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Ass fei dei Dallala laa!

Verena Sauer hat in ihrer Dissertation untersucht, wie sich der thüringisch-bayerische Grenzdialekt Itzgründisch zwischen 1930 und 2014 entwickelt hat. Mit ihren Ergebnissen widerlegte sie den aktuellen Stand der Dialektforschung – was ihr einen wissenschaftlichen Preis einbrachte.

Verena Sauer
© Farah Claußen, CAU

Verena Sauer erforscht von Kiel aus die deutsche Dialektlandschaft, insbesondere ihren ostfränkischen Heimatdialekt Itzgründisch.

Itzgründisch ist ein kleiner, ostfränkischer Dialekt, dessen Namensgeber ein Nebenfluss des Mains, die Itz, ist. Gesprochen wird er von schätzungsweise 90.000 Personen in Südthüringen und Oberfranken in Nordbayern. Eine dieser Sprecherinnen ist Dr. Verena Sauer vom Germanistischen Seminar der Uni Kiel. In ihrer Dissertation untersuchte sie, ob sich die Mundart seit den 1930er Jahren verändert hat – denn mitten durch das Dialektgebiet verlief nach dem Zweiten Weltkrieg die deutsch-deutsche Grenze.

Aufgewachsen ist Sauer im Landkreis Sonneberg in Südthüringen. Sie konnte Itzgründisch, noch bevor sie Hochdeutsch sprach. »In Süddeutschland ist das weit verbreitet. Man lernt zuerst den heimischen Dialekt und fängt erst im Kindergartenalter an, Hochdeutsch zu sprechen. Mit meiner Oma spreche ich auch heute nur Dialekt, mit meinen Eltern unterhalte ich mich gemixt«, erzählt sie.

Bereits im Studium in Dresden stieß Sauer auf eine 2015 publizierte Studie aus Passau, in der umfangreiche Daten über die Dialektlandschaft entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze erhoben worden waren, darunter auch Itzgründisch. Gemäß der Studie habe sich der Dialekt im thüringischen Teil zu DDR-Zeiten anders entwickelt als im bayerischen. »Da ich die Varietät selbst spreche, wusste ich, dass das nicht stimmen kann«, sagt die Germanistin. Um zu überprüfen, ob die politische Grenze auch eine sprachliche Trennung zur Folge hatte, nahm sie den Dialekt in ihrer Doktorarbeit genauer unter die Lupe.

Für ihre wissenschaftliche Untersuchung nahm sie den Dialekt von 67 Einheimischen aus den Landkreisen Sonneberg und Coburg auf – und bat sie dann, sprachliche Unterschiede zu benennen. Dazu spielte sie ihnen jeweils vier Sprachaufnahmen aus den 1930er, 60er, 90er Jahren sowie aus dem Jahr 2014 vor. Da es für die Befragten keine hörbaren Unterschiede gab, schlussfolgerte Sauer, dass sich das Itzgründische zumindest in den vergangenen acht Jahrzehnten nicht auseinanderentwickelt hat, sondern konstant geblieben ist. Gründe sieht sie darin, »dass beide Gebiete auch zu DDR-Zeiten von anderen sprachlichen Einflüssen isoliert waren« und nimmt an, dass das auf die seit mehr als 800 Jahren gemeinsame (Sprach-)Kultur zurückzuführen sei. »Darauf hatte selbst die politische innerdeutsche Grenze keinen Einfluss«, so die Sprachforscherin.

Mit meiner Oma spreche ich auch heute nur Dialekt.

Verena Sauer

Aber wie kam die Thüringerin überhaupt nach Kiel? Ihre Promotion nahm sie in Dresden auf und beendete sie im Herbst 2018 an der Uni Kiel. Für den Norden entschied sie sich, weil hier die Möglichkeit bestand, nach der Promotion weiter zu forschen. Inzwischen untersucht sie, welche Einstellungen Schriftsteller des 16., 17. und 18. Jahrhunderts zur deutschen Sprache hatten und welcher Dialekt der Schriftsprache maßgeblich zugrunde lag.

»Als ich 2016 nach Kiel kam, hörten natürlich alle, dass ich nicht von hier stamme«, sagt sie. »Da ich in Sonneberg immer vom Itzgründischen umgeben war, fiel es mir anfangs schwer, fränkische Sprachmerkmale wie das dunkel gesprochene A oder das rollende R abzulegen.« Das R rollt sie inzwischen nicht mehr, benutzt aber hin und wieder Begriffe ihrer Varietät.

»Man begrüßt sich mit Diener, der deutschen Übersetzung des lateinischen Wortes Servus. Andere Wörter sind Klüesla (Klöschen) oder Meadla (Mädchen)«, nennt Sauer Beispiele. Dabei fällt auf, dass oft Verniedlichungsformen benutzt werden. »Wörter zu verniedlichen ist typisch für das Itzgründische. Man hängt einfach die Endung -la an das Substantiv – auch wenn man nicht von etwas in kleinerem Maßstab, sondern über die normale Größe von etwas redet«, erklärt sie und spricht einen richtigen Zungenbrecher: »Ass fei dei Dallala laa!« (Iss dein Tellerchen leer!).

Anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls gibt es wieder ein gesteigertes wissenschaftliches Interesse an den Grenzdialekten. Für ihre Forschung erhielt Sauer im September 2019 den mit 1.000 Euro dotierten Peter von Polenz-Preis der Gesellschaft für germanistische Sprachgeschichte. Seit 2013 wird der Förderpreis alle zwei Jahre an die beste Dissertation im Fachgebiet vergeben.

Autorin: Farah Claußen

Sauer, Verena: Dialektgrenzen – Grenzdialekte. Die Struktur der itzgründischen Dialektlandschaft an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. de Gruyter, Berlin 2018

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