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Die hohe Schule der Weltverbesserung

Kiel hat jetzt eine Akademie für soziales Unternehmertum

Die Grenze zwischen Universität und Stadtbevölkerung aufheben, die verschiedenen Generationen und sozialen Gruppen einbinden und daran arbeiten, die Welt ein Stück besser zu machen: Das sind die Ziele der Akademie für Social Entrepreneurship an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), die jetzt an den Start gegangen ist.

Vor zehn Jahren startete die Kieler Universität den inzwischen bundesweit gewordenen Wettbewerb „yooweedoo“. Studierende lernen dabei in praktischen Projekten das ABC des sozialen Unternehmertums und bringen auch in ökonomischer Hinsicht Beachtliches zustande. Craftbeer von Lillebräu, Bambusräder von my Boo, Öko-Toiletten für Festivals oder – ganz aktuell – nachhaltige Stofftaschentücher made in Kiel. Das und viel mehr Innovatives findet sich unter den mittlerweile mehreren hundert „yooweedoo“-Projekten und SocialStart-ups. Nachdem aus der erfolgreichen Initiative mittlerweile ein eigener, englischsprachiger Masterstudiengang „Sustainability, Society and the Environment“ mit bisher etwa 300 Studierenden aus aller Welt hervorgegangen ist, wird jetzt mit der Akademie für Social Entrepreneurship ein weiterer Meilenstein geschaffen. „Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ist stolz darauf, ihren Beitrag zur neu gegründeten ‚Akademie für Social Entrepreneurship‘ zu leisten. Besonders für junge Start-ups und Gründungsinteressiere freuen wir uns über dieses zusätzliche Angebot mit Fokus auf Nachhaltigkeit“, erklärt CAU-Präsidentin Professorin Simone Fulda.

Offen steht die Akademie nicht nur Studierenden, sondern allen Interessierten. Politik und Verwaltung des Kieler Rathauses unterstützen die Gründung aus diesem Grund nicht nur finanziell, sie brachten das Projekt auch maßgeblich mit ins Rollen. Darauf und ebenso auf die Förderung durch die Europäische Union, die Landesregierung Schleswig-Holstein und natürlich die Uni Kiel selbst gründet sich die neue Akademie, die (noch) über kein Haus verfügt, wohl aber über ein festes inhaltliches Gerüst. Zur Zielgruppe zählen dürfen sich alle, die nachhaltige, gemeinwohlorientierte und sozialunternehmerische Projekte und Start-ups aus der Taufe heben wollen. Wie lässt sich eine Idee Schritt  für Schritt in konkrete Formen gießen? Auf welche Weise holt man Gleichgesinnte an Bord? Was ist beim Thema Marketing und Öffentlichkeitsarbeit zu beachten? Zu diesen und zahllosen weiteren Fragen gibt es im ersten etwa 50 Seiten fassenden Akademie-Programm jede Menge Workshops und Coachings.

Ein Schwerpunkt wird laut Professor Christoph Corves, der seinen Lehrstuhl am Geographischen Institut der Uni Kiel hat, auf die Förderung von Frauen gelegt. Aus gutem Grund, wie er betont, denn in Deutschland beträgt ihr Anteil an Gründungen kaum 20 Prozent. Dabei zeigt ein Blick auf die zu 70 Prozent weiblichen Studierenden des von ihm verantworteten Masterstudiengangs "Sustainability, Society and the Environment", dass Frauen ein großes Interesse an nachhaltigen und sozialunternehmerischen Gründungen haben.

Im Sommer ließ die Akademie erste Lehrangebote als Versuchsballons starten. Heraus kam, dass die Interessierten wie erhofft jeweils etwa zur Hälfte aus der Uni und anderen Bereichen der Gesellschaft kamen.

Ein „vielversprechender Bildungsort zwischen Universität und Stadt“ ist die neue Akademie für die Kieler Bürgermeisterin Renate Treutel. Derweil freut sich Johannes Hartwig vom Wirtschaftsministerium des Landes, dass viele schleswig-holsteinische Gründungswillige zu nachhaltiger Entwicklung beitragen wollen und doppelt positives Potenzial damit verbunden ist. In konkreter finanzieller Unterstützung für die Akademie äußert sich dieses Wohlwollen noch bis einschließlich 2021. Ziel für Corves und Co. ist es aber, dass das Motto „Lernen, die Welt zu verändern“ in Kiel eine dauerhafte Adresse hat.

Schnäuzen auf Kieler Art: Das Projekt „änkerchief“

Manchmal ist es ganz einfach, die Welt zu verbessern. Colja de Cuveland ist ein Fan von Stofftaschentüchern. Die ewig fusselnden und überall herumflatternden Schnäuz-Utensilien aus Papier erscheinen ihm nervig und obendrein alles andere als nachhaltig. „Ich find’s aber genauso doof, dass die Stofftücher, die man kaufen kann, entweder sehr hässlich oder sehr teuer sind“, beschreibt der Student an der Kieler „School of Sustainibility“ den Ursprung des inzwischen zur GbR gewordenen Studienprojekts „änkerchief“. In dem Namen steckt einerseits das englische Wort handkerchief für Taschentuch, erklärt Mitstreiterin Neda Puskarica-Stojanovic, und auf der anderen Seite der im maritimen Herstellungsort Kiel fest etablierte Anker. Mit Lisa Brucia als dritter Studierender im Bunde und Christina Anders als Talent an der Nähmaschine ist die Mini-Firma inzwischen in die Produktion gegangen und hat vor allem über den „Unverpackt“-Laden die erste Charge viel schneller als erwartet verkauft. Eine weitere Charge ist jetzt zusätzlich auch nach Flensburg und Lübeck unterwegs. Ein Teil der Einnahmen geht an das Moorfuture-Projekt zur Wiedervernässung des Königsmoors, und auch sonst ist das Team hinter den je nach Größe vier bis fünf Euro teuren Taschentüchern rundum nachhaltig unterwegs. Beim Stoff handelt es sich um Reste, die sonst weggeworfen würden, die Wäsche schlägt praktisch gar nicht zu Buche, weil es sich nach aller Lebenserfahrung immer um eine Beigabe in die ohnehin gefüllte Maschine handelt.

Die Akademie für Social Entrepreneurship wartet derzeit auch, aber nicht nur wegen Corona überwiegend mit fast durchweg kostenfreien Lehrangeboten per Internet auf.

PROGRAMM DER AKADEMIE FÜR SOCIAL ENTREPRENEURSHIP

Text: Martin Geist

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© Akademie für Social Entrepreneurship

Die neue Kieler Akademie für Social Entrepreneurship bietet ein breites Programm für nachhaltige Gründerinnen und Gründer.

Portrait von Professor Corves
© Sean Castineira Corves

Erhielt jüngst den Ars legendi-Preis für die „Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements von Studierenden": yooweedoo-Gründer und Initiator der Akademie für Social Entrepreneurship Professor Christoph Corves, Geographisches Institut der CAU.

Taschentücher von änkerchief
© änkerchief

Die GbR „änkerchief“, die nachhaltige, bezahlbare Stofftaschentücher herstellt, wurde von Studierenden an der Kiel School of Sustainability ins Leben gerufen.

Kontakt:

Prof. Christoph Corves
Kiel School of Sustainability an der CAU
corves@geographie.uni-kiel.de

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