Hintergrund FORUM ERDKUNDE

Hintergrund / SH-Exkursion der Uni-Lüneburg



Eric Janssen, Christiane Kothe, Petra Loheide, Elwira Matzen, Britta Weining

Tagesprotokolle vom 27.08 und 01.10.1995

Friedrichstadt - Niebüll


Eine erste Station war Husum. 1252 wurde Husum, als ursprünglich typische Geestrandsiedlung urkundlich erwähnt. Eine größere Bedeutung erhielt der Ort jedoch erst seit der "Groten Mandränke" von 1362, da nun das Meer direkt am Geestrand lag, konnte an der Mündung der Husumer Au ein Hafen entstehen, der das zukünftige wirtschaftliche Wachstum der Stadt bestimmte.

Sturmfluten haben jedoch seit jeher die wirtschaftliche Existenz der Region bedroht. Selbst 1976 kam es im Bereich der Hattstedter Marsch fast zu einem Deichbruch. Aus diesem Grunde wurde eine Deichverlängerung bei Nordstrand durchgeführt, um den sogenannten "Buchteneffekt", welcher einen hohen Wasserstand zur Folge hat, zu unterbinden. Heute ist Husum mit seinen ca. 24.000 Einwohnern Kreisstadt und Mittelzentrum mit einem Hinterland von ca. 100.000 Einwohnern (BÄHR/ KORTUM, 1987). Nordwestlich von Husum, bei Schobüll, ist der Küstenstreifen des "Mettgrund" nicht eingedeicht ist. Die Geest reicht hier fast bis an die Nordsee. Trotz der Tatsache, daß die Geest fast bis ans Meer reicht, gibt es keine Kliffbildung. Die Gegend um Schobüll gehört zu den periglazialen Spülflächen.

Danach ging es weiter nach Bredstedt. Von Bredstedt setzten wir unsere Fahrt Richtung Norden auf den Stollberg fort. Da uns der Zugang zur Gastwirtschaft wegen einer geschlossenen Gesellschaft verwehrt blieb, stellte sich Herr Pez als Oberkellner zur Verfügung. Der Stollberg ist die höchste Erhebung (44 m) der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Endmoräne des Warthe-Stadiums der Saale-Kaltzeit. Vom Aussichtsturm, dessen Eintrittspreis wir durch unsere Geschicklichkeit etwas verringern konnten, waren einige Unterschiede in der Landschaft zu erkennen. Der Endmoränenzug ist nicht mehr vollständig erhalten. Zurückzuführen ist dies auf Solifluktion und die Schmelzwässer der Weichsel-Kaltzeit. Im Osten gibt es einige Waldflächen, dagegen ist der Westen waldlos. Der Wald wurde an Stellen angelegt, an denen der Geestboden durch Regen entkalkt wurde und daher für die Landwirtschaft nicht fruchtbar genug ist. Der Marschboden dagegen wird landwirtschaftlich genutzt, da dieser eine sehr hohe Fruchtbarkeit aufweist. Die Marsch ist kleingliedriger je näher sie am Geestrand liegt, weil sie dort älter und damit durch Sackungsprozesse und Porenverluste feuchter ist. Sie kann heute nur zu viehwirtschaftlichen Zwecken genutzt werden. Die jüngere Marsch dagegen liegt weiter seewärts und ist nicht so feucht. Daraus ergibt sich die Möglichkeit der ackerbaulichen Nutzung. In der Marsch ist kaum Besiedlung vorhanden. Am Geestrand hingegen reihen sich viele Haufendörfer aneinander.

Seewärts sind drei Köge deutlich zu erkennen, von denen der Bordelumer Koog der älteste ist (eingedeicht 1498). Er ist somit auch der nasseste, auf dem keine Besiedlung zu finden ist und der vom Geestrand aus mitbewirtschaftet wird. Der sich anschließende Reußen-Koog ist im 17. Jahrhundert eingedeicht worden, der Sönke-Nissen-Koog erst 1921, wobei beim Bau des dortigen Deiches gleichzeitig der Deich zwischen Reußen- und Bordelumer Koog abgetragen wurde. Die Besiedlung läßt Unterschiede in der Besiedlungsform erkennen, abhängig davon, ob die Besiedlung vor oder nach der Fluraufteilung stattfand. Erfolgte sie vorher, dann sind Marschhufendörfer entstanden. Kam es nach der Fluraufteilung zur Besiedlung, dann sind keine Dörfer zu erkennen, sondern nur Einzelgehöfte, wie dies z.B. beim Sönke-Nissen-Koog zu sehen ist.

In Richtung Hamburger Hallig konnten wir im Deich zwischen dem Reußen- und dem Sönke-Nissen-Koog ein Tor erkennen, welches bei Sturmfluten geschlossen werden kann, wenn die Gefahr besteht, daß der Seedeich bricht.

Auf der Weiterfahrt gelangten wir zur Hamburger Hallig, die seit 1930 unter Naturschutz steht. Sie besitzt eine Warft und besteht aus 110 Hektar. Der Name Hamburger Hallig leitet sich von den Hamburger Kaufmannsbrüdern Rudolf und Arnold Amsinck ab, die hier im 17. Jahrhundert mit ersten Eindeichungen begonnen haben. Seit 1855 gab es verschiedene Versuche, die Hamburger Hallig mittels Lahnungen und weiterer Bedeichungen ans Festland anzuschließen. 1874/75 wurde ein Buschdamm mit Erdkern angelegt. 10 Jahre später wurde diese Konstruktion noch durch einen Steindamm ergänzt, eine erste dauerhafte Verbundung zum Festland war geschaffen. Entlang des Dammes wurden Landgewinnungsmaßnahmen durchgeführt. Die Hallig ist heute weitgehend mit dem Festland verbunden und normalerweise mit dem Auto erreichbar. Eine Ausnahme besteht nur bei sehr hohen Fluten, bei denen dann noch ”Land unter” herrscht und die Verbindungsstraße mit dem Festland unterbrochen ist. Bei solchen Fluten ragen dann tatsächlich nur noch die beiden Gebäude auf den Warften aus dem Wasser. So wurde die damals einzige Warft der Hamburger Hallig zwischen 1634 und 1825 fünfmal durch die Fluten zerstört und wieder aufgebaut. Zum Schutz vor dem Wasser und um die Hallig als Wellenbrecher für die Küste zu erhalten, begann man schon 1883 damit, gefährdete Uferabschnitte durch Steinkanten zu schützen. Heute schützt ein Granitdeckwerk von 3 km Länge die Seeseite der Hallig.

Mit Hilfe des Hallig-Sanierungsprogrammes sind auch die Häuser verbessert worden, so daß das Dachgeschoß auch auf Pfählen stehenbleibt, wenn die Mauern durch die Wassermassen einer Sturmflut herrausgebrochen werden. Die Hallig-Bewohner können sich somit ins Dachgeschoß flüchten. Die Hallig wurde bereits 1930 wegen der zahlreich vorkommenden Vogelarten (Weißwangengänse, Brutgebiet des Säbelschnäblers) unter Naturschutz gestellt. Konflikte gab es deshalb mit dem Fremdenverkehr, der heute auf der Hamburger Hallig eine wesentliche Rolle spielt, da gerade sie leicht erreichbar ist und somit an warmen Tagen zum Baden einlädt.

Die Hamburger Hallig ist ein beliebtes, stark frequentiertes Ausflugsziel, welches zu Spitzenzeiten mit einer Belastung von 800 Kraftfahrzeugen pro Tag konfrontiert wurde. Um diese Verkehrsbelastung etwas einzuschränken, wurde im Mai 1994 am Seedeich eine Schranke errichtet, an der für die Fahrt zur Hamburger Hallig 10 DM bezahlt werden müssen. Nach dieser Maßnahme lag die Spitzenbelastung nur noch bei 290 Kraftfahrzeugen pro Tag, da heute viele Urlauber bereit sind, die Strecke zur Hallig zu Fuß oder mit einem geliehenen Fahrrad zurückzulegen. Die Erträge aus dieser Maßnahme werden durch das Amt für Land- und Wasserwirtschaft verwaltet und vor allem für die Erhaltung der "Straße der Höflichkeit" genutzt. Diese Straße ist ein einspuriger Plattenweg, der mit Ausweichbuchten ausgestattet ist und bei dem die Benutzer sich in Höflichkeit üben können, indem sie bei Gegenverkehr in die Buchten ausweichen müssen. Auf der südlichen Seite der Strecke kann der Besucher sich an einem Naturlehrpfad über die dortigen Verhältnisse und Probleme informieren. Bei höheren Hochwassern und bei Sturmfluten wird die Straße überflutet.

Die Hamburger Hallig liegt im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, der seit 1985 besteht. In diesem Nationalpark sind jedoch die Zonen II und III noch immer nicht klar abgegrenzt, was bei den Touristen zu Unklarheiten bezüglich ihrer Verhaltensweise führen kann. Durch die schon so weit fortgeschrittenen Landgewinnungsmaßnahmen ist die Hallig heute mit dem Festland verbunden und das Land kann der unteren Salzwiese zugerechnet werden. Hinweis war zu dem Zeitpunkt, als wir dort waren, das reichliche Vorkommen von Strandastern.

Auf der verregneten Weiterfahrt Richtung Norden war der nächste Halt die Grenze zwischen dem Sönke-Nissen- und dem Ockholmer-Koog. Der dort befindliche Deich wurde in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts errichtet, brach aber in den Jahren 1593-1662 siebenmal an verschiedenen Stellen. Von diesen Ereignissen zeugen noch heute die Wehlen, die sich durch Auskolkung und spätere Verfüllung mit Grundwasser hinter der ehemaligen Deichlinie gebildet haben. Durch die große Tiefe der Wehlen mußten die Deiche an diesen Stellen seewärts um die Kolke herumgebaut werden.

Die beiden benachbarten Köge zeigen sehr gut die Unterschiede von einem alten und einem neuen Koog auf. So ist der Ockholmer Koog aus einer alten Hallig hervorgegangen und bereits im 16. Jahrhundert eingedeicht worden. Die Entwässerungsgräben sind mehr oder weniger unregelmäßig und orientieren sich am Verlauf der Priele. Aufgrund des hohen Grundwasserstandes, der in alten Kögen durch zu frühe Eindeichungen und Sackungserscheinungen oft vorzufinden ist, herrscht bis heute eine Grünlandnutzung vor. Ein anderes Bild liefert der 1925 eingedeichte Sönke-Nissen-Koog mit seinen regelmäßig angeordneten Häfen und Entwässerungsgräben. Der Niveauunterschied von mehr als 2 m gegenüber den erstgenannten Koog bewirkt einen niedrigeren Grundwasserspiegel und ermöglicht somit einen intensiven Ackerbau (BÄHR/KORTUM, 1987).

Unsere nächste Station war der Bottschlotter See, der - wie der später errichtete Nord- und Südspeicher von Schlüttsiel - als Auffangbecken dient. Bei hohen Wasserständen der Nordsee müssen die Siele geschlossen werden, so daß die Festlandflüsse nicht mehr entwässern können. Die Folge ist die Gefahr der Überflutung, ausgehend vom Landesinnern. Allerdings war der Bottschlotter See nicht ausreichend, weshalb westlich des Hauke-Haien-Koogs in den 60er und 70er Jahren der Nord- und Südspeicher angelegt wurde, deren Speicherfähigkeit bisher ausreichte. Die Anlage der Speicherbecken wurde vom Programm Nord finanziert. Sie können so viel Wasser aufnehmen, daß auch in Extremsituationen das Siel erst nach drei Tagen geöffnet werden muß. Im Normalfall sind die Sieltore jedoch nur bei Flut geschlossen, bei Ebbe bleiben sie offen, um ein Ablaufen des Wassers zu ermöglichen.

An der Küste kann man in diesem Bereich Lahnungen zur Neulandgewinnung erkennen. Schon seit Jahrhunderten versucht der Mensch den Anlandungsprozeß zu beschleunigen. Man versucht, den kurzen Stillwasserstand auszudehnen und zu intensivieren, damit sich Sedimente absetzen können. Haben sich feine Sedimente erst einmal abgesetzt, ist ihre Kohäsion so groß, daß sie nicht so schnell wieder abtransportiert werden können.

Zur Abb.: Das Frachtvermögen des fließenden Wassers in Abhängigkeit von der Korngröße und Strömungsgeschwindigkeit. Die Teilchen im Felde "Ablagerung" sind stets in Ruhe, die im Felde "Abtragung" stets in Bewegung. Im Felde "Verfrachtung" bleiben ruhende Teilchen in Ruhe, bewegte in Bewegung. Um ein ruhendes Korn in Bewegung zu bringen, ist also eine höhere Geschwindigkeit notwendig, als diejenige, bei der es sich abgesetzt hatte. Infolge der Kohäsion steigt dieser Unterschied gegen feinere Korngrößen (nach HJULSTRÖM)

Zu diesem Zweck werden Zäune aus Pfählen und Buschwerk, sogenannte Lahnungen angelegt. Ein Teil des mitgeführten Materials lagert sich ab und wird nicht wieder ins Meer zurückgeführt. Etwa alle 5 Jahre werden innerhalb der Lahnungen 1m breite und 20 cm tiefe Gräben, sogenannte Grüppel, ausgehoben. Der Aushub wird zwischen den Grüppeln angehäuft bis das Watt auf Vorlandhöhe angewachsen ist.

Obwohl die Hauptwindrichtung in dieser Gegend eigentlich West bis Südwest ist, hatten wir fast immer Gegenwind. Dennoch ging die Weiterfahrt zügig voran und wurde nur noch kurz vor unserem Zielort Niebüll durch einen großen Knall, verursacht durch einen geplatzten Reifen, unterbrochen. Da es bis zur Jugendherbege nur noch 400 Meter waren, wurde das besagte Fahrrad geschoben. Durch den guten Service in der Jugendherberge konnte noch am Sonntagabend ein neuer Schlauch und ein neuer Mantel besorgt werden, so daß der Schaden umgehend behoben wurde.


Literaturverzeichnis

Bähr, J. / Kortum, G. (Hrsg.): Schleswig-Holstein, Sammlung geographischer Führer, Bd. 15, Berlin, Stuttgart 1987.

Bundesgesetzblatt: Gesetz über die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien in das öffentliche Netz (Stromeinspeisungsgesetz), Teil 1 vom 14.12.1995, Bonn 1990, S. 2633-2634.

Hess, W. / Knapp, W.: Flügel im Wind, in: Bild derWissenschaft extra, S. 41-49, Stuttgart1986.

Molly, J.-P.: Windenergie Theorie Anwendung Messung, 2. Aufl., Karlsruhe 1990.

Schlenger, H. / Paffen, K. / Stewig, R.: Schleswig-Holstein - Ein geographisch-landeskundlicher Exkursionsführer, Kiel 1969.

Der Spiegel: Parade der Tüddelmasten, Heft 41, 09.10.1995, Hamburg, S. 194-200.



erstellt von Mathias Lintl, Lüneburg 1996, 11108@stud.uni-lueneburg.de
aufgenommen in das FORUM ERDKUNDE 1999