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Der Faktor Arbeit

Die Wurzeln sozialer Ungleichheit reichen bis weit in unsere Vergangenheit zurück. Ihre Ursachen und ihren Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung zu untersuchen, ist eines der Kernthemen im Exzellenzcluster ROOTS.

Knieende Person in einem Getreidefeld
© Angelika Hoffmann

Zur Ermittlung des Arbeitsaufwandes erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie hier auf einem Versuchsfeld im Steinzeitpark Warder unter Einsatz prähistorischer Methoden den Anbau und die Ernte von Getreide.

Vor ungefähr 12.000 Jahren, so wird vermutet, begann die sogenannte »neolithische Revolution«: Jäger und Sammler, die die Landschaft auf der Suche nach Nahrung durchstreiften, ließen sich nieder und begannen, Felder zu bestellen und Vieh zu halten. Diese grundlegende Änderung der Lebensweise ist eine der großen Transformationen in der Geschichte der Menschheit und der Ausgangspunkt für unsere heutige Lebensweise.

Mit der Sesshaftwerdung und der damit verbundenen Entwicklung der Landwirtschaft begann auch die Geschichte der Arbeit, an deren Erfolg das Überleben seit der Jungsteinzeit gebunden ist. Wie viel Zeit verbrachten unsere Vorfahren mit der Bewirtschaftung der Felder und der Viehhaltung, mit häuslichen Tätigkeiten wie der Nahrungsaufbereitung, mit der Pflege von Kindern und Kranken oder mit der Herstellung von Werkzeugen und Grabbeigaben? Mit der Rekonstruktion dieser Arbeiten und der dafür aufgewendeten Zeit beschäftigt sich Privatdozent Dr. Tim Kerig, der seit August 2019 im Exzellenzcluster ROOTS der Kieler Universität zu den Ursachen und der Entwicklung sozialer Ungleichheit forscht.

Der Archäologe erläutert: »Zunächst schauen wir uns, wie bei jeder archäologischen Rekonstruktion, die Funde genau an. Die Beschaffenheit der Artefakte, die zu ihrer Herstellung offensichtlich eingesetzten Ressourcen und schließlich ihre Fundkontexte wie auch ihre absolute Zahl erlauben Aussagen zu Umfang sowie Art und Weise der Produktion.« Experimente, in denen versucht wird, urgeschichtliche Praktiken nachzuvollziehen, und die Beobachtungen von Völkerkundlern bei indigenen Völkern liefern weitere Erkenntnisse.

Das Ergebnis sind Zahlen, die manchmal verblüffen, weil sie im Leben der meisten nicht mehr vorkommen: So hat in der Jungsteinzeit ein Haushalt mit acht Personen auf das Entspelzen des Getreides, also das Entfernen des für den menschlichen Organismus unverdaulichen Häutchens um das Korn, etwa 1.000 Stunden im Jahr verwendet. Das sind 125 Arbeitstage oder mehrere Stunden am Tag. »Schwer vorstellbar, wenn man mit dem Bäcker an der Ecke aufgewachsen ist", so Kerig.

»Die Ermittlung des Arbeitsaufwandes ist ein Korrektiv, um die eigenen Bewertungen zurückzunehmen«, sagt Kerig weiter. »Das Umrechnen von Funden in Arbeitszeit kann zu einer Umbewertung unserer heutigen Sichtweise führen.«

Was hat das mit sozialer Ungleichheit zu tun? Kerig: »Nur, wenn wir eine Idee haben, welchen Wert die Dinge zu ihrer Zeit hatten, können wir Aussagen zu arm und reich machen". Soziale Unterschiede zwischen Menschen lassen sich nicht direkt messen. Sie können nur über Stellvertreterwerte, sogenannte Proxies, ermittelt werden. Der über den Arbeitsaufwand ermittelte Wert von Gegenständen und Tätigkeiten ist einer dieser Proxies. Aber um ein umfassendes Bild des sozialen Gefüges vergangener Gesellschaften zu rekonstruieren, bezieht Kerig auch diverse andere Variablen in seine Untersuchungen ein. Die Größe von Häusern und Wohnraum, die Qualität des Ackerbodens oder die Nähe zu Ressourcen wie Wasser oder Holz geben ebenfalls einen Aufschluss über den sozialen Status einer Person.

»Ich verfolge einen Multi-Proxy-Ansatz«, erklärt er. »Mein Ziel ist es, einen multidimensionalen Raum abzubilden, in dem jeder dieser Proxies eine Achse ist. In so einem Raum lassen sich unterschiedliche archäologische Fundstätten, Kulturen oder Epochen anordnen und miteinander vergleichen.« Der Wissenschaftler möchte damit erklären, wo, wann und warum grundlegende soziale Veränderungen auftraten. Diese Erkenntnisse sollen nicht nur dazu beitragen, die Vergangenheit zu verstehen. Kerig ist sich sicher: »Das Wissen um die Ausprägung und Dynamik sozialer Ungleichheit fördert auch unser Verständnis von sozialer Ungleichheit und ihren Konsequenzen in der Gegenwart.«

Autorin: Angelika Hoffmann

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