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Mit Rückstand in die zweite Halbzeit

Um die Erderwärmung auf unter 1,5 Grad zu halten, kommen wir um gezielte großräumige Eingriffe in das Klimasystem nicht herum. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt hat die öffentliche Akzeptanz dieser Maßnahmen im Vergleich zur Vermeidung von CO2-Emissionen untersucht.

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CO2-Steuer, erneuerbare Energien, kostenloser Nahverkehr – um den Klimawandel aufzuhalten, werden viele Maßnahmen zur Mitigation, zur Minderung, von Kohlenstoffdioxidemissionen diskutiert. Den Ausstoß umgehend drastisch zu senken, reicht laut Weltklimarat jedoch nicht aus, um die Erderwärmung auf unter 1,5 Grad zu halten. Zusätzlich muss eine große Menge an CO2 aus der Atmosphäre herausgefiltert werden. Doch wie sieht die Akzeptanz dieser Techniken in der Gesellschaft aus?

Im interdisziplinären Forschungsprojekt „Trade-offs zwischen Mitigation und Climate Engineering: eine interdisziplinäre Untersuchung“ (TOMACE) haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Uni Kiel gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen weiterer Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen sich diesem Thema gewidmet. Sie untersuchten, wie die Bevölkerung die verschiedenen Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels gegeneinander abwägt und was ihre Beweggründe bei diesem Aushandlungsprozess, dem Trade-off sind. Damit erweitern sie die von Expertinnen und Experten dominierte Debatte um die Sicht von Laien.

Der Emissionsvermeidung stehen groß angelegte technische Maßnahmen gegenüber, die den Klimawandel bremsen sollen. Sie werden unter dem Begriff Climate Engineering (CE) zusammengefasst. Die beiden grundlegenden Strategien des CE sind Carbon Dioxide Removal (CDR), wodurch Kohlendioxid aus der Luft entnommen wird, und Solar Radiation Management (SRM, Strahlungsmanagement), das die Einstrahlung von Sonnenenergie auf die Erde verringert.

Zu den CDR-Maßnahmen zählt, schnell wachsende Pflanzen anzubauen, die der Luft CO2 entziehen. Werden sie verbrannt, kann das gefilterte CO2 abgefangen und langfristig gespeichert werden. Dieses Verfahren gehört zu den Methoden, die als BECCS (Bioenergy Carbon Capture and Storage) bezeichnet werden. Dafür kommen etwa Chinaschilf und Weiden in Frage. Für einen wirksamen Einfluss auf die CO2-Menge müssten die Energiepflanzen großflächig angebaut werden. „Damit haben wir sofort einen anderen Aushandlungsprozess“, erklärt Dr. Konrad Ott, Kieler Professor für Philosophie und Ethik der Umwelt. „Denn gleichzeitig darf die Ernährungssicherheit einer wachsenden Weltbevölkerung nicht durch fehlende Ackerflächen aufs Spiel gesetzt werden.“

Die bekannteste und am häufigsten diskutierte Technologie im Bereich des SRM ist die Einbringung von reflektierenden Partikeln – sogenannten Aerosolen – in die Stratosphäre, etwa 21 Kilometer über unseren Köpfen. So wird mehr Sonnenlicht zurück in den Weltraum abgestrahlt und der Treibhauseffekt verringert. „Diese Technik müsste man global und über einen langen Zeitraum anwenden – also auch künftige Generationen mit in die Pflicht nehmen“, sagt Dr. Christine Merk vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. „Daher ist es auch aus ethischer Sicht ein sehr spannendes Thema.“

Um die verschiedenen CE-Maßnahmen gegeneinander abwägen zu können, muss auch beachtet werden, dass die diskutierten SRM-Methoden bisher nicht in der Praxis existieren und ihre Potenziale und Nebenwirkungen bei großflächiger Anwendung unklar sind. Auch CDR-Maßnahmen entfalten keine schnelle Wirkung. „Die Entwicklung und Umsetzung könnte noch eine ganze Weile dauern“, sagt Merk. „Das ist Zeit, die wir nicht haben.“ Bis 2050 sollen einem Plan der UN-Klimakonferenz zufolge die Treibhausgasemissionen um mindestens 80 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 gesenkt werden. „Was wir jetzt tun müssen, ist eine Aufholjagd für 30 Jahre, die wir verpasst haben“, sagt Ott.

Die Forscherinnen und Forscher im TOMACE-Projekt haben Menschen in groß angelegten Online-Umfragen bis hin zu einem kleinen Bürgerforum befragt. Die Teilnehmenden wurden jeweils über die verschiedenen Maßnahmen sowie ihre Vor- und Nachteile informiert. „Wir haben festgestellt, dass die Menschen eher dazu bereit sind, ihre CO2-Emissionen zu verringern, wenn sie über die CE-Technologien Bescheid wissen“, sagt Merk. In der Online-Umfrage haben sie dann häufiger sogenannte CO2-Zertifikate gekauft, mit denen an anderer Stelle investiert wird, um Kohlenstoffemissionen einzusparen.

Im Bürgerforum haben sie versucht, Auswege zu finden. „Das Ergebnis war, dass die Forumsteilnehmenden versucht haben, sich an einen rettenden Strohhalm zu klammern“, erzählt Professorin Katrin Rehdanz, Direktorin des Instituts für Umwelt-, Ressourcen- und Regionalökonomik. Da die Gruppe den CE-Methoden eher ablehnend gegenüberstand, aber trotzdem das 1,5- oder 2-Grad-Ziel einhalten wollte, hat sie sich auf alternative Maßnahmen konzentriert. Über die hatte sie jedoch kaum Informationen und hat ihnen ein viel größeres Potenzial beigemessen, als realistisch ist. „Interessant war auch, dass die Menschen sich größtenteils vorher über den Klimawandel schlecht informiert gefühlt haben“, ergänzt Merk. „Es muss also immer noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.“

Autorin: Marina Kosmalla

Trade-offs zwischen Mitigation und Climate Engineering

TOMACE ist Teil des 2013 gegründeten und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft über sechs Jahre geförderten Schwerpunktprogramms „Climate Engineering: Risks, Challenges, Opportunities?“ (SPP 1689). Es verbindet drei Disziplinen und ihre Forschungsmethoden: Umwelt- und Verhaltensökonomie, Umweltethik und Umweltpsychologie.
 www.spp-climate-engineering.de/tomace-339.html   mko
 

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