Universität | Studium & Lehre | Transfer | Forschung

Qualitätsoffensive Lehrerbildung: Profilbildung Lehramt in Kiel

Fachtagung zur Bedeutung der Lehrkräftebildung an deutschen Universitäten – neue Kooperation mit der Europa-Universität Flensburg

Die Lehrkräftebildung ist an vielen Hochschulen fest etabliert. Die Modelle und Ausrichtungen, wie sie in die universitären Strukturen eingebunden ist, unterscheiden sich jedoch deutschlandweit sehr. Mitte Mai diskutierten rund 120 Fachleute und Studierende an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) bei einem Programmworkshop des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) über die weitere Ausgestaltung und Einbindung der Lehrkräftebildung in die jeweilige Hochschulentwicklung. Die abschließende Podiumsdiskussion zeigte den Bedarf einer nachhaltigen Etablierung von Strukturen und Förderinstrumenten auf.

Symbolträchtig mit Fotos der Stadt und des Campus begrüßte Professorin Ilka Parchmann, Vizepräsidentin für Lehramt, Wissenschaftskommunikation und Weiterbildung der CAU, die Gäste mit den Worten: „Für den Austausch unter Kolleginnen und Kollegen und die gemeinsame Weiterentwicklung ist es hilfreich, die Perspektive zu wechseln und einen ‚Blick von oben‘einzunehmen“, hinterlegt mit dem Bild der Möwe. Weiter betonte sie: „Unser Programm,Lehramt mit Perspektive an der CAU‘ bildet heute neben unseren vier Forschungsschwerpunkten einen fünften Schwerpunkt der Uni Kiel. Darauf sind wir sehr stolz, denn mit dieser Offensive haben wir es geschafft, viele tausend Lehramtsstudierende in Schleswig-Holstein durch die Verbindung von Wissenschaft und Praxisorientierung besser für ihren weiteren Berufsweg zu qualifizieren. Den Programmworkshop zur Qualitätsoffensive Lehrerbildung (QLB) hier in Kiel ausrichten zu dürfen – und mit Ihnen gemeinsam die Perspektive auf die Lehrkräftebildung wechseln zu können – ehrt uns sehr.“

Die Perspektive wechseln – das taten die Expertinnen und Experten anschließend zwei Tage lang in insgesamt neun interaktiven Workshops und drei Plenarvorträgen. Um zusammenzutragen, was sich dank der QLB entwickelt hat und wie es nach Abschluss der zweiten Förderphase weitergehen soll, kamen in Kiel Lehrende, Forschende, Studierende sowie Fachleute aus Administration, Hochschulleitungen, Ministerien und Stiftungen aus ganz Deutschland zusammen. Drei Expertenteams näherten sich den Themen Theorie und (Unterrichts-)Praxis, Lehrplanentwicklung sowie Steuerung und Organisation der Lehrkräftebildung aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Theorie und Praxis mehr miteinander verzahnen

Im ersten Vortrag der Tagung stand die Verknüpfung von Theorie und Praxis im Mittelpunkt. Den Impuls setzte Erziehungswissenschaftler Professor Martin Rothland, Westfälische Wilhelms-Universität Münster. In seinem Plenarvortrag stellte er eine Reihe kritischer Fragen zur Reflexion der gängigen Vernetzungskonzepte am Beispiel des Praxissemesters.

Austausch fördern und Strukturen schaffen

Um das Theorie-Praxis-Verhältnis optimieren zu können, sei auch eine bessere Vernetzung von Lehrenden untereinander unerlässlich, betonte die Professorin Tina Seidel, Technische Universität München (TUM), in ihrem Plenarvortrag über die Curriculum-Entwicklung. „Das Anforderungsprofil des Lehrberufs ist sehr komplex – und damit auch unser Vorhaben in der Lehrkräftebildung: Es reicht vom Diagnosen erstellen über die Erziehungsarbeit bis zum Unterrichten und der Zusammenarbeit im Kollegium.“ Auf der anderen Seite müssten drei mehr oder weniger eng beieinanderliegende Disziplinen kohärent zusammengebracht werden: das Fach, die Fachdidaktik und die Bildungswissenschaften, beschrieb Seidel und plädierte für mehr und bessere Abstimmungsprozesse.

Damit etwa Lehrpläne oder Fachanforderungen kompetent und evidenzbasiert weiterentwickelt werden können, komme es Seidel zufolge darauf an, konkrete Anlässe zu nutzen. Dies könne zum Beispiel innerhalb der Lehrkräftebildung durch Austausch von Material, innerhalb der Universitäten in Form von Evaluationen oder außeruniversitär mithilfe von Wettbewerben über Stiftungen geschehen. Zudem sprach Seidel sich entschieden für gemeinsame Standards und klare Strukturen aus, wie etwa die Benennung von festen Ansprechpersonen für Lehrkräftebildung an den Hochschulen. Nützlich seien in diesem Zusammenhang Netzwerke und Partnerschaften.

Ein Masterplan für die Lehrkräftebildung

Wichtig sei es zudem, stabile Strukturen in der Lehrkräftebildung voranbringen. Erziehungswissenschaftler und Bildungsforscher Professor Manfred Prenzel (TUM) ging in seinem Plenarvortrag auf den BMBF-„Masterplan Medizinstudium 2020“ ein und verknüpfte damit Überlegungen auch für die Lehrkräftebildung. Prenzel reflektierte die verschiedenen Ausrichtungen und Nutzungspotenziale einer zielorientierten Steuerung der Lehrkräftebildung durch zentrale Einrichtungen wie Zentren für Lehrkräftebildung: „Diese spielen eine wichtige Rolle, wenn sie sich als Gestalter verstehen, die Zielklärung und Profilierung vorantreiben und eine Governance-Struktur entwickeln, die sie mit ihren Mitgliedern sowie Partnerinnen und Partnern umsetzen.“

Lehrkräftebildung im Diskurs: Ergebnisse

Im Bereich Beratung und Eignungsdiagnostik verständigten sich die Fachleute darauf, Lehramtsstudierende aktiv an der Profilbildung ihres Studiums zu beteiligen. Dies ermögliche es ihnen, eigene Akzente zu setzen und ihre Profilierung individueller mitzugestalten. Dadurch würden sie früh zur Eigenverantwortlichkeit angehalten. Im Bereich der Eignungsdiagnostik seien indes noch viele Fragen zu klären. So blieb strittig, ob es sinnvoll sei, Daten zur Eignung von Schülerinnen und Schülern für das Lehramtsstudium zu erheben, wenn ihre Interpretation und damit Aussagekraft noch nicht hinreichend beschrieben sind.

Was die Vernetzung und Kooperation von Universitäten mit ortsansässigen Schulen betrifft, sprachen sich die Expertinnen und Experten für den Auf- und Ausbau sogenannter „Schulnetzwerke“ aus. Hierfür müssten Theorie und Praxis besser miteinander verknüpft werden. Dabei könnten videobasierte Tools sinnvoll unterstützen. Studierende könnten sich zum Beispiel im Unterricht an einer Partnerschule filmen lassen und durch die Analyse lernen, ihr Wissen besser mit der Praxis zu verknüpfen.

Beim Thema Fort- und Weiterbildung für Lehrkräfte empfahlen die Fachleute mehrere schulinterne Mikrofortbildungen im Jahr als einige wenige große externe Fortbildungen. Dies verspreche einen erwartbar höheren Nutzen.

Im Hinblick auf Governance-Strukturfragen in der Lehrkräftebildung wurden in den vergangenen vier Jahren an allen lehrkräftebildenden Studienorten neue Modelle etabliert und bewährt: Einige Universitäten setzen auf eigene Fakultäten für Lehrkräftebildung, andere auf Querstrukturen; wieder andere schufen Zentren außerhalb der zentralen Administration. Einig waren sich die Expertinnen und Experten darin, dass es für eine gute Lehrkräftebildung nicht nur auf die Oberflächenstruktur ankommt, sondern vor allem auf solide Tiefenstrukturen. Neu eingezogene Strukturen sollten deshalb zunächst weiter ausgebaut werden; dafür wurden in den Workshops hinderliche und förderliche Kriterien ebenso standortübergreifend herausgearbeitet wie Forderungen einer nachhaltigen Etablierung


Empfehlungen für die Fortschreibung der Qualitätsoffensive in der Lehrerbildung

In der abschließenden Podiumsdiskussion debattierten die Staatssekretärin im Bildungsministerium Schleswig-Holstein Dr. Dorit Stenke, Professor Manfred Prenzel, die Schulpädagogin Professorin Jutta Mägdefrau der Universität Passau, Ilka Parchmann und die Kieler Lehramtsstudentin Henrike Amft über die Rolle und Zukunft der Lehrkräftebildung im Hochschulsystem. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von der Bildungsjournalistin Dr. h.c. Heike Schmoll (FAZ). Sie legte den inhaltlichen Fokus auf Perspektiven der Qualitätsoffensive in der Lehrkräftebildung und die Zeit danach.

Beleuchtet wurde noch einmal das gesamte Themenspektrum der Lehrkräftebildung: das Verhältnis von Theorie, Praxis, Fach, Fachdidaktik und Bildungswissenschaft zueinander sowie über die Effekte des Praxissemesters bis hin zu den Fragen: Wie nachhaltig sind die im Rahmen der QLB geschaffenen Strukturen? Und wie geht es nach der QLB weiter?

Stenke wies darauf hin, dass die Schulen nicht nur eine ausreichende Zahl an Lehrkräften benötigten, sondern dass Lehrerinnen und Lehrer vor allem exzellent ausgebildet sein müssten und zwar in allen Fächern und in den Bildungswissenschaften. „Es ist sehr erfreulich, dass sich seit einigen Jahren immer mehr junge Menschen für ein Lehramtsstudium entscheiden“, sagte Stenke. „Wichtig ist, dass diese jungen Menschen auf die besonderen Anforderungen des Lehrerberufes schon im Studium bestens vorbereitet werden, damit sie ihren Beruf später mit Freude und Begeisterung ausüben können.“

Professorin Ilka Parchmann hob an dieser Stelle die große Bedeutung der Fachwissenschaften hervor und betonte die Bedeutung einer erfolgreichen Einbindung und Kooperation mit den Kolleginnen und Kollegen in der Konzeption und Umsetzung von Lehramtsstudiengängen.

Henrike Amft, Lehramtsstudentin der Fächer Germanistik und Biologie im 3. Mastersemester, fühlte sich durch ihr Studium an der CAU gut auf den Lehrerberuf vorbereitet: „Ich bin insgesamt wirklich sehr zufrieden. Da für mich aber schon immer klar war, dass ich Lehrerin werden will, stellte sich für mich die Frage nach einem Praktikum am Anfang des Studiums nicht. Dennoch sagen mir viele Kommilitoninnen und Kommilitonen, dass sie sich eben genau das gewünscht hätten, um sich besser vorbereitet zu fühlen.“ Das Praxissemester, das Amft jüngst abschloss, wurde diesbezüglich sehr gelobt. Währenddessen zu erbringende Leistungsnachweise seien jedoch zu umfangreich und sollten deshalb reduziert werden. Parchmann sagte zu, man werde an dieser Stelle in Zukunft nachbessern. 

Professor Manfred Prenzel sprach sich dafür aus, die Praxisphasen gleichmäßig auf das Bachelor- und Masterstudium aufzuteilen. So könnten Lehramtsstudierende bereits früh erkennen, ob der Beruf etwas für sie sei oder nicht und in einer fortgeschrittenen Phase vertiefende Erfahrungen sammeln.

Im Ergebnis waren sich alle Beteiligten darüber einig, dass Lehrkräftebildung auch zukünftig in der Hand der Hochschulen liegen müsse. Jutta Mägdefrau: „Wir dürfen nicht von Bildung zu Ausbildung übergehen.“ Damit das gelingt, sei eine fortlaufende Finanzierung der im Rahmen der QLB geschaffenen Strukturen unabdingbar. Stenke sicherte zu, das Bundesland Schleswig-Holstein werde auch zukünftig – also über das Ende der QLB hinaus – mit der CAU in den Dialog treten, um die Lehrkräftebildung weiter voranzubringen und sie eines Tages verstetigen zu können.

Neue Kooperation mit der Europa-Universität Flensburg

Eine nachgeschaltete Ausschreibung widmete sich den Themen Berufliches Lehramt und Digitalisierung. Die CAU hat für den Bereich Digitalisierung einen gemeinsamen Antrag mit der Europa Universität Flensburg auf den Weg gebracht. Der Bewilligungsbescheid aus der letzten Woche eröffnet nun auch hier eine engere Kooperation im Land, die sich auf die Zusammenarbeit mit Schulen sowie die Betreuung im Praxissemester fokussiert und dabei auch internationale Perspektiven mit einbindet.

Der Programmworkshop war Teil der QLB des BMBF. Mit dem Programm unterstützen Bund und Länder seit 2015 Reformen in der Lehrkräftebildung an 59 Hochschulen mit bis zu 500 Millionen Euro.

Kontakt:

Prof. Dr. Ilka Parchmann
Vizepräsidentin für Lehramt, Wissenschaftskommunikation und Weiterbildung der CAU
0431/880-3002
parchmann@praesidium.uni-kiel.de

Susanne Neufeldt
Referat für Lehrerbildung an der CAU
0431/880-5173
sneufeldt@uv.uni-kiel.de

Redakteurskontakt:

Farah Claußen
Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation