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Gemeinsam den Mikroorganismen auf der Spur

Internationale Zusammenarbeit wird an der Kieler Universität großgeschrieben. In der Mikrobiologie reicht diese bis nach Äthiopien. Das hat jedoch nicht nur wissenschaftliche Gründe.

© Prof. Ruth Schmitz-Streit

Studierende der Universität in Addis Abeba im Labor während des praktischen Teils des mikrobiologischen Workshops. Die Kieler Professorin Ruth Schmitz-Streit hält regelmäßig Workshops in Äthiopien ab.

»Äthiopien ist ein faszinierendes Land und ein Land der Gegensätze«, schwärmt Ruth Schmitz-Streit, Professorin am Institut für Allgemeine Mikrobiologie. Es ist ein Land, in dem Reste der Hochkultur aus der Salomonischen Dynastie – die vom biblischen König Salomon abstammen soll – zu bewundern sind, in dem mit »Lucy« eine der frühesten Vorfahrin des Menschen gefunden wurde, aber auch ein Land, in dem bittere Armut und kriegerische Konflikte herrschen.

Auch die Landschaft besticht durch Gegensätze: Grüne Landschaften mit Bergen und Tälern wechseln sich ab mit kargen Landstrichen und unwirtlichen Wüsten. Es gibt aktive Vulkane, heiße Quellen und Salzseen. »Genau diese ökologische Vielfalt macht das ostafrikanische Land für Mikrobiologinnen und Mikrobiologen so interessant«, sagt Schmitz-Streit und erklärt: »Äthiopien ist extrem reich an Naturressourcen. Es gibt aufgrund der oft einzigartigen ökologischen Bedingungen unter anderem interessante Mikroorganismen und Biomoleküle, die es in Deutschland nicht gibt.« Nur fehlten oftmals die Mittel, diese wissenschaftlich zu erforschen und zu nutzen, so die Professorin, die mit der internationalen Zusammenarbeit ihr Wissen weitergeben und gleichzeitig – zusammen mit den Fachleuten vor Ort – die Mikroorganismen erforschen möchte.

Enzyme können dafür sorgen, dass Plastik abgebaut wird oder dass Pflanzen besser Nährstoffe aufnehmen können.

Professorin Ruth Schmitz-Streit

Der rege Austausch zwischen Kiel und Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, besteht seit 2009. Damals hatten Schmitz-Streit und ihr Ehemann Professor Wolfgang Streit, der im Fachbereich Biologie am Institut für Pflanzenwissenschaften und Mikrobiologie an der Universität Hamburg tätig ist, ein Kind aus Äthiopien adoptiert und sich daraufhin noch näher mit dem ostafrikanischen Land beschäftigt. Seitdem setzt sich das Paar auch beruflich mit viel Engagement und Herzblut für die Zusammenarbeit mit den Universitäten des Landes und die Ausbildung der Studierenden ein. Über DAAD-Stipendien haben bereits einige Doktorandinnen und Doktoranden aus Äthiopien in Kiel und Hamburg geforscht. Mehrfach haben Schmitz-Streit und ihr Gatte – zum Teil sogar während ihres Urlaubs und auf eigene Kosten – Vorträge an der Universität in Addis Abeba gehalten und im Land mit Studierenden Proben gesammelt.

Der jüngste Workshop an der Universität in Addis Abeba hat in den Osterferien stattgefunden. »Da drehte sich alles um Biotechnologie, dazu gab es theoretische Einführungen und praktische Versuche«, erklärt die Mikrobiologin. Die Aufgabe der Studierenden war es – kurz gesagt –, molekularbiologisch wichtige Enzyme mittels heimischer Mikroorganismen herzustellen, um anschließend damit zu forschen. Wie man eine bessere Lagerfähigkeit der Enzyme erzielt oder eine gute Wirksamkeit bei sehr hohen und sehr niedrigen Temperaturen, sind typische Forschungsfragen.

»Die Ergebnisse sind sowohl für die Wissenschaft als auch für die Industrie wichtig«, erklärt Schmitz-Streit. Denn Enzyme dienen als Katalysatoren für chemische Reaktionen. Im menschlichen Körper setzen sie unter anderem die Verdauung in Gang. Im Waschmittel eingesetzt spalten sie Eiweiße, Fette und Stärke – Bestandteile vieler Flecken – und sorgen für Sauberkeit – bei 95 Grad wie im kalten Wollwaschprogramm. »Enzyme können dafür sorgen, dass Plastik abgebaut wird oder dass Pflanzen besser Nährstoffe aufnehmen können.« In beiden Bereichen werde derzeit geforscht, in Äthiopien wie in Schleswig-Holstein. Dabei helfen die Mikroorganismen aus Afrika, denn sie sind aufgrund der landschaftlichen und klimatischen Beschaffenheit des Landes andere, extremere Bedingungen wie zum Beispiel höhere Temperaturen gewohnt.

Auf andere Bedingungen musste sich auch Schmitz-Streit bei ihren Workshops in Äthiopien einstellen. »Mal gab es keinen Strom, mal drei Tage lang kein Wasser, mal ging das Internet, mal nicht. Daran muss man sich gewöhnen«, sagt die Professorin. Die Geräte vor Ort seinen durchaus gut. Doch es fehle an Wissen, diese zu bedienen. »Trotz der Umstände sind die Studierenden fleißig, enthusiastisch und motiviert. Das ist es, was mich bewegt, meine Erfahrungen weiterzugeben.« Nicht nur als Privatperson, sondern auch über die Universität Kiel. Die Universität in Addis Abeba habe Interesse an einer festen Zusammenarbeit, an Interaktion und Studierendenaustausch, sagt sie. Und auch die Kieler Mikrobiologinnen und Mikrobiologen sind an einer weiterführenden Kooperation interessiert. Doch nicht immer klappt der Austausch wie gehofft: »Eigentlich sollte jetzt ein Kollege und Freund aus der Universität Addis Abeba in Kiel sitzen und mit uns forschen«, erklärt die Mikrobiologin, die den Professor bereits während seiner Promotion kennengelernt hat. Ein halbes Jahr verbrachte er damals in Kiel. Eine Fortsetzung der Zusammenarbeit vor Ort war jedoch nicht möglich: »Ihm wurde kurzfristig das Visum verweigert.« Für Schmitz-Streit ist das – neben dem zeitlichen und finanziellen Aufwand, bereits gebuchte und bezahlte Flüge und das angemietete Appartement in Kiel zu stornieren – eine echte Enttäuschung. »Aber so ist das leider im Leben und in der Wissenschaft. Rückschläge gehören dazu. Aber wir bereiten schon einen Projektantrag über einen internationalen Stipendiengeber vor, so leicht geben wir nicht auf!«

Autorin: Jennifer Ruske

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