Hintergrund FORUM ERDKUNDE

Hintergrund / SH-Exkursion der Uni-Lüneburg



Elwira Matzen

Kapitel XXI:

Fremdenverkehrsentwicklung und -probleme auf der Insel Sylt


1. Einleitung

Die Insel Sylt hat eine Gesamtfläche von knapp 100 Quadratkilometern und ist 38 Kilometer lang. Sie besteht aus einem Mittelteil und den drei Halbinseln List, Hörnum und Morsum. Die Küstenlänge der Insel beträgt 105 Kilometer, die Breite beträgt an der dünnsten Stelle 0,5 Kilometer und an der breitesten Stelle 12 Kilometer.

Sylt ist mit der Ostspitze 8 Kilometer und mit der Südspitze fast 25 Kilometer von der Westküste Schleswig-Holsteins entfernt und ist durch den Hindenburgdamm mit dem Festland verbunden.

Den Kern der Insel bilden glaziale Moränen und Sander, die einen tertiären Sockel bedecken, der in den folgenden 3 Kliffs zutage tritt: Morsumkliff (schwarz-braune Glimmertone, rostfarbene, Limonitsandstein, helle Kaolinsande), Rotes Kliff und Weißes Kliff (Kaolinsande). Seit 1950 beträgt der mittlere Uferrückgang 1,50 m pro Jahr. Am stärksten betroffen sind das Rote Kliff sowie das Südende von Hörnum. Auf dem Roten Kliff bei Kampen bildet die Uwe-Düne - benannt nach dem friesischen Freiheitskämpfer Uwe Jens Lornsen - mit 52,5 Metern die höchste Erhebung von Sylt, von der aus man den besten Rundblick über die ganze Insel hat. Der Name der Insel taucht bereits im 12. Jahrhundert als "Sild" oder "Siland" in Urkunden auf. Ob er aber nun auf das dänische Wort "Sild" (Hering) zurückzuführen ist oder Seeland bedeutet, ist bis heute ungeklärt.

Die touristischen Vorzüge Sylts zeigen sich in den naturräumlichen Gegensätzen (40% Dünen, 30% Marsch und 30% Geest), dem 40 km langen Badestrand, den Inselsalzwiesen sowie den Friesenhäusern mit seinen Reetdächern. Sylt besitzt die 2 Nordseeheilbäder Westerland und Wenningstedt, die 4 Nordseebäder List, Kampen, Rantum und Hörnum sowie die 4 Luftkurorte Tinnum, Keitum, Archsum und Morsum.

Sylt wird in 7 Gemeinden aufgeteilt, die gleichzeitig als Erholungsorte miteinander konkurrieren: Westerland, List, Kampen, Wenningstedt, Sylt-Ost, Rantum und Hörnum. Die Einwohnerzahl lag 1985 bei 23.470 und hat sich 1995 auf knapp 27.000 Einwohner eingependelt. Rund 10.000 Einwohner davon befinden sich auf Westerland. Anreisemöglichkeiten neben dem Autoreisezug über den Hindenburgdamm und dem Anflug auf den Flughafen von Westerland bestehen mit den Fähren von Dagebüll über Föhr und Amrum nach Sylt sowie über die dänische Insel Römö nach List.

2. Fremdenverkehrsentwicklung

Die ersten Gäste kamen 1854 nach Sylt, nachdem zum ersten Mal eine durchgehende Eisenbahnverbindung von Altona über Neumünster und Rendsburg nach Husum geschaffen worden war. Nach 2-3 Tagen erreichten die Gäste dann auf dem Seeweg Sylt. Bereits ein Jahr später wurde Westerland Seebad, was vor allem daran lag, daß Westerland zu dem Zeitpunkt der größte Ort an der Küste war und dem Ort Keitum am nächsten lag. Keitum besaß damals die zentralen Funktionen Sylts wie z.B. die Amtsverwaltung, die erste Poststelle und Apotheke.

Auf die Wünsche der Gäste eingehend, baute man die Hotels immer näher zum Meer, so daß eine bauliche Entwicklung von Ost nach West erfolgte. Zunächst beteiligten sich nur wenige Insulaner als Aktionäre an den Badeanlagen, da der Umgang mit Fremden ungewohnt war. Nachdem sich jedoch zeigte, daß man damit schnell und einfach Geld verdienen konnte, wurde Westerland schnell zu einem bekannten Badeort, an dem viele Ortsfremde seßhaft wurden. Das Seebad blieb bis 1872 ein Aktienunternehmen, wurde dann an Privatbesitzer verkauft und 1893 schließlich in kommunalen Besitz übergeführt.

1902 wurde zur Attraktivitätssteigerung zusätzlich zum getrennten Damen- und Herrenbad ein Familienbad gebaut. Obwohl viele Insulaner den Verderb der guten Sitten befürchteten, erfreute es sich bald großer Beliebtheit. Und damit die moralisch Empfindlichen beruhigt waren, wurden noch im Jahre 1904 folgende Baderegeln aufgestellt:

"Das erste Seebad nicht vor dem dritten Tage der Ankunft...Aufenthalt im Wasser drei, höchstens fünf Minuten,...langes Liegen im Sande vermeiden..." (MEYER 1904, S. 46 u. 48 zit. nach NEWIG 1980, S. 43)

sowie verschiedene Texte in das Jahrbuch aufgenommen:

"Der kräftige Wellenschlag...giebt auch jedem Badenden sich selbst so viel zu schaffen, daß irgendwelche Nebengedanken überhaupt nicht aufkommen können." (MEYER 1904, S. 43 zit. nach NEWIG 1980, S.43)

Durch die sich ständig verbessernden Verkehrsverbindungen nach Westerland kamen immer mehr Gäste und immer mehr Neubürger. Während im Jahre 1855 nur 466 EW auf der Insel lebten, stieg diese Zahl bis 1905, das Jahr in dem Westerland sein Stadtrecht erhielt, auf 2.292 EW an, also um das 51/2 fache.

Durch die ansteigenden Einwohnerzahlen im Westen fand im Zuge der Fremdenverkehrsentwicklung eine funktionale Bedeutungsverlagerung von Keitum nach Westerland statt. Durch den Bau des 11 km langen Hindenburgdammes 1927 verstärkte sich der Besucherstrom weiterhin und, es kam auf der ganzen Insel Sylt, v.a. .in Westerland zu einem verstärkten Bauboom, bei dem die Neubürger durch ihre finanzielle Überlegenheit hauptsächlich Hotels und Pensionen vermieteten, die Alteingesessenen dagegen privat

Während der Gründerjahre des Deutschen Reiches stammten die meisten Gäste aus der Oberschicht des Militärs und des Adels. Der Ferienaufenthalt hatte damals neben der Freizeitfunktion auch eine gesellschaftspolitische Funktion, die sich auch nach dem zweiten Weltkrieg hielt. Die einflußreicheren Kreise bevorzugen seitdem den seit den 20er Jahren von Künstlern beliebten, ruhigen Ort Kampen.

Heute hat sich auch wieder der alte Zentralort der Insel, der Ort Keitum, zum Mittelpunkt der gehobenen Gesellschaft entwickelt.

Um nun einmal den Zuwachs an Gästen auf Sylt zu verdeutlichen ein paar Zahlen:


Abb. 92: Zahlen der Übernachtungsgäste für die Insel Sylt ab 1984

Quelle: Städtischer Kurbetrieb Westerland 1994

               1984    1985    1986    1987    1988    1989    1990    1991    1992    1993    1994  

Westerland  143.762 148.324 161.748 165.106 175.725 206.210 224.484 238.738 256.417 269.632 266.632 
Wenningstedt 52.187  51.580  51.554  51.900  51.295  59.274  65.114  80.404  86.632  92.346 111.485 
Kampen       24.845  23.805  36.972  25.520  28.515  36.194  38.617  40.231  39.899  39.132  33.862 
List         24.632  24.850  24.632  22.159  24.155  24.121  30.172  32.578  36.965  44.174  42.217 
Rantrum      36.512  36.962  45.133  43.842  41.168  42.121  48.479  53.912  56.126  56.450  59.268 
Hörnum       30.700  29.742  31.171  31.701  34.615  36.552  41.652  47.060  50.519  57.334  54.074 
Sylt-Ost     43.510  41.605  51.804  50.587  50.732  57.322  72.828  82.362  91.693  79.547  69.732 

Gesamt      356.148 356.868 403.014 390.815 406.205 461.795 521.344 575.285 618.251 638.615 637.270 


Während man 1904 auf Sylt 18.812 Fremde zählte, waren es 1913 bereits 30.099. 1955 zählte man im Sommerhalbjahr (April - September) 74.804 Kurgäste, 1970: 193.973, 1984: 356.148 Übernachtungsgäste und 1994: 637.270 Gäste mit 6.162.688 Übernachtungen bei einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 9,67 Tagen.

Von den 637.270 Gästen 1994 besuchten 266.632, also über ein Drittel, Westerland. Das ist eine hohe Anzahl, wenn man bedenkt, daß Sylt heute in 7 Gemeinden aufgeteilt ist.

Im Vergleich zu 1993 hat sich die Zahl der Übernachtungsgäste um 0,21% und die der Übernachtungen um 5,24% verringert. Auch die durchschnittliche Aufenthaltsdauer hat sich verringert. Die Einbußen bei der Anzahl der Übernachtungsgäste liegen in den Orten Westerland, Hörnum, Kampen und v.a. in Sylt-Ost. Die Zuwächse dagegen in Rantum und v.a. in Wenningstedt. In der Bettenkapazitätsausnutzung und der Aufenthaltsdauer liegt Westerland nach Rantum an zweiter Stelle.

Die meisten Übernachtungsgäste 1994 stammen aus Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

3. Fremdenverkehrsprobleme

3.1. Verkehrsbelastung

Auf Sylt gibt es einen hohen Anteil an Autotouristen. So werden über den Hindenburgdamm jährlich über eine halbe Million Autos in beide Richtungen befördert, pro Tag ca. 2.000 Fahrzeuge. So waren es im Spitzenjahr 1988: 735.000 Kraftfahrzeuge, die transportiert wurden. Das steigende Verkehrsaufkommen führt neben der Straßennetzbelastung zu Parkplatznot, Lärmbelästigung und vor allem an windstillen Tagen zu einer erheblichen Abgasbelastung. So lag z.B. die Bleiemission in der Stadt Westerland 1980 tagsüber bei 50% derer aus dem Ruhrgebiet.

Durch zunehmende Verkehrsberuhigung in Form von Fußgängerzonen, Fahrradwegen und Umgehungsstraßen für den Durchgangsverkehr versucht man zwar, den Verkehr zu steuern, jedoch müßte dies noch viel weiter verstärkt werden, z.B. durch einen weiteren Ausbau des Fahrradnetzes und Fahrverboten. Auch der ÖPNV ist für viele nicht attraktiv genug, da es keine Bustageskarte für Sylt gibt, sondern nur Einzelfahrten möglich sind. Natürlich ist dies nur möglich durch erhebliche finanzielle Aufwendungen und möglichst ohne eine weitere Ausdehnung der Besucherzahlen.

Betrachtet man die Nutzung der verschiedenen Angebotsstrukturen, erkennt man, daß die Besucher Sylts z.B. in Westerland alle Stufen ihrer Bedarfsdeckung (kurzfristiger, mittelfristiger, langfristiger Bedarf) vorfinden, die sie z.T. in ihren eigenen Orten nicht finden. Gleichzeitig finden sie in Westerland am ehesten Unterhaltung und Gesellschaft. Die Besucher Westerlands und Wenningstedts dagegen finden die Landschaft und den Strand in den peripher liegenden Orten List und Hörnum am attraktivsten. Dies führt z.B. in der morgendlichen rush- hour, wenn von Westerland und Wenningstedt auf andere Strände ausgewichen wird, sowie in der abendlichen Rush- hour, wenn in den Übernachtungsort zurückgefahren wird zu einer hohen Luftverschmutzung durch den Autoverkehr.

3.2. Die Wohnbaupolitik

Mit den Jahren stieg die Nachfrage nach Unterbringungsmöglichkeiten von Besuchern ebenso wie die Nachfrage nach Grundstücken für die Ansiedelung von Ortsfremden, meist in der Form von Zweitwohnsitzen. Dies wurde v.a. durch folgende Maßnahmen begünstigt:

1. steuerpolitische Maßnahmen:

2. Abschreibungsmöglichkeiten

3. Möglichkeiten zu steuerlichen Verlustvorträgen

Im Gebiet von Westerland wurde versucht, durch den Bau von Hochhäusern eine Maximierung der Betten pro Bodenfläche zu erhalten, ohne an die möglichen Folgen für die Umwelt zu denken. So wurden in den 70er Jahren die Pensionshäuser des 19. Jahrhunderts durch monotone Appartementhäuser ersetzt. Nachdem sich bei einem Neuprojekt eines 80 m hohen Appartementhauses mit 751 Wohnungen, welches direkt an der von der Brandung belasteten Küstendüne gebaut werden sollte, Bürgerinitiativen opponierten, ging der Fall vors Landgericht, und der Stadt wurde die Bauaufsicht entzogen.

Durch die Zunahme von Zweitwohnsitzen kam es auch zu wirtschaftlichen Strukturveränderungen. So mußten die Zweitwohnungsbesitzer z.B. keine Kurabgaben zahlen. Gleichzeitig werden durch die Eigenversorgung im eigenen Appartement und deren Vermietung an andere Kurgäste den herkömmlichen Pensionsbetrieben Einnahmequellen entzogen. Durch die günstigen Abschreibungsmöglichkeiten entsteht eine viel bessere Anbietersituation für Appartementvermieter.

Dies führt zu einer zurückgehenden Gewerbesteuereinnahme sowie zu einer nachlassenden Investitionslust einheimischer Betriebe und somit häufig zum Verkauf weiterer Zweitwohnungen an Ortsfremde. Da gerade für viele junge Insulaner die Wohnungen auf Sylt viel zu teuer sind, kommt es oftmals zu deren Abwanderung.

Die Wohnungskäufer wiederum vermieten die Wohnungen meist in Form von Appartements - um dem Wunsch nach Individualisierung der Unterkunft der Gäste nachzukommen - in der Hauptsaison und kommen dann selbst in der Nebensaison, so daß sich dadurch eine Saisonverlängerung ergeben hat.

Während jahrzehntelang 90 Tage im Jahr als sichere Vermiettage galten, sind es nun rund 140 Tage. Im besucherschwächsten Monat November wurden 1993 über 6.000 Übernachtungen gezählt. Das Spazierengehen in den kühleren Monaten ist zu einer beliebten Alternative gegenüber dem klassischen Badeaufenthalt in den Sommermonaten geworden.

Neben der Saisonverlängerung hat auch eine Saisonnivellierung stattgefunden, was bedeutet, daß die Steigerungsrate in der Hauptsaison wesentlich geringer ausfällt als in der Nebensaison, was auf der folgenden Grafik zu erkennen ist:

Durch die Saison-nivellierung, die auch dadurch zustande kommt, daß man durch die ausgedehntere Freizeit öfter Urlaub im Jahr machen kann, kommt es zu häufigeren, wenn auch kürzeren Urlaubsauf-enthalten. Fast die Hälfte aller Gäste kommt mittlerweile außerhalb der drei Sommermonate Juni, Juli, August nach Sylt.

Ein großes Problem ist der hohe Verdichtungsgrad vor allem in Westerland: Die Zahl von 1.000 Menschen pro Quadratkilometer, die ein Maß für verdichtungsräume ist, wird in Westerland in der Hauptsaison um das Dreißigfache, in der Nebensaison um das Fünfzehnfache überschritten.

3.3. Der Wasserhaushalt

Durch die Fremdenverkehrsentwicklung haben sich auch erhebliche Probleme in der Trinkwasserversorgung ergeben. Das Grundwasser, welches aus einer Süßwasserlinse stammt, die als Sickerwasser den porösen Sylter Sand- und Lehmuntergrund ausfüllt, wird durch 14 Brunnen auf 4 Brunnenfelder aus dem Geestkern der Insel erbohrt. Als Einzugsgebiet kommt auch nur der Geestkern in Frage, da nur hier eine Süßwasserlinse gebildet werden kann, die groß genug ist.

Durch den Anstieg der Einwohner, der Gästezahlen und deren ansteigenden Übernachtungen, sowie den Zweitwohnungsbesitzern und deren Zweitwohnsitzgästen mit ansteigenden Übernachtungen führt v.a. in den Sommermonaten zu einem Anstieg des Wasserverbrauchs. Gerade in diesen Monaten gehen die Niederschläge kaum ins Grundwasser und auch, wenn im Laufe des Jahres die Bilanz wieder ausgeglichen wird, so ist die Wasserversorgung dennoch anfällig, und es kann durchaus zu Kapazitätsengpässen kommen.

Zudem ist gerade die Süßwasserlinse im Zentrum der Insel durch Sickerwässer von Altlasten gefährdet. So sickern auf dem Flughafengelände die Flugzeugtreibstoffreste aus der Zeit der NATO-Nutzung allmählich in die Tiefe. Aber auch Reste von Pflanzenschutzmitteln sind bereits in einigen Brunnen der öffentlichen Trinkwasserversorgung angelangt.


Literaturverzeichnis

Bädergemeinschaft Sylt e.V.: Statistisches Jahresergebnis 1994. Stand 31.03.1995.

Besch, H.-W./Kaminske, V.: Die Ökologie einer hochbelasteten Ferienregion,Beispiel Sylt. Fragenkreise 23543. Paderborn / München 1980.

Jessel, H. (Hrsg.): Das große Sylt-Buch. Hamburg 1994.

Muuß, U./Petersen, M.: Die Küsten Schleswig-Holsteins. Neumünster 1974.

Newig, J.: Die Entwicklung von Fremdenverkehr und Freizeitwohnwesen in ihren Auswirkungen auf Bad und Stadt Westerland auf Sylt. Kieler Geographische Schriften 42. Kiel 1974.

Pott, R.: Farbatlas Nordseeküste und Nordseeinseln. Stuttgart 1995.

Ranft, F. (Hrsg.):Sylt, Amrum, Föhr, dtv MERIAN Reiseführer. München 1988.

Städtischer Kurbetrieb Westerland: Auszüge aus dem Fremdenverkehrsbericht Westerland und der Insel Sylt 1994.



erstellt von Mathias Lintl, Lüneburg 1996, 11108@stud.uni-lueneburg.de
aufgenommen in das FORUM ERDKUNDE 1999