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Hintergrund / SH-Exkursion der Uni-Lüneburg



Christa Petersen

Kapitel VI:

Die Entwicklung des Siedlungs- und Städtesystems seit dem Mittelalter


1. Einleitung

Für die Entwicklung des Städtesystems sind zwei Fragen bei der Bearbeitung des Themas besonders wichtig:

  1. Sind räumliche Besiedlungsschwerpunkte erkennbar, oder sind die Städte gleichmäßig über das Land verteilt ?
  2. Hat es zeitliche Entwicklungsschwerpunkte gegeben, oder gab es eine kontinuierlichen Städtezunahme ?

Auf diese Fragen soll versucht werden, eine Antwort zu geben. Es sind Gründe und Ursache zu erforschen, warum die Menschen dort ihre Städte gebaut haben, wo sie sich heute befinden und nicht irgendwoanders.

2. Siedlungsbeeinflussende Faktoren

2.1. Die Transitlage

Ein Blick auf die Lage Schleswig-Holsteins im Raum läßt erkennen, daß diesem Bundesland eine Sonderstellung zukommt.

In der Vergangenheit war der Wasserweg immer noch die bequemste und schnellste Möglichkeit, voranzukommen bzw. etwas zu transportieren. Die Menschen versuchten daher, den Landweg so kurz wie möglich zu gestalten. Durch seine Brückenfunktion, im Osten durch die Ostsee und im Westen durch die Nordsee begrenzt, war Schleswig-Holstein deshalb immer ein bevorzugtes Durchgangsland. Weit in das Landesinnere hineinreichende Förden und Buchten verkürzten zudem noch den Landweg. Ein Blick auf die Lage Haithabus in der Wikingerzeit, das seinerzeit sehr bedeutend war, unterstreicht noch einmal diese Bedeutung.

In Schleswig-Holstein begegnen sich Nord- und Mitteleuropa. Die Region nimmt hier eine Bindegliedfunktion ein. Der Hauptverkehrs- und Handelsweg auf dem Land führte in früherer Zeit von Nord nach Süd. Noch heute gibt es Hinweise auf die Lage des alten Ochsenweges.

2.2. Die Naturräume

In Schleswig-Holstein ist eine starke Ausrichtung der Besiedlung an den Naturräumen erkennbar.

Das östliche Hügelland

Die tief in das Land hineinreichenden Förden und Buchten an der Ostseeküste waren ideale Siedlungsräume, da sie den Handel auf dem Wasserweg ermöglichten. Bevorzugt siedelte man hier auf Landzungen oder Halbinseln, um sich auf natürliche Weise, durch das umgebende Wasser, vor feindlichen Übergriffen zu schützen. Auf größere Bauwerke konnte somit verzichtet werden.

Die Geest

Hinweise auf die erste menschliche Besiedlung in Schleswig-Holstein finden wir vorwiegend auf der Geest, d.h. in der Mitte des Landes, auf den Altmoränen und Sanderflächen. Die leichte Bearbeitung dieser Böden war in einer Zeit, wo es noch an geeigneten Bearbeitungsgeräten fehlte, eine wichtige Voraussetzung für die Besiedlung. Später wurde die Geest zum am schwächsten besiedelten Landesteil. Die Menschen begannen die Geest zu meiden, da die Böden hier relativ unfruchtbar waren.

Die Geest weist aber auch einen Vorteil auf: Sie ist eine "verkehrsfreundliche" Landschaft. Die Sanderflächen in der östlichen Geest sind relativ eben. Hier stören weder Moränenkuppen, wie man sie im Osten vorfinden, noch besteht Vernässungsgefahr, wie es im Westen der Fall ist. Der in der Vergangenheit bedeutende Ochsenweg führte hier entlang, und noch heute befindet sich die wichtigste Nord-Süd-Straßenverbindung, die A7, auf diesem Gebiet.

Die Marsch

Dieser Landesteil im Westen war lange Zeit noch überschwemmungsgefährdet. Trotz der ersten Deichbauten im 13. Jh. gab es noch verheerende Sturmfluten (u.a. die Manndränke 1362 und 1634), bei denen viele Menschen ums Leben kamen. Stellenweise reichten die Fluten bis zum Geestrand. Deshalb wurden auch diese Landstriche eher gemieden. Die Menschen, die sich hier niederließen, erhöhten das Land stellenweise, und bauten auf den sogenannten Warften ihre Häuser, um sich vor den Fluten zu schützen.

Die Geestrandlage

Es ist allgemein zu beobachten, daß Gebiete, die im Grenzgebiet unterschiedlicher Naturräume liegen, häufig bei der Besiedlung bevorzugt werden. So ist es auch in Schleswig-Holstein geschehen.

Es befindet sich eine Siedlungslinie auf der Geest am Rand zur Marsch. Die höhere Geestlage bot den Menschen Sicherheit vor dem Wasser. Gleichzeitig haben die Bauern aber auch den fruchtbareren Marschboden nutzen können. Auf diesem Land wurde vorwiegend Weidewirtschaft betrieben., während auf dem leichteren Geestboden Ackerbau stattfand. So kam es zu einem regen Warenaustausch.

Eine zweite Siedlungslinie ist zwischen Geest und östlichem Hügelland erkennbar. Sie ist allerdings nicht so ausgeprägt, wie wir sie am Rand zur Marsch vorfinden. Hier war es vor allem die Nähe zu den Handelswegen, die die Menschen hier suchten. Sie hatten einerseits die Wasserwege und andererseits die Nord-Süd-Landstraße, den Ochsenweg, in der Nähe.

3. Chronologie der Stadtentwicklung

Schleswig-Holstein hat heute 60 Ortschaften mit Stadtrecht. Wenn man sich die Zeitpunkte der Stadtrechtsverleihungen ansieht, so ist deutlich erkennbar, daß die Stadtentwicklung hier in vier Phasen abgelaufen ist.

3.1. Die hochmittelalterliche Phase (12.-14.Jht.)

In dieser Zeit des Mittelalters hat die eigentliche Stadtentwicklung nach unserem heutigen Stadtverständnis erst begonnen. Überall in Deutschland wurden Städte gegründet. Diese Gründungsphase ging auch an Schleswig-Holstein nicht vorbei. Dort waren sie Begleiter großer Kolonisationsbewegungen, d.h. adlige Lokatoren betrieben eine planvolle Landnahme, indem sie Bauern, die in ihrer Heimat keine Bleibe mehr fanden, Land versprachen. Die neuen Siedler kamen u.a. aus Westholstein, West- und Ostfriesland und Westfalen. Die Landnahme geschah besonders in Ostholstein. Häufig lockte hier der fruchtbare Boden des Jungmoränengebietes die neuen Siedler. Dieses Gebiet wurde bislang durch die Slawen besiedelt. Es war zum Westen durch den limes saxoniae, einem unbesiedelten Waldgebiet begrenzt. Der Grenzwald ersteckte sich von der Kieler Förde zur Elbe bis zum späteren Lauenburg. Diese Kolonisationen waren häufig begleitet von kämpferischen Auseinandersetzungen mit den dort beheimateten Menschen.

In dieser Zeit haben in Schleswig-Holstein 22 Stadtgründungen bzw. Stadtrechtsverleihungen stattgefunden. Die neuen Städte dienten vor allem der Territorialsicherung, z.B. gegen die Dänen und Slawen. Das daraus resultierende Schutzbedürfnis ist heute teilweise noch erkennbar in der Wahl des Standortes. Viele Standorte sind so gewählt, daß das Wasser einen natürlichen Schutz bietet, z.B. auf einer Halbinsel (Kiel), auf einer Landzunge (Eckernförde), oder auf einer Insel (Ratzeburg). Zu den Merkmalen einer mittelalterlichen Stadt gehören eine Stadtmauer, ein Marktplatz mit einer Burg bzw. einer Domkirche und ein regelmäßiger, planvoller Grundriß. Noch heute ist ein regelmäßiger Grundriß z.B. im Straßenverlauf der Kieler Altstadt erkennbar, obgleich Kiel durch die letzten Kriege seine alte Bausubstanz nahezu vollständig eingebüßt hat.

Das Mittelalter wurde durch den Ostseehandel bestimmt. Schleswig, ehemals Haithabu, verlor an Bedeutung. Dagegen gewann Lübeck an Bedeutung und erhielt eine ökonomische Führungsrolle im gesamten Ostseeraum. Lübeck war durch das tiefere Wasser seiner Bucht für die immer tiefergängigeren Schiffe besser erreichbar. Zudem wurde die Mündung der Schlei durch anwachsende Strandwälle immer enger. Wie ehemals Haithabu hatte auch Lübeck eine gute Hinterlandverbindung, da bereits 1398 der Stecknitzkanal gebaut wurde, der einen Wasserweg von der Lübecker Bucht bis zur Elbe darstellte. Ausgehend von Lüneburg, war dieser Kanal auch Bestandteil des Salzweges.

3.2. Die frühneuzeitliche Phase (16.-17. Jht.)

Schleswig-Holstein zerfiel in rivalisierende Fürstentümer. Alte Karten dieser Zeit weisen ein buntes Bild unterschiedlichster politischer Zugehörigkeiten auf. Neue Befestigungsanlagen wurden erforderlich durch die Veränderung der Kriegstechniken. Sie orientierten sich an dem von Vauban entwickelten sternförmig vorgeschobenen Bastionssystem. Neben der neuen Befestigung wurde häufig eine Stadterweiterung vorgenommen. Rendsburg, ehemals auf einer Insel der Eider im Mittelalter gegründet, wurde in dieser Zeit erheblich über die Insel hinaus erweitert. Große Schloßanlagen wurden gebaut, die die Macht der Fürsten im absolutistischen Sinne wiederspiegeln sollten. Das Schloß Gottorf in Schleswig wie auch das Schloß in Eutin sind heute beispielhafte Zeugen der damaligen Zeit.

Die wenigen Stadtneugründungen (5 Städte) befinden sich ausnahmslos an der Nordseeküste bzw. in ihrer Nähe. Der Grund dafür war die Umorientierung des Handels von der Ostsee zur Nordsee. Lübeck verlor an Bedeutung während die Handelsmacht Hamburgs mit seiner Verbindung über die Elbe zur Nordsee wuchs. Eine Neugründung dieser Zeit ist Glückstadt an der Elbe gelegen. Der dänische König plante Glücksstadt als Konkurrenz zum nicht dänisch regierten Hamburg. Noch heute bietet Glückstadt, als damals neuangelegte Stadt, mit seiner radialen Straßenführung ein typisches Bild des absolutistischen Zeitgeistes.

Sowohl Glückstadt als auch besonders Friedrichstadt geben Hinweise auf ihre Erbauer: die Holländer, die als Glaubensflüchtlinge in dieser Region Zuflucht fanden, waren mit den schwierigen Wasserverhältnissen in den Marschgebieten vertraut. Mit ihren Kenntnissen brachten sie die notwendige Entwässerung und den Deichbau voran. Grachten und Treppengiebelhäuser erinnern heute an das Bild holländischer Städte.

3.3. Die Phase des beginnenden Industriezeitalters (19.- Anfang des 20. Jh.)

Ganz Deutschland war seit 1870 im sogenannten Gründungsfieber. Der wirtschaftliche Aufschwung verbesserte die Arbeitsmöglichkeiten in den Städten und bewirkte damit eine Land-Stadt-Wanderung. Schleswig-Holstein war von dieser Entwicklung nicht ausgeschlossen. Die Zeit der Stadtneugründungen war vorbei, aber ein Einwohnerzuwachs in bereits vorhandenen größeren Ortschaften war zu beobachten. In dieser Zeit wurde 19 Orten in Schleswig-Holstein das Stadtrecht verliehen. Unterschiedliche Gründe waren für den Aufschwung dieser Orte verantwortlich:

Im Binnenland entstanden Bade- und Heilkurorte durch erschlossene Solequellen. (z.B. Bad Bramstedt, Bad Schwartau). Unter den Badeorten an der Küste sind besonders Westerland auf Sylt und Wyk auf Föhr zu erwähnen.

3.4. Die Nachkriegszeit

In der Zwischenkriegszeit bekamen 3 Orte das Stadtrecht. Nach dem 2.Weltkrieg setzte wieder ein Aufschwung ein. Seit Ende des 2. Weltkrieges bis heute entwickelten sich 11 Ortschaften zu Städten. Dieser Aufschwung vollzog sich besonders im Hamburger Umland. Die letzte Stadtrechtsverleihung geschah 1974 an Quickborn.

4. Zusammenfassung

Zu Beginn wurden 2 Leitfragen gestellt, die sich mit den vorangegangenen Erläuterungen nun beantworten lassen. Die erste Frage, ob räumliche Besiedlungsschwerpunkte erkennbar sind, läßt sich mit ja beantworten., denn die Orientierung der Besiedlung an den sehr unterschiedlichen Naturräumen ist deutlich nachvollziehbar. Die zweite Frage, ob es zeitliche Stadtentwicklungsschwerpunkte gegeben hat,läßt sich ebenfalls mit ja beantworten, weil sich eine klare Unterteilung in mehrere Phasen vornehmen läßt. Das Ausmaß der heute noch vorhandenen alten Bausubstanz der Städte ist unterschiedlich groß, aber immer sind Spuren der Geschichte erkennbar. Das macht eine Entdeckungsreise durch Schleswig-Holstein neben seinen landschaftlichen Reizen noch einmal lohnenswerter.


Literaturverzeichnis

Beseler, H. (Hg.).: Stadtkernatlas Schleswig-Holstein. Neumünster 1976.

Degn, C./Muuß, U.: Topographischer Atlas Schleswig-Holstein und Hamburg. Neumünster 1979.

Degn, C./Muuß, U.: Luftbildatlas Schleswig-Holstein und Hamburg. Neumünster 1984.

Müller, M. J./Riecken, G.: Stadtlandschaften in Schleswig-Holstein. Neumünster 1990.

Schlenger, H./Paffen, K. H./Stewig,R. (Hg.). Schleswig-Holstein, ein geographisch-landeskundlicher Exkursionsführer. Kiel 1970.

Stewig, R.: Landeskunde Schleswig-Holstein. Kiel 1978.



erstellt von Mathias Lintl, Lüneburg 1996, 11108@stud.uni-lueneburg.de
aufgenommen in das FORUM ERDKUNDE 1999