Die Völker des heutigen Deutschlands und seine Nachbarn verteilten sich nach der großen Völkerwanderung von 450 bis 500 n.Chr. folgendermaßen: In Norddeutschland und Skandinavien befanden sich die Germanen, südlich des Rheins die Kelten, in Nordfrankreich die Franken und östlich der Oder die Slawen.
Die Germanischen Stämme wiederum sind zu unterteilen in die Norweger, Schweden, Dänen, Friesen (westlich der Elbe in Norddeutschland) und die Sachsen (östlich der Elbe in Norddeutschland).
In Vendel und Valsgarde (in der Nähe von Birka) sind Bootsgräber entdeckt worden. In diesen - reichhaltig mit Luxus- und Importwaren ausgestatteten - Gräbern sind bedeutende Persönlichkeiten aus der Wikingerzeit bestattet worden. Ihre Grabbeilagen geben Aufschluß darüber, zu welchen Ländern die Wikinger Beziehungen pflegten. Auch andere archäologische Funde lassen Rückschlüsse auf die Art ihrer Lebensweise zu.
Die Wikinger waren keine Analphabeten, sondern sie besaßen ein Alphabet aus 16 Buchstaben, den Runen. Die Buchstaben wurden mit scharfen Gegenständen in Holz, Metall oder Steine geritzt. Runenschriften liefern heute Informationen über die Aufenthaltsorte ihrer Reisen, da die Steine so groß und schwer sind, daß ihre Fundorte auch ihre Erschaffungsorte sind. Sie wurden oft als Gedenksteine oder zur Festlegung von Erbangelegenheiten verwendet.
Unter Skalden, oder auch Skaldenpoesie, versteht man eine Gelegenheitsdichtung der Wikinger, bei der in Form von kurzen Versen die aktuellen Gegebenheiten festgehalten wurden. Sie sind teilweise als Runen erhalten.
Sagas sind Gedichte, die im 13./14. Jh. unter Vorlage von Skalden geschaffen wurden. Sie handelten zum großen Teil von Helden, Königen und Göttern. Ein Beispiel für eine bedeutende Saga ist die Prosa- und die Lied-Edda. Snorri Sturluson, ein Isländer aus dem 13. Jh., ist der Autor einer umfangreichen Saga-Sammlung.
Die politische Grundeinheit in der Gesellschaft der Wikinger war das Thing. Freie Männer eines Bezirkes versammelten sich in regelmäßigen Abständen in der Öffentlichkeit. In dieser Runde wurde über wichtige Belange geredet, z.B. die Königswahl, die Verabschiedung von Gesetzen oder die Rechtsprechung. Jede Region hatte ein eigenes Thing, welches dem Thing des Bezirkes unterlag. Die Spitze bildete der König. Bei Rechtsangelegenheiten brachte der Kläger dem Thing die Klage vor, das Thing urteilte, und der Geschädigte mußte sich selbst um die Schadensregulierung kümmern.
Zu Beginn der Wikingerzeit war ganz Skandinavien heidnisch und es herrschte Vielgötterei. Die drei wichtigsten Götter waren:
Freyr: Freyr war der Gott des Friedens und der Fruchtbarkeit. Er sollte auf dem Land und auf der See für reiche Ernte bzw. Beute sorgen. Dieser Gott besaß ein für Wikinger bewundernswertes Faltboot. Zusammengefaltet paßte es in die Tasche, auseinandergefaltet bot es Platz für alle Götter.
Christianisierung:
Durch den Kontakt der Wikinger zu den Christen wurden sie immer stärker vom Christentum beeinflußt. Dieser Kontakt kam durch ihre Seefahrten, den Sklavenhandel und durch eingereiste Missionare zustande. Der Übergang vom Heidentum zum Christentum ist in der Kunst sehr gut zu erkennen. So wurde die Gußform eines Schmiedes gefunden, mit der Thorhammer und Kreuze hergestellt werden konnten. Es gab Schmuckstücke, die Mischformen aus beiden Religionen waren (z.B. Thorhammer mit Christus). Auch in den Sagas werden Thor und Christus beschrieben, obwohl diese Poesie 200 Jahre nach der vollendeten Christianisierung entstanden ist. Im 11. Jh. war Skandinavien vollständig christianisiert.
Der Ursprung des Namens "Wikinger" ist bis heute nicht geklärt. Eine Theorie geht davon aus, daß er auf das Wort "vig = Handelsplatz zurückgeht.
Die skandinavische Bevölkerung von Dänemark, Südnorwegen und Schweden unterhielt ausgedehnte Handelsbeziehungen (vgl. Abb. 26). Bedeutende Handelsstädte Skandinaviens waren in Norwegen "Kaupang", in Schweden "Birka" und in Dänemark "Haithabu". Frieslands wichtigste Handelsstadt war Dorestad. Die Handelsreisen legten die Wikinger noch mit Ruderbooten zurück. Da diese keinen Kiel besaßen, hielten sie den Wellen des offenen Meeres nicht stand. Die Wikinger fuhren die Küsten entlang, nahmen den kürzesten Weg über das Meer und ruderten die Flüsse weit hinauf. Grob lassen sich die Richtungen der Handelswege wie folgt einteilen:
Norwegen: Shetlandinseln, Orkneyinseln, Nordengland, Irland
Schweden: Slawenland, Naher und Ferner Osten
Dänemark: Friesland, Frankreich, Südengland
Zunächst exportierten die Wikinger Bernstein, der vor allem in Norddeutschland sehr begehrt war. Später kamen weitere Exportgüter wie Rentierhorn, Walroßelfenbein und Felle hinzu. Letztere waren Prestigeobjekt für den hohen Adel Europas. Das wichtigste Handelsprodukt jedoch waren Sklaven. Sie wurden auf den weiten Reisen der Wikinger gefangen genommen und anschließend verkauft.
Importgüter waren Werkzeuge, die die Wikinger nicht selbst herstellten und Luxusartikel wie Brokate aus Byzanz, waidblau gefärbte Wollstoffe aus Friesland, angelsächsische Stickereien, Seide aus China, Weißwein aus dem Rheingebiet, buntes fränkisches Glas und vor allem Edelmetalle wie Gold und Silber. Im 8./9. Jh. wurden reiche Silbervorkommen in Kufa (Mesopotamien) entdeckt, woraufhin sich der Handel sehr stark nach Osten orientierte.
Die zweite Theorie, die die Wurzeln des Namens "Wikinger" zu erklären versucht, geht von dem altnordischen Wort "viking aus, dem die Bedeutung von Piraterie oder Raubzug zukommt. Demnach waren also nur die Krieger aus Norwegen, Schweden und Dänemark Wikinger.
Ihren Anfang nahmen die Raubzüge mit dem Überfall auf das Kloster Lindisfarneim Norden Englands am 8. Juni 793. Da die Wikinger Heiden waren, hatten sie keine Skrupel, der Kirche Schaden zuzufügen, sondern sahen nur die zu erwartende Beute. Später folgten Überfälle auf Irland, Frankreich (niedergelassene Wikinger hießen dort Normannen - Nordmänner - daher der Name Normandie) und von dort weiter nach Spanien und Italien (vgl. Abb. 27). Die Wikinger entdeckten Grönland und Amerika und siedelten auch dort. Überall, wo die Wikinger sich seßhaft machten, trugen sie zur organisierten Staatengründung bei. In Friesland wurde Dorestad von den Dänen häufig geplündert. Auch gegenseitig bekämpften sich die Wikinger, so wurde z.B. die Stadt Haithabu mehrfach überfallen.
Es stellt sich die Frage, welches der Grund für dieses Wirken war. Kurz vor dem Beginn der Gewalttätigkeiten seitens der Wikinger läßt sich eine Klimaverbesserung verzeichnen. Durch die wärmeren Winter gingen die Vorräte am Ende des Winters nicht zu Ende, so daß auch die Alten und Schwachen diese Zeit gut überlebten. Die Viehzucht konnte intensiviert werden, da das Vieh zum Winter nicht mehr geschlachtet werden mußte. Außerdem wurde durch die gute Ernährungslage die Nachkommenschaft größer. Für diese war nicht mehr genug Land vorhanden. Die sich daraus ergebende Überbevölkerung, der Reiz der Luxusartikel aus fernen Ländern, die Abenteuerlust, die Überlegenheit durch ihren kräftigen Körperbau und der verbesserte Schiffsbau ließen sie die gefährlichen Reisen unternehmen.
Erst durch den verbesserten Schiffbau wurden weite Fahrten über die Meere möglich. Durch die Erfindung des Segels war es notwendig, die Boote mit einem Kiel vor dem Kentern zu schützen. Die Schiffe der Wikinger konnten wahlweise mit Hilfe der Segel oder durch Rudern fortbewegt werden.
Es werden drei Schiffstypen unterschieden:
Die Grenze Dänemarks zu den Sachsen lag zur Wikingerzeit südlicher als die heutige. Sie verlief in der Höhe des Haddebyer Noors. In Dänemark ist die Entfernung zum Meer an keinem Ort größer als 50 km. Durch diese Tatsache konnte der Handel ausgebaut werden, welcher der Quell des Wohlstandes war. Die wichtigste Handelsstadt in Dänemark war Haithabu.
Haithabu liegt in der Nähe von Schleswig am Haddebyer Noor. Es besteht eine Verbindung zur Schleimündung und damit zur Ostsee. Von der Nordsee reicht die Eider weit ins Landesinnere, aus der wiederum die Treene entspringt, die weiter nach Nordosten fließt. Die Handelsschiffe benutzten diesen Wasserweg, um somit einen nur noch 16 km langen Landweg überwinden zu müssen. Dieser wurde mit Ochsenkarren zurückgelegt, nachdem die Handelsware in einer kleinen Hafenstadt gegenüber Haithabu gelöscht worden war.
Damit stellte Haithabu einen wichtigen Handelsplatz zwischen West- und Osteuropa dar. Westlich von Haithabu durchkreuzte eine wichtige Heerstraße das "Danewerk von Norden nach Süden, wodurch die Stadt ebenfalls an Bedeutung gewann.
Das Danewerk ist ein System von Befestigungswällen an der Südgrenze Dänemarks, das vor Angriffen der Sachsen und Slawen schützen sollte. Jeder dieser Wälle ist an seiner Südseite mit einem Graben ausgestattet. Der Hauptwall ist noch heute zu erkennen und führt über die Landenge zwischen Nord- und Ostsee in der Höhe Haithabus. Durch dendrochronologische Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, daß seine Bauanfänge bis in das Jahr 730 n.Chr. zurückreichen. Haithabu liegt also im Schutz des Danewerks.
Die erste Siedlung war die Südsiedlung, eine friesische Siedlung, die im späten 8. Jh. entstand. Die zweite, die Nordsiedlung, entwickelte sich zu Beginn des 9. Jahrhunderts. Um das Jahr 800 n.Chr. bildete sich die mittlere Siedlung neben dem Haithabuer Bach heraus. Ende des 9. Jahrhunderts wurden die Nord- und die Südsiedlung zugunsten der mittleren Siedlung aufgegeben. Später errichteten die Bewohner einen neun Meter hohen Ringwall um die Stadt, der sich im Noor als Graben fortsetzt. Hier konnten tiefliegende Handelsschiffe an Molen anlegen.
Nördlich der Nordsiedlung ist ein bewaldeter Hügel mit einer länglichen Befestigungsanlage, von der nur noch Erdwälle zu sehen sind, zu erkennen. Sie diente vor der Errichtung des Ringwalls als Fluchtburg (vgl. Abb. 28).
Im Jahre 1050 n.Chr. wurde die Stadt von Harald dem Harten aus Norwegen niedergebrannt und 1066 von Slawen geplündert. Die Bewohner zogen in das heutige Schleswig, so daß sich die Stadt nicht wieder erholte und Ende des 11. Jahrhunderts aufgegeben wurde.
Ende des 11. Jahrhunderts waren auch die skandinavischen Länder christianisiert, und die Königreiche waren festgelegt. Die Skandinavier bemühten sich selbst, die letzten "wikingernden Machenschaften zu unterbinden. Durch den weiteren Ausbau von Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern wurde das Ende der Wikingerzeit eingeläutet.
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