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CINARCHEA
Begleitende Texte zum Festival

Der erste Kontakt.
Culture Clash in den Filmwelten Jacques Malaterres

Georg Koch, M.A.
Zentrum für Zeithistorische Forschung
Am Neuen Markt 1,
D-14467 Potsdam
Email: koch@zzf-pdm.de

Jüngst haben die Paläogenetiker des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie ihre neuesten Ergebnisse bezüglich der Verwandtschaft des modernen Menschen zum Neandertaler veröffentlicht. Mit diesen wurde erneut bestätigt, dass es mit dem Neandertaler einen Vertreter der Spezies Homo gab, der nicht nur tausende Jahre parallel zu unserem direkten Vorfahren, dem Homo sapiens, existierte, sondern darüber hinaus zu einem gewissen Anteil noch heute in unserem Erbgut steckt.[1] [2] Unbeantwortete, vielleicht sogar unbeantwortbare Fragen bewegen seit der Erkenntnis, dass die beide Hominiden sich für eine gewisse Zeit die Welt teilten, nicht nur die paläoanthropologische Wissenschaft, sondern gleichfalls das Fernsehen: Wie gestaltete sich diese Koexistenz? Warum ist der Neandertaler ausgestorben? Und insbesondere, wie sah der erste Kontakt zwischen Homo neanderthalensis und Homo sapiens aus? Für die Wissenschaft ist dabei klar, dass diese Fragen wohl nie gänzlich zu beantworten sind und lediglich immer neue Forschungsergebnisse die Vorstellung von der fernsten menschlichen Vergangenheit ergänzen können, ohne jemals ein vollständiges Bild zu ergeben. Doch genau auf solche vollständigen Bilder ist das Fernsehen als audio­visuelles Medium angewiesen.



Bereits in den 1970er Jahren erkannten Filmemacher, dass die Präsentation von fragmentarischen Fundstücken, die als einzige Quellen aus der Urgeschichte überliefert sind, und die dazugehörigen Kommentare der Archäologen kaum den durch Spielfilme geprägten Sehgewohnheiten des Publikums entsprechen. Jean Jaques Annaud war schließlich der erste, der 1981 mit der Kinoproduktion AM ANFANG WAR DAS FEUER (FR 1981) alle bis dahin vorhandene Skepsis brach, die Urgeschichte in Schau­spielszenen in die Gegenwart zu holen. Seitdem lässt sich beobachten, wie immer mehr sogenannte Reenactments in Dokumentationen zum Urmenschen Einzug halten.

Der französische Regisseur Jacques Malaterre ist einer derjenigen, die sich besonders eingehend mit der filmischen Wiederbelebung des Neandertalers auseinandersetzten. 2003 und 2005 verwirklichte er mit den beiden zweiteiligen Dokumentationen GEHEIM­NIS MENSCH (FR3/ZDF 2003) und HOMO SAPIENS (FR3/ZDF 2005) bildgewaltige Produktionen. 2010 entstand unter Malaterres Regie schließlich mit AO, DER LETZTE NEANDERTALER (FR 2010) ein 90-minütiger Spielfilm, der ebenfalls der Frage nach der Koexistenz von ‚Mensch‘ und ‚Mensch‘, sowie dem Ende des Neandertalers nachgeht. Besonders markant sind in Malaterres Filmen die Szenen, in denen es zum ersten Kon­takt zwischen Neandertalern und anatomisch modernen Menschen kommt. Grund­sätzlich gilt dabei, dass Malaterre die Reenactmentszenen als Doku-Dramen gestaltet hat, die konsequent mit den Mitteln der Personalisierung und Dramatisierung arbeiten. Da es von wissenschaftlicher Seite kaum möglich ist, gerade solche Aspekte des zwischenmenschlichen Miteinanders vollständig zu re- oder auch zu dekonstruieren, eröffneten sich Malaterre bei der Nachstellung dieser (Ur-)Geschichte die größt­möglichen Fantasieräume innerhalb eines dokumentarischen Formats, das den Anspruch erhebt, nicht ‚eine‘ Welt, sondern ‚die‘ Welt abzubilden. Insofern stellt sich die Frage, welche Erzählung Malaterre in seine Urgeschichtsdarstellung ‚einliest‘ und wie er die Lücken füllt, die die Forschung bisher offen lässt, um eine spannende Geschichte zu generieren, die einem Millionenpublikum als Fenster in die Vergangenheit dient.

Erster Streich: DIE HERREN DER EISZEIT (FR/D 2003)

„Der Neandertaler […] ist uneingeschränkter Herrscher über die Natur. […] Doch die Tage der Neandertaler sind gezählt. Innerhalb weniger Jahrtausende werden sie aussterben. Vorher steht ihnen allerdings noch eine erstaunliche Bekanntschaft bevor.“[3] So fasst die Off-Stimme die Handlung des bevorstehenden Kapitels zum Leben und Sterben des Neandertalers in Malaterres prähistorischen Erstlingswerks GEHEIMNIS MENSCH (FR3/ZDF 2003) zusammen und macht deutlich, dass den Zuschauenden ein Drama erwartet: Noch ist der Neandertaler uneingeschränkter ‚Herrscher‘, doch eine ‚erstaunliche Bekanntschaft‘ steht ihm bevor und am Ende wird er aussterben. Zu sehen sind fünf männliche Neandertaler, die in Felle gehüllt und mit Speeren bewehrt, gerade auf dem Rückweg zu ihrer Höhle sind, als sie eine Rauchfahne entdecken, die ihr Interesse weckt. ‚Eisauge’, der Anführer der Gruppe, schickt die anderen Jäger, abgesehen von seinem Bruder, weiter, um sich selbst davon zu überzeugen, ob seine Vermutung zutrifft, dass „Feinde in der Nähe“[4] sind. Er spricht sich mit seinem Bruder in einer paläofiktiven Sprache ab und sie machen sich auf den Weg, die Quelle des Rauches zu untersuchen. Am Ziel der Aufklärungsmission entdecken die beiden eine Sapiens-Sippe und betrachten stellvertretend für den Fernsehzuschauenden deren Lebensweise, Kulturtechniken und -praktiken. Schließlich übermannt sie eine unbestimmbare Angst vor diesen unbekannten ‚Wesen‘ und die Späher fliehen „in heller Aufregung“[5] in ihr Lager, um dem Rest ihrer Sippe zu berichten. Diese gerät daraufhin in einen heftigen Disput und rätselt darüber, woher die Fremden stammen, ob es sich vielleicht um Wesen aus einer anderen Welt oder dem ‚Reich der Toten‘ handeln könnte.

Nach kurzer Beratung kehren die Jäger der Neandertalersippe zum Lager der Sapiens-Gruppe zurück und beobachten diese gut versteckt und mit angelegten Speeren. Zu diesen Bildern setzt der Kommentar wieder ein und hebt die Spannung: „Nicht immer verlaufen die Begegnungen zwischen so verschiedenartigen Vettern friedlich.“[6] Vorsichtig und in kampfbereiter Haltung nähern sich die Neandertaler den Frauen, Kindern und Alten des Sapiens-Lagers und treten zwischen sie, woraufhin diese zum Teil in die Zelte flüchten oder sich schützend vor ihre Kinder stellen. „Die Sapiens sind auf einen Überfall nicht vorbereitet“, kommentiert der Sprecher diese Szene. Da von den Sapiens keine Gegenwehr droht, entwaffnen die Neandertaler-Jäger kurzerhand den einzigen Bewaffneten – einen alten Mann. Sie bewundern die Kunstfertigkeit des erbeuteten Speeres und schauen sich in dem fremden Lager um. Dabei kommt es zu dem nachweislichen „Technologie- und Kulturaustausch“; Malaterre filmt eine Gruppe irritierter und verängstigter Sapiens-Frauen, die fassungslos beobachtet, wie die faszinierten und neugierigen Neandertaler-Männer in ihrem Hab und Gut herumwühlen und wahllos plündern. Das Fehlen einer gemeinsamen Sprache wird als Grund für zwangsläufige Missverständnisse genannt – bebildert wird diese vage Aussage mit dem in den Medien tradierten Bild des Frauenraubs: Eine diplomatische Sapiens-Frau überlässt den Jägern einen Teil der Nahrungsvorräte, um sie milde zu stimmen, wenn nicht sogar wieder loszuwerden. Die Jäger hingegen verstehen das „Fleischgeschenk“ als „Paarungsaufforderung“ und nehmen die unwillige Schenkerin mit in ihr Lager. Warum die Neandertaler nicht auch diejenigen Frauen mitnehmen, die die Gefangene mit einem noch größeren ‚Fleischgeschenk‘ freikaufen wollen, entzieht sich der zuvor eingeführten Logik. Auch die Geste, dass die Neandertaler in einem Akt der Entschädigung das erste ‚Fleischgeschenk‘ zurücklassen, macht vor der Aussage, ein solches Geschenk sei von den Neandertalern als ‚Paarungsaufforderung‘ verstanden worden, nur wenig Sinn. Schlussendlich und jenseits aller erklärungsbedürftigen Unlogik gelingt es Malaterre eine spannende Sequenz zu gestalten. In dieser stellen detailverliebt ausgestattete und darstellende Schauspieler, die eine eigene Bewegungschorographie einstudierten und eine paläofiktive Lautsprache erlernten, in einer ansprechenden Naturkulisse den ersten Kontakt vor dem Hintergrund eines Plots dar, der zwar in der zeithistorischen Urzeitnarration oft wiederholt, jedoch nie nachgewiesen werden konnte.

Zweiter Streich: DIE EROBERUNG DER WELT (FR/D 2005)

Zwei Jahre später, im ersten Teil DIE EROBERUNG DER WELT von HOMO SAPIENS (FR3/ZDF 2005), kommt es wiederum zum Kontakt zwischen Sapiens und Neandertalern. Auf der Suche nach Wild durchstreift eine Gruppe Sapiens, der Rentier-Clan, das eiszeitliche Nordeuropa. Der Anführer der Gruppe, Akia, ist allein auf der Jagd. Gerade zielt er mit seiner neuesten Erfindung – einer Speerschleuder – auf eine Krähe, als eine Neandertalerin heranstürmt, um das gleiche Tier mit ihrem klobigen Speer zu erlegen. Akia verfehlt sein Ziel, die Krähe flieht und aus der Wurfbewegung heraus macht sich Akia statt über die Krähe, über die überraschte Angreiferin her. Es kommt zu einem kurzen Handgemenge. Als die beiden Kontrahenten sich kurz voneinander lösen, siegt jedoch die Neugier. Die Neandertalerin bestaunt Akias Halskette während dieser „die Frau berühren und an ihr riechen [will]. Sie ist so seltsam. Er möchte sich mit ihr paaren.“[7] Sie entzieht sich jedoch dem Chef des Rentier-Clans, der eine solche Abweisung, so der Sprecher, nicht gewohnt ist, und flieht. Damit ist der erste Kontakt vorerst beendet und Akia kehrt zum Lager zurück. Dort angekommen, bemerken er und die Sippe eine Mammutherde, die durch eine nahegelegene Schlucht zieht. Damit führt Malaterre ein weiteres beliebtes Thema in sein Doku-Drama ein: die Großwildjagd. Der Schamane des Rentier-Clans überzeugt Akia und die Jäger, die eine solch große Beute noch nie gesehen, geschweige denn erlegt haben, mit der Hilfe der Ahnen die Jagd zu wagen. So nehmen die Jäger die Verfolgung auf und treiben die Herde, gelenkt vom glücklichen Zufall, in eine Sackgasse. Sie müssen jedoch feststellen, dass sie den Mammuts nicht gewachsen sind: „Doch von unerwarteter Seite naht Hilfe. Eine Neandertalergruppe schließt sich der Jagd an.“[8] Gemeinsam stellen die Jäger ein Jungtier der Herde, und „Sapiens und Neandertaler haben sich zum ersten Mal in ihrer Geschichte gemeinsam um eine Beute gescharrt. Diese Männer und Frauen halten zusammen. Getrieben von dem gleichen Instinkt: zu Überleben. […] Die Allianz der Jäger überwindet schließlich die Kraft des Riesen […] und versammeln sich um ihr gemeinsames Mahl.“[9] In Solidarität und gegenseitiger Zuneigung vereinen sich die beiden Clans im Verlauf dieses Kapitels. Sie können viel voneinander lernen, behauptet die Stimme aus dem Off, und eignen sich sogar die Sprache des jeweils anderen an. Schließlich erhält Akia von seinen beiden bisherigen Partnerinnen sogar die Erlaubnis, die Neandertalerin mit in seinen ‚Harem’ aufzunehmen.

Im Vordergrund dieses Kapitels steht wiederum eine mitreißende Geschichte, die von Liebe, Leid und dem Sieg der Gemeinschaft erzählt. Mit der Großwildjagd greift Malaterre ein Thema auf, das ebenso wie der Frauenraub auf eine lange Tradition in der Urgeschichtsdarstellung zurückblickt.

Dritter Streich: AO, DER LETZTE NEANDERTALER (FR 2010)

Mit dem 2010 uraufgeführten Film AO, DER LETZTE NEANDERTALER (FR 2010) verließ Malaterre das Dokumentarfilmgenre und arrangierte einen 90minütigen Spielfilm. Wie der Titel verspricht, erzählt dieser die Geschichte des Neandertalers AO, der sich als letzter Überlebender seiner Sippe auf eine beschwerliche Reise in seine Heimat in Südeuropa begibt. Insbesondere Maske, Choreographie und Bildsprache bestätigen Malaterres Urheberschaft. So ‚fühlt‘ sich AO, DER LETZTE NEANDERTALER genauso an, wie die bisherigen Produktionen Malaterres, abgesehen davon, dass die erzählte Geschichte nicht von kommentierenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Grafiken oder Grabungsstätten unterbrochen ist, sondern fortlaufend erzählt wird. Allein die Stimme aus dem Off bleibt in AO erhalten; sie stammt jedoch nicht von einem allwissenden Erzähler, sondern direkt aus dem Kopf des Hauptprotagonisten, dem Neandertaler AO, der seine Handlungen und Wahrnehmungen kommentiert und seine Gedanken und Gefühle für das Publikum wiedergibt.

Auch AO begegnet auf seiner Reise den anatomisch modernen Menschen, nachdem er auf der Jagd in eine Fallgrube der Homo sapiens stürzt. Die Sapiens sind zunächst erschrocken von dem fremdaussehenden Vertreter der Gattung Homo, den sie dort gefangen haben. Wieder stellen sich die unterschiedlichen Sprachen als Hindernis dar. Während AO sich freundlich lächelnd vorstellt, ahmen die Sapiens seine Laute nach ohne dass sie dabei Empathie zeigen, sondern vorerst damit beschäftigt sind über das weitere Vorgehen mit ihrer ‚Beute‘ zu beraten. AO, der aufgeschlossen und neugierig darüber sinniert, dass er solche Gestalten noch nie aus der Nähe gesehen hat, wird von den Sapiens aus der Fallgrube geholfen. Oben angekommen schlagen sie ihn jedoch nieder, um seine Fremdartigkeit eingehend zu untersuchen und ihn in ihr Lager zu bringen. Dort erwacht AO gefesselt und wird nun auch von dem offensichtlichen Anführer der Sapiens-Sippe in Augenschein genommen. Insbesondere die Augenwülste, die fliehende Stirn und die breite Nase des Neandertalers werden kritisch beäugt: „Bin ich ein Ungeheuer? Wie eine dieser Bestien, die nur im Dunkeln erscheinen? Weshalb verstoßen sie mich? Ich bin nur anders als sie.“[10] Unsanft wird AO in eine befestige Behausung geworfen, die offensichtlich als Gefängnis dient. Von dort wird er Zeuge, wie die Jäger der Sapiens-Sippe weitere Gefangene, eine schwangere Sapiens-Frau und einen Mann, in das Lager bringen. Bereits durch den Schmuck und die Körperbemalung der Sapiens entsteht der Eindruck, dass diese an mittelamerikanische Kulturen, wie die Maya oder Azteken, angelehnt sind. Dieser verfestigt sich spätestens in dem Moment, als der gefangene Sapiens-Mann von der Sippe auf einen Holzaltar gebunden wird und der Anführer des Clans mit beiden Händen einen Opferdolch über den Kopf hebt, während ein Schamane diese Szene mit rituellem Gesang begleitet. Der Dolch rauscht nieder, durchbohrt den Gefangenen und dieser gibt einen letzten Atemzug von sich. AO ist entsetzt: „Bemaltes Gesicht, wer bist du, dass du Leben nimmst?“ fragt er sich mit einem zornigen Unterton: „Du hältst dich für besser als die Natur. Doch du bist schlimmer als eine Bestie. Ich kenne kein Lebewesen, das so grausam ist.“[11]

Der ferne Spiegel

Erklärtes Ziel von Jacques Malaterre war es, auf der Grundlage des aktuellen Stands der Wissenschaft mit realistischen Bildern, fesselnde Geschichten der Prähistorie zu erzählen. Mit Yves Coppens vom Collège de France und Marylène Patou-Mathis vom Muséum National d’Histoire Naturelle konnte Malaterre dafür zwei namenhafte, wis­senschaftliche Berater für seine Projekte gewinnen, die ihm auf künstlerisch-drama­turgischer Seite alle Spielräume gewährten.[12] Um das Publikum in die prähistorischen Bilderwelten zu entführen, kommen drei Strategien zum Einsatz, die sich in Malaterres Produktionen sehr anschaulich aufzeigen lassen:

  1. Malaterre erweckt die Vergangenheit mit aufwendigen Requisiten, imposanten Land­schaften und einer detailverliebten Maske zum Leben. Auch auf eine paläofiktive Sprache und eine urzeitliche Bewegungschoreographie wurde großer Wert gelegt. Damit erschafft Malaterre eine imposante und glaubwürdige Kulisse für seine Erzählungen. Insbesondere in den Kritiken werden Malaterres „prächtige[.] und imposante[.] Bilder“ gelobt und sein Film als „bildgewaltig und authentisch“ sowie „packend und realistisch“[13] beschrieben.

  2. In den Sequenzen zum ersten Kontakt greift Malaterre in der Urgeschichtsdarstellung tradierte und damit dem Publikum bekannte Themen auf. Sei es der Frauenraub, die Großwildjagd oder rituelle Menschenopfer. Alle diese Themen sind im kulturellen Gedächtnis fest mit der Urzeit verbunden, haben einen Wiedererkennungswert und bieten den Rahmen für eine dramatische Handlung. Dabei werden unterschiedliche Gefühlsebenen angesprochen: Malaterres Geschichten handeln von Liebe und Leid, von Gemeinschaft, Freundschaft und Feindschaft, von Tod und Leben. Damit verweist er auf als anthropologisch konstant wahrgenommene Emotionen, die gleichwohl in der Gegenwart, wie auch in der imaginierten Urgeschichte relevant sind.

  3. Schließlich stellt insbesondere der erste Kontakt zwischen zwei Kulturen, bezieh­ungsweise im Fall dieser Ur-Geschichte zwischen zwei Spezies, einen Rahmen dar, der auch in der Gegenwart allerhöchste Relevanz hat. Malaterre erzählt nicht einfach nur eine emotionale Geschichte, sondern er hält der Gegenwartsgesellschaft in sei­ner Paläofiktion einen fernen Spiegel vor.
    Im Interview mit dem Web-Portal hominidés.com betont Malaterre, dass sein Film auch als ein „moralischer Fingerzeig an unsere heutige Gesellschaft“ angelegt ist. Ihm geht es darum, dass wir uns, inspiriert durch seine Geschichte, auf Werte wie „Menschlichkeit, Verantwortungsbewusstsein und Naturverbundenheit“[14] rück­besinnen sollen – Werte, die er dem Protagonisten AO zuschreibt. Er zeichnet damit den prähistorischen Vetter als einen ‚edlen Wilden‘, der sich auch in modernen Indianer-Interpretationen findet. Insofern müssen Malaterres Filme vor dem Hinter­grund einer bewegten Zeitgeschichte gesehen werden. Malaterre schreibt ein Stück moderner Paläopoesie[15], das nicht zuletzt von gegenwärtigen Fragen der west­lichen Migrationsgesellschaften und einem postkolonialen Kulturdiskurs geprägt ist. In der Begegnung von Homo sapiens und Homo neanderthalensis entwirft er Bilder von Exklusion und Inklusion und beschreibt sie als kulturelle Herausforderungen, die sich für den prähistorischen Menschen, wie für den modernen Menschen stellen. Dabei wird der Untergang des Neandertalers zur Dystopie gescheiterter Integration und macht ihn zur moralischen Antwort auf die Positionen gegenwärtiger Integrationsskeptiker.

Die Suche nach dem Leben in der Steinzeit ist für Malaterre also eine Suche nach dem besseren Menschen, der in seiner Naturverbundenheit und Ursprünglichkeit dem Menschen der Gegenwart vieles an Menschlichkeit voraus hatte. Viel mehr als ein Fenster in die Vergangenheit, ist die Vergangenheit am Ende in den drei besprochenen Filmen ein Spiegel der Gegenwart. Im MAKING OF zu HOMO SAPIENS hat Malaterre das letzte Wort und soll hier das vorletzte haben: „Wir müssen unser Möglichstes tun, um das Erbe, das Homo sapiens uns hinterlassen hat, zu erhalten. Dann kann morgen ein Homo sapiens sapiens sapiens noch auf der Erde leben und über Homo sapiens sapiens aus dem Jahr 2000 Filme machen.“[16] Vielleicht wird der Homo sapiens sapiens sapiens das tatsächlich tun. Vielleicht hält er es jedoch auch so, wie zeitgenössische Filmemacher und greift sich einen Vorfahren, um Filme über sich selbst zu machen.

Credits:



HOMO SAPIENS (2005)
Buch: Jacques Dubisson, Michel Fessler
Drehbuch: Jacques Malaterre, Frédéric Fougea, Pierre Pelot, Fabrice Demeter
Regie: Jacques Malaterre
Redaktion: Ruth Omphalius
Beratung: Yves Coppens; Francis Thackeray; Fabrice Demeter; Michael Bisson
Länge Tl.1 + 2: 88 Min.
Produktion: ZDF, France 3, France 5
DVD über Universum Film und ZDF Video

GEHEIMNIS MENSCH (2003)
Buch: Jacques Dubisson, Michel Fessler
Drehbuch: Frédéric Fougea
Regie: Jacques Malaterre
Redaktion: Ruth Omphalius
Beratung: Yves Coppens; Francis Thackeray; Fabrice Demeter; Michael Bisson; Anne-Marie Bacon
Länge Tl.1 + 2: 88 Min.
Produktion: ZDF, France 3
DVD über Universum Film und ZDF Video

AO, DER LETZTE NEANDERTALER (2010)
Buchvorlage: Marc Klapczynski
Buch: Jacques Malaterre, Michel Fessler, Philippe Isard, Pierre Pelot
Regie: Jacques Malaterre
Produktion: Yves Marmion, Patrick Sandrin
Länge: 87 Minuten
Cast: Simon Paul Sutton (AO), Aruna Shields (Aki)
DVD über Sunfilm Entertainment

[1]   Diese Überlegungen entstanden im Rahmen der Arbeit an der Dissertation des Autors „Public Pre-History. Urgeschichte in deutschen und britischen Fernsehdoku­mentationen seit 1970“ im Rahmen des von der VolkswagenStiftung geförderten Projekts „Living History. Reenacted Prehistory between Research and popular Perfprmance“ (ZZF Potsdam/Uni Tübingen). Siehe: www.livinghistory.uni-tuebingen.de

[2]   Vgl. Jakob, Sandra: Der Neandertaler steckt in unseren Genen. Pressemeldung der Max-Planck-Gesellschaft vom 01.04.2014 URL: www.mpg.de/8055573/neandertaler_fettabbau, Stand: 02.05.2014.

[3]   GEHEIMNIS MENSCH, Folge 2: DIE HERREN DER EISZEIT (FR3/ZDF 2003), TC 00:19:03-00:19:55. Im Folgenden als HDE zitiert

[4]   HdE, TC 00:20:06

[5]   HdE, TC 00:21:27

[6]   HdE: TC 00:23:08

[7]   Homo sapiens, Folge 1: Die Eroberung der Welt (FR3/ZDF 2005), TC 00:03:58. Im Folgenden als EdW zitiert.

[8]   EdW TC: 00:08:51

[9]   EdW TC: 00:11:01-00:11:29

[10]   AO, der letzte Neandertaler (FR 2010), TC 00:25:00. Im Folgenden als AO zitiert.

[11]   AO TC 00:25:55.

[12]   Vgl. Interview mit dem Paläontologen Yves Coppens zu HOMO SAPIENS auf zdf.de unter www.zdf.de/terra-x/das-publikum-erkennt-seine-vorfahren-wieder-5233160.html Stand 13.05.2014.

[13]   Vgl. Rückseitiger Einband der DVD AO, DER LETZTE NEANDERTALER (DE 2010)

[14]   Interview mit Jacques Malaterre auf hominidés.com unter www.hominides.com/html/films/ao-le-dernier-neandertal-malaterre-0328.php Stand: 13.05.2014.

[15]   Diesen Begriff nutzte die für die Malaterre-Dokumentationen zuständige ZDF- Redakteurin Ruth Omphalius im Rahmen eines Interviews mit dem Autor am 12.06.2013.

[16]   MAKING OF… zu HOMO SAPIENS, auf der DVD HOMO SAPIENS
(ZDF Video 2004), TC 00:41:32

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