Deutsch-russische Hochschulbeziehungen heuteVortrag zur Eröffnung der Plakatausstellungrussischer Hochschulen an der Universität Kiel, 1.11.1999
Meine Damen und Herren,
russisch-deutsche Hochschulbeziehungen haben gerade hier in Kiel eine lange Tradition. Haben doch sogar die Farben unserer Universität - Lila und Weiß - einen russischen Hintergrund: Die Zarin Katharina II., die damals das Gottdorfer Herzogtum regierte, erlaubte den Kieler Studenten, an ihren Hut einen Stoffschmuck in den Lieblingsfarben Katharinas - eben Lila und Weiß - anzustecken, wenn sie auf das Recht verzichteten, in der Stadt Waffen zu tragen. Katharina hat aber auch in anderer Weise sehr wohltuend auf die Kieler Universität Einfluß genommen: Sie hat z.B. den Etat der Universität beträchtlich erhöht, für die Wiederbesetzung vakanter Lehrstühle gesorgt und auch - bereits damals - auf eine Studienreform hingewirkt.
Das klingt schon erstaunlich modern, wenn sich auch die Akzente mittlerweile natürlich etwas verlagert haben: An die Stelle kaiserlichen Mäzenatentums sind vor allem Wissenschaftsstiftungen getreten, und auch Studienreformen müssen heute - ob in Rußland oder in Deutschland - in erster Linie von innen kommen. Gleichwohl sind intensive internationale Beziehungen für die Qualität von Forschung und Lehre an einer Hochschule heute vielleicht wichtiger als je zuvor. Hinzu kommt, und das gilt gerade auch für das Verhältnis zu Rußland, eine erhebliche politische Komponente der Hochschulbeziehungen: Es gibt für Deutschland wohl kaum ein effektiveres und langfristiger wirksames Mittel, um zur Stabilisierung der russischen Gesellschaft und Wirtschaft beizutragen, als eine breit gefächerte Zusammenarbeit im Hochschulbereich. Dies gilt für alle Ebenen einer solchen Zusammenarbeit: für russische Studierende, die Deutschland kennenlernen und meist schon nach kurzer Zeit in ihrer Heimat verantwortliche Positionen über-nehmen, ebenso wie für den Austausch zwischen Wissenschaftlern. Dabei ist es selbstverständlich - ich brauche das vor Ihnen nicht näher auszuführen -, daß deutsch-russische Hochschulbeziehungen keineswegs eine Einbahnstrasse sind, bei der etwa allein die deutsche Seite etwas zu geben hätte. In der Russischen Föderation, dem größten Land der Erde, bestehen derzeit etwa 1000 Hochschulen, und mehrere davon haben - ungeachtet der extrem schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse - auch heute einen sehr guten Standard. Hochschulen wie die Lomonossow-Universität in Moskau oder die Staatliche Universität von St. Petersburg sind zu Recht international gesuchte Kooperationspartner.
Das Besondere an der Ausstellung, die heute hier eröffnet wird, ist es aber, dass sie den Blick öffnet auf einen Querschnitt von Hochschulen aus den verschiedensten Regionen des Landes, Hochschulen mit ganz unterschiedlichen Forschungsschwerpunkten, die aber alle an internationalen Kontakten besonders interessiert sind. Von den 1000 Hochschulen Russlands stehen übrigens etwa 450 in privater Trägerschaft, und einige dieser seit Beginn der 90er Jahre neugegründeten privaten Hochschulen haben durchaus gute Qualität erreicht. Falls Sie zusätzliche Informationen über russische Hochschulen suchen, finden Sie sehr hilfreiche Angaben auf der Webseite des russischen Bildungsministeriums (http://www.ed.gov.ru).
Die meisten Informationen sind auf Russisch, aber einige Texte sind auch auf Englisch verfügbar, z.B. eine Aufstellung mit Anschriften und Kurzcharakteristiken verschiedener Hochschulen. Viele dieser Hochschulen haben auch eigene Webseiten, so dass man sich schon vom Ausland aus einen Voreindruck verschaffen kann.
Erlauben Sie mir, Ihnen einige Zahlen zur Entwicklung und zum gegenwärtigen
Stand der deutsch-russischen Hochschulbeziehungen zu nennen. Daran werde
ich, in Ergänzung der Einführungsworte unseres Rektors, einige
Bemerkungen über die Austauschbeziehungen der Universität Kiel
mit russischen Hochschulen anschließen. In einem dritten Abschnitt
möchte ich Überlegungen vortragen, wie sich die deutsch-russischen
Hoch-schul-beziehungen vielleicht noch weiter intensivieren ließen.
I. Entwicklung und gegenwärtiger Stand der deutsch-russischen Hochschulbeziehungen
Ich wäre nicht Jurist, wenn nicht darauf hinweisen würde, dass die deutsch-russischen Hochschulbeziehungen auch ein rechtliches Fundament haben, nämlich das deutsch-russische Kulturabkommen vom 16. Dezember 1992 (BGBl. l993 II 1256 ff).
Dieses Abkommen betrifft die kulturelle Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland in umfassendem Sinn; ein zentrales Element des Abkommens ist aber die Zusammenarbeit im Hochschulwesen (s. Art.4 - 7). Das Abkommen sieht z.B. den Austausch von wissenschaftlicher und didaktischer Literatur und vor allem auch den Austausch von Studenten, Doktoranden und Hochschullehrern vor. Geplant ist auch eine Vereinbarung über die gegenseitige Anerkennung der Studiennachweise und Hochschuldiplome.
Auf der Grundlage dieses Abkommens stellt Deutschland eine Vielzahl von finanziellen Förderungsmaßnahmen bereit. Der DAAD hat etwa im Jahr 1998 Stipendien an über 2500 Studenten und Wissenschaftler aus Russland vergeben. Damit steht Russland nach der Zahl der geförderten ausländischen Stipendiaten auf Platz 1 der Förderungsliste des DAAD, in der betragsmäßigen Förderung immerhin noch auf Platz 4 (nach Großbritannien, Frankreich und den USA).
Dies überschreitet deutlich die - für sich gesehen ebenfalls sehr umfangreichen - Förderungsmaßnahmen der USA. Nach ihrem jüngsten Förderungsbericht vergab die amerikanische Bundesregierung im Jahr 1998 1225 Stipendien an Studenten und Wissenschaftler aus Russland, das ist etwa die Hälfte der Zahlen des DAAD. Man darf dabei freilich nicht unberücksichtigt lassen, dass private Stiftungen und Hochschulen aus den USA in weit stärkerem Umfang in Russland “vor Ort” tätig sind als deutsche Institutionen.
Auch bei den Förderungsprogrammen der deutschen Wissenschaftsstiftungen, etwa der DFG und der Alexander von Humboldt-Stiftung, nimmt Russland einen bedeutenden Platz ein. Die Alexander von Humboldt-Stiftung etwa hat im Jahr 1998 129 Wissenschaftler aus der Russischen Föderation gefördert. Russland lag damit an dritter Stelle hinter der Volksrepublik China (164) und Indien (133 Förderungen) und knapp vor den USA, die 126 Humboldt-Stipendiaten nach Deutschland entsandten.
S.a. DFG: (Jahresbericht 1998): 1998 wurden 1314 Personen im dt-russ. Austausch mit Russland gefördert (ggü. 257 aus Polen, 200 aus Tschechien, 159 aus Ungarn, 157 aus der Ukraine). Von den 1314 Förderungen betrafen allerdings 624 kurzfristige Kongressteilnahmen (russ. Wissenschaftler in Deutschland). Auch bei der DFG-Förderung starkes Überwiegen der Förderung ausländ. Teilnehmer (z.B. bei Koop.-Projekten 1998 wurden 51 Deutsche nach Russland entsandt, aber 399 Teilnehmer aus Russland nach Deutschland).
Für Russland ist Deutschland der mit Abstand wichtigste Hochschulpartner.
Die Zahlen aller Förderungsinstitutionen zeigen allerdings ein deutliches
Ungleichgewicht im Austausch: Die Förderungsmittel werden in wesentlich
stärkerem Maße an Personen aus der Russischen Föderation
vergeben als an Deutsche, die in die Russische Föderation gehen. Dennoch
sind auch hier die Zahlen beeindruckend. So hat der DAAD im Jahr 1998 841
Stipendien an deutsche Studenten und Wissenschaftler für Aufenthalte
in der Russischen Föderation vergeben (Vergleich: 2500 Stipendien
an Personen aus Russland).
II. Beziehungen der Universität Kiel mit russischen Hochschulen
Wenn man diese Zahlen hört, könnte man glauben, daß
die deutsch-russischen Hochschulbeziehungen in voller Blüte stünden
und kaum mehr einer Verbesserung bedürften. Dass dies nicht ganz richtig
ist, möchte ich am Beispiel unserer Universität, der Christian-Albrechts-Universität
zu Kiel, zeigen.
1. Stand der Beziehungen
Die Christian-Albrechts-Universität unterhält, was aufgrund ihrer geschichtlichen Entwicklung und der geographischen Lage Schleswig-Holsteins nicht überrascht, seit langem Verbindungen zu Russland. Dies betrifft zum einen Einrichtungen der Universität, die sich auf die Beziehungen zu Osteuropa spezialisieren, wie etwa das Seminar für Osteuropäische Geschichte, das Slavistische Seminar oder mein Institut, das Institut für Osteuropäisches Recht. Diese Einrichtungen unterhalten seit Jahrzehnten rege Austauschbeziehungen mit Russland. Darüber hinaus haben aber auch andere, nicht auf Osteuropa spezialisierte Einrichtungen dauerhafte Kontakte zu Russland aufgebaut. Dies gilt etwa für die Medizinische Fakultät, die einen regelmäßigen wissenschaftlichen und auch studentischen Austausch mit der sehr angesehenen Medizinischen Akademie in Moskau (http://www.mma.ru) unterhält.
Soweit mir bekannt ist, arbeitet auch das Institut für Agrarökonomie seit langem mit einem von dem ehemaligen russischen Premierminister Gaidar, einem Reformer der ersten Stunde, gegründeten Forschungsinstitut zusammen. Welche Bedeutung eine Reform des landwirtschaftlichen Sektors gerade für Russland hat, brauche ich nicht näher auszuführen.
Das Auslandsamt unserer Universität hat mir darüber hinaus eine Aufstellung zukommen lassen, nach der etwa auch in den Fächern Deutsch als Fremdsprache, Pädagogik, Experimentalphysik, Mathematik und in der Volkswirtschaftslehre (z.B. über das Institut für Weltwirtschaft) eine wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Russland erfolgt. Einige dieser Kooperationen erfolgen im Rahmen von Partnerschaftsabkommen, die die Christian-Albrechts-Universität mit russischen Hochschulen geschlossen hat. Im Vordergrund steht hier die Hochschulpartnerschaft mit den Universität Kaliningrad und die schon erwähnte Partnerschaft mit der Medizinischen Akademie Moskau. Eine weitere Hochschulpartnerschaft besteht seit 1990 mit der Staatlichen Universität Irkutsk in Sibirien, am Baikal-see. Diese Partnerschaft erfaßte bisher vor allem Studierende der Slavistik. Im Rahmen eines Tempus-Projekts hat die Christian-Albrechts-Universität die Universität Irkutsk zudem beim Aufbau eines "Amts für Aussenbeziehungen" unterstützt. Deutsch-russische Hochschulzusammenarbeit beschränkt sich, wie man daran sieht, nicht nur auf Forschung und Lehre, sondern kann auch Verwaltungskooperation einschließen.
Neben diesen Partnerschaften auf Hochschulebene gibt es auch Partnerschaften
auf Institutsebene, wie etwa die im vergangenen Mai geschlossene Partnerschaft
zwischen meinem Institut und der Akademischen Juristischen Universität
beim Institut für Staat und Recht der Russischen Akademie der Wissenschaften.
Diese Universität entspricht eigentlich eher einer Law School, weil
sie im Augenblick ausschließlich Juristen ausbildet. Sie verfügt
aufgrund ihrer Anbindung an die Akademie der Wissen-schaften über
eine sehr starke fachliche Kompetenz, die sie auch für deutsche Doktoranden,
die sich mit russischen Recht beschäftigen, zu einem ausgezeichneten
Partner macht. Vielleicht entwickelt sich aus dieser Institutspartnerschaft
eines Tages eine Hochschulpartnerschaft. Sinnvoll ist ein solcher Schritt
aber m.E. nur, wenn sich daraus Folgerungen für die Intensität
der Partnerschaft ergeben.
2. Effizienz?
Es steht außer Frage, daß jeder dieser oben beschriebenen Kontakte für die deutsch-russische Hochschulzusammenarbeit nützlich ist. Gleichwohl darf man nicht übersehen, daß viele dieser Partnerschaften nur eine sehr beschränkte Zahl von Kooperationsprojekten und Personen erfassen. Im Austausch mit der Universität Irkutsk sendet die Universität Kiel jährlich 3 Studierende nach Irkutsk. Die Medizinische Akademie Moskau sandte in den vergangenen Jahren jeweils 2 Studierende nach Kiel. Im Rahmen der Partnerschaft mit der Akademischen Juristischen Universität in Moskau konnte ich in diesem Jahr einen Studenten zur Teilnahme am Internationalen Ferienkurs der Christian-Albrechts-Universität und einen Nachwuchswissenschaftler zur Teilnahme an einem Seminar einladen. Ein großes Glück ist es, daß Herr Kollege Boguslawskij vom Institut für Staat und Recht in Moskau sich seit einigen Jahren als Gast an unserem Institut aufhält und durch seinen Einsatz den Kontakt zu der Partneruniversität auf das Intensivste unterstützt.
Ich denke, daß der gerade beschriebene Zustand für deutsche
Universitäten nicht untypisch ist: Es besteht zwar eine Vielzahl von
Kontakten zu russischen Universitäten. Die entwickelten Aktivitäten
sind aber häufig sehr begrenzt und vor allem oft nicht kontinuierlich.
Hochschulpartnerschaften sind gut gemeint, aber sie müssen auch mit
Leben erfüllt werden. Dies setzt einiges voraus: fachliche Interessen
von beiden Seiten, Sprachkenntnisse und - leider nicht ganz unwichtig -
eine angemessene finanzielle Grundlage.
III. Wie können die deutsch-russischen Hochschulbeziehungen intensiviert werden?
Eine gewisse Schwäche der deutschen Hochschulpolitik im Ver-hältnis zu Russland scheint mir darin zu bestehen, dass die umfangreiche Förderung zu wenig koordiniert und - häufig - zu wenig kontinuierlich gestaltet ist. Die Förderung durch den DAAD konzentriert sich meist auf Einzelprojekte oder Individualstipendien. Die im Rahmen von Hochschulpartnerschaften bereitgestellten Mittel sind, wenn ich mir die Zahlen des Auslandsamts unserer Universität vor Augen halte, so gering, daß mit dem auf eine Partneruniversität entfallenden Betrag nicht einmal ein Gemeinschaftsseminar finanziert werden könnte. Man muß daher, um eine solche Partnerschaft in die Wirklichkeit umzusetzen, eine Vielzahl von Einzelanträgen mit jeweils unsicheren Erfolgs-aussichten stellen. Weder die deutsche Einrichtung noch die russische Partnerinstitutionen können auf einer solchen Grundlage langfristig planen. Ich will mich damit keineswegs - das wäre auch ganz unsinnig - generell gegen eine Förderung von Einzel-projekten oder Einzelbewerbern aussprechen. Meines Erachtens bedürfte es aber dringend eines fächerdifferenzierten Gesamt-konzepts zur Förderung der deutsch-russischen Hochschulbeziehungen. Es kommt darauf an, systematisch einige Hochschulen aus allen Regionen der Russischen Föderation in ein Kooperationsnetz mit bestimmten deutschen Einrichtungen einzubeziehen. Dies sollte in enger Abstimmung mit dem russischen Bildungsministerium und gegebenenfalls anderen russischen Fachministerien (z.B. dem Wissenschaftsministerium) erfolgen. Flexible Individualförderung wird dadurch nicht überflüssig, sie kann aber m.E. ein überlegtes Gesamtkonzept nicht ersetzen.
Deutschland - und vielleicht auch die Bundesländer, sollten Hochschulkoordinatoren für die Beziehungen zu Rußland bestellen. Nordrhein-Westfalen hat dies schon vor einigen Jahren mit großem Erfolg getan. Sinnvoll wäre m.E. auch ein Deutsch-Russisches Hochschulkolleg, das - ähnlich wie das Deutsch-Französische Hochschulkolleg - eine Koordination der vielfältigen Russlandkontakte deutscher Hochschulen unterstützen und z.B. auf integrierte Studiengänge hinwirken könnte.
Besonderes Augenmerk verdient auch die Abstimmung der deutsch-russischen Hochschulbeziehungen mit den Programmen der Europäischen Union. Meine eigenen Erfahrungen - und die einiger Kollegen - mit dem Tempus-Programm der Europäischen Union sind nicht besonders ermutigend. Neben sehr schwerfälligen Bewilligungsverfahren, deren Ergebnis manchmal nicht unwesentlich von EU-internen Verteilungsüberlegungen geprägt scheint, fehlt es TEMPUS derzeit ebenfalls an einem fachlich und regional abgestimmten Gesamtkonzept. Man kann nur hoffen, daß die auf dem Kölner EU-Gipfel im Juni dieses Jahres verabschiedete neue Strategie der Europäischen Union gegenüber Russland auch zu einer besseren Koordination der europäisch-russischen Hochschulbeziehungen genutzt wird. Die Einrichtung von Europainstituten an einem Kreis von vielleicht 10 - 15 russischen Hochschulen ließe sich ohne Schwierigkeiten mit den bilateralen Hochschulbeziehungen verknüpfen. Ich kann nur alle ermutigen, Kontakte mit russischen Universitäten auf- und auszubauen. Man braucht dazu sicherlich Geduld, auch eine gewisse Hartnäckigkeit und nicht zuletzt die Fähigkeit zur Improvisation. Aber ich glaube, alle, die schon mit Russland zu tun hatten, sind überzeugt, dass sich dieser Einsatz lohnt.
Ich danke Ihnen und hoffe, dass die Ausstellung in Kiel guten Anklang findet und zu neuen gemeinsamen Projekten anregt.