Hintergrund FORUM ERDKUNDE

Hintergrund / SH-Exkursion der Uni-Lüneburg



Anja Heiderich, Lelian Hildebrandt, Stephan Lehmann, Andreas Oeding, Karin Siegmund

Tagesprotokolle vom 26.08. und 28.09.1995

Landschaftsformung, Windenergie, Bodenschätze, Stadtentwicklung Friedrichstadt


Im Norden von St. Michaelisdonn ist in der Landschaft deutlich der ehemalige Kliff-Geestrand zu sehen. Diese Naturgegebenheit wird heute häufig in Straßennamen wie z.B. "Unter dem Klev" (Klev = Kliff) ersichtlich. Ehemals ragte das Meer bis zu diesem Geestrand. Durch Abtragung und Ablagerung entstanden Nehrungshaken, die oftmals als Leitlinien für Siedlungen und Verkehrswege dienten. Die Gruppe 1 radelte lange Zeit auf einer derartigen Nehrung Richtung Meldorf. Meldorf selbst liegt wiederum auf dem Geestrand. Das auf einem Geestsporn liegende Meldorf ist im 8. Jahrhundert von brehmischen Missionaren gegründet worden. Die Randlage zwischen den beiden Naturräumen Geest und Marsch ist bezeichnend, da hier die Vorteile beider Naturräume genutzt werden konnte. Das mittelalterliche Stadtbild ist im Kern weitgehend intakt geblieben und wird durch den aus Backstein gemauerten Dom bestimmt. Das heutige Mittelzentrum mußte 1970 den Sitz der Kreisverwaltung an Heide abgeben. Bezeichnend ist die dominierende Wirtschaftsgrundlage der Stadt, welche die Konservenfabriken darstellen, die hauptsächlich Kohl aus der Marsch verarbeiten (SCHLENGER et al. 1969). Der Kohlanbau in Dithmarschen hat eine lange Tradition und geht auf das Jahr 1889 zurück. Aufgrund des damaligen Preisverfalls von Weizen, Zuckerrüben und Mastochsen wurde erstmalig Kohl angebaut. Das ausgeglichene ozeanische Klima mit wenigen Frösten und der fruchtbare Boden liefern gute Voraussetzungen. Von anfänglich 50 ha Anbaugebiet, weitete sich die Produktion schon bald auf 10.000 ha aus. Heute existieren noch ca. 2.200 ha Anbaufläche, wovon der größte Teil in Norddithmarschen liegt. Das Hauptabsatzgebiet liegt in Hamburg.

Der nächste Halt war an der Erdölraffinerie in Hemmingstedt. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Erdölfeld von einem Bauern beim Brunnengraben entdeckt. Die Erklärung für das oberflächennahe Vorkommen von Erdöl, wird durch salztektonische Vorgänge verständlich. Erst 1938 als die technischen Voraussetzungen zur Erdölgewinnung gegeben waren, wurde Hemmingstedt zum bedeutendsten Erdölfördergebiet des Deutschen Reiches. Es wurde eine Raffinerie errichtet, um das Rohöl weiter zu verarbeiten. In den 40er Jahren betrug die jährliche Erdölausbeute rund 200.000 t. Heute werden in Hemmingstedt nur noch unbedeutende Mengen gefördert (vgl. DEGN / MUUß, 1979, S. 166). Die Raffinerie bezieht heute Rohöl aus Brunsbüttel durch eine Pipeline. Die Erdölraffinerie ist ein gutes Beispiel für die Persistenz von Industriebetrieben an einem Standort.

Die Gruppe 2 besichtigte einen Windpark im Kaiser-Wilhelm-Koog. Der Kaiser-Wilhelm-Koog befindet sich südwestlich von Marne. Er wurde 1872 / 73 eingedeicht. Schwerpunktthema war die Nutzung der Windenergie. Durch die Ölkrise 1973 wurde die Begrenztheit der Primärenergieressourcen in der Welt deutlich. Die Erprobung und Nutzung der Windenergie erlebte eine Renaissance. Der Standort Kaiser-Wilhelm-Koog eignet sich für die Windkrafterprobung, da die Küstennähe Windstärken von über 5 m/s im Jahresmittel garantiert (vgl. MOLLY, 1990, S. 34 f.). 1987 wurde der erste Windpark der BR Deutschland von der SCHLESWAG AG eingerichtet, dort werden 36 Anlagen von 7 Herstellern erprobt (vgl. auch Kap. XVI).

Von Hemmingstedt aus ging es weiter nach Heide. Dieser ehemalige Versammlungsplatz aus dem Mittelalter ist heute der größte ausgebaute Marktplatz Deutschlands. Die Ausmaße des Platzes werden verständlicher, wenn man bedenkt, daß Dithmarschen mit Heide als Hauptstadt im Mittelalter eine freie Bauernrepublik war. Als die Dänen und Holsten die Republik Dithmarschen einnahmen, wurde Heide jedoch zerstört. Heute trägt Heide den Titel Kreisstadt.

Weiter in Richtung Friedrichstadt konnten wir unterwegs wiederum den Verlauf einer Nehrung beobachten. Zur Zeit der Flandrischen Transgression, als der Nordseespiegel durch das Abschmelzen der Inlandeismassen stark anstieg, entstand entlang der gesamten dithmarscher Küste eine Ausgleichsküste mit großen Nehrungs- und Strandwallsystemen. Die Lundener Nehrung ist neben dem Donn in St. Michaelisdonn die größte ihrer Art an der schleswig-holsteinischen Westküste. Sie besteht aus mehreren parallelen, dicht beieinanderliegenden Sedimentrücken, auf denen sich bis zu 3 - 4 m hohe Dünen gebildet haben. Das Liefergebiet für die feinkörnigen Dünensande wird in den westlich vorgelagerten Sandwattflächen gesehen, die heute von Klei- und Torfschichten bedeckt sind (SCHLENGER et al. 1969). Aufgrund der höheren Lage gegenüber dem Umland befindet sich hier neben der Siedlung auch die Hauptverkehrsstraße B 5 und eine Eisenbahnstrecke.

Im Falle der Lundener Nehrung,, ist allerdings die Materialherkunft nicht ganz geklärt, da der Geestkern ca. 8 km entfernt liegt. Deshalb werden hier auch Gegenstimmen laut, die von einer Theorie der Barriereinseln ausgehen. Die Siedler machten sich den lockeren, erhöhten und trockenen Boden der Nehrung zunutze.

Östlich der Nehrung befindet sich auch Schlichtung, ein typisches Moorhufendorf. Es handelt sich dabei, um eine planmäßig angelegte Reihensiedlung, die über Hofanschlüsse mit einer Streifenflur verbunden ist. Hier wurde in der Vergangenheit die hochgradig bodenausbeutende Moorbrandkultur durchgeführt. Bei dieser Beackerungsform folgte auf die vorwinterliche Entwässerung das Abbrennen des Moores im Frühjahr und die Einsaat von Hafer oder Weizen in die Asche. Nach 6 Jahren Ackerbau benötigte der Boden dann allerdings eine 30jährige Brachzeit. Nach diesem anfänglichen Eingriff in den Naturhaushalt wurde man mit der Zeit etwas vorsichtiger und ging zur sogenannten deutschen Hochmoorkultur über. Aber auch bei diesem Verfahren fand keine ausreichende wirtschaftliche Inwertsetzung statt. Letztlich begann man deshalb eine solche Inwertsetzung nach der Abtorfung durchzuführen. Eine andere Dorfform, die weitaus häufiger anzutreffen ist als die Hufendörfer, sind die Haufendörfer. Sie verfügen über einen unregelmäßigen Grundriß, da sie historisch gewachsen sind. Ein typisches Beispiel hierfür ist Windbergen.

Zum "Holländerort" Friedrichsstadt vgl. Kap. XVIII.

Im Rahmen des Programmes Nord entstand 1967 - 73 das Eidersperrwerk, um den größten Fluß Schleswig-Holsteins den ungewollten Einflüssen der Gezeiten zu entziehen. Damit sollte der Rückstaueffekt verhindert werden, der bei Sturmfluten weite Teile der Eider-, Treene-, Sorgeniederung langanhaltend überschwemmte. Aus diesem Grunde schließt das Eidersperrwerk seine Tore lediglich bei Sturmfluten, so daß alle 12 Stunden ca. 50 Mio. m3 ein- und ausströmen und damit auch die Versandung des Tönninger Hafens verhindert wird. Der eigentliche Zweck des Bauwerkes besteht jedoch in einem verbesserten Küstenschutz, da die Deichlinie stark verkürzt und die Vorflut im Einzugsbereich der unteren Eider geregelt wird (SCHLENGER et al. 1969).

Was sonst noch geschah:

Kettenriß am Vormittag an Karins Fahrrad und anschließende rekordverdächtige Reparatur in 6 Minuten von Tim und Eric; Gestank gegen Mittag (Erdölraffinerie Hemmingstedt); Fußball am Nachmittag - Unterstützung heimischer Fußballer durch einen Teil der Gruppe; Unterhaltung am Abend - Wie oft schafft man es in einem Straßencafé, einen Kellner durch den Regen zu jagen?; Late night Programm - Prominenz in Friedrichstadt - einige Exkursionsteilnehmer waren zu Gast bei Hans Hartz; Feuerteufel unterwegs?! - nächtliche Ruhestörung durch Feuerarlarmsirene auf dem Dach der Jugendherberge



erstellt von Mathias Lintl, Lüneburg 1996, 11108@stud.uni-lueneburg.de
aufgenommen in das FORUM ERDKUNDE 1999