Das Wattenmeer von Den Helder in den Niederlanden bis Esbjerg in Dänemark ist die größte zusammenhängende Wattenlandschaft der Welt. Es umfaßt eine Fläche von ca. 7.300 km2 und ist Teil der Nordsee. Das Watt umrundet die Deutsche Bucht auf einer Länge von 450 km und in einer Breite von 7 bis 10 (maximal 25) km.
Es ist gekennzeichnet durch den ständigen Vorgang der Überflutung und Freilegung von Wattflächen durch Ebbe und Flut. Abtrag und Ablagerung von Boden bestimmen die Lebensräume: Dünen- und Strandinseln, Halligen, Buchten, Flußmündungen, offene und brandungsgeschützte Wattflächen, sowie Rinnensysteme.
Das Watt ist ein Ablagerungsraum. Jede Überflutung bringt mineralische und organische Teilchen in großen Mengen heran, die sich je nach Korngröße, spezifischem Gewicht und relativer Oberfläche an verschiedenen Stellen absetzen. Vom Land her kommt zuerst Schlick-, dann Misch- und schließlich Sandwatt. Im Schlickboden ist der Tonanteil am größten, der Sandanteil am geringsten. Im Mischwatt sind die Mengenverhältnisse zwischen feinkörnigen und grobkörnigen Anteilen eher ausgeglichen. Kleinräumig findet man derartige Zonierungen im Wattenmeer überall.
In den Salzwiesen oder -marschen wird der Einfluß des Salzwassers vom Land bzw. vom Inselzentrum zur Grenze des Watts immer stärker. Dementsprechend wechselt - je nach Salzempfindlichkeit - die Vegetation. In den Prielen gibt es eine vertikale Zonierung, je nach Überflutungshäufigkeit und dem eingetragenen Salzgehalt.
Häufig gibt es Temperaturschwankungen im Tages- und Jahresablauf. Die Beleuchtung, der Salzgehalt des Wassers und der Wassergehalt des Sediments unterliegen ebenfalls enormen Schwankungen. Durch fehlenden Windschutz sind die Flächen dem Wind stark ausgesetzt. In tieferen Bodenschichten ist der Sauerstoffgehalt sehr gering. Die im Watt lebenden Organismen müssen auf diesen - durch zahlreiche Umweltschwankungen charakterisierten - Raum eingestellt sein.
Die gelbbraune Färbung der Oberfläche wird von Eisenverbindungen hervorgerufen, genauer von Eisenhydroxid Fe(OH)3, das an Sandkörnern und zwischen Tonteilchen gebunden ist. Es kann sich nur unter oxidierenden Bedingungen bei optimaler Sauerstoffversorgung bilden. Die helleren, belüfteten und durchspülten Wattbodenschichten bezeichnet man daher als Oxidationshorizont. Unter der Oberfläche ist die Sauerstoffversorgung durch Gasaustausch oder Wasserzutritt nur sehr gering. Bakterieller Stoffabbau zehrt die wenigen Vorräte noch zusätzlich auf. Unter diesen Bedingungen werden die Fe3+-Teilchen zu Fe2+-Ionen reduziert. Sie verbinden sich mit faulig riechendem Schwefelwasserstoff H2S zu schwerlöslichem, schwarzen Eisensulfid FeS. Der Schwefelwasserstoff wird von besonderen Bakterien geliefert, den Schwefel- und Sulfatreduzierern. Sie können ohne freien Sauerstoff leben. Die Grenze zu diesem schwarzen oder schwarzgrauen Reduktionshorizont liegt im Sandwatt bei 5-10 cm Tiefe, im Mischwatt bei 1-2 cm und im Schlickwatt schon bei etwa 3 mm.
Den Hauptanteil der Mikroflora bilden die einzelligen Algen. Ökologisch besonders bedeutsam für die nachfolgenden Stufen der Nahrungskette sind die Kieselalgen: Ein Blick auf die Oberfläche des sommerlichen, bei Niedrigwasser daliegenden Wattbodens zeigt einen dichten, braunen Belag, der mehrere Millimeter dick sein kann und sich schleimig-schmierig anfühlt. Es sind Primärproduzenten, die aus anorganischen Rohstoffen (Wasser und Kohlendioxid) unter Ausnutzung des Sonnenlichtes durch Photosynthese energiereiche organische Substanz aufbauen. Bei der Photosynthese entsteht Sauerstoff. Durch rasche Zellteilung können Millionen von ihnen einen Quadratzentimeter Wattoberfläche besiedeln. Sie sind somit durch eine große Populationsdichte dem Lebensraum angepaßt.
Ökologische Bedeutung:
Die stofflich gebundene Energie wird über die Nahrungskette weitergereicht und von den nachgeschalteten Gliedern verarbeitet. Von den Mikroalgenvorräten des Wattbodens, die durch Importe aus dem Plankton der Tidenströme aufgestockt werden, lebt das Watt - direkt die große Zahl der Pflanzenverzehrer und Gemischtköstler und indirekt die nicht wenigen tierverzehrenden Arten bis hin zu den großen Vogelschwärmen.
Der von den Kieselalgen produzierte Schleim umschließt immer wieder die von der Strömung mitgeschleppten Sinkstoffe, so daß die Wattoberfläche unter ihrem Einfluß eine gewisse Festigkeit erlangt und wächst. Andere Algen am Wattboden: Geißelalgen (Flagellaten, Dinoflagellaten) und Blaualgen.
2.1.2. Stufe der bodenlebenden Kleintiere
Schnecken grasen die Bakterien und die Kieselalgen des Wattbodens ab. Das Abgrasen geschieht mit Hilfe einer kleinen Raspelzunge (Radula), die mit Zähnchen besetzt ist. Auf einem Quadratmeter Wattboden kommen 4.000-100.000 Wattschnecken (Hydrobia ulva) vor. Sie befinden sich überwiegend im Schlick- und Mischwatt.
Bei Hochwasser vergraben sich die Schnecken ca. 3-10 mm tief in den Boden, der dann von winzigen Löchern übersät ist. Sie können sich mit Hilfe eines Schleimbandes von unten an die Wasseroberfläche anheften und von der Strömung bei Flut land- und bei Ebbe seewärts tragen lassen. Verzehren sie das Schleimband, dann sinken sie zu Boden. Auf diese Weise ist ihnen ein rascher Ortswechsel zur Nahrungssuche möglich. Um die Zeit des Trockenfallens überdauern zu können, benötigen sie wie alle Meerestiere einen wirksamen Austrocknungsschutz in Form ihres Gehäuses.
Brutfürsorge betreiben die Wattschnecken dadurch, daß sie ihre Eier im Frühsommer in kleinen Klümpchen auf den Gehäusen von Artgenossen ablegen und diese mit Sand verkleben. So sind sie vor der schnellen Abdrift geschützt. Die aus den Eiern schlüpfenden Jungtiere gehen direkt zum Bodenleben über.
Ökologische Bedeutung:
Schnecken stellen eine wichtige Nahrungsgrundlage für andere Tiere dar (Krebse, Fische, Vögel). Andere Schnecken: Gemeine Strandschnecke (Litorina litorea).
2.1.3. Stufe der bodenlebenden wirbellosen Tiere
Muscheln:
Beim Absuchen des Wattbodens kann man gelegentlich ovale Löcher entdecken. Es sind die Ein- und Ausströmsiphos von Muscheln, die sich im Wattboden darunter vergraben haben. Wandert man über den Wattboden, so erzeugt man Erschütterungen. Die Muscheln ziehen ihren Schnorchel ruckartig ein, und das darin befindliche Wasser wird nach oben ausgespritzt.
Es gibt Muscheln mit zwei getrennten Siphos, aber auch Muscheln bei denen beide miteinander verwachsen sind. Durch den einen wird frisches Atemwasser eingestrudelt, während es durch den anderen wieder ausgeatmet wird.
Bei Überflutung strudelt das Wasser durch den Körper der Muscheln. Die Kiemen filtern das Wasser durch. Dabei wird verdaubares Material zurückgehalten. Ungenießbare Bestandteile werden wieder ausgeschieden. Damit dieses Material nicht gleich wieder eingestrudelt wird, schleudern die Muscheln den "Dreck zusammen mit dem Kot mit Schwung davon, indem sie die Schalenhälften ruckartig zusammenziehen. Eine hohe Jugendsterblichkeit - bedingt durch Feinde - (Muscheln über 3 cm Schalenlänge haben fast keine Feinde mehr) werden durch eine große Vermehrungsrate und eine lange Lebensdauer ausgeglichen.
Ökologische Bedeutung:
Ganz kleine Muscheln mit einer Größe bis zu 2 mm haben die meisten Feinde. Junge Strandkrabben (Carcinus maenas), der Seeringelwurm (Nereis virens), die Garnele (Crangon crangon) und kleine Schollen (Pleuronectes platessa) sowie andere Plattfische dezimieren die Brut. Je größer die Muschel, um so geringer die Zahl ihrer Feinde. Herzmuscheln (Cerastoderma edule) stellen eine wichtige Nahrung des Austernfischers (Haematopus ostralegus) dar. Im Laufe eines Winters können diese Vögel bei einem täglichen Verbrauch von bis zu 300 Herzmuscheln in einem dichten Feld bis zu 40% des Gesamtbestandes fressen.
Durch das Filtrieren werden nicht nur Sauerstoff und lebenswichtige Nahrungspartikel aufgenommen, sondern auch gefährliche Giftstoffe. So sind z.B. Miesmuscheln (Mytilus edulis) hoch mit Schwermetallen und organischen Giften belastet. Etwa ein Drittel des eigenen Körpergewichtes frißt eine Eiderente pro Tag. Weitere Muschelarten: Sandklaffmuschel (Mya arenaria), Pfeffermuschel (Scrobularia plana).
Würmer:
Vom Schlickwatt bis zum Sandwatt ist der Wattwurm (Arenicola marina) verbreitet. Er ist ein entfernter Verwandter des Regenwurmes. Die auffälligen Kothaufen des Wattwurmes liegen an der Öffnung seines u-förmigen Ganges, dessen Wände durch Schleim verfestigt sind. Er kann bis in 30 cm Tiefe reichen. Durch regelmäßige Bewegungen seines Körpers erzeugt der Wurm einen Wasserstrom. Wasser strömt in den Kotgang ein und durch den Freßgang hinaus. Damit wird nicht nur frischer Sauerstoff an das Tier herangeführt, sondern auch Nahrung, die sich am unteren Ende des Freßganges ablagert. Als Nahrung dienen dem Wattwurm einzellige Algen und tote organische Partikel (Detritus). Beides gewinnt er durch Fressen von Sand, den er - im unteren, waagerechten Teil seines Ganges liegend - durch Ausstülpen seines Rüssels aufnimmt.
Anpassung an den Lebensraum:
Das Leben im Dunkeln schützt zwar vor der drohenden Austrocknung, aber wirft dafür andere existentielle Probleme auf. Das Dringlichste ist das der Sauerstoffversorgung. Wattwürmer haben Hämoglobin, einen roten Blutfarbstoff, mit dem selbst bei geringem Sauerstoffangebot (Ebbe) noch eine ausreichende Versorgung möglich ist. Räuber erwischen meist nur einen Teil seines dünnen Hinterendes, wenn der Wurm sich zur Kotabgabe an die Wattoberfläche bewegt. Aus dem vorderen, kurzen Abschnitt des Hinterleibes, der meist nicht mitabreißt, wird ein neues Hinterende regeneriert.
Ökologische Bedeutung:
Wichtige Beute für Krebse, Fische und Vögel.
Weitere Borstenwürmer: Kotpillenwurm (Heteromastus filiformis), Pygospiowurm (Pygospio elegans), Bäumchenröhrenwurm (Lanice conchilega), Grüner Seeringelwurm (Nereis virens).
Die Fische verteilen sich bei Hochwasser über die Wattflächen. Unter ihnen sind die Standfische, die vom Ei bis zum Altfisch das Watt besiedeln. Dazu gehören z.B. die Aalmutter (Zoarces viviparus) und der Seeskorpion (Myoxocephalus sorpius). Andere sind nur über Teile des Jahres im Wattenmeer verbreitet. Zum Beispiel die Flunder (Platichthys flesus), Meeräschen (Mugil spp.) und Stint (Osmerus eperlanus). Manche nutzen das schützende Wattenmeer als "Kinderstube. Man sieht nur die Jungtiere, z.B. von der Scholle (Pleuronectes platessa). Schließlich sind noch die mehr oder weniger regelmäßig auftauchenden "Gastfische wie Dorsch (Gadus morhua) und Nagelrochen (Raja clavata) zu nennen.
Wenn im Herbst die Temperaturen im Wattenmeer gegenüber der freien Nordsee absinken, wandern viele Fische in tiefere Zonen, um dort den Winter zu verbringen.
Bei Ebbe sammeln sich Fische wie die Scholle in den Pfützen der trockengefallenen Flächen. Dort sind sie von großen Freßfeinden, die dann hauptsächlich in den Prielen zu finden sind, räumlich getrennt und verfügen über ein sehr gutes Nahrungsangebot. Mit zunehmender Größe verlassen die jungen Schollen nach und nach die Pfützen und gehen zu einem Leben in den Prielen über, die sie regelmäßig bei Flut verlassen, um auf den Wattflächen Nahrung zu suchen. Später wandern sie aus dem Wattenmeer in tiefere Zonen.
Bei Hochwasser können auf höhergelegenen Rastplätzen zahllose Vögel beobachtet werden, die die Ebbe abwarten. Dann sitzen auf den freien Wattflächen Möwen, schwarz-weiße Austernfischer (Haematopus ostralegus) mit roten Schnäbeln und Füßen und Wattvögel (Limikolen). Wenn die ersten Wattflächen freifallen, beginnt die Nahrungssuche. Die Vögel suchen nach Borstenwürmern, Krebsen, Muscheln, Wattschnecken und anderen Kleintieren. Zum Teil leben die Vögel das ganze Jahr über am Watt.
Andere Arten sind Zugvögel, die die Wattengebiete als Rastplatz auf dem zum Teil sehr weiten Weg hin zu oder weg von den nördlich gelegenen Brutgebieten benötigen. Der Knutt (Calidris canutus) ist ein mittelgroßer Wattvogel, der im arktischen Sibirien brütet und zur Überwinterung bis nach Südafrika zieht. Zwischen den Rastplätzen liegen unterschiedlich weite Strecken bis zu 5.300 km, die sie im Non-Stop-Flug zurücklegen. Sie benötigen also nahrungsreiche Rastplätze, um ihre Energiereserven für die nächste Flugetappe aufzufüllen. Riesige Schwärme von ihnen finden sich alljährlich auf dem Heimzug in das jeweilige Brutgebiet im April/Mai und vor allen Dingen im Herbst auf dem Wegzug von August bis Oktober im Wattenmeer ein. Zusammen mit dem Knechtsand ist das Schleswig-Holsteinische Wattenmeer das einzige Mauserzentrum der gesamten in Nordwesteuropa lebenden Brandgänse (Tadorna tadorna).
Anpassung an den Lebensraum:
Der Schnabelbau der verschiedenen Wattnutzer und die Art der Nahrungssuche sind an unterschiedliche Beute angepaßt.
Die Gezeiten bestimmen den Lebensrhythmus der Vögel, die im Wattenmeer ihre Nahrung suchen. Mit der Nahrung werden große Mengen von Salz aufgenommen. Die Vogelniere wäre mit der Salzausscheidung vollkommen überfordert. Salzdrüsen übernehmen diese Aufgabe. Viele Seevögel besitzen am Kopf über den Augenhöhlen solche Drüsen. Die klare, hoch konzentrierte Salzlösung läuft zur Schnabelspitze. Von hier wird sie mit einer schüttelnden Kopfbewegung weggeschleudert.
Ökologische Bedeutung:
Eine Gefahr stellt die große Giftfracht der gefressenen Muscheln dar. Diese wird teilweise im Fettgewebe der Vögel gespeichert. Brütende Vögel zehren von ihrem Fettvorrat. Manchmal sterben die Vögel auf dem Nest dadurch, daß die Giftkonzentration beim Abbau des Körperfettes steigt und eine tödliche Dosis erreicht.
Im Wattenmeer verbreitete Vogelarten:
Kiebitz (Vanellus vanellus), Alpenstrandläufer (Calidris alpina), Sandregenpfeifer (Charadrius hiaticula), Rotschenkel (Tringa totanus), Pfuhlschnepfe (Limosa lapponica), Säbelschnäbler (Recurvirostra avosetta), Eiderente (Somateria mollissima), Brandente, Lachmöwe (Larus ribundus), Silbermöwe (Larus argentatus), Sturmmöwe (Larus canus), Zwergseeschwalbe (Sterna albifrons).
2.1.6. Stufe der Pflanzenvegetation
Die Vegetation zum Land hin beginnt mit den Seegras-Wiesen (Zosteretea), die nur noch zeitweilig oder gar nicht mehr trockenfallen (oberhalb der Mittleren Niedrigwasserlinie). Dann schließen sich die Queller-Fluren (Salicornia europea) an (Mittlere Hochwasserlinie, MThw-Linie). Als Salzwiesen bezeichnet man das Sechstel der Gesamtfläche des Wattenmeeres, welches oberhalb der MThw-Linie liegt und bei normalem Hochwasser nicht überflutet wird. In der unteren Salzwiese (zwischen MThw-Linie und Mittlerer Springtidehochwasserlinie, MSprThw-Linie) finden ständig Sedimentumlagerungen statt. Von der mittleren Salzwiese (MSprThw-Linie) bis hin zur oberen Salzwiese und den Sommerpoldern nimmt diese Dynamik mehr und mehr ab.
Bis etwa 30 cm über der MThw-Linie befindet sich die Zone, die von Andelrasen (Puccinellia maritima) beherrscht wird. Bei Beweidung dieser "unteren Salzwiese ist das Andelgras die aspektbestimmende Art. Ohne Beweidung überzieht sich diese Salzwiese mit zahlreichen imposanten Stauden, z.B. Strand-Wermut (Artemisia maretima), Salz-Aster (Aster tripolium) und Halligflieder (Limonium vulgare). Häufig sind diese Bestände jedoch - ebenso wie die Salzmelde - auf die Ränder der Priele beschränkt. Nicht jede Flut greift auf den Andelrasen über. Etwa 150 bis 250 Überflutungen im Jahr kommen vor. Auf der weiter langsam ansteigenden hohen Salzmarsch kommen Grasnelken (Armeria maritima) und Bottenbinsen-Wiesen (Juncus gerardii) hinzu. (Nur während der Springtiden, rund zwei dutzendmal im Jahr, wird die obere Salzwiese überflutet.) Der Übergang zum Wirtschaftsgrünland vollzieht sich fließend. Die Grenze ist überschritten, wo Allerweltsarten wie Hornklee oder Wiesen-Klee auftreten.
Dem offenen Wattenmeer fehlen hochwüchsige Röhrichte, wie sie unsere Binnengewässer säumen. Sie gedeihen erst bei abnehmender Salzkonzentration in Gestalt von Strandsimsen-Brackwasserröhrichten (Bolboschoenetea maritimi) in brackigen und brandungsgeschützten Gewässern, z.B. an den Ufern der großen Flußmündungen, in brackigen Tümpeln und nassen Mulden im Bereich der Salzwiesen in der Salzmarsch. Echten Meerespflanzen wie den größeren Algen oder Tangen fehlen die Wurzeln, mit denen sie sich im häufig umgelagerten Weichboden des Wattes verankern könnten.
Die auf Durchwurzelung viel besser eingerichteten Landpflanzen sind im Vorteil. Doch sie müssen mit der hohen Salzkonzentration des Meerwassers zurechtkommen können, das ihnen ohne Vorkehrungen normalerweise das Zellwasser entziehen würde. Es entwickelte sich eine Gruppe der Salzpflanzen (Halophyten).
Ausgebildete Vorkehrungen gegen die starke Salzzufuhr:
Ökologische Bedeutung:
Der besondere Individuen-Reichtum von Tieren beruht auf der hohen Bioproduktion der Salzwiesen, die zwischen 2,4 bis 20 t Trockenmasse pro Jahr und ha liegt. Im Durchschnitt hängen von jeder Salzwiesen-Pflanzenart 10 Tierarten ab. Als Abfallverzehrer - sie helfen, daß ein Anwachsen des organischen Abfalls an der Meeresküste unterbleibt - leben in der Salzwiese über 500 Tierarten. Die Regulation der 410 pflanzenverzehrenden Tierarten übernehmen 230 räuberische Tierarten und 280 Parasitenarten. Ihnen sind im Nahrungsnetz des Ökosystems der Salzwiese wiederum 25 Wirbeltierarten übergeordnet. Von den 13 häufigsten Pflanzenarten der Salzwiesen kommen nur 6 Pflanzenarten, also ca. 40%, noch regelmäßig in beweideten Salzwiesen vor.
In Salzwiesen nehmen namentlich Kiebitz, Regenpfeifer, Goldregenpfeifer und Rotschenkel tierische Nahrung auf. Daneben sind Meeresgänse wie Ringelgänse (Branta leucopsis) und Weißwangengänse (Branta leucopsis) auf Salzwiesen-Nahrung im Frühjahr zu ihrer Existenz absolut angewiesen. Die im Wattenmeer nach Nahrung suchenden Brutvögel sind vorwiegend auf Brutareale in Salzwiesen angewiesen. Tier- und Pflanzenwelt sind in den Salzwiesen außergewöhnlich eng miteinander verzahnt. Salzwiesen haben eine wichtige Reinigungsfunktion. Sie fangen organische Detritus-Stoffe (Schwebstoffe mit totem Material) aus dem überfluteten Wasser auf.
Der Seehund ist das bedeutendste Säugetier im Wattenmeer. 1989 wurden bei einer Zählung im Juli rund 1.700 Tiere auf den Sandbänken in Schleswig-Holstein registriert. Zum Gebären und Säugen der Jungen sowie wegen des Haarwechsels (hierzu ist direkte Sonneneinstrahlung zur Vitamin D-Bildung notwendig) müssen sie die trockengefallenen Watten aufsuchen. Dabei zieht es sie bei Niedrigwasser immer wieder zu denselben Sandbänken, so daß von traditionellen Seehundbänken gesprochen werden kann. Im Sommer sind die Seehunde außerordentlichen biologischen Streßfaktoren ausgesetzt: das Werfen und Aufziehen der Jungen, der Haarwechsel und die Paarung. Die abnehmende Speckdichte in dieser Zeit ist dafür ein deutlicher Hinweis. In dieser Engpaßsituation müssen die Seehunde vor menschlicher Störung und Beunruhigung geschützt werden. Nach der vierwöchigen Säugeperiode löst die Mutter ihre Beziehung zum Jungen, welches nun lernen muß, sich selbst zu ernähren. Als "Heuler bezeichnet man junge Seehunde, die getrennt vom Rudel oder ihrer Mutter scheinbar hilflos und gelegentlich heulend am Strand beobachtet werden können.
Das Watt ist neben den Hochalpen die einzige weitgehend natürlich belassene Großlandschaft Mitteleuropas. Es leben im Wattenmeer etwa 250 Tierarten, -rassen und Ökotypen, welche an keiner anderen Stelle der Erde vorkommen (endemische Tierarten). Es gehört zu den Naturgebieten der Erde mit besonders großer biologischer Produktion (Biomasseproduktion, d.h. Menge der lebenden Substanz in Salzwiesen und Watt). Siebt man 1 m2 Wattboden bis zu einer Tiefe von 40 cm durch, so findet man im Durchschnitt 300 g lebende Substanz. Wird das Schalen- und Wassergewicht abgezogen, ergibt sich ein Trockengewicht von 25 g/m2. Nur die Korallenriffe produzieren mehr Biomasse.
Dadurch kann das Wattenmeer Lebensfunktionen für viele Pflanzen- und Tierarten, aber auch für den Menschen erfüllen. Es ist ein noch weitgehend natürlicher Großlebensraum für viele Pflanzen- und Tierarten, deren Lebensgrundlagen im Binnenland gefährdet sind (Refugialfunktion). Es ist Brut-, Nahrungs-, Rast- und Durchzugsgebiet für Millionen von Vögeln und damit eines der vogelreichsten Gebiete der Erde. Für den Menschen als einen der Endglieder in der Nahrungskette ist die Nordsee Aufwuchsgebiet wichtiger Speisefischarten. Das Wattenmeer hat im Küstenschutz die Funktion als Wellenbrecher. Darüber hinaus stellt es einen natürlichen Raum für die Erholung und den Fremdenverkehr dar.
Der gesamte Bereich des deutschen Wattenmeeres ist durch drei Nationalparks unter Naturschutz gestellt worden (Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, Hamburger Wattenmeer, Niedersächsisches Wattenmeer). Im allgemeinen gibt es eine absolute Ruhezone, eine Zwischenschutzzone und eine Erholungszone. Der Mensch versucht, die wertvollen Ökosysteme zu erhalten und damit seine eigene Existenz zu sichern. Eine strittige Frage ist immer wieder, ob die Schutzmaßnahmen umfassend und ganzheitlich genug sind, um die aufgezeigten Naturkreisläufe in Funktion zu halten, oder ob es zu viele Lücken und Kompromißlösungen gibt.
Nachfolgend werden anthropogene Einflüsse im Lebensraum Wattenmeer genannt, die in das gesamte Schutzkonzept einfließen müßten.
Küstenschutz:
Der Küstenschutz soll den an der Küste lebenden Menschen eine Sicherung ihrer Existenz bieten. Weite Schutzflächen vor den Deichen wurden eingedeicht. In den Brandungsgebieten wurden Buhnen angelegt, um die Wellen schon weit vor dem Deich zu brechen. Natürliche Sedimentationsvorgänge werden künstlich imitiert, und es kommt zu Landschaftsformen, die auf natürliche Weise nicht entstehen würden. Durch Entwässerungskanäle wurden Salzwiesenverbundsysteme durchschnitten. Die Beweidung der vor dem Deich liegenden Salzwiesen dient ebenfalls dem Küstenschutz. Durch die derzeit intensiv betriebene Schafgräsung werden jedoch die Lebensbedingungen für viele Tier- und Pflanzenarten zerstört. Mit diesen Maßnahmen versucht der Mensch, seine traditionellen Siedlungsflächen beizubehalten.
Fischerei:
Die Fischerei wird durch das Schleswig-Holsteinische Nationalparkgesetz in der Zwischen- und Erholungszone des Nationalparks nicht eingeschränkt. In der Ruhezone dürfen nur Fische, Krabben und Miesmuscheln mit den bisherigen Fangtechniken gefangen werden.
Schiffahrt:
Die regelmäßige Schiffahrt (Fracht- und Fährverkehr) zur Ver- und Entsorgung der Inseln und Halligen sowie Freizeitverkehr findet tagtäglich statt. Nur nach langwierigen Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Interessengruppen werden teilweise Befahrensgebote erlassen.
Militär:
Flugeinsätze von Militärmaschinen sind in dem gut überschaubaren Übungsgebiet des Wattenmeeres an der Tagesordnung. Dies gilt wegen bestehender Verträge auch für Schießübungen im Bereich des Königshafens in List auf Sylt und in der Meldorfer Bucht.
Fremdenverkehr:
Wandern im Watt und im Vorland ist mit Ausnahme der Ruhezone des Nationalparks und bestimmter - besonders gekennzeichneter - Flächen der Zwischenzone überall erlaubt. Die Schutzbestimmungen verlangen, daß die Natur respektiert wird. Brutkolonien dürfen nicht betreten werden, Seehunde und Vogelschwärme nicht gestört werden, Pflanzenbestände nicht zertreten werden. Baden ist nur an speziell gekennzeichneten Stellen möglich. Der Sportbootverkehr ist bis auf wenige Gebiete erlaubt. Die Entnahme von Schlick, Sole und Seewasser für den persönlichen Bedarf sowie für Kurmittelanwendungen ist möglich.
Gewinnung von Bodenschätzen:
Eine Gewinnung von Bodenschätzen ist im Nationalpark nur ausnahmsweise möglich. Beispielsweise für Küstenschutzzwecke oder für die Erdölförderung. Die Bohrinseln und der laufende Betrieb stellen auch bei Beachtung der höchsten Sicherheitsstandards eine Belastung für das Wattenmeer dar. Geräuschentwicklung, Beleuchtung, zusätzlicher Schiffsverkehr und das Bauwerk selbst wirken störend auf den Ablauf der Naturvorgänge.
Eutrophierung:
1981 wurden erstmals sogenannte "Sauerstofflöcher in der Deutschen Bucht entdeckt. Dabei handelt es sich um Bereiche des Tiefenwassers, in denen nur noch wenig oder kein Sauerstoff nachweisbar ist. Die dazu führende "Wirkkette sieht folgendermaßen aus:
Ein hoher Eintrag von Phosphat und Nitrat über die Flüsse und die Atmosphäre führt zu intensiver Algenvermehrung, der "Algenblüte. Nach dem Absterben werden die Algenmassen unter starker Sauerstoffzehrung von Bakterien abgebaut. Infolge des dann eintretenden Sauerstoffmangels gehen Fische und viele andere Meerestiere zugrunde. In den letzten 25 Jahren stieg allein der Verbrauch an Stickstoffdünger in Schleswig-Holstein von 67.000 auf 175.000 t an. In dem küstennahen Meeresbereich von 20 bis 50 km Breite, der das Wattenmeer einschließt, gehen 50% des Nährstoffgehalts auf "menschlichen Einfluß zurück.
Giftstoffe:
Bei industriellen Produktionsvorgängen können als Nebenprodukte gefährliche Giftstoffe wie Schwefeldioxid, Fluor, Chlor, Arsen, Antimon, Blei, Zink, Cadmium oder Kupfer entstehen, die meist indirekt über die Flüsse in das Nordseewasser eingetragen werden.
Folgende organische und anorganische Substanzen sind nur schwer vom Ökosystem Wattenmeer abbaubar: Erdölkohlenwasserstoffe, düngende Substanzen (Pflanzennährstoffe), Schwermetalle, Radionuklide, Chlorkohlenwasserstoffe.
Die belastenden Stoffe wirken in der Regel nicht isoliert auf Organismen oder Ökosysteme, sondern sich überlagernd (synenergetisch) in "summativer Toxizität und damit oft gleichsinnig verstärkend. Oft ist eine permanente Grundbelastung eines Schadstoffes vorhanden. Hinzu kommen auslösende Stressoren und später zusätzliche Stressoren. Die Giftstoffe reichern sich mit zunehmender Höhe in den Gliedern der Nahrungskette an und können - wie Quecksilber - eine für den Menschen tödliche Toxizität erreichen.
Sublitoral: Unterer Wattbereich, der auch bei Ebbe noch mit Wasser bedeckt ist.
Eulitoral: Mittlerer Wattbereich, der zweimal täglich dem Wechsel von Ebbe und Flut ausgesetzt ist.
Supralitoral: Oberer Wattbereich, Verlandungszone mit Salzwiesen.
Epilitoral: Höchster Wattbereich, außer bei extremen Sturmfluten nicht mehr überflutet.
Salzwiese: Charakteristische Pflanzengesellschaft an Küsten der gemäßigten Zone, die auf Salzböden stockt. Pflanzen und Tiere der Salzwiese weisen markante Anpassungen an die Salzgehalte von Wasser und Boden auf.
Ökologie: Die umfassende Fragestellung der Biologie, die die Abhängigkeiten zwischen den Individuen, Populationen und Artengemeinschaften von Organismen und ihrer Umgebung untersucht. Die Abhängigkeiten sind erfaßbar in Wechselwirkungen, die für die betreffenden Organismen Existenzbedingungen darstellen. Die Merkmale und Funktionssysteme von Organismen werden dargestellt als Anpassungen an die jeweiligen Existenzbedingungen.
Watt: Amphibisches Land der Gezeitenküste, das mit den Gezeiten täglich zweimal überflutet wird und zweimal wieder trockenfällt. Es verfügt über ein kompliziertes Feinrelief, das infolge der Gezeitenströme eine große Dynamik aufweist.
Wattenmeer: Vom Meer überspültes Watt, das durch Nehrungen oder niedrige Inseln vom offenen Meer abgetrennt ist.
Buchwald, K.: Nordsee - Ein Lebensraum ohne Zukunft? Göttingen 1990.
Dolder, W. u. U.: Lebensraum Nordseeküste und Wattenmeer. Grünwald 1989.
Gerhard, F.: Naturraum Wattenmeer. 1. Aufl., München, Wien 1981.
Güntheroth, H.: Die Nordsee. Portrait eines bedrohten Meeres. Hamburg 1986.
Janke, K.: Das Watt, Lebensraum, Tiere und Pflanzen. Stuttgart 1990.
Janke, K.: Düne, Strand und Wattenmeer, Tiere und Pflanzen unserer Küsten. Stuttgart 1988.
Kempf, N./u.a.: Salzwiesen: Geformt von Küstenschutz, Landwirtschaft oder Natur? Tagungsbericht 1.
Der Minister für Ernährung, Landwirtschaft u. Forsten des Landes Schleswig-Holstein: Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Kiel 1985.
Umweltbundesamt: Warnsignale aus dem Wattenmeer. Berlin 1993.
Leser, H./u.a.: Diercke-Wörterbuch der allg. Geographie, Bd. 1 u. 2. 6. Aufl., München, Braunschweig 1992.
Zucchi, H./u.a.: Watt, Lebensraum zwischen Land und Meer. Augsburg 1989.