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Hintergrund / SH-Exkursion der Uni-Lüneburg



Karin Siegmund

Kapitel XVIII:

Der Holländerort Friedrichstadt


1. Die räumliche Lage von Friedrichstadt

An der Westküste Schleswig-Holsteins, dort, wo die Treene in die Eider mündet, liegt der Holländerort Friedrichstadt. Seine geographische Lage zählt zu den periphersten Gebieten von Schleswig-Holstein und der ehemaligen Bundesrepublik (vgl. STEWIG 1987, S. 57). Damit verbunden sind nachteilige Auswirkungen auf die Wirtschaft aufgrund schlechter Erreichbarkeit von Handelspartnern. Dieser Faktor spiegelt sich beispielsweise in der ungünstigen Anbindung an das Straßenverkehrsnetz wider. So war der nächste Autobahnanschluß lange Zeit in Rendsburg (ca. 40 km entfernt) und ist erst seit neuster Zeit, in Heide (ca. 25 km entfernt) zu finden. Die nächstgelegenen größeren Städte sind Flensburg und Kiel, aber auch bis zu ihnen beträgt die Entfernung ca. 60 bzw. 75 km.

Naturräumlich wird das Gebiet als Eiderstedter Marsch bezeichnet, an die im Südosten die Dithmarscher Geest angrenzt.

Nach verwaltungsmäßigen Gesichtspunkten wird Friedrichstadt seit dem 01.04.1970 dem Großkreis Nordfriesland zugeordnet (vorher Kreis Schleswig).

2. Die Geschichte von Friedrichstadt

1569/70 begann man den Lauf der Treene, die früher westlich vom heutigen Friedrichstadt bei Reimersbude in die Eider mündete, zu verkürzen. Das Treenewasser wurde mittels zweier Sielzüge (dem Oster- und dem Westersielzug) und mit Hilfe vierer (heute dreier) Schleusen in die Eider umgeleitet. Durch den Bodenaushub entstand eine erhöhte, von Deichen geschützte, künstliche Marscheninsel (Seebüll), die aufgrund ihrer verkehrsgünstigen Lage, dem Zusammenfluß von Treene und Eider, einen guten Standort für die Gründung einer Siedlung darstellte. An dieser Stelle kam es dann am 24.09.1621 zur Gründung von Friedrichstadt (vgl. STEWIG 1987, S. 62).

Die Entstehung der Stadt wurde von drei Faktoren beeinflußt:

Zum einen spielte die merkantilistische Wirtschaftspolitik Herzog Friedrich III. von Holstein-Gottorf (1616-1659) eine Rolle. Seine Idee war es, an der Eider als Konkurrenz zu Hamburg eine Handelsmetropole entstehen zu lassen. Zu diesem Zweck erschienen ihm die Holländer als neue Siedler am besten geeignet. Sie waren nicht nur als Deichbauer und Fachleute für Entwässerung bekannt, sondern beherrschten zu diesem Zeitpunkt den Getreidehandel von der Ostsee zu den Nordseeanrainern und besaßen im Welthandel eine Monopolstellung mit ihrer Ostindien-Kompanie. Friedrich III. sah hier eine Chance, sich am Kolonialhandel zu beteiligen und daran zu verdienen.

Ein weiterer Faktor waren die politischen Rivalitäten mit dem dänischen König Christian IV. (1596-1648) (vgl. FISCHER 1990, S. 101). Als dieser 1617 mit dem Bau von Glückstadt an der Elbe begann, zog Friedrich III. mit der Gründung von Friedrichstadt nach.

Der dritte Aspekt, der die Gründung der Stadt positiv beeinflußte, waren die Glaubensstreitigkeiten der reformierten Kirche in den Niederlanden. Der aus Antwerpen stammende Willem van Hove, Herr van Wedde wurde der wichtigste Partner des Gottorfer Fürsten. Auf Anraten von Willem van Hove verfaßte der Herzog einen "Oktroi", d. h. einen Katalog von Privilegien in holländischer Sprache, der unter den ansiedlungswilligen Glaubensflüchtlingen verteilt werden sollte. Religionsfreiheit, wirtschaftliche Freiheit und Selbstverwaltung waren die Vorzüge, die Friedrich III. versprach. Ein Begleitschreiben mit dem folgendem Text unterstützte die Kampagne. "Es hat Gottes Güte gefallen, das Herz des durchlauchtigen hochwohlgeborenen Fürsten Friedrich, Erben zu Norwegen, Herzog zu Schleswig-Holstein, der Stormaren und Dithmarschen, Grafen zu Oldenburg und Delmenhorst etc., zu bewegen, den Bekennern der remonstrantisch-reformierten Religion den Bau einer neuen Stadt zu erlauben..." (FISCHER 1990, S. 108, (CLAUSSEN 1977, Anhang I, S. 1)). Weitere Oktrois, die ähnlich geartet waren, folgten.

Aber nicht nur die eben genannten niederländischen "Remonstranten", die die Strenggläubigkeit der Kalvinisten nicht anerkannten und aus diesem Grunde verfolgt wurden, wurden von diesen Versprechen angezogen. Auch portugiesische Juden, Protestanten, Katholiken, Quäker und Mennoniten sahen in der neuen Stadt die Chance, ihren Glauben frei ausüben zu dürfen. So wurden im 17. Jahrhundert sieben Religionsgemeinschaften in Friedrichstadt gezählt. Heute findet man immer noch fünf Konfessionen und vier Gotteshäuser in der Stadt (Remonstrantenkirche, Dänische und Mennonitenkirche, Katholische Kirche, Evangelisch-lutherische Kirche und Synagoge).

2.1. Gründung und Aufbau der Stadt

Wie oben bereits erwähnt, kam es am 24.09.1621 zur Stadtgründung und zur Grundsteinlegung für das erste Haus an der Südwestecke der Vorderstadt. Schon im Folgejahr ließ der Herzog auf eigene Rechnung zehn Häuser am Ende der Prinzenstraße bauen. Den Auftrag dafür erhielt der holländische Deichgraf Hendrich Rautenstein aus Stapelholm. Ihm wurde aufgetragen, die Häuser "nach holländischer Manier" (vgl. FISCHER 1990, S. 109-110) zu bauen.

Nach und nach nahm die Stadt Formen an. Die Remonstranten, die zahlenmäßig die größte Einwohnergruppe darstellten, planten als erste ihr Gotteshaus. 1624 fand die Grundsteinlegung für die Remonstrantenkirche statt. Doch trotz freier Religionsausübung wurde weder den Remonstranten noch einer anderen Religion für ihr Gotteshaus ein zentraler Platz am Markt zugewiesen.

1625 standen bereits die Häuser am Markt. Schon ein Jahr später galt der Bau der Vorderstadt, das ist der südliche Stadtteil, als abgeschlossen, während die Aufschließung der Hinterstadt, dem nördlichen Teil, noch länger dauerte (vgl. 3.1. Stadtgrundriß und -aufriß).

2.2. Probleme beim Aufbau der Stadt

Obwohl die Anlage der Stadt schnell vonstatten ging, mußten zunächst einige Probleme bewältigt werden.

So bestand das Baugelände beispielsweise aus eineinhalb Metern aufgefülltem Marschkleiboden, der auf unterschiedlich mächtigen Schichten von Moor und blauschwarzem Kleiboden lagerte. Pfahlbauten, wie sie in Amsterdam üblich waren, erwiesen sich als zu teuer, so daß man weitgehend darauf verzichtete.

Als Materialien verwendeten die Zimmerleute und Tischler Eichenholz, das aus den Hüttener Bergen stammte und Föhrenholz, das aus Norwegen angeliefert wurde. Obwohl Wilhelm van de Hove schon 1622 eine Salzsiederei und - viel wichtiger - eine Ziegelei auf dem Westereiland zwischen Binnenhafen und Westersielzug errichtete, konnte der Bedarf an Baustoffen nicht gedeckt werden. Aus diesem Grund mußten die meisten Materialien aus Holland eingeführt werden. Die wichtigsten Güter waren dabei die roten und gelben Backsteine, schon behauene Giebel aus Sandstein, Pfeiler für die Kamine der fürstlichen Häuser sowie grün- und gelbglasierte Kacheln. Selbst Bretter wurden aus dem als holzarm bekannten Holland angeliefert.

Ein weiteres Problem war das Hochwasser, das trotz der Aufschüttungen eine ständige Bedrohung für die Stadtfläche darstellte. Doch auch Positives läßt sich daraus ableiten. Als sich beispielsweise im dänisch-schwedischen Krieg 1643 das Gerücht verbreitete, daß die Schweden auf Friedrichstadt zusteuern, ließ der Herzog bei Flut die Schleusentore öffnen, so daß die umliegenden Ländereien überflutet wurden. Diese Maßnahme war notwendig, weil Friedrichstadt keine Befestigung für die Stadt aufweisen konnte. So kam es, daß Reisende vom "Venedig des Nordens" berichteten, das ausgesprochen harmonisch wirkte und "als wäre man nach Holland versetzt" (FISCHER 1990, S. 111)".

Doch nicht dem harmonischen Stadtbild gehörte das Hauptinteresse des Herzogs, sondern nach wie vor dem Handel und Handwerk. Weitreichende Ziele hatte sich Friedrich III. dabei gesteckt. Doch viele blieben ohne Erfolg. Weder der Salzhandel mit Spanien und Portugal noch der geplante kommerzielle Heringsfang, der Friedrichstadt zum Stapelplatz für die gesamte Nordsee machen sollte, ließen sich verwirklichen.

Auch der Transithandel durch Schleswig-Holstein, mit dem man die Sundzölle von Christian IV. vermeiden wollte, schlug fehl, weil statt dessen Brückenzölle und das Stapelrecht auftraten.

1639 schließlich startete der Herzog sein ehrgeizigstes Projekt (vgl. FISCHER 1990, S. 112). Sein Traum war es, eine Persienexkursion durchzuführen, um den ostindischen Handel in Zukunft auf dem kürzesten Weg durchführen zu können. Die wertvollen Waren, insbesondere die Seide, sollten auf dem Landweg durch Persien und Rußland über die Ostsee nach Kiel gebracht werden und von dort aus auf dem kürzesten Landweg nach Friedrichstadt gelangen. Friedrichstadt sollte dadurch zu einem großen Handelshafen für die westliche Welt werden. Trotz vieler Mühe und hoher Investitionen blieb auch dieser Plan erfolglos.

Der 30-jährige Krieg und später vor allem der dänische Krieg trugen ebenfalls zur Beutelung der Stadt bei. Während der Beschießung am 04. Oktober 1850, bei der Schleswig-Holsteins Truppen die von Dänen besetzte Stadt beschossen, wurde fast der gesamte Südteil der Stadt zerstört. 137 Häuser, darunter die Remonstrantenkirche und das Rathaus, wurden niedergebrannt. Insgesamt wurden 285 Häuser beschädigt und 31 Einwohner verwundet oder gar getötet (vgl. Materialien der Tourist-Information Friedrichstadt, Friedrichstadt die schöne Holländerstadt).

Damit war das Ziel des Welthandelshafens endgültig gescheitert. Statt dessen ist Friedrichstadt ein stilles, verträumtes Örtchen geblieben, das heute lediglich 2.500 Einwohner zählt.

3. Die Zeugen der Vergangenheit

3.1. Stadtgrundriß und -aufriß

Anhand des Stadtgrundrisses von Friedrichstadt läßt sich heute noch die planmäßige Anlage der Stadt nachvollziehen.

Die Planung der Siedlung erfolgte nach holländischem Vorbild und folglich wird das Stadtbild durch Grachten und Sielzüge geprägt. Zwischen den beiden Sielzügen (Wester- und Ostersielzug) findet man die ursprüngliche Stadtfläche. Diese Fläche von ca. 17 Hektar ist wiederum durch Grachten unterteilt, die die Verbindung zwischen den beiden Sielzügen im Westen und im Osten herstellen. Im Süden findet man den Fürstenburggraben, weiter nördlich den Mittelburggraben. Der letztere gliedert die Stadt in die südliche Vorderstadt und die nördliche Hinterstadt. Ein weiterer Burggraben (Norder-Christopherus-Burggraben), der vom Marktplatz aus in nördlicher Richtung verlief, wurde 1705 wieder zugeschüttet (vgl. FISCHER 1990, S. 109).

Die Aufteilung des Landes erfolgte soweit wie möglich in rechtwinkligen Parzellen. Demzufolge verlaufen auch die z.T. noch kopfsteingepflasterten Straßen schnurgerade und im rechten Winkel.

Ein weiteres Merkmal der Stadt sind die zahlreichen Brücken. Natürlich ist ihre Anzahl heute gestiegen, aber schon damals stellten die Übergänge Verbindungen in alle Richtungen her. Dadurch war das Gelände zwischen den Sielzügen gut erreichbar geworden.

Vollendet wird der Eindruck der holländischen Stadt schließlich durch die hohen, schmalen Treppengiebelhäuser der holländischen Renaissance, die noch heute, besonders am Marktplatz, das Stadtbild prägen. Bei diesen Häusern am Marktplatz handelt es sich sogar noch um gründungszeitliche Bauten, während große Teile der anderen Gebäude nach der Beschießung von 1850 neu aufgebaut werden mußten (Vergleiche 2.2 Probleme beim Aufbau der Stadt). Zur Erhaltung und Erneuerung der historischen Innenstadt wurde ein Sanierungsplan erstellt, der vom Land Schleswig-Holstein sowie vom Landesamt für Denkmalspflege unterstützt wird.

Bis zum Ende des 2. Weltkrieges beschränkte sich die Fläche von Friedrichstadt hauptsächlich auf das Gebiet zwischen den beiden Sielzügen. Erst nach 1945 ließen sich wieder stärkere bauliche Aktivitäten ausmachen, die notwendig waren, um die Flüchtlingsströme aufzufangen. Solche ehemaligen Flüchtlingssiedlungen findet man in Friedrichstadt im Osten halbkreisförmig an die Bebauung von 1945 angeschlossen. Hier zeigen sich nun auch deutlich Abweichungen vom schachbrettartigen Grundriß der Gründungszeit.

Doch nicht nur die Flüchtlingsströme sind für den starken Wachstum in dieser Zeit verantwortlich (Kurzfristiger Anstieg der Einwohnerzahlen zwischen 1939 und 1946 um ca. 70%.). Viele Bürger nahmen auch an der allgemeinen positiven ökonomischen Entwicklung teil, so daß sie aus der Altstadt in den Randbereich der Kleinstadt ziehen konnten und sich dort ein Einfamilienhaus errichteten (Suburbanisierung). Dementsprechend sieht die neue Bebauung auch wesentlich aufgelockerter aus als die gründungszeitliche Stadtanlage. Im Gegensatz zu den geschlossen bebauten Altstadtflächen findet man hier halboffene Bebauung in Form von Reihenhäusern und Wohnblöcken oder offene Bebauung, so z.B. freistehende Einfamilienhäuser. In gewisser Weise läßt sich auch ein Kern-Rand-Gefälle in der Geschoßzahl ausmachen. Während im Zentrum zwei- oder mehrgeschossige Häuser stehen, nimmt die Geschoßzahl zum Stadtrand hin ab.

4. Die Wirtschaftsstruktur von Friedrichstadt

Erst nach der Einverleibung Schleswig-Holsteins in den preußischen Gesamtstaat zeichnete sich ein gewisser Aufschwung ab. Besondere Erfolge kamen dabei dem Anschluß Friedrichstadts an die Bahnlinie Hamburg-Niebüll (1887) und die Erstellung einer Kleinbahnlinie nach Schleswig (1905) zu, wodurch Friedrichstadt zu einer kleinen Industriestadt heranwachsen konnte. Viele der zum größten Teil Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Industriebetriebe gingen jedoch in der Zeit zwischen den Weltkriegen in Konkurs, so daß heute der sekundäre Sektor kaum von Bedeutung ist. Durch diesen fehlenden sekundären Sektor konnte auch der kurzfristige Bevölkerungsanstieg (70%) in den Jahren zwischen 1939 und 1946 nicht gehalten werden, da keine Arbeitsplätze vorhanden waren. Besonders im Zeitraum zwischen 1951 und 1961 läßt sich ein starker Rückgang der Einwohnerzahlen ausmachen, der durch die Abwanderung der erwerbstätigen Bevölkerung bedingt war.

Ein Zeichen für mangelnde Arbeitsplätze ist auch das Pendlerverhalten, d.h. die Anzahl der Ein- und Auspendler und ihr Verhältnis zueinander. Für diese Pendlerbilanz ergibt sich 1970 für Friedrichstadt ein negativer Saldo, was bedeutet, daß mehr Leute die Stadt verlassen, um außerhalb zu arbeiten, als daß Erwerbstätige zum Arbeiten einpendeln. Die Arbeitszentralität, d.h. die Zentralität die ein Ort aufgrund seines den lokalen Bedarf übersteigenden Arbeitsplatzangebots besitzt, ist damit in Friedrichstadt sehr schwach ausgeprägt (vgl. Stewig, 1987, S. 66).


Abb. 84: Berufspendler

Quelle: STEWIG 1987, S. 66

Stadt           Jahr         Auspendler               Einpendler             Berufs- 
Kreis                    Anzahl  in v.H. der       Anzahl  in v.H. der am    pendler 
Land                             Erwerbspers.              Ort Arbeitenden   -saldo  
                                 bzw.                      bzw. Erwerbstät.          
                                 Erwerbstätigen            am Arbeitsort             
                                 am Wohnort                (1)                       
Garding         1950        57      6               195       20                +138    
                1961        98      13              227       26                +129    
                1970        101     15,3            310     35,6                +209    

Tönning         1950        86      4               243       12                +157    
                1961        125     7               373       19                +248    
                1970        165     9,9             280      15,7               +115    

Friedrichstadt  1950        67      6               147       13                 +80     
                1961        219     20              302       25                 +83     
                1970        345     32,1            328       31                 -17     



(1) "Die Zahl der am Ort Arbeitenden ergibt sich aus den Erwerbspersonen der betreffenden Gemeinde zuzügl. der Einpendler, abzüglich der Auspendler". (Gemeindestatistik Schleswig-Holstein, Teil 6. S. 6).

Die Bereitstellung von Arbeitsplätzen läßt sich noch weiter nach den einzelnen Wirtschaftssektoren aufgliedern. Der primäre Sektor ist heute für Friedrichstadt kaum von Bedeutung. 1987 befanden sich noch zwei Milchviehbetriebe in der Stadt. Davon abgesehen waren Betriebe des primären Sektors nur außerhalb des städtischen Siedlungskörpers zu finden und auch dort nur in sehr geringer Zahl. Auch der sekundäre Sektor hat für Friedrichstadt heute nur noch wenig Bedeutung. Gab es um die Jahrhundertwende noch eine Schwefelsäurefabrik, eine Knochenmühle, die Köllnsche Walzenmühle, die Senffabrik Günthrat und die Schöning´sche Schiffswerft, so ist davon heute nur noch die Köllnsche Walzenmühle (jetzt Eidermühle) übriggeblieben. Sie war 1987 gleichzeitig der größte Arbeitgeber der Stadt.

Weiterhin gab es 1987 noch drei kleine Industriebetriebe (unter 20 Beschäftigte):

Fahrzeugbetrieb ("Busch-Anhänger")

chemische Fabrik (Viehdesinfektionspulver)

Granit- und Marmorwerk

Die genannten Betriebe befinden sich mit Ausnahme der Busch-Werke alle an den Hauptverkehrslinien (Hafen, B 202 Richtung Heide, Rendsburg bzw. Husum) am Rande des geschlossenen Siedlungskörpers.

Der tertiäre Sektor schließlich ist für Friedrichstadt der wichtigste Arbeitgeber. Deshalb kann der Ort aufgrund seiner Wirtschaftsstruktur auch als Tertiärkleinstadt bezeichnet werden. 1970 lag der Anteil der im tertiären Sektor Beschäftigten in Friedrichstadt bei 64,5%.

Die Geschäftsgebiete sind in Friedrichstadt im wesentlichen auf einen kleinen Teil der bereits seit der Stadtgründung wirtschaftlich bevorzugten Vorderstadt (Markt, Prinzenstraße) beschränkt. Durch die Ausgestaltung der Prinzenstraße als Fußgängerzone vermittelt dieses Geschäftsgebiet einen städtischen Eindruck. Dennoch läßt sich die Herausbildung einer City nicht nachvollziehen, da selbst in den Hauptgeschäftsstraßen in den Obergeschoßen die Wohnnutzung dominiert. Betrachtet man das Angebot in den Läden, so stellt man fest, daß sie hauptsächlich zur Deckung des periodischen Bedarfs ausgerichtet sind (Textilien, Haushaltswaren, Banken usw.). Aber auch der tägliche Bedarf kann direkt im Zentrum befriedigt werden.

Friedrichstadt erfüllt als Versorgungs- und Verwaltungszentrum der ländlichen Umgebung zentralörtliche Funktionen. Die Einrichtungen der öffentlichen Dienste findet man hauptsächlich im Ostteil der Stadt außerhalb des Zentrums. Die größte Bedeutung innerhalb des tertiären Sektors kommt jedoch dem Fremdenverkehr zu.

Dabei ist zwischen dem Übernachtungstourismus, der für viele Einheimische eine zusätzliche Erwerbsquelle darstellt (1987 übernachteten 61% der Gäste in Privatquartieren) und den Tagesausflüglern zu unterscheiden. Laut telefonischer Auskunft der Tourist-Information in Friedrichstadt liegt die Zahl der jährlichen Besucher in Friedrichstadt heute zwischen 300.000 bis 400.000. Das Fremdenverkehrsamt hat auf die Nachfrage reagiert und bietet diverse Programme für Tages- und Wochenendausflügler an. Dementsprechend macht sich auch eine Veränderung des gastronomischen Angebotes bemerkbar. So findet man in Friedrichstadt überdurchschnittlich viele Restaurationsbetriebe (1987 waren es 21 Gaststätten). Außerdem gibt es seit einigen Jahren ein Tagungsringhotel am Ort.

Die Stadt bemüht sich weiterhin, den Ort noch interessanter für Touristen zu gestalten. So legt man viel Wert auf das Stadtbild und pflegt das Image als Holländerort. In diesem Sinne werden auch Grachtenfahrten und Stadtführungen in Holländertracht angeboten. Weiterhin wirbt der als Luftkurort anerkannte Holländerort mit seinem gesunden Nordseeklima und den zahlreichen Wassersportmöglichkeiten (Bootstouren, Segeln, Rudern, Paddeln, Tretbootfahren, Angeln).


Literaturverzeichnis

Fischer, P.: Glückstadt und Friedrichstadt, in: Müller, M. J./Riecken, G., Stadtlandschaften in Schleswig-Holstein. Neumünster 1990. S. 101-112.

HB-Bildatlas: Nordsee. Nordfriesland und die Inseln, Helgoland. Hamburg 1978.

Stewig, R (Hg.): Untersuchungen über die Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Kieler Geographische Schriften 66, Kiel 1987. S. 55-95.

Tourist-Information Friedrichstadt



erstellt von Mathias Lintl, Lüneburg 1996, 11108@stud.uni-lueneburg.de
aufgenommen in das FORUM ERDKUNDE 1999