unizeit #99 Titelgrafik

Kriminalistisch-archäologische Spürarbeit

Welchen Einfluss hatte die Gesellschaft in der fernen Vergangenheit auf die Umwelt? Das erforscht die Ur- und Frühgeschichte im Exzellenzcluster „ROOTS“ (Wurzeln). Antworten lassen sich mithilfe von Seebohrungen finden.

Forschergruppe auf Eis
© W. Kirleis

Walter Dörfler, Jürgen Zahrer, Ingo Feeser und Stefan Dreibrodt bergen einen Bohrkern auf dem zugefrorenen Haddabyer Noor.

Wie lebte der Mensch vor 5.000 oder 10.000 Jahren? Was hat er gegessen? Und wie hat das Klima sein Leben beeinflusst? Antworten darauf lassen sich in natürlichen Archiven finden. Im neuen, fächerübergreifenden Exzellenzcluster „ROOTS“ der Kieler Universität untersucht Archäobotaniker Dr. Walter Dörfler vom Institut für Ur- und Frühgeschichte Sedimentproben aus aller Welt, um Zusammenhänge zwischen Gesellschaft und Umwelt in vergangenen Zeiten herauszufinden.

Bohrkern an Bohrkern findet sich im Labor der Ur- und Frühgeschichte. Sie zeigen – ähnlich wie bei den Jahresringen der Bäume – Schicht für Schicht auf, wie sich die Natur in vergangenen Jahrhunderten verändert hat. Ob es viel Wald gab oder ob Menschen Bäume gerodet haben, um Siedlungen zu bauen. Ob der Mensch von damals Jäger war oder von Ackerbau gelebt hat. Was er angebaut hat, lässt sich ebenfalls unter dem Mikroskop durch die Analyse der Pollen und mithilfe von chemischen oder geochemischen Untersuchungen ableiten. „Am besten konserviert sind diese Zeichen der Vergangenheit auf dem Grund von Seen“, erklärt Dörfler. Denn anders als an Land ist das Sediment am Grund des Gewässers in der Regel nicht durch Bautätigkeit verändert worden, sondern „über Jahrhunderte hinweg gut erhalten und bildet somit ein wunderbares Archiv für Archäobotaniker“. Für die Arbeit im neuen Exzellenzcluster wird das Team um Dörfler daher immer auch den Grund der Seen untersuchen – im Mittelmeerraum wie Griechenland und Spanien, aber auch im Norden. An der tiefsten Stelle werden Bohrkerne entnommen, an denen sich die Vergangenheit Stück für Stück ablesen lässt.
 

Am besten konserviert sind die Zeichen der Vergangenheit auf dem Grund von Seen.

Dr. Walter Dörfler
Mikroskopaufnahme
© Walter Dörfler

Pollenkörner der Kiefer, Hasel und Erle im Mikroskopischen Bild.

„Im Cluster beschäftigen wir uns besonders mit der Frage nach Gefährdungen – Hazards –, die das Zusammenspiel zwischen Gesellschaft und Umwelt beeinflusst haben“, sagt Dörfler. Für den Experten sind daher die letzten 11.000 Jahre interessant, weil sich seitdem der Ackerbau ausgebreitet hat, das heißt der Mensch stärker in die Natur eingegriffen hat. In Norddeutschland fand dies vor 6.000 Jahren statt. Dass Wälder gerodet und Felder angelegt wurden, lässt sich an Pollen ablesen, so Dörfler. Phasen eines Bevölkerungsrückgangs und der Waldregeneration lassen sich ebenfalls erkennen. Was hat diese ausgelöst? Welche Rolle spielte das Klima? Einiges lässt sich ablesen: „Warme Sommer zum Beispiel führen zu einer verstärkten Algenblüte, die sich im Sediment abgesetzt hat.“ Aber auch Vulkanausbrüche, zum Beispiel auf Island, infolge derer die Temperaturen weltweit sanken, kann der Experte anhand der Proben ableiten. Historische Unterlagen – wie Berichte über Fehlernten, kaltes Wetter oder eine ungewöhnlich rote Sonne – unterstützen die Aussagen der Fachleute für die jüngeren Epochen.

Anhand der Proben kann das Team um Dörfler auch Bevölkerungsentwicklungen rekonstruieren. „Es gibt Phasen, in denen die Zahl der Menschen sank, sei es durch Kriege, durch extreme Wetterereignisse und Ernteausfälle, durch mangelnde Ernährung oder andere Faktoren. Das Spannende ist, herauszufinden, woran genau das lag“, sagt Dörfler, der bei den Untersuchungen nicht allein ist. Fächerübergreifend wollen die Expertinnen und Experten im Exzellenzcluster „ROOTS“ vielen Fragen nach den Wurzeln unserer modernen Gesellschaft – ergebnisoffen – auf den Grund gehen. Noch sind die Fachleute dabei, Strukturen für die Zusammenarbeit, aber auch weitere Methoden und Messverfahren zu entwickeln, um Funde und Funddichte vergleichen, Muster erkennen und Schlüsse daraus ziehen zu können. „Das ist zum Teil richtige kriminalistisch-archäologische Spürarbeit“, sagt Dörfler. „Aber genau das macht meine Arbeit und die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen im Exzellenzcluster so spannend.“

Autorin: Jennifer Ruske

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