864) entwickeln unabhängig voneinander 1832/33 daraus das "Lebensrad", indem sie Bilder in die Lücken setzen - anfangs gemalt, später konnten sie durch Fotos ersetzt werden. (Die Ausstellung hat einige Beispiele zum Gebrauch für die Besucher bereitgestellt.) Die Bewegung war gut erkennbar, aber es war doch nur ein überraschender Effekt, denn die Länge der Darbietung war begrenzt durch die Größe der Scheibe. Entscheidend war aber die Erkenntnis, daß die Trägheit des Auges überlistet werden kann, wenn schnell genug hintereinander unbewegte Momente einer Bewegung aufeinander folgen: Der Mensch nimmt diese Folge als kontinuierliche Bewegung wahr. Verschiedene Konstruktionsformen setzen dieses Prinzip um, z.B. William George Horners Zoetrop (1833). Er malt die einzelnen Phasenbilder auf ein Papierband, das auf der Innenseite einer horizontal sich drehenden Trommel angebracht ist; zwischen den Bildern befinden sich Sehschlitze. Wird die Trommel gedreht und schaut man von einem Punkt aus durch die vorbeiflitzenden Schlitze, ergibt sich eine kontinuierliche Bewegung.

Viele Varianten mit z.T. schier unaussprechlichen Namen, z.B. Chronophotographoscope, Getthemoneygraph, Tachyscope, oder Thaumototrope folgten. Emile Reynaud, der Erfinder des Praxinoskop-Theaters, hat durch aufwendige Weiterentwicklung in seinem Théatre optique seit 1892 in einer Kombination aus Laterna Magica und dem Prinzip des Lebensrads schließlich ein Band mit bis zu 700 gemalten Einzelglasbildern verwendet, mit denen er eine kleine Geschichte erzählen konnte, die insgesamt, durch geschickte Vorführung mit Wiederholungen, Vor- und Rückwärtsprojektion bis zu 15 Minuten dauerte. Seine großformatigen Bilder boten zwar gute Qualität in der Projektion, die Anordnung als Glasplattenfolge ließ aber auf Dauer keine Weiterentwicklung zu. Diese Möglichkeit bot sich erst, als durch Goodwin im Jahre 1888 ein Zelluloidband mit einer lichtempfindlichen Schicht zur Verfügung stand, der Film.

Während Ottomar Anschütz mit seiner fotografischen Flinte im Auftrag der preußischen Regierung Aufnahmen von Manövern machte, Störche im Fluge "schoß" und die Einzelaufnahmen mit seinem Tachyskop oder mit dem Schnellseher vorführte (Für die Ausstellungsbesucher steht der Klinnersche Schnellseher, ein leicht abgewandelter Nachbau, zur Betätigung und zum Ausprobieren bereit.), experimentierten der Engländer Edward Muybridge in Kalifornien und der Franzose Etienne Marey in Paris mit Momentaufnahmen zu Bewegungsabläufen, die aus einer Reihe von fotografischen Einzelaufnahmen bestanden. Dies war erst möglich, als die Filmemulsion so lichtempfindlich war, daß Verschlußzeiten von 1/50 sec. und weniger möglich waren. Thomas Alva Edison (1847-1931) war der erste, der das Filmmaterial verwenden konnte - er bot allerdings seit Anfang April 1894 seine in der "Black Maria", seinem Studio, gedrehten Kurzfilme nur über seine Kinetoskope an: Guckkästen, die gegen Einwurf einer Münze einem Beschauer kurze Endlosszenen mit 40 Bildern/sec. zeigten. Er versprach sich von dieser Ausbeutung finanziell mehr als bei einer Projektion, für deren Konstruktion er sich nicht einsetzte. So gehören die Filme aus seinem Studio zwar zu den ersten und begründeten auch das 35mm Format, erfuhren aber nicht die Rückmeldung eines Auditoriums.

Das Gefühl spontaner Reaktion erlebten erst die Brüder Louis und Auguste Lumière. Sie hatten am 13. Februar 1895 ein Gerät zum Patent angemeldet, das auf einem perforierten Film 16 Bilder pro Sekunde aufnehmen konnte, die mit einem Greifersystem mit Exzenter transportiert wurden. (Das Konstruktionsprinzip des Greifers wurde ab 1896 von Oskar Meßter durch ein Malteserkreuz und eine Doppelflügelblende ersetzt, was besseren Bildstand, schonendere Filmführung und flimmerfreie Aufnahme und Wiedergabe ermöglichte.) Die Kamera war von ihrer Konstruktion her sowohl als Kopiermaschine wie auch als Projektionsapparat zu benutzen und hatte damit einen konstruktiven Vorteil gegenüber allen anderen damaligen Systemen, so daß sie im Prinzip bis heute unverändert geblieben ist. am 28. Dezember 1895 stellten die Brüder Lumière, deren Vater eine Fabrik für optische Geräte hatte, im Indischen Salon des Grand Café auf dem Boulevard des Capucines in Paris das erste öffentliche Filmprogramm der Welt gegen Entgelt zur Schau. Derselbe Apparat, der die Filme aufnahm, wurde zusammen mit der Lichtquelle einer modernen Laterna Magica auch als Projektor benutzt und ging mit seinem Namen in die Geschichte ein: der Cinématographe.

Dr. Kurt Denzer

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