Den Norden im Fokus

Zu den skandinavischen Ländern pflegt die Kieler Universität eine besondere Beziehung. Die Historikerin Dr. Caroline Elisabeth Weber ist der Frage nach dem Warum der Beziehungsgeschichte nachgegangen.

Drei skandinavische Fahnen flattern im Wind
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Um die Beziehung zwischen der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und den skandinavischen Ländern dreht sich die Doktorarbeit der Historikerin Caroline Weber.

Skandinavien steht seit Kriegsende 1945 im besonderen Fokus der Auslandsbeziehungen der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Wie sich diese gestalten und was die Profilschärfung für die Kieler Universität bedeutet, hat Regionalhistorikerin Dr. Caroline Elisabeth Weber im Rahmen ihrer Doktorarbeit an der Kieler Universität (Doktorvater: Professor Oliver Auge) umfassend recherchiert. Das Buch dazu ist vor Kurzem erschienen.

Die CAU hat eine historisch gewachsene Beziehung zu Skandinavien, angefangen bei den dynastischen Verbindungen des Universitätsgründers Christian Albrecht von Schleswig-Holstein-Gottorf zum dänischen Königshaus. Im Verlauf ihrer Geschichte erfüllten die Bande nach Dänemark und Skandinavien unterschiedliche Funktionen. Während heute eher auf die Gemeinsamkeiten wie die Zugehörigkeit der Herzogtümer zum dänischen Gesamtstaat aufmerksam gemacht wird, standen der Deutsch-Dänische Krieg 1864, die Grenzabstimmungen 1920 und natürlich Deutschlands Rolle in den Weltkriegen einem harmonischen Verhältnis mehrfach im Weg. »Der Universität gelang es aber in der Nachkriegszeit langsam, die für die Arbeit und die Forschung so wichtigen wissenschaftlichen Auslandskontakte wieder aufzunehmen. Die skandinavischen Länder gehören ob der unmittelbaren Nachbarschaft zu Schleswig-Holstein und der langen gemeinsamen Geschichte zu den ersten Ländern, mit denen man Gespräche suchte«, erklärt Weber.

Die CAU war damit bundesweit die erste Universität mit einer solchen Schwerpunktregion.

Caroline Elisabeth Weber

Das war auch der Grund, warum Skandinavien fach- und fakultätsübergreifend zu einem internationalen Schwerpunkt der universitären Auslandsbeziehungen wurde – was 1973 sogar im ersten Landeshochschulgesetz verankert wurde. »Die CAU war damit bundesweit die erste Universität mit einer solchen Schwerpunktregion«, sagt die inzwischen an der Süddänischen Universität (SDU) im Zentrum für Grenzregionenforschung tätige Historikerin. Der Fokus »Norden« lässt sich durch eine – im Vergleich zu anderen Auslandskontakten der Universität – größere Zahl von (Sonder-)Forschungsprojekten, Sondersammlungen, Einrichtungen und Professuren belegen. Gleiches gilt für Pressemitteilungen und Imagebroschüren der Universität, die der Öffentlichkeit den skandinavischen Schwerpunkt und dessen Historie immer wieder vermitteln.

Portraitbild von Caroline Weber
© Dr. Katja Hillebrandt

Caroline Elisabeth Weber

[Foto Weber]

Es gibt zwar eine lange Beziehung zwischen Schleswig-Holstein und den skandinavischen Ländern. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg war der Weg zum guten wissenschaftlichen Miteinander über die Landesgrenzen hinweg kein einfacher: Erste Kontakte gab es ab 1947 und vermehrt in den 1950er Jahren durch Studierende. »Die jungen Menschen reisten zu Sportwettbewerben und für Theater-Gastspiele nach Schweden. Zwar gab es damals in der schwedischen Presse große Diskussionen darüber, ob man sich die Aufführung der Kieler Studentenbühne anschauen sollte, doch die Menschen sehnten sich nach Normalität – und dazu gehörten Kunst und Sport«, erzählt Weber. Durch Besuche und Gegenbesuche entstanden die ersten persönlichen Kontakte – abseits von Fakultäten. Institutionell wurde der Austausch in den 1950er Jahren: Weil in Norwegen das Studium der Zahnmedizin nicht möglich war, kamen die jungen Menschen nach Kiel. »Und das in einer solchen Zahl, dass sich mancher scherzhaft wunderte, dass die Seminare nicht auf Norwegisch gehalten wurden«, hat Weber erfahren.

1965, zum 300. Jahrestag der Gründung, hatte sich die Universität in der internationalen Wissenschaftsgemeinde wieder vollständig rehabilitiert. »Das zeigte sich auch in der großen Zahl der Auslandskontakte«, so Weber. Beim Jubiläumsfest wurde die Verbindung zum Norden sehr deutlich: Das Präsidium verlieh die Ehrenbürgerschaft der Universität an Skandinavien und richtete eine ständige dänische Gastprofessur ein, die alle Fachbereiche umfasste – und bis heute als skandinavische Gastprofessur gepflegt wird. Weitere Einrichtungen wie das Zentrum für Nordische Studien, das studentische Wohnheim Deutsch-Nordische Burse und andere Projekte folgten. »Nicht alles davon hat bis heute Bestand, nicht alle Ideen wurden umgesetzt«, sagt Weber. Dennoch werde eine Profilschärfung der CAU deutlich.

Autor: Jennifer Ruske


Zum Weiterlesen: Caroline Elisabeth Weber: Allen Ländern Skandinaviens und des Ostseeraums besonders verbunden. Kieler Schriften zur Regionalgeschichte Band 7. Wachholtz Verlag Kiel 2021.

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