Zur Startseite

CINARCHEA
Begleitende Texte zum Festival

Filmblatt Nr. 27/2005

Zur Publikation
"Funde, Filme, falsche Freunde. Archäologiefilme im Dienst von Profit und Propaganda."
Kurt Denzer (Hg.). Kiel: Verlag Dr. Steve Ludwig 2003, 280 Seiten, III. ISBN 3-933598-72-9, EUR 24,90
Vorgestellt von Kerstin Stutterheim in "Filmblatt" Nr. 27, 10. Jg., Frühjahr/Sommer 2005, CineGraph Babelsberg, ISSN 1433-2051



"Cinarchea" ist der Name eines seit mehreren Jahren in Kiel stattfindenden Archäolo­giefilmfestivals. Der vorliegende Band dokumentiert die Beiträge des Begleitsymposiums des Jahres 2002.

Die Texte lassen sich in drei Bereiche gliedern: Eine erste Gruppe von Texten beschäf­tigt sich mit der Ausbeutung historischer Ereignisse für propagandistische Zwecke in Archäologie- oder Historienfilmen im weitesten Sinne. Hierfür stehen in erster Linie die Beiträge von Lauri Kärk und Ruth Lindner, Tom Stern und Thomas Tode.
Lauri Kärk richtet den Blick auf die realpolitische Einflussnahme während der von ihm angeführten zeitgeschichtlichen Phase und führt dies am Beispiel des Filmes Time Out (Estland 1984, R: Pritt Pärn) aus. Ruth Lindner analysiert den Umgang mit historischen Ereignissen und deren Adaption in zwei Filmen, die im Abstand von 12 Jahren in Rumänien gedreht wurden. Durch die Einbettung in eine Reflexion der rumänischen Geschichte und Propaganda werden die beiden Filme in ihren Ausführungen vom Historienfilm zu einem archäologischen Artefakt verwandelt.
Tom Stern hat einen Aufsatz über den Kulturfilm Germanen gegen Pharaonen (1939, R: Anton Kutter) beigesteuert, den er auf seinen archäologischen Wahrheitsbezug befragt und filmästhetisch untersucht. Sehr genau zählt er wissenschaftliche Unkorrektheiten im Text und in der Darstellung auf und benennt auch die Quelle des Textes der Figur des Ägyptologen. Er gerät dabei aber beinahe in Versuchung, als Vierter in den Disput der drei Hauptfiguren einzugreifen. Im Vergleich dazu fällt die Untersuchung der Wirkungsintention dieses Filmes und des zeitgeschichtlichen Kontextes sehr knapp aus. Thomas Tode und Tom Stern befragen in einem umfangreichen Beitrag Filme über die Varusschlacht auf ihre historische Aussagefähigkeit, Geschichtsinterpretation und Darstellungsform. Nach genauesten filmbezogenen Reflexionen (denen sich allerdings schwer folgen lässt, wenn man die konkreten Ausschnitte nicht kennt) kommen sie zu dem Schluss: "Das ist letztlich aber auch ein strukturelles Problem des Mediums Film, das keine Zeit für ausführliche Erörterungen hat und daher der Geschichtsforschung kompakte Essenzen abfordert, die diese aber oft so nicht liefern kann und darf. Bei den Wertungen ist weiterhin Vorsicht angeraten..." (S. 163)

Eine zweite Gruppe von Autoren befasst sich mit Fernseharbeiten, deren Strukturen, den Produktionsprozessen sowie den Auswirkungen der Interessen der Produzenten oder Protagonisten auf die Filme. Carole Lazio analysiert die spezifischen Wirkungsintentionen in zwei auf dem gleichen Material basierenden Fassungen von Ice Mummies: Frozen In Haven von BBC TV und WGBH Boston. Wie eine Ergänzung und Bestätigung dieser Untersuchung wirkt Peter S. Allens kritische Beschreibung der Produktion einiger Folgen der Archaeology Magazine Film Series. Er führt verschiedene Kriterien an, die ein seriöses Fernsehmagazin von einem Magazin unterscheiden, das vorrangig auf Unterhaltung und weniger auf faktische Korrektheit setzt. Allen beschreibt vor allem das Dilemma, einen oft komplizierten Sachverhalt in 28 Minuten zu fassen und die daraus resultierenden Verluste. Thomas Balkenhol führt diese Auseinandersetzung weiter und hinterfragt Fernsehproduktionen zu archäologischen Themen aus seiner Sicht als Cutter. An Hand konkreter Beispiele setzt er sich mit der Problematik der Dominanz des gesprochenen Wortes sehr pragmatisch und mit künstlerischem Anspruch auseinander.

Andere Autoren gehen dem Aspekt des Archäologischen in Spielfilmen, fiktionalen Serien oder auch semidokumentarischen Sendungen nach. Regina Heilmann untersucht Planet of The Apes (USA 1968, R: Franklin J. Schaffner) in Bezug auf die Rolle von Archäologie und Geschichtsforschung innerhalb der Spielhandlung: "Wenn wir uns bewusst machen, dass sich das Bild, welches wir von der Vergangenheit zeichnen, ständig verändert und nie absolut ist, so kann dieser Film Archäologen, Historikern und Laien die Widerrufbarkeit von geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen vor Augen führen, auch wenn dies nicht seine Intention gewesen ist." (S. 38)

Einen Überblick über Stereotypen und Klischees in Archäologiefilmen gibt Patricia Rahemipour. Am Beispiel des "Steinzeitmenschen", des "Druiden" und der stereotypen Rollenverteilung reflektiert sie vor allem die Darstellung des Fremden. An den diskutierten Filmbeispielen findet sie bestätigt, dass die Interpretation des Fremden auch in Archäologiefilmen auf Eingemeindung, Anpassung an Strukturen und Muster der Gegenwart des Rezipienten oder eine bewusst gewollte Gegenkonstruktion beruhen. (S. 195) Ihr Fazit lautet, dass auch der Archäologiefilm "mehr über die Zeit [erzählt], in der er entstanden ist, als über die Geschichte selbst. Das kann aber nicht bedeuten, dass auf Bilder bzw. Rekonstruktionen der Prähistorie – also das Fremde – im Film verzichtet werden soll, denn damit würde ein faszinierend fremdes Feld einfach ausgeklammert." (S. 198) Sultana Zorpidu schließlich lässt das Verhältnis von Archäologie und imperialistischer Politik im Spielfilm sichtbar werden. Ihr Text führt uns von der Erinnerung an die Wechselwirkung von wirtschaftlichen Interessen und Expansionsstreben, in das sogleich archäologische Grabungen möglichst effektiv eingepasst wurden, über die Rolle der Museen hin zur Präsentation dieses Wechselspiels im Spielfilm. Zorpidu untersucht diese imperialistischen Bestrebungen an Hand der Filme March Or Die (GB/USA 1977, R: Dick Richards), der Indiana-Jones-Trilogie sowie Stargate (USA 1994, R: Roland Emmerich); sie konzentriert sich auf die Aspekte Kolonialismus, frauenfeindliche Haltungen und den jeweiligen Männer-Typus. Ihre Ergebnisse stehen jeweils im Kontext der zeitgeschichtlichen Änderung des Blickes auf das Fremde, die Archäologie und des Eroberungsdrangs.

Allen Autoren gemeinsam ist die kritische Hinterfragung der Darstellung historischer Ereignisse in Film oder Fernsehen, wenngleich in unterschiedlicher Intensität. Insge­samt dokumentiert der vorliegende Band das breite Spektrum der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Archäologiefilm.

Förderverein Cinarchea e. V. •  Universität Kiel  •  Postfach 141  •  D-24118 Kiel
Tel +49 (0431) 880-4941  •  Fax +49 (0431) 880-4940  •  agfilm@email.uni-kiel.de