Anja Gabor, Cornelia Heine, Dirk Inderbieten , Iris v. Kameke, Beate Liedtke, Birgit Mangold
Von unserem Aufenthaltsort St. Michaelisdonn startete unsere Radfahrt, die uns an diesem Tag nach Brunsbüttel führen sollte. Besichtigung und Kennenlernen der Bayer AG, Vorträge und Diskussionen standen auf dem Programm.
Während unserer Fahrt legten wir mehrere Zwischenstopps ein. Ziel dieser Unterbrechungen war es, die Landschaftsformation, in der wir uns befanden, zu bestimmen. Auffallend war der abrupte Landschafts- und Nutzungswandel von der Geest zur Marsch. Auf die Besonderheiten von Geest und Marsch und deren Nutzung, aber auch die Bedeutung der Silbe "-donn", wie sie in einigen Ortsnamen dieser Gegend auftaucht, möchten wir im folgenden näher eingehen.
Typisch für die Geest ist zum einen der schwachlehmige, durchlässige Boden, zum anderen das sandige und steinige Material, was auf einen Moränenbereich schließen läßt. Die leicht gewellte, etwa 65 m hohe Geest wird von einigen Waldstücken unterbrochen. Im krassen Gegensatz dazu steht die Marsch mit ihren schweren, feuchten Böden und dem moorigen Material. Die waldlose Marsch ist von Entwässerungsgräben durchzogen, muß durch Deiche vor Überschwemmungen geschützt werden. Die starke Vernässungstendenz des Bodens bewirkt eine Neigung zur Moorbildung.
Die geestrandnahe, ältere Marsch, wie in unserem Fall, ist vorwiegend als Weide nutzbar, so daß hier Viehwirtschaft betrieben werden kann. Das Alter der Marsch hat einen entscheidenden Einfluß auf die Qualität des Bodens. Je näher die Küste, desto jünger ist die Marsch. Der Boden der jüngeren Marsch ist fruchtbarer und trockener und deshalb besser zum Ackerbau geeignet.
Es wurde bereits erwähnt, daß die Marsch vor Überschwemmungen geschützt werden muß. Nun sind damit aber nicht nur Überschwemmungen von See her gemeint, sondern auch die, die von der Geest her drohen. Dies hängt mit dem steilen Geestabhang, der die ursprüngliche Küste darstellt, zusammen. Der Hauptteil Schleswig-Holsteins, vor allem aber die niederschlagsreiche Geest, entwässert zur Nordsee. Der steile, etwa 10 bis 40 m hohe Geestabhang bedeutet ein starkes Gefälle, welches zur Marsch hin sprunghaft abnimmt. Bei großen Regenmengen entsteht ein Wasserstau vor der Küste, so daß die Flüsse auch bei Ebbe das Wasser nicht abführen können, was zur Folge hat, daß die Marsch ein nasses und feuchtes Gebiet ist.
Ein Ort an der Grenze von Geest und Marsch ist St. Michaelisdonn. Im folgenden soll nun erörtert werden, was die Bezeichnung -donn bedeutet.
St. Michaelisdonn war ursprünglich ein vorgelagerter Küstenabschnitt, der stark erodiert nach Osten zurückverlagert worden ist. Das erodierte Material lagerte sich in Form einer Nehrung ab. Man spricht hierbei auch von Nehrungshaken, wobei sich bis zu drei Nehrungshaken nebeneinander bildeten. Der älteste von ihnen beginnt bei Dingerdonn, verläuft weiter über Warferdonn und Averlak bis nach Kudensee. Auf den Nehrungshaken sind bis zu einer Höhe von 5 m Dünen aufgeweht. Diese inzwischen bewachsenen Tertiärdünenketten werden als Donn bezeichnet, sie dienten wegen ihrem trockenen und hochwassergeschützten Baugrund als Ansatzpunkt für Wege und Siedlungen. Auf dem Sandbereich der Nehrungshaken wurden zunächst die Häuser und später schließlich auch die Straßen gebaut. Auf den vernäßten Bereichen dagegen nutzte man die Möglichkeit, Weidewirtschaft zu betreiben. Auf diese Weise lernten die Menschen, die hier im Grenzgebiet von Donn und Marsch siedelten, die Vorteile zweier verschiedener Naturräume zu nutzen.
Das wirtschaftliche Konzept, das den theoretischen Hintergrund für das Bayer-Werk bzw. die gesamte Industrieansiedlung in Brunsbüttel liefert, ist das Entwicklungspolkonzept. Dieses liegt in der Polarisationstheorie begründet. Das Entwicklungspolkonzept sieht vor, in strukturschwachen Räumen Industrie anzusiedeln, um Agglomeration zu erreichen. Bei dem Werk in Brunsbüttel handelt es sich um eine Ansiedlung von Grundstoffindustrie. Die verlängerte Werkbankpolitik trifft hier nicht zu. In Brunsbüttel findet nicht nur Produktion, sondern auch Forschung und Entwicklung statt. An anderen Orten wurde das Entwicklungspolkonzept mit weniger Erfolg angewandt. Bei Konjunkturschwäche wurden die Zweigstellen, also die Verlängerung der Werkbänke, geschlossen. In Brunsbüttel haben sich auch Dienstleistungsunternehmen angesiedelt, doch nicht in dem Maße, wie man es ursprünglich erwartet hatte. Es hat kein Aufbau von Nachfolgeindustrie stattgefunden. Da die Transportkosten niedrig sind, wird viel exportiert. Heutzutage ist die Grundstoffindustrie keine Wachstumsindustrie mehr. Das Ergebnis fällt zwar in Brunsbüttel günstiger aus, die angestrebten Ziele wurden jedoch nicht voll erreicht.
Ursprünglich gab es auf dem Gelände der Bayer-AG Landwirtschaft und Schiffsbau. Der Wirtschaftsraum gestaltete sich folgendermaßen: In den zwanziger Jahren gab es die Kalichemie und Bitumenaufarbeitung. In den sechziger Jahren siedelte sich das DEA-Mineralöllager am Standort Brunsbüttel an. Außerdem gab es ein Düngemittelwerk der VEBA-Industrie. Für den Wirtschaftsraum war die Einrichtung der Häfen von großer Bedeutung. 1959 bauten Bund und Land den Ölhafen und 1967 den seeschifftauglichen Elbhafen.
In der Landwirtschaft und der Landwirtschaftstechnik gab es in den sechziger Jahren immer weniger Arbeitsplätze. Die mittelständische Industrie (z.B. der Schiffsbau) war ebenfalls rückläufig. Als die Landesregierung Schleswig-Holsteins die wirtschaftlichen Probleme, die zu Abwanderungstendenzen führten, bemerkte, suchte sie nach einer Möglichkeit, Arbeitsplätze zu schaffen. Die Entscheidung des Landes Schleswig-Holstein in den 70er Jahren, Brunsbüttel zum Standort einer modernen Industrieansiedlung zu machen, hatte zur Folge, daß die heutige Stadt Einkaufs- und Schulzentrum für das gesamte Umland wurde.
In den 60er Jahren hatte die Industrie mit 10-12 prozentiger Zuwachsrate zu rechnen. So wurden 800 ha Fläche als Wirtschaftsraum ausgewiesen. Davon erhielt das Bayer-Werk, das 1973 gegründet wurde, 420 ha. Aufgrund der Verbundfahrweise braucht die chemische Industrie viel Fläche. Es wurde eine komplette Infrastruktur geschaffen. Dies zeichnet ein Werk aus. Dagegen werden für einen Standort die vorhandenen Produktionseinrichtungen, die Serviceleistungen und Dienstleistungen zugekauft. Vor der Ölkrise gab es in der Industrie zweistellige Zuwachsraten. Doch mittlerweile zeigt sich, daß die Infrastruktur der Bayer-AG in Brunsbüttel zu groß angelegt wurde. Sie ist viel zu teuer, da bei weitem nicht das aufgebaut wurde, was angelegt worden war. 1969 wurde das Atomkraftwerk Brunsbüttel errichtet.
Vor über 700 Jahren gründeten Bauern, Handwerker und Kaufleute das Kirchspiel Brunsbüttel. Es liegt am Mündungsästuar der Elbe in die Nordsee. Mit dem Bau des Nord-Ostsee-Kanals (vgl. Kap. XV), der früher Kaiser-Wilhelm-Kanal hieß, errang Brunsbüttel überregionale Bedeutung. Es wurde Sitz der Kanalverwaltung und entwickelte sich zur Schiffahrts-, Lotsen- und Beamtenstadt. Durch die Elbe und den Nord-Ostsee-Kanal war eine gute Verkehrsanbindung gegeben. Die Anbindung an die Weltschiffahrt brachte Brunsbüttel entscheidende Standortvorteile. Auf dem Schiff können große Produktionseinheiten sicher und kostengünstig transportiert werden.
Brunsbüttel erhielt 1949 das Stadtrecht. 1970 wurde das heutige Brunsbüttel durch den Zusammenschluß verschiedener Gemeinden mit dem Kirchspiel Brunsbüttel und der damals noch Brunsbüttelkoog genannten Kanalstadt gebildet. Die Industrieansiedlung in den 70er Jahren führte dazu, daß Brunsbüttel Einkaufs- und Schulzentrum für das Umland wurde. Durch den Wirtschaftsraum Brunsbüttel wurden 4.500 Arbeitsplätze geschaffen.
Schon von Bismarck wurde während des Kanalbaus angestrebt, daß Brunsbüttel auf 50.000 bzw. 100.000 Einwohner anwachsen sollte. Derzeit hat die Stadt jedoch nur 13.000 Einwohner.
Wie die 4.000 anderen Gäste, die jährlich das Bayer Werk besuchen, wurden wir am 27.09.1995 von Herrn Werner aus der Brunsbüttler PR Abteilung zu einem ganztägigen Exkurs in die Produktion und die Unternehmensphilosophie von Bayer eingeladen. Auffällig waren dabei zunächst einmal die Offenheit und die Freundlichkeit, mit der wir empfangen wurden. Diese Offenheit, Geduld und geschickte Gesprächsleitung läßt sich zunächst an der Person des PR-Angestellten Herrn Werner festmachen, der nach eigenen Angaben nicht extra zu einer solchen "BAYER intern" geschult worden war, sondern dem es aus persönlichen Gründen allem Anschein nach wirklich darum ging, andere, betriebsfremde Interessenten oder Kritiker davon zu überzeugen, daß BAYER die Öffentlichkeitsarbeit mit Ernsthaftigkeit betreibt.
Am Beispiel des BAYER-Werkes in Brunsbüttel war also deutlich zu erkennen, daß große, die Umwelt belastende Industrien in einer Art Umbruchphase stecken. Da das öffentliche Mißtrauen durch skandalträchtige Unfälle bei Chemiefirmen, gepaart mit einer allgemeinen Sensibilisierung gegenüber Umweltproblemen, gestiegen ist, wird nun inzwischen dazu übergegangen, eine vorbeugende, offenere Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, anstatt auf Krisen-PRzu setzen, um das ins Wanken geratene Image wieder zu festigen.
Bayer kämpft durch seine Öffentlichkeitsarbeit im wesentlichen gegen:
Das Mißtrauen gegenüber der chemischen Industrie ist dabei besonders groß. Dieses liegt aber nicht nur an dem besonderen Gefahrenpotential, welches nun mal in der Produktion chemischer Produkte liegt, sondern auch daran, daß die Produktion vom Laien überhaupt nicht zu überschauen oder zu durchschauen ist.
147.000 Mitarbeiter 3,5 Mrd. Grundkapital 10.000 Verkaufsprodukte 295.000 Aktionäre 350 Unternehmen 140 Länder
Vom Zwei-Mann-Betrieb im Jahre 1863 entwickelte sich der BAYER-Konzern hin zum Weltkonzern mit 147.000 Mitarbeitern im Jahre 1994. Der Umsatz im Weltkonzern beträgt 40 Mrd. DM. Die Schwerpunkte des Konzerns befinden sich am Niederrhein. Dort gibt es vier Werke. In Bitterfeld wurde vom Bayer-Konzern ein Chemiepark errichtet.
OHNE CHEMIE GEHT ES NICHT !
Zuerst einmal wurden wir darauf aufmerksam gemacht, daß wir täglich Konsumenten chemischer Produkte sind und dieses zum Teil gar nicht wissen. Unsere Jacken seien chemisch erzeugt und chemisch imprägniert, unsere Turnschuhe ebenso, weil die Gummisohle mit Desmodur T (Toluylendiisocyanat) erzeugt würde. Unsere Fahrräder seien mit Lacken geschützt, die wiederum durch Polyurethane entstanden sind. Wir schlafen auf Matratzen, die nur deshalb so weich sind, weil sie auch durch Desmodur aufgeschäumt werden konnten, und die Reifen der Autos in aller Welt schließlich können nur deshalb 80.000 Kilometer Laufleben erhalten, weil ihr Alterungsprozeß durch Vulkanox 4020 LG aufgehalten würde.
Mit anderen Worten: Bayer Brunsbüttel produziert in den folgenden Bereichen:
Toluylendiisocyanat (TDI)
für weiterverarbeitende Industrien zur Kunststoffherstellung: Möbelpolster, Radkappen, Sohlen
Polyuretane (PU)
ebenfalls für die weiterverarbeitende Industrie zur Kunststoffherstellung: Schaumstoffe, zelluläre und massive Kunstoffe, Lacke, Klebstoffe und Beschichtungsmassen.
Kautschukchemikalien
Vulkanox 4020 LG, ein Alterungsschutzmittel gegen Risse und Sprödigkeit in Reifen und in Dichtungen im inneren eines Motors.
Organische Chemikalien
ca. 20 verschiedene Buchstabensäuren, welche Vorprodukte der Farbenproduktion sind, die ebenfalls bei Bayer realisiert wird. Methylethylanilin, welches ein Vorprodukt von Pflanzenschutzmitteln ist, die jedoch in anderen BAYER Werken verarbeitet werden.
Seit dem 01.07.1995 gibt es eine neue Firma auf dem Werksgelände: Sie heißt Dy-Star und ist ein Joint-Venture zwischen Hoechst und BAYER. Hier werden in einer hochmodernen Produktionsanlage Farbstoffe hergestellt. Zur Zeit sind bei Dy-Star 160 Arbeitnehmer beschäftigt. Herr Werner stellte die Werksgründung als Maßnahme zur Erhaltung und zum Ausbau von Arbeitsplätzen dar. Allerdings räumte er ein, daß die Farbenproduktion stark unter der Konkurrenz besonders asiatischer Länder leide, da man dort kostengünstiger produzieren könne. Außerdem gab er zu bedenken, daß sich besonders im Farbenbereich das Verhältnis zwischen produzierter Menge und Umsatz zu Dy-Stars Ungunsten verschöbe.
Auf dem Werksgelände in Brunsbüttel befnden sich: Werkstatt und Verwaltungsgebäude, ein Feuerwehrgebäude (heute sogar noch erweitert), eine Ausbildungsstätte, eine Produktionsstätte von Alterungsschutzmitteln, eine Produktionsstätte zur Herstellung von Farbstoffen, ein Tanklager im Landeshafen Ostermoor, ein Hochregallager für die abgepackten Farbstoffe, die Produktionsanlagen der Schelde Chemie, die BAYER 1985 aufgekauft hat und heute für die eigene Produktion von Farbstoffen nutzt, Tank- und Zwischenlager, eine eigene PU-(Polyurethane) Versandabteilung, wo Desmodur T 80 direkt in Eisenbahntankkesselwagen verladen wird, Kühlanlagen (Waschtürme), Wasseraufbereitungsanlagen für Kühl- und Betriebswasser und ein sog. Umweltzentrum.
Entscheidender Faktor für den hohen Arbeitskostenindex in der BRD sind die Personalkosten (u.a. Sozialleistungen). Umweltschutz und Sicherheitskosten werden jedoch nicht berücksichtigt. Die Amerikaner und Japaner haben jeweils 14 Tage Urlaub, in Deutschland gibt es 6 Wochen Urlaub. Bei der Bayer-AG wurde die 37,5 Stundenwoche eingeführt. Die 35 Stundenwoche wird angestrebt.
Hier einige Zahlen, die das Verhältnis zwischen Umsatz / Menge der BAYER-AG Brunsbüttel verdeutlichen:
1990 1991 1992 1993 1994 850/127 744/107 730/117 689/125 712/157
Bei steigender Produktion ist der Umsatz deutlich gefallen. Das BAYER- Werk Brunsbüttel kommt zur Zeit gerade über die roten Zahlen hinaus.
Die Arbeitsplätze bei Bayer gehen stetig zurück.Mit einigen Zahlen verdeutlicht:
1990 1995
129 Azubis 80 Azubis
1875 Mitarbeiter 1495 Mitarbeiter (incl. Dy-star)
Ein Drittel der Arbeitnehmer stammen aus Brunsbüttel direkt, insgesamt 2/3 aus dem Kreis Dithmarschen und 1/3 aus dem Kreis Steinfurth. Niedersachsen gehört nicht mehr zum Einzugsgebiet, da es zur Zeit in der Nähe keine feste Elbüberquerung gibt. BAYER würde eine Brücke sehr begrüßen, da sich damit der Einzugsbereich für qualifizierte Arbeitskräfte erhöhen und sich gleichzeitig die Transportmöglichkeiten verbessern würden. Frauen sind bei BAYER mit 10 Prozent unterdurchschnittlich vertreten. Das liegt zum Teil daran, daß es ein Gesetz von 1912 gab, welches Nachtschicht für Frauen verbot. Obwohl dieses Gesetz 1994 abgeschafft wurde, hat das keine Auswirkungen auf das Beschäftigungsverhältnis Frauen / Männer gehabt. Bis jetzt sind die Schichtarbeitsplätze in der Produktion unter Frauen nicht sehr gefragt.
Ein heikles Diskussionsthema war der Export der Pharmaindustrie in die Dritte Welt. Während früher nur Produkte dorthin geliefert wurden, wird heute angestrebt, Produktionsstätten in der Dritten Welt zu errichten. Der Konzern hat das Ziel, daß Umweltschutz und technische Sicherheit möglichst gleich bleiben. Die Struktur ändert sich dahingehend, daß mehr Arbeiter benötigt werden, da das technische Know-how noch fehlt.
Frage: Wie verhält es sich mit Sozialverträglichkeit und Fairnis Bayers gegenüber der Dritten Welt?
Antwort: Ziel Bayers sei es zwar, Märkte zu erschließen , aber das sei schließlich auch zum Wohl der Bevölkerung: (Medikamente, Pharmabereich, Pflanzenschutz, Lebenserwartung der Bevölkerung verlängern). Fairnis insofern, als daß Bayer auch vor Ort produziert, und somit auch Arbeitsplätze schafft, anstatt nur anzuliefern. Auf einen Arbeitsplatz in der BRD kommen 2- 3 in der Dritten Welt. Außerdem dient die Produktion vor Ort dazu, die Akzeptanz des Produktes zu erhöhen. Ziel von Bayer, was Umweltschutz und Sicherheit angeht: Anlagen im Ausland sollen sich nicht von denjenigen in der BRD unterscheiden, d.h. Sicherheitsstandards bleiben angeblich bestehen.
Frage: Oft ist es doch so, daß exportierte Produkte zwar unter großen Sicherheitsbedingungen hergestellt werden, dann aber, wenn es auf die Anwendung des Kunden ankommt, viele Fehler z.B. in der Dosierung oder Handhabung von Pflanzenschutzmittel gemacht werden?
Antwort: Diese Probleme hat BAYER im Griff. Schon längst steht man nicht mehr auf dem Standpunkt Viel hilft viel. Unkenntnisse in der Dritten Welt werden mit Abteilungen vor Ort behoben. Die einzelnen Kunden werden entweder im Umgang mit den Mitteln geschult, oder die Beipackzettel sind sehr eindeutig. Es gibt bei BAYER Abteilungen, die sich nur mit dem Erstellen von Bedienungs- und Dosierungsanleitungen beschäftigen, um diese, dem jeweiligen Kulturkreis entsprechend, zu gestalten. Anwendungshinweise werden oft in Bilderbuchform beigelegt.
Frage: Wieviel Chemie ist nötig und sinnvoll?
Antwort: Als Argument für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wird die Versorgung der Menschen mit Nahrungsmitteln, die aufgrund des hohen Menschheitswachstums gegeben ist, angeführt. Sonst wird ein Sozialkrieg befürchtet.
Frage: Wieviele neu entwickelte Produkte kommen denn nicht auf den Markt?
Antwort: Das Verhältnis sei heutzutage 1:100. Das läge daran, daß die Unternehmensleitlinien eben nicht nur profitorientiert seien. Ausschlaggebend seien Umweltschutz und Sicherheitsmaßnahmen. Die Prüfung neuer Produkte sei so umfassend, daß es tatsächlich zu diesem Verhältnis kommen würde.
Problem:
Umweltschutz und Sicherheitsmaßnahmen sind sehr teuer. Bei Bayer- Brunsbüttel mußte gerade eine 10 Jahre alte Anlage geschlossen werden, da die Produktion nach unseren Sicherheits- und Umweltstandards zu teuer wurde. Nun wird das selbe Produkt von einer anderen Firma in Indien hergestellt. Wie die Anlage aussieht, könnten wir uns ja wohl vorstellen. BAYER hat im Ausland angeblich keine maroden Anlagen. Die Sicherheitsstandards sollen genauso hoch wie in der BRD sein, allerdings räumt Herr Werner ein, daß zum Teil unsere Umweltauflagen z.B. in Indien nicht voll umgesetzt werden, da damit der (indische) Staat in Zugzwang kommen würde..
Vor 10 bis 12 Jahren waren für die BAYER-AG ökonomische Bedingungen ausschlaggebend. Heute sind Wirtschaftlichkeit, Umweltschutz und Sicherheit gleichgestellte Ziele. Die BAYER-AG strebt in bezug auf Umweltschutz gleiche Standards in allen Ländern an.
Die Leitlinien oder Grundgedanken beim Umweltschutz im Bayer Werk Brunsbüttel wurden uns folgendermaßen dargestellt:
Im Gegensatz zur sogenannten end of pipe Lösung, bei der Abfallprodukte der eigentlichen Produktion erst am Ende der Produktionskette wieder aufgearbeitet werden können oder gar nur noch in speziellen Lagern deponiert werden können, versucht man heute einen produktions-integrierten Umweltschutz zu betreiben. Der Gedanke dabei ist, umweltschonende Verfahren zu entwickeln, die möglichst wenig Nebenprodukte anfallen lassen und die einzelnen Prozeßschritte oder Produktionsschritte so zu gestalten, daß man durch verbesserte Reaktionsführung und chemische Synthesewege eine optimale Ausbeute, mit möglichst wenig unerwünschten Nebenprodukten erhält.
Nicht nur die Anlagen werden dazu optimiert (Beispiel Turmbiologie) und die Verfahren wurden geändert (z.B.durch wirksamere Katalysatoren), sondern die interne Werks-Organisationstruktur wurde dahingehend verändert, daß die Abteilung Umweltbildung in der Werksleitung angesiedelt ist. Einerseits hat dies sicherlich auch damit zu tun, daß einfach die Kosten für die Einleitung von chemisch verunreinigten Abwässern und Abluft drastisch gestiegen sind und die Umweltüberwachung seitens des Bundesemissionschutzgesetzes verschärft worden ist. Andererseits hat sich wahrscheinlich herausgestellt, daß umweltschonendere Produktionsverfahren auch Produktionskosten senken können, wenn zum Beispiel Kühlwasser, mit dem bei der Produktion Wärme abgeführt wurde, als Betriebswasser weiterverwendet wird, Waschwasser recycelt werden.
Kurz gesagt: Umweltschonende Produktionsverfahren durch
Stoffliche Verwertung:
Eine stoffliche Wiederverwertung von Kunststoffen ist nur dann möglich, wenn es sortenrein gesammelt wird. Daher hat man heutzutage Codenummern für die verschiedenen Kunststoffe eingeführt. Die sortenrein gesammelten Kunststoffe werden in Aufbereitungsanlagen entweder zu Granulat zerkleinert oder aufgeschmolzen. Chemiefässer von Bayer werden z. B. in einer Aufbereitungsanlage in Neumünster zu Granulat aufgearbeitet.
Chemische Verwertung:
Zur Chemischen Verwertung gehören die Verfahren der Pyrolyse (hohe Temperatur), Hydrolyse (mit Wasser) oder Alkoholyse (mit alkoholischen Lösungen). Ziel ist es, Kunststoffe, die nicht sortenrein sind, mit Hilfe dieser Verfahren in ihre chemischen Grundbestandteile aufzuspalten, die dann im einzelnen wiederverwendet werden können.
Thermische Verwertung:
Bei diesem Verfahren werden Kunststoffe als Ersatz für fossile Brennstoffe benutzt. Durch Verbrennung wird Fernwärme und/oder Strom erzeugt, das Problem dabei ist aber, daß bei diesem Prozeß große Mengen an CO2 freigesetzt werden.
Das Chemieunternehmen BAYER sitzt direkt an der Elbe. Um im Falle eines Unfalls die Einbringung verseuchten Wassers in den Fluß zu verhindern, ist das ganze Werksgelände unterirdisch mit Sielen, Becken und Schiebern versehen, so daß man das System komplett zur Elbe hin abblocken kann. Die Abwasserkanäle werden oberirdisch verlegt, um undichte Stellen besser zu erkennen und reparieren zu können.
Regenwasserkanalystem:
Regenwasser gelangt generell über unterirdische Systeme erst in einen Vorfluter, wo es ständig untersucht wird, bevor es über Schöpfwerke in die Elbe eingebracht wird. In Brunsbüttel besteht die Möglichkeit, das System bei umweltrelevanter Störung (Brand, Austritt von Chemikalien) von dem Regenwasserkanalsystem abzutrennen. Die Regenwasserschieber werden dann geschlossen.
6.4.1. Turmbiologie:
Die Turmbiologie ist eine biologische Reinigungsanlage mit Belebtschlamm. Durch Zuführung von Luft wird das Wasser innerhalb von 50 Stunden von den Mikroorganismen verwertet. Die Turmbiologie ist eine Abwandlung der üblichen Beckenbiologie. Die Auswertung der eingeblasenen Luft gelingt besser. Es wird jedoch mehr Energie benötigt, um Wasser einzupumpen. Im sogn. Dortmundbrunnen wird das gereinigte Wasser abgeschöpft. Die Abbauleistung der biologischen Verwertung beträgt 75%.
6.4.2. Eindampfungsanlage:
Nicht biologisch abbaubare Stoffe sind stark salzhaltige Abwasser aus der Farben- und Kautschukchemikalienproduktion. Die Abwasserinhaltsstoffe werden verbrannt: In einer fünfstufigen Eindampfungsanlage dickt man die Abwässer zu einem zähen Salzbrei mit einem Feststoffanteil von 70% ein. Dieses Konzentrat kommt in eine Verbrennungsanlage, in der das restliche Abwasser in zwei 1.200 Grad Celsius heißen Flammen verdampft und die organischen Inhaltsstoffe restlos verbrennen. Nur Koch- und Glaubersalz bleiben übrig. Sie werden im Waschwasser der zweistufigen Rauchgasreinigung gelöst und anschließend ins Brackwasser der Elbe eingeleitet (Bayer AG, Vorstandsstab Öffentlichkeitsarbeit. Der Umweltschutz. S. 18).
6.4.3. Naßoxidation:
Die Naßoxidation ist eine andere Methode der Reinigung von stark belasteten Abwässern. Die Inhaltsstoffe von salzhaltigen und organisch belasteten Produktionsabwässern werden bei sehr hohem Druck und hoher Temperatur unter Zusatz von Luft 'zerkocht'.
Nach den Gesprächen mit Herrn Werner und Herrn Weiß wurde ein Erinnerungsfoto gemacht, welches jeder von uns später überreicht bekam, und dann ging es mit dem Bus zur Werksbesichtigung. Wie weiter oben schon erwähnt, erstreckt sich das Bayergelände über 420 ha. Als BAYER 1973 mit dem Bau des Werkes begann, starteten sie an zwei gegenüberliegenden Enden des Geländes. Man baute aufeinander zu. Durch die dann eintretende Ölkrise sind einige Planungen nicht mehr realisiert worden. Dadurch hat das Werk heute ein etwas merkwürdiges Aussehen. Zwischen den beiden Werkskomplexen an beiden Enden klafft eine große Lücke. Betriebstechnisch ist das nicht sehr günstig. Man richtete einen Pendelbus ein, der die Mitarbeiter von einer Seite zur anderen bringt. Außerdem gibt es zur Überwindung der Entfernungen Betriebsfahrräder. Herr Werner, der uns im Bus begleitete, erklärte uns, daß von den Kühen, die auf der Fläche zwischen den Komplexen weideten, traditionell eine zum Weihnachtsessen verspeist würde. Da wünschen wir einen guten Appetit!
Neben Kühen sieht man riesige Rohre, bunt gestaltet. Das hat die sicherheitstechnische Funktion, daß man schon von außen "sehen" kann, was für ein Stoff durch die Rohre läuft. Wie wir oben schon erwähnt haben, laufen die Wasserrohre auch oberirdisch, um eventuelle Lecks schnell erkennen zu können. Das unterirdische Behältersystem, welches die Verschmutzung der Elbe mit Abwässern verhindern soll, ist natürlich nicht zu besichtigen, leider auch nicht mehr das Fischbecken, welches laut Herrn Werner früher ein beliebter Anlaufpunkt auf Werksbesichtigungen war. Mit dem Fischbecken hat man noch einmal, für alle sichtbar, den Beweis erbracht, daß das Wasser, welches in die Elbe gelangt, so sauber ist, daß selbst Fische darin leben. Bis dann der Tierschutzverein Einspruch erhob...
Nach dem Essen besichtigten wir die Abteilung "Umweltschutz". Diese etwas irreführende Bezeichnung scheint sich für die Abwasserentsorgung eingebürgert zu haben. Zunächst waren wir in der Zentrale. Hier stehen die Großrechner, die Turmbiologie und "Naßoxidation" steuern und überwachen. Danach ging es zur Turmbiologie. Dort besichtigten wir den Dortmundbrunnen, wo Herr Weiß dann auch gleich einige Proben zog, um zu beweisen, daß das Wasser,welches im oberen Bereich des Brunnens ist, schon wesentlich gereinigter (klarer), als das im unteren Bereich ist. Der Versuch schlug fehl, und wir fühlten uns wieder an die gute alte Schulzeit erinnert, wo Chemieversuche auch gerne nicht das erwartete Ergebnis erbrachten. Danach besichtigten wir noch die Naßoxidationsanlage und damit war die Werksbesichtigung zu Ende.
Für Brunsbüttel brachte die Industrieansiedlung in den 70er Jahren entscheidende Veränderungen. So kam ein Agglomerationsprozeß in Gang. Außerdem erhielt sie in einigen Bereichen Zentrumsfunktion. Im folgenden werden in komprimierter Form die Diskussionsergebnisse in Form von Alternativen zur chemischen Produktion und die Leitthemen während der Führung auf dem Werksgelände der Bayer-AG dargestellt. In der Schlußbetrachtung wurde hervorgehoben, daß die chemische Produktion immer mit Umweltproblemen verbunden ist. Diese Probleme liegen vor allem im Haushaltsbereich, denn man weiß z.B. nicht, wie sich die verschiedenen Kunststoffe beim Verbrennen verhalten.
Totaler Verzicht auf chemische Produktion wäre die Ideallösung, ist aber in der Realität nicht durchsetzbar, da es viele Produzenten gibt. Würde ein Betrieb die Produktion einstellen, gäbe es sofort andere Anbieter, die in die Lücke springen würden. Es müßte also zu einem globalen Verzicht kommen, eine absolut unrealistische Vorstellung, gerade auch unter dem Gesichtspunkt der Schwellen- und Entwicklungländer, die ein Aufholbedürfnis gegenüber den Industriestaaten haben.
Chemische Produkte müssen durch Naturprodukte ersetzt werden. In der Regel sind diese Produkte teurer, oft liegt die Qualität und Wiederverwendbarkeit unter der eines vergleichbaren Kunststoffartikels. Bei der Preiskalkulation müssen die externen Kosten internalisiert werden. Als Beispiel wurden Autos mit Wasserstoffantrieb genannt.
Während früher die 'end of pipe' Mentalität vertreten wurde, setzt Bayer heute auf den produktionsintegrierten Umweltschutz. Mit Hilfe von Forschung und Entwicklung werden Verfahren entwickelt, die schon während der Produktion Energieverbrauch minimieren, Abfälle reduzieren und möglichst gleich recyceln.
Der Vorwurf, daß bei dem Entwicklungspolkonzept nur verlängerte Werkbänke entstehen, trifft so auf Brunsbüttel nicht zu. Bei Bayer wird nicht nur produziert, sondern es findet auch Forschung und Entwicklung statt. Allerdings hat das Konzept die Erwartungen nicht voll erfüllt. Es sind weit weniger Arbeitsplätze als geplant entstanden. Obwohl sich Bayer mit Grundstoffindustrie niederließ, erfolgten so gut wie keine Vorwärtskoppelungseffekte, das heißt, es hat sich keine Folgeindustrie angesiedelt. Der Grund bestand wahrscheinlich in der Ölkrise. Für die Bayer-AG ist das nicht weiter schlimm, da sie aufgrund niedriger Transportkosten sehr viel exportieren, für die Entstehung von Arbeitsplätzen war es sehr negativ. Außerdem scheint es auch kaum Rückkoppelungseffekte, wie die Ansiedlung von industrienahen Dienstleistungsbetrieben gegeben zu haben.
In der heutigen Regionalpolitik wird das Entwicklungspolkonzept nicht mehr angewandt (Ausnahme neue Bundesländer), da es häufig hinter den Erwartungen zurückblieb.
Bayer AG (Hrsg.): Bayer Brunsbüttel. Leverkusen 1995.
Bayer AG (Hrsg.): Geschäftsbericht 1994. Leverkusen 1995.
Bayer AG (Hrsg.): Umweltbericht 1995. Leverkusen 1995.
Schätzl, L.: Wirtschaftsgeographie 1 Theorie. 4. überarbeitete Auflage. Paderborn 1992.