Christiane Fobbe, Nadja Osburg
Das zum Kreis Dithmarschen gehörende Brunsbüttel liegt von Hamburg aus flußaufwärts am nördlichen Ufer der Elbe, die dort in die Nordsee mündet und gleichzeitig am Beginn (oder Ende) des Nord-Ostsee-Kanals. Die Stadt nimmt dabei beide Kanalseiten ein, wobei der Kanal sowohl durch eine Fähre wie auch durch eine Brücke im Verlauf der B 5 überquert werden kann.
Die heutige Stadt Brunsbüttel besteht aus zwei ehemals selbständigen Gemeinden. Der alte Ort Brunsbüttel wurde schon im 13. Jahrhundert als Kirchdorf erwähnt, 1762 entstand durch die Eindeichung im Bereich des Brunsbüttel-Eddelaker Koogs der Ort Brunsbüttelkoog (Koog = eingedeichtes Marschland).
Zunächst wurde die Entwicklung hauptsächlich durch Brunsbüttelkoog getragen. Große Bedeutung kommt hierbei dem Bau des Nord-Ostsee-Kanals, der heute meistbefahrenen künstlichen Wasserstraße der Welt, die 1895 fertiggestellt wurde, zu. Verbunden mit dem neuen Hafen und den Schleuseneinrichtungen kam es zu einem konjunkturellen Aufschwung, und Brunsbüttelkoog entwickelte sich außergewöhnlich stark.
Die Entwicklung spiegelt sich auch in den Einwohnerzahlen wider. 1895 zählte die Gemeinde 709 Einwohner, bis 1905 hatte sich die Einwohnerzahl verfünffacht und betrug 3.500.
Der anhaltende wirtschaftliche Aufschwung führte dazu, daß Brunsbüttelkoog 1949 Stadtrecht erhielt.
Die Stadt Brunsbüttel selbst, mit derzeit 13.000 Einwohnern, entstand 1970 im Zuge der kommunalen Gebietsneuordnung aus der Stadt Brunsbüttelkoog, der ehemaligen Gemeinde Brunsbüttel und einigen Nachbargemeinden.
Die Zeit um 1970, in der auch der Zusammenschluß zur Stadt stattfand, ist ein wichtiger Zeitabschnitt für die weitere Entwicklung Brunsbüttels. Die schleswig-holsteinische Landesregierung entschied, den Wirtschaftsraum Brunsbüttel zu einem industriellen Schwerpunkt innerhalb des Landes zu entwickeln und die Stadt Brunsbüttel zum Wohnstandort für die Industrie auszubauen. Das sogenannte "Entwicklungspolkonzept" sollte dabei Anwendung finden.
Bereits seit Mitte der fünfziger Jahre gab es Bestrebungen vom Land Schleswig-Holstein und der Gemeinde Brunsbüttel, den Ort zu einem Mittelzentrum zu entwickeln um der Abwanderung der Bevölkerung aus der strukturschwachen Region entgegenzuwirken. Dieses sollte durch eine groß angelegte Industrialisierung erreicht werden.
Schon vor 1950, in Verbindung mit dem Bau und der späteren Erweiterung (1907-1914) des Nord-Ostsee-Kanals, war die regionale Lage entscheidend für die Ansiedlung erster Industriebetriebe in Brunsbüttelkoog. Zementfabriken, eine Ziegelei, Schiffsausrüsterfirmen, die Kali-Chemie sowie die ELF Mineralöl GmbH (ehemals Mineral- und Asphaltwerke AG) siedelten sich an.
In der Zeit von 1950-1970 verbesserten sich die Standortbedingungen für die Industrie in Brunsbüttel. Die "Deutsche Erdöl AG" (DEA) siedelte sich am Nordufer des Kanals an und verlegte die ersten Pipelines, die Brunsbüttel mit der Erdölraffinerie in Hemmingstedt bei Heide verbinden. Große Bedeutung kommt vor allem auch dem Bau des tideunabhängigen Elbe-Tiefwasserhafens (1967) zu. Er gehört zu den zehn größten Seehäfen in Deutschland und weist mit der Lage im Schnittpunkt von Elbe und Nord-Ostsee-Kanal eine Lagegunst auf. Die Elbe ist Zufahrtsweg zum größten deutschen Seehafen Hamburg und bietet eine gute Anbindung an das europäische Binnenwassernetz, der Nord-Ostsee-Kanal stellt den Hauptverbindungsweg zur Ostsee, den skandinavischen und den "Ostblock"-Ländern dar. Außerdem sind die Verkehrsverbindungen zwischen dem Elbehafen und dem Binnenland sowohl per Schiene als auch per Straße gut ausgebaut. Vom Kai und den benachbarten Lagerflächen bestehen direkte Anschlüsse an die Bahnlinien nach Hamburg, ins Binnenland und in Richtung Dänemark. Den Straßenverkehrsanschluß bildet die Bundesstraße 5, die unmittelbar am Hafengebiet vorbeiführt und Anschluß an die Bundesautobahn Hamburg-Flensburg hat und durch den Elbtunnel in Hamburg an das übrige deutsche Autobahnnetz angebunden ist. Ein weiterer wichtiger Standortfaktor für die Industrie Brunsbüttels war der Bau des Kernkraftwerkes 1969, durch das eine ausreichende Energieversorgung gesichert wurde. Nennenswerte Industrieansiedlungen in dieser Zeit waren die der oben bereits erwähnten Deutschen Erdöl AG" (DEA) mit der Nachfolgefirma "Texaco" und die "Condea Chemie GmbH". Doch noch zu Beginn der 70er Jahre waren die Wirtschafts- und Beschäftigungsbedingungen im Raum Brunsbüttel sehr ungünstig. Täglich pendelten etwa 3.500 Menschen aus diesem Raum nach Hamburg zur Arbeit. Der strukturschwache Raum Brunsbüttel wies eine starke Abwanderung auf, vor allem junge Leute zogen fort.
Bei der 1970 von der Landesregierung Schleswig-Holstein getroffenen Entscheidung, Brunsbüttel zu einem industriellen Schwerpunkt zu entwickeln, gingen die Planer von einem Mittelzentrum mit ca. 25.000 Einwohnern aus, sowie von 10.000- 20.000 neuen Arbeitspläzen, die in Brunsbüttel geschaffen werden sollten. Durch diese Entscheidung wurden "die Weichen für eine umfassende Stadterneuerung und -erweiterung gestellt" (PATZSCHKE/PETERSEN/REINELT 1982, S. 2). Ziel der Stadt war es, eine Verdoppelung der Einwohnerzahl zu erreichen, daher waren Entscheidungen in den Bereichen Flächendisposition, verkehrliche Erschließung, infrastrukturelle Ausgestaltung und stadträumliche Gliederung zu treffen waren. Raumordungspolitische Maßnahmen vom Umfang der Industrieansiedlung bei Brunsbüttel können jedoch nicht allein Aufgabe der Kommunalpolitik sein. Die Strukturmaßnahmen verändern langfristig das Beziehungssystem des gesamten Umlandes und bewirken Wanderungsbewegungen im Bereich der Beschäftigten. Diese überregionale Bedeutung erfordert die Mitwirkung der Landesplanung. Somit ist sie für folgende Bereiche mit zuständig: Koordination von Infrastrukturmaßnahmen (z. B. Ausbau der B 5), Bereitstellung finanzieller Hilfen (z. B. für die Verbesserung des Stadtzentrums oder im Bereich der Industrieansiedlung für die Aufspülung weiter Flächen mit Elbsand) sowie für den Ausbau der Versorgungseinrichtungen im Hinblick auf die größere zentralörtliche Bedeutung. Die städtebaulichen Entwicklungsmaßnahmen werden vom Land Schleswig-Holstein und vom Bund im Rahmen des Städtebauförderungsgesetzes gefördert. Danach werden die benötigten finanziellen Mittel von drei Trägern zu gleichen Teilen aufgebracht. Bund, Land und Stadt kommen also jeweils für ein Drittel der Kosten auf.
Für die städtebauliche Ordnung der neuen Stadt Brunsbüttel war der städtebauliche Ideenwettbewerb aus dem Jahre 1972 entscheidend. Auf dieser Grundlage sind die Fachplanungen im Bereich des Verkehrs und im Bereich der infrastrukturellen Ausgestaltung entwickelt worden. Die planerischen Leitlinien für die Stadt Brunsbüttel lauten seitdem:
Auf der Grundlage der Wettbewerbsarbeit des 1. Preisträgers wurde untersucht, welche der dort vorgeschlagenen Maßnahmen und Flächendispositionen für die weitere Planung bindend sein sollen. Es entstand der Programmplan mit Aussagen zur Art und zum Maß der Nutzung, der Verteilung der Einwohner, der Anordnung der unterschiedlichen infrastrukturellen Einrichtungen sowie der Hauptverkehrsstraßen und Hauptfußwege. Mit Hilfe des Programmplans war die Möglichkeit gegeben, die Funktion jedes einzelnen Teilbereiches im Rahmen der gesamten Entwicklungsmaßnahmen klar festzulegen. Basierend auf dem Programmplan hat die Stadt Brunsbüttel den Flächennutzungsplan überarbeitet und mit der Aufstellung von Bebauungsplänen die Bautätigkeit im Entwicklungsbereich eingeleitet.
Was den Flächennutzungsplan Brunsbüttels betrifft, wird dieser ständig den Entwicklungen und dem Wandel der Stadt angepaßt. Die 1981 genehmigte Änderung fordert die deutliche Trennung der Wohngebiete von den Industrie- und Gewerbegebieten. Der östliche Teil ist danach für industrielle und gewerbliche Nutzungen vorgesehen, ebenso der Nordwesten bis zur Grenze der B 5 im Norden. Der westliche Stadtteil ist für Wohngebiete und das neue Zentrum bestimmt, die vorherrschenden Westwinde stehen dabei zugunsten der Bevölkerung.
Im Rahmen der Verkehrsplanung erfolgte eine umfassende Neuentwicklung der innerstädtischen Verkehrsbeziehungen und der Anbindung an das überörtliche Straßennetz. Dabei ist der Bau der neuen B 5 als nördliche Umgehungsstraße, mit einer Brücke über den Nord-Ostsee-Kanal Voraussetzung für die Steigerung der Funktionsfähigkeit des Verkehrs. Vier Abfahrten sollen von der B 5 aus ein gezieltes Erreichen der einzelnen Stadtteile ermöglichen. Ziel ist also eine Trennung von gewerblichem und innerörtlichem Verkehr.
Was die städtebauliche Entwicklung Brunsbüttels insgesamt betrifft, ist diese auch weiterhin beidseitig des Nord-Ostsee-Kanals vorgesehen. Von 1970-1980 hatte sich die baulich genutzte Fläche um das dreifache vergrößert. Grenzen für die städtebauliche Entwicklung bilden die Lage der neuen Umgehungsstraße im Norden und die Elbe im Süden. Daher wird angestrebt, die fixierte Größe von 25.000 Einwohnern innerhalb der für Wohnen vorgesehenen Bauflächen zu realisieren. Es wird Wert darauf gelegt, daß Brunsbüttel "eine überschaubare Stadt mit einer leistungsfähigen gewerblichen und industriellen Basis bleibt" (PATZSCHKE/PETERSEN/REINELT 1982, S.16), die Qualität der neuen Baugebiete dabei aber weiter gesteigert wird.
Grundsätzlich wird die Entwicklung in Brunsbüttel aber durch die Ansiedlung von großen Industrie- und Gewerbeflächen bestimmt. 1970 wurde südlich vom Nord-Ostsee-Kanal mit erheblichen Landes- und Bundesmitteln (bis 1985 hatte das Land hier mehr als 1 Milliarde Mark investiert) ein hafenorientiertes Industriegebiet erschlossen, 2.000 ha Fläche wurden bereitgestellt und enorme Sandaufspülungen waren erforderlich. Wie bereits oben erwähnt, gingen die Planer von 10.000-20.000 neuen Arbeitsplätzen aus, die geschaffen werden sollten. Großbetriebe, vornehmlich chemische Werke, siedelten sich an. Im Frühjahr 1970 wurde der Ansiedlungsvertrag mit der Bayer AG geschlossen, sie war somit der erste Konzern, der sich an der Unterelbe niederließ. Der Chemiekonzern verfügt mit rund 420 ha über das größte Areal. Es folgten Betriebsstätten von VEBA, die Schelde-Chemie (Firmen Bayer und Ciba-Geigy) und die chemischen Werke Hüls, die heute unter dem Namen Norsk Hydro Ruhr AG - Werk Brunsbüttel bekannt sind (größter Düngemittelkonzern Nordeuropas).
Durch die Industrieansiedlungen in Brunsbüttel konnte die Wirtschaftlichkeit erheblich gestärkt und eine Stabilisierung des Arbeitsmarktes in dieser strukturschwachen Region erreicht werden. Positive Effekte für die städtische Entwicklung von Brunsbüttel waren die Folge. Insgesamt muß aber festgestellt werden, daß trotz massiver staatlicher Förderungen für den Brunsbütteler Wirtschaftsraum die wirtschaftlichen Erfolge weit hinter den Erwartungen zurück blieben. Die Realität sieht so aus, daß sich 1980 bereits abzeichnete, daß die 1970 geplante Entwicklung anders verlief als geplant. Es hat sich gezeigt, daß das Tempo der Entwicklung zum Teil in der Qualität, zum Teil in der Quantität hinter den Erwartungen zurück blieb. Hinzu kamen Faktoren, mit denen bei der Aufstellung der Planungsleitlinien noch nicht gerechnet werden konnte. Die Industrie kam zwar in großem Maße nach Brunsbüttel, doch die erwarteten Arbeitsplätze außerhalb der klein- und mittelständischen Wirtschaft blieben aus. Bayer, der größte Hoffnungsträger, beschäftigt zur Zeit ca. 1.600 Mitarbeiter statt der versprochenen 5.000. Insgesamt wurden bis 1990 nur ca. 4.000 ,statt der angestrebten 10.000-20.000, neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Arbeitslosen-Quote in Süderdithmarschen, wozu auch Brunsbüttel gehört, liegt heute trotz Industrialisierung bei 9-10%, man spricht auch vom "Sizilien des Nordens" (BREUER/PRÜSS 1990, S.115).
Von seiten der Industrie werden mehrere Gründe für das Nicht-Erreichen der Zahl an Arbeitsplätzen angeführt. Zunächst seien die beiden Ölkrisen 1973 und 1979/80 genannt. Gerade die chemische Industrie war von der Preisexplosion ihres Grundstoffs Öl direkt betroffen. Die Verbraucher reagierten mit Zurückhaltung auf die steigenden Preise, und erstmals produzierte die Chemie mehr als abzusetzen war. Weitere Gründe sind die allgemeine Rationalisierung und die aus Kostengründen zunehmende Verlagerung der Produktion ins Ausland.
Womit die Planer in Brunsbüttel bei der Aufstellung ihrer Leitlinien ebenfalls nicht gerechnet hatten, war, daß nach der Bereitstellung umfangreicher Bauflächen, die Wohnbautätigkeit zwar einsetzte, es sich aber mehr um einen innerörtlichen Entflechtungsprozeß und Nachholbedarf handelte, als daß die Einwohnerzahl in Brunsbüttel gestiegen wäre.
Was sich im Zeitraum von 1970-1980 verbessert hat, ist die soziale und kulturelle Infrastruktur. Die Versorgung der Bevölkerung ist wesentlich besser geworden, da die Einwohnerzahl im gleichen Zeitraum nur unwesentlich gestiegen ist. Die heute ca. 13.000 Einwohner sind mit Gymnasium, Kreiskrankenhaus, diversen Sportanlagen und einem Freizeithallenbad gut versorgt.
Die Verschiebungen der städtebaulichen Leitbilder führte dazu, die weitere Entwicklung zu überdenken und die aktuellen Planungsaufgaben neu zu bestimmen. Als Kritik ist anzumerken, daß die großen Pläne für Brunsbüttel schon viel früher hätten korrigiert werden müssen. Einigen Meinungen zufolge schon nach der ersten Ölkrise 1973. Es wurde jedoch nicht "zurückgeschraubt", und es wird weiterhin versucht, die positiven Seiten der Entwicklungen und des Geschaffenen zu sehen. Demzufolge wird auch künftig in Brunsbüttel investiert.
Jansen, U.: Zeugen der Industrialisierung. In: Müller, M. J. / Riecken, G. Stadtlandschaften in Schleswig-Holstein. Neumünster 1990.
Patzschke, R. / Petersen, V. / Reinelt, M. C.: Brunsbüttel - eine Stadt im Wandel. Informationszeitschrift der Stadt Brunsbüttel. Brunsbüttel 1982.
Sack, N.: Baisse statt Boom, Brunsbüttel: "Das Sizilien des Nordens". In: Breuer, H. / Prüß, J. R. (Hrg.): Regional- und Freizeitführer Schleswig-Holstein. Hamburg 1990.