Birte Weiß
Zum geographischen Raum Nordsee sollen an dieser Stelle 3 wesentliche Merkmale genannt werden:
Die Geburtsstunde der Nordsee ist im Perm vor 240 Millionen Jahren anzusetzen, als sich der Boden der heutigen Nordsee absenkte und erstmalig von Meerwasser überflutet wurde. Es begann hiermit eine Geschichte eines ständigen Wechsels von Land- und Meeresbildung bei gleichzeitiger Kontinentalverschiebung, Klimaveränderung und der damit verbundenen Ablagerung verschiedener Absatzgesteine.
Die letzten 3 Eiszeiten prägten die heutige Oberflächengestaltung der Nordseeküste Schleswig-Holsteins (vgl. 3.). Die Kaltzeiten banden riesige Wassermengen, so daß der Wasserstand während der letzten Eiszeit (Weichseleiszeit) beispielsweise 100 Meter niedriger war als heute. Damit verlief die Küstenlinie der Nordsee noch Ende der Weichseleiszeit vor 10.000 Jahren nördlich der Doggerbank.
Das bedeutet, daß die Entstehung der heutigen Nordseeküste vollständig in das Holozän, die Nacheiszeit, fällt. Dabei sind verschiedene, maßgeblich durch eustatische Meeresspiegelschwankungen geprägte Phasen von Meeresvorstößen (Transgressionen) und -rückzügen (Regressionen) zu unterscheiden. Vereinfacht sollen an dieser Stelle genannt werden:
Die Flandrische Transgression im Atlantikum mit der ihr folgenden Regression um 4000 v. Chr. In der Zeit der Transgression bildete sich das Wattenmeer im Küstenbereich von 450 km der Nordsee aus. Während der Stillstands- und Regressionsphase kommt es zur Bildung des Watts.
Die Dünkirchen-Transgression ab 600 n.Chr. In dieser Zeit geht ein Teil der Marschen wieder verloren.
Die Entwicklung der Marschen und damit des Küstenverlaufs der Westküste Schleswig-Holsteins ist aufgrund unterschiedlicher geologischer Voraussetzungen in zwei Entwicklungstypen zu unterteilen: den der Küste von Nordfriesland (nördlich der Eidermündung bis Sylt) und der von Dithmarschen (zwischen Elbe- und Eidermündung).
Das heutige Nordfriesland ist nur ein Rest einer ursprünglich weiter nach Westen reichenden Geestlandschaft, von der die Inseln Sylt, Amrum und Föhr heutige Überreste darstellen. Das bedeutet, daß es bei dem nacheiszeitlichen Meeresspiegelanstieg zu einem Zurückweichen der Küstenlinie nach Osten kam. Dies läßt sich wie folgt erklären:
Zunächst wurde der Meerespiegelanstieg in Nordfriesland von starken Sedimentationsvorgängen begleitet. Der flach nach Westen abfallenden Küstenlinie waren im Westen Geestkerne vorgelagert. Hier bildeten sich Nehrungslinien aus, und hinter den Geestkernen kam es zur Bildung eines Marschgürtels. Die der Flandrischen Transgression folgende Regressionsphase beendete die Weiterbildung der Marsch. Die Geestkerne mit ihren nehrungsartigen Wällen schützten das Hinterland vor den Fluten; durch weitgreifende Sedimentation und entwässernde Geestflüsse setzte ein Vermoorungsprozeß ein. Hier siedelten die von der Rheinmündung kommenden Friesen, die ihre Häuser auf Warften (vgl. 4.) errichteten. Zur Salz- und Brennmaterialgewinnung stachen sie den während der Dünkirchen Transgression mit Meersalz angereicherten Torf ab. Das Land wurde dadurch tiefergelegt, was die folgenden Landverluste noch verstärkte. Zu nennen sind hier vor allem zwei Sturmfluten (1362 und 1634), die wegen ihrer katastrophalen Auswirkungen die zwei "groten Manndränken genannt wurden. Es kamen dabei Tausende von Menschen um, und ein großer Teil des Marschlandes ging verloren.
Erhalten blieben bis heute:
Die Entwicklung der Küste in Dithmarschen verlief grundsätzlich anders als die der nordfriesischen Küste: hier kam es nämlich zu einer langsameren und kontinuierlicheren Marschenbildung, die nicht von derart weitgreifenden Landverlusten begleitet wurde. Der Grund hierfür liegt in dem durch den Meerespiegelanstieg als Steilküste ausgeformten, bis zu 20 Meter hohen Geesthang. Vorgelagerte Geestkerne fehlten hier, wodurch es zunächst nicht zu einer der nordfriesischen Küste entsprechenden Sedimentation kam.
Die nacheiszeitlichen Flutwellen brandeten hier vielmehr direkt an den Geesthang, schufen Kliffe und verlegten den Geestrand landeinwärts. Die erodierten Sande lagerten sich aufgrund küstenparalleler Strömung vor den Buchten ab und bildeten kilometerlange Nehrungen, die sogenannten Donns. Hinter den überdünten Nehrungen entstanden verlandende Buchten und Moore. Mit der Zeit setzte sich aus aberodiertem Moränenschutt und Sinkstoffen des Meeres ein breiter Marschengürtel ab. Die anwachsenden Vorländer wurden schließlich Zug um Zug eingedeicht. Auf Eindeichungskarten läßt sich dieser Prozeß verfolgen: bis auf wenige Stellen ist ein mehr oder weniger kontinuierlicher Landgewinn durch eine Vorverlegung der Deichlinie zu erkennen.
Unabhängig von der unterschiedlichen Entwicklung der Küste in Nordfriesland und Dithmarschen war und ist der Küstenschutz ein wichtiger und prägender Faktor für den Verlauf der gesamten Küste Schleswig-Holsteins. Unter Küstenschutz versteht man sämtliche Maßnahmen, die die Küste vor den zerstörenden Kräften von Wasser und Eis bewahren.
An dieser Stelle wird weniger auf technische Details des Küstenschutzes, als auf die Geschichte und Entwicklungstendenzen eingegangen. Eine Besiedlung des Wattenraums ist seit mindestens 4000 v. Chr. zu verzeichnen, seit 3000 v. Chr. wurde Ackerbau betrieben. Zunächst handelte es sich hier um Flachsiedlungen, später wurden künstliche Wohnhügel aus Kleiboden, Torf- oder Mistauftrag, die Warften, errichtet.
Die erste Besiedlung war im ersten Jahrhundert auf flacher, noch unbedeichter Marsch. Sied-lungsreste des 5. Jahrhunderts liegen bereits auf NN + 4,6m nahe der heutigen Warftoberfläche mit NN + 5,0m Höhe. Die Oberfläche der mindestens 1900 Jahre alten unvermoorten Marsch unter der Warftbasis liegt mit NN * 1,45m etwas höher als die unbedeichten Marschoberflächen der Umgebeung
Erste Tätigkeiten des Deichbaus werden um das Jahr 1000 n. Chr. datiert. Es handelte sich hierbei um schmale, steile Erdwälle, die um das besiedelte und bebaute Land herum gebaut wurden. Eine erste Weiterentwicklung bestand in der Verbindung der benachbarten Warften durch diese Wälle. Die nächste Phase des Deichbaus ist dadurch gekennzeichnet, daß auch grasbewachsenes Vorland eingedeicht wurde. Es kam also zu ersten Landgewinnungsmaßnahmen. Um 1600 wurden die steilen Erdwälle durch Deiche mit flach abfallendem Außenprofil abgelöst. Zudem wurde die Deichaußenseite durch Seegras und Pfähle verstärkt. Die weitere Entwicklung zeichnete sich durch eine ständige Optimierung der Berechnungen von Steigungen, Höhe und Breite aus, was folgende Abbildung veranschaulicht.
Heutige Deiche bestehen aus einem Sandkern (Sand kann bei Deichbrüchen schnell und in großen Mengen aus dem Watt abgesaugt werden), einem schweren Kleiauftrag und einer Rasendecke, die von Schafen gepflegt wird. An Stellen, wo die Brandung besonders stark wirkt, wird die Deichaußenseite zudem durch eine Stein- oder Asphaltdecke verstärkt.
Auch wenn sich die Küstensicherung in den letzten Jahrzehnten von der Landgewinnung hin zur Küstensicherung verschoben hat, ist der Erhalt und die Gewinnung von Vorlandflächen eine wichtige Aufgabe des Küstenschutzes.
Zwei wichtige Methoden sind:
Lahnungen: parallel angeordnete Doppelpfahlreihen, zwischen denen Reisig befestigt wird. Sie wirken strömungsberuhigend, und es wird der Absatz von Schlick in den Zwischenräumen gefördert.
Grüppen: System künstlicher Wassergräben in den Landgewinnungsfeldern. Der ausgehobene Boden wird seitlich aufgeworfen, wodurch sich die Flächen zwischen den Grüppen erhöhen. Sind die Grüppen verschlickt, erfolgt eine weitere Aushebung (dieBodenerhöhungen betragen bis zu 10 cm pro Jahr).
Schleswig-Holstein hat eine von Sturmfluten bedrohte Küstenlinie von 1.100 km Länge. Anfangs waren für den Deichbau und den Küstenschutz die Landeigentümer zuständig, später wurde diese Aufgabe den Deichgenossenschaften übertragen. 1971 übernahm das Land Schleswig-Holstein die Unterhaltungskosten der Landesschutzdeiche, weil neben landwirtschaftlichen Nutzflächen zunehmend städtische Flächen für Industrie- und Fremdenverkehrsanlagen in den Genuß der Küstenschutzprogramme kamen. Das Land übernimmt zudem gemäß der Neufassung des Landeswassergesetzes von 1992 die Zuständigkeit für:
Nach der "Hollandflut 1953 wurde mit einer eingehenden Prüfung der Deiche an der deutschen Küste begonnen. Unter Hinzuziehung der durch die Sturmflut von 1962 gewonnenen Erkenntnisse entstand 1963 der "Generalplan Deichverstärkung, Deichverkürzung und Küstenschutz in Schleswig-Holstein. Der Generalplan stellt ein technisches Konzept dar, das seither durchgeführt, fortgeschrieben und aktualisiert wurde.
Die zu verzeichnenden Entwicklungen, wie Erhöhung des Meerespiegels, zunehmende Häufigkeit von Sturmfluten, Zunahme des Tidehubs und steigende Verweildauer hoher Wasserstände, schon einberechnet, sollen die nach dem Generalplan verstärkten Deiche bis zum Jahr 2000 ausreichende Sicherheit bieten. Bis 1992 wurden mit Unterstützung des Bundes 2,1 Milliarden DM investiert, um den Plan zu 91% zu erfüllen. An der Westküste sind bis heute 297 km auf dem Festland und 267 km auf Inseln, Halligen und Helgoland eingedeicht worden.
Bantelmann, A.: Die Landschaftsentwicklung an der schleswig-holsteinischen Westküste, dargestellt am Beispiel Nordfriesland. Heide 1966.
Kramer, J.: Kein Deich - Kein Land - Kein Leben. Geschichte des Küstenschutzes an der Nordsee. Leer 1989.
Lüders, K. u Luck, G.: Kleines Küstenlexikon. Hildesheim 1976.
Minister für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Fischerei des Landes Schleswig-Holstein: Küstensicherung in Schleswig-Holstein. Aufgaben und Probleme. Kiel 1992.
Schmidtke, K.-D.: Die Entstehung Schleswig-Holsteins. Kiel 1992.
Stadelmann, R.: Meer - Deiche - Land. Küstenschutz und Landgewinnung an der deutschen Nordseeküste. Neumünster 1981.