Präparierkurse wieder in Präsenz – mit digitalem Mehrwert

Das Präparieren von Körperspenden gehört zu den elementaren Lehrinhalten im Medizin- und Zahnmedizinstudium. Nach der pandemiebedingten Online-Version fand der »Präp-Kurs« im Sommersemester wieder in Präsenz statt. Neu entwickelte Livestream-Formate bereichern weiterhin die Lehre.

Zwei sitzende und eine liegende Person in einem Labor
© Anatomisches Institut, Uni Kiel

Online-Live-Demonstrationen aus dem OP-Saal mit Hilfe eines Ultraschallgerätes ergänzen die klassischen »Präp«-Kurse in der Medizin und Zahnmedizin.

Die »Präp-Kurse« der Makroskopischen Anatomie im dritten Semester haben Generationen von Medizin- und Zahnmedizin-Studierenden geprägt. Sie markieren eine Zäsur innerhalb des Studiums, denn erstmals bekommen angehende Ärzte, Ärztinnen, Zahnärztinnen und Zahnärzte direkten Kontakt zum menschlichen Körper und dessen Organen: Sie präparieren gruppenweise Körperspenden Verstorbener, die diese zu Lebzeiten für die Lehre und Wissenschaft der Medizin gespendet haben. »Als klar war, dass wir die Präsenzkurse wegen Corona nicht mehr anbieten können, stellte sich uns am Institut eine elementare Frage: Kann man künftigen Medizinerinnen und Medizinern die Anatomie des Menschen angemessen in einer Zoom-Konferenz vermitteln?«, berichtet Professor Thilo Wedel, Direktor des Anatomischen Instituts.

Klar sei nach mehr als zwei Jahren Erfahrungen mit Online-Formaten: »Die Vermittlung in Zoom-Konferenzen mit über 200 Studierenden gleichzeitig haben wir technisch und didaktisch immer weiter verbessert. Doch es bleibt ein theoretisches Seminar, das sich vom praktischen Kursus im Präpariersaal deutlich unterscheidet«, betont Thilo Wedel. Denn Studierende lernen hier erstmals, den Körper und die inneren Organe zu »begreifen«. »Sie sehen und fühlen bei der Arbeit am Präpariertisch beispielsweise, wie die Organe im Bauchraum topografisch angeordnet sind. Dabei erlernen sie essenzielle Fähigkeiten mit Skalpell und Pinzette, die nicht nur spätere Chirurginnen und Chirurgen bei ihrer Arbeit benötigen«, ergänzt Professor Bodo Kurz, der mit Wedel das Zentrum für Klinische Anatomie leitet.

Die Studierenden erleben intensive acht Wochen, in denen sie sich täglich gruppenweise mit der Anatomie des Menschen auseinandersetzen. »Bei der Arbeit mit dem Körper einer oder eines Verstorbenen müssen sie zunächst Schwellenängste überwinden. Auch ethische Fragen zu Leben und Tod stehen dabei im Raum. Nach kurzer Eingewöhnungszeit ändert sich die innere Einstellung und es überwiegt die wissenschaftliche Neugierde«, berichtet Dr. Tillmann Heinze, der mit seinen ärztlichen Kolleginnen und Kollegen die Präp-Kurse betreut. Wertvoll für das tiefere Verständnis der Anatomie seien zudem die lebhaften Diskussionen, die unter den Studierenden an den Präpariertischen entstehen. Studentische Tutorinnen und Tutoren und die Kursleitung könnten für Problemlösungen schnell hinzugezogen werden.

Diese praktischen, ethischen und zwischenmenschlichen Erfahrungen habe man in den Online-Kursen kaum vermitteln können. »Das fachliche Wissen dagegen können wir inzwischen gut über den Livestream weitergeben«, erläutert Heinze. Doch im Kreis der Lehrenden am Anatomischen Institut sei man sich einig, dass die Präparierkurse in Präsenz nicht ersetzbar seien, meint Professor Wedel und ergänzt: »Bei allem Bestreben, wieder in die Präsenzlehre zurückzukehren, werden solche Online-Formate, die sich während der Pandemie didaktisch bewährt haben, ihren Stellenwert auch in der Post-Corona-Ära behalten.«

Die praktischen Präparierarbeiten wurden an der Kieler Universität schon zuvor durch zahlreiche Veranstaltungen ergänzt, die die klinischen Bezüge der Anatomie veranschaulichen sollten. »Erstmals haben wir im Frühjahr 2022 erfahrene Klinikerinnen und Kliniker verschiedener Fachrichtungen eingeladen, ausschließlich online exemplarisch Erkrankungen oder Operationsmethoden vorzustellen.« Eine weitere Neuerung »dank« Corona, die weitergeführt werden soll, seien Online-Live-Demonstrationen aus dem OP-Saal mit Hilfe eines neu angeschafften Ultraschallgerätes: »Dabei stellt sich eine oder einer der Studierenden als ‚Untersuchungsobjekt‘ zur Verfügung, um die klinische Bildgebung der menschlichen Anatomie beispielhaft zu veranschaulichen«, berichtet Heinze, der dieses neue Lehrmodul zusammen mit Dr. Marvin Heimke etabliert hat. So erhalten die Studierenden via Livestream parallel zu den Präparationen, die sie zuvor selbst am Körperspender vorgenommen haben, weitergehende Einblicke in die Anatomie am Lebenden.

Autor: Joachim Welding

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