Wer trägt Verantwortung für Emissionen?

In der Interviewreihe »Unter Zwei« von klik – klima konzept 2030 äußern sich Menschen von der Uni Kiel, die sich mit Umwelt- und Klimaschutz befassen. Einer von ihnen ist Juniorprofessor Christian Baatz. Er forscht zu Klimaethik, Nachhaltigkeit und Globaler Gerechtigkeit.

Überfüllte Autobahn
© iStock/deepblue4you

2020 betrug der Treibhausgas-Ausstoß des Verkehrssektors laut Klimabilanz des Umweltbundesamtes 146 Millionen Tonnen CO2. Einen Großteil davon verursacht der Individualverkehr.

klik: Wieso ist es wichtig, dass sich die Ethik mit der Klimakrise beschäftigt?

Christian Baatz: Weil die Klimakrise im Kern, wie wahrscheinlich alle größeren gesellschaftlichen Krisen, eine ethische Krise ist. Die Ethik beschäftigt sich damit, wie die Gesellschaft, bestimmte Akteure oder Einzelpersonen auf eine solche globale Krise reagieren sollen. Außerdem behandelt sie zum Beispiel, wer wann wie stark und wie viele Treibhausgase reduzieren soll und was alternative oder additive Strategien sind. Man kann den Klimawandel mit verschiedenen »Brillen« der Philosophie betrachten.

Was unterscheidet die Gerechtigkeitsfrage der Klimakrise von anderen globalen Krisen?

Die Klimakrise ist insofern komplizierter, als dass die negativen Konsequenzen für Menschen nicht durch direkte Eingriffe anderer entstehen, sondern immer über klimatische und letztlich wetterbedingte Phänomene vermittelt sind. Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen den Treibhausgasen eines Akteurs und einem schädigenden Ereignis. Die Summe der Treibhausgase macht es zum Beispiel wahrscheinlicher, dass ein bestimmtes Extremwetterereignis auftritt. Wenn die negativen Auswirkungen des Klimawandels vermieden werden sollen, muss gesellschaftlich etwas passieren. Zum einen muss man die Ursache bekämpfen, indem weniger Treibhausgase emittiert werden. Zum anderen muss man sich an die klimatischen Veränderungen anpassen, sodass diese nicht mehr schädlich sind.

Sind denn alle Menschen gleichermaßen von der Klimakrise betroffen?

Im Fall der Klimakrise werden vor allem dort Schäden und damit auch Kosten verursacht, wo die Menschen sehr wenig zum Klimawandel beitragen. Sie trifft eher die Armen, Schwachen und Schutzlosen als die Wohlhabenden, welche sich entsprechend schützen können. Hingegen tragen die Wohlhabenden durch einen höheren Konsumstandard mehr zum Klimawandel bei. Es gibt somit eine Asymmetrie zwischen Verursachern und Betroffenen, was eine große Ungerechtigkeit darstellt. Wenn beispielsweise alle so leben würden wie die Menschen in der Sahelzone, gäbe es keinen menschgemachten Klimawandel. Zugleich sind die Menschen dort besonders stark vom Klimawandel betroffen.

Christian Baatz
© Jürgen Haacks, Uni Kiel

Christian Baatz

Welche Ansätze gibt es in der Klimaethik, um die Kosten der Klimakrise gerecht zu verteilen?

Dass sehr viele Menschen und Institutionen Verantwortung tragen, bedeutet nicht, dass alle im gleichen Ausmaß verantwortlich sind und identische Pflichten haben. Zum Beispiel greift das sogenannte Verursacherprinzip sowohl auf individueller als auch auf staatlicher Ebene. Vereinfacht gesagt: Je höher die Emissionen sind, desto größer ist die Pflicht, diese zu reduzieren und sonstige Lasten, beispielsweise für Anpassungsmaßnahmen, zu übernehmen. Problematisch ist es allerdings, das Verursacherprinzip auf historische Emissionen anzuwenden.

Welche Verantwortung tragen wir als Bürgerinnen und Bürger hinsichtlich der Klimakrise?

Die Frage der individuellen Verantwortung kann man unterschiedlich beantworten. Wenn man sich die Emissionen anschaut, die global über Jahrhunderte ausgestoßen worden sind, dann scheint mein individueller Beitrag irrelevant zu sein. Daraus könnte man schlussfolgern, dass man als Einzelperson keine Verantwortung hat, seine Emissionen zu reduzieren und man sich stattdessen eher politisch engagieren sollte, um die gesellschaftlichen Strukturen zu ändern. Die Gegenposition sagt, dass es eine Illusion ist zu glauben, dass bestimmte Emissionsmengen zu klein sind. Vielmehr sind es alles Beiträge zur Summe der Emissionen. Demnach hat man nicht nur die Pflicht, sich für einen Strukturwandel einzusetzen, sondern auch, die eigenen Emissionen so weit wie möglich zu reduzieren.

Das Interview führte Ravn Haid

Der Text aus der Interviewreihe »Unter Zwei« wurde für die unizeit gekürzt. Zur Langfassung: www.klik.uni-kiel.de/de/interviews

»Unter Zwei«

»Unter Zwei« ist eine Interviewreihe der Stabsstelle klik – klima konzept 2030, die die Universität auf dem Weg zur Klimaneutralität begleitet. Anfang 2021 erhielt das Format den neuen Titel – eine Anlehnung an das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens. »Wir wollen Umwelt- und Klimaschutz bei uns an der CAU durch die Menschen sichtbar machen, die sich als Forschende, im Wissenschaftsbetrieb, als Studierende oder Mitarbeitende mit dem Thema auf unterschiedliche Weise auseinandersetzen. Die Uni Kiel hat ein starkes nachhaltiges Profil im Betrieb, in der Wissenschaft und in der Lehre und Forschung«, erklärt Sebastian Starzynski, Leiter der Stabsstelle Umwelt an der CAU. Die Interviews werden von Studierenden geführt, die bei klik beteiligt sind. Vorschläge für spannende Interviewpartnerinnen und -partner sind dort immer willkommen. (apr)

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