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Hintergrund / SH-Exkursion der Uni-Lüneburg



Michael Danner, Nathalie Gudorf, Olaf Steiner, Jens-Uwe Steudte, Christoph Strünke, Guido Teenck

Tagesprotokolle vom 30.08 und 02.10.1995

Entsorgung als Wirtschaftsförderung, Frühgeschichte und Siedlungsentwicklung


1. Entstehung und Entwicklung der Kreismülldeponie Ahrenshöft

Ende der 60er Jahre sahen sich die Kommunen durch das stark gestiegene Müllaufkommen zusehends Schwierigkeiten ausgesetzt, eine ”geordnete” Müllentsorgung, d.h. mit so geringen Umweltbelastungen wie möglich, zu gewährleisten. Gründe waren der steigende Flächenverbrauch für die Deponien, nicht ausreichende Deponieabdichtung, Schwelbrände und Explosionen aus Methan-Luft-Gemischen. Im Kreis Nordfriesland erfolgte aus diesem Grund 1971 die Errichtung der ersten kreiseigenen Zentraldeponie in Ahrenshöft, die fortan das Müllaufkommen des Kreises entsorgen sollte. Die kommunalen Müllhalden wurden im Lauf der 70er Jahre geschlossen.

Ahrenshöft liegt ca. 10 km nördlich von Husum und ist mit seiner zentralen Lage im Kreisgebiet (ungefähr gleichweit von Niebüll wie von Tönning entfernt) als Standort für eine zentrale Deponie gut geeignet. Betreiberin der Deponie ist seit 1971 die ”Müllentsorgung West GmbH & Co. KG” (MEW), die 1994 von dem Internationalen Konzern Waste Management Deutschland (WMD) aufgekauft wurde. Die Zahl der Beschäftigten von MEW ist seit 1982 von 39 auf heute 105 Mitarbeiter ( plus SchülerInnen als Gelegenheitsjobber) gestiegen. Die meisten arbeiten in der Sortieranlage, dazu kommen noch Beschäftigte in der Hausmüllabfuhr (15), Deponietechnik/Umschlag (30) und Verwaltung (15).

2. Betriebsgliederung

2.1. Deponierung

Die Deponie gehört seit 01.10.1995 der Abfallwirtschaftsgesellschaft Nordfriesland, deren Gesellschafter zu 100% der Kreis Nordfriesland ist. Die Deponiebewirtschaftung erfolgt als Auftragsnehmerin des Kreises, nach öffentlich-rechtlichen Bestimmungen. Deponiert wird ausschließlich Hausmüll der ca. 150.000 Kreisbewohner (entspricht 52.000 Haushalten). Ob ein Müllimport aus anderen Kreiesen Schleswig-Holsteins über Zwangszuweisungen (wie in Flensburg) eingeführt wird, ist noch unsicher. Die Deponie umfaßt heute 16 ha, der höchste Punkt des Müllberges liegt zur Zeit 25 m ü. NN. Es wird noch mit Platz für 8-10 Jahren gerechnet. Das Planfeststellungsverfahren für eine Erweiterung auf 22 ha läuft bereits.

Da in unmittelbarer Umgebung einer Deponie nicht unbeträchtliche Belastungen für Mensch und Umwelt auftreten können (Gestank, Grundwasserbelastung, umherfliegender Abfall), sehen sich Deponien fast überall Akzeptanzproblemen in der Bevölkerung ausgesetzt. Die MEW ist bestrebt, schädliche Auswirkungen für die Umgebung auf ein Minimum zu beschränken. So erfolgt die Deponierung nach dem neuesten Stand der Technik. Dem durch Tiere verursachten Eintrag von Müll in die Umgebung, versucht man mittels Störung bzw. Abschuß (Möwen) beizukommen, zudem wird täglich der neu angefahrene Müll verdichtet und mit einer dünnen Sandschicht bedeckt. Schüler sammeln Müll in umliegenden Feldern auf.

Ein Schwachpunkt ist allerdings die Abdichtung der Deponie. Bisher dient dazu lediglich eine natürliche Ton-Mergel-Schicht in 40-60 m Tiefe. Mit der Erweiterung ist die Anpassung der Deponie an die Bestimmungen der TA (Technische Anleitung) Siedlungsabfall geplant. So soll eine Randabdichtung eingebaut werden sowie eine nachträgliche Verbesserung der Basisabdichtung, evtl. mit Sickerwassererfassung und Kläranlage. Eine schnelle Umsetzung ist aber nicht in Sicht, da die Kosten einer umfassenden Sanierung (ca. 50 Mio. DM) noch ein großes Hindernis darstellen. Des weiteren ist es noch nicht gelungen, den organischen Müll (ca. 30-40% des Gesamtmülls), der zu einer starken Belastung mit Faulgasen führt, von der Deponie zu entfernen. Zur Zeit wird der Einsatz einer mobilen Kompostieranlage getestet. Darüberhinaus wird die ländliche Bevölkerung verstärkt über Möglichkeiten der Gartenkompostierung informiert.

2.2. Deponiegasnutzung

Schon seit 1979 verfügt die Deponie über eine Oberflächenentgasung, über die durch eine Drainage in 5 m Tiefe das im Müllberg aus den organischen Abfällen entstehende, Faulgas abgeführt wird. Mit dem methanhaltigen Gas wird gegenwärtig mittels Gasturbinen ein Blockheizkraftwerk (BHKW) betrieben, das Strom und Wärme produziert. Der Strom wird nur zu 5% selbst genutzt. Der Überschuß wird in das öffentliche Netz der Schleswag eingespeist (dank Stromeinspeisegesetz vom 01.01.1991 gewinnbringend) und versorgt rechnerisch 5.000 Haushalte. Die Abwärme der Motoren wird zur Beheizung der Betriebsgebäude sowie einer Gärtnerei mit ca. 8.800 m2 Fläche an Gewächshäusern eingesetzt. Die Entgasung der Deponie ist außerdem wichtig, um die Rekultivierung von stillgelegten Flächen zu sichern, da Methanemissionen auf Pflanzenwurzeln giftig wirken. Würde die Deponie heute geschlossen werden, so würde das Methangas noch 12 Jahre Energie liefern.

2.3. Hausmüllabfuhr

Um mit den Deponieflächen möglichst sparsam umzugehen, ist eine umfassende Vermeidungs- und Verwertungsstrategie unumgänglich. Bis in die 80er Jahre dominierte in Nordfriesland das ”Bringsystem”, wo mittels Container Glas und Papier gesammelt wurden. Es war hinsichtlich der räumlichen Dichte der Container und der zu sammelnden Müllsorten unzureichend, weshalb über dieses System nur 30 - 50% der Gesamtwertstoffmengen erfaßt wurden. 1985 entschloß sich der Kreistag zur Einführung der ”Grünen Wirtschaftstonne” als ”Holsystem”, was für die Haushalte wesentlich bequemer ist. In ihr wurden Glas, Metall, Pappe, Papier und Kunststoff gesammelt. Die MEW war mit diesem System bundesweit Vorreiter. Trotz anfänglicher Bedenken hat sie sich bewährt, 95% der Wertstoffe sind in verwertungsfähigem Zustand. Lediglich in Tourismuszentren ist die Fehlbeschickung der Tonnen hoch, dort muß die Aufklärungsarbeit noch verbessert werden.

Seit 1995 wird in dieser ”Grünen Tonne” lediglich Pappe und Papier gesammelt. Glas wird wieder über Container (Bring-System) der Verwertung zugeführt, was von einem Mitarbeiter als Rückschritt bezeichnet wurde. Des weiteren gibt es die ”Gelbe Tonne” (Kunststoffe, Metalle, Verbundstoffe) und die ”Graue Tonne” (Restmüll). Letztere wird alle zwei Wochen geleert. Die Grüne und die Gelbe Tonne alle vier Wochen. Neben dem Hausmüll besteht auch für Sperrmüll (2x jährlich) und Kühlschränke ein Abholservice.

Die Hausmüllabfuhr wird privatwirtschaftlich organisiert. Der Kreis ist in verschiedene Abfuhrbezirke aufgeteilt, die für Abfuhrunternehmen EU-weit ausgeschrieben werden. So muß sich auch die MEW dem Wettbewerb mit anderen Unternehmen stellen. Neben der Wiederverwertung möglichst vieler Abfälle ist die MEW bestrebt, durch Abfallvermeidung das Müllaufkommen zu senken. Eine intensive Öffentlichkeitsarbeit soll die Bevölkerung entsprechend sensibilisieren. Die Zahl der im Kreis tätigen Abfallberater wird demnächst von zwei auf fünf erhöht.

2.4. Wertstoffsortierung

Nach dem Antransport der ”Wertstoffe” werden sie in der Sortierhalle weiter getrennt. Dies geschieht über Magnete (Weißblech) oder per Hand (Weich- und Hartplastik). Die Beschickung der ”Gelben Tonne” bereitet Probleme, da viele Kunststoffbehältnisse verschmutzt bzw. mit Keimen versetzt sind, weshalb die dort beschäftigten MitarbeiterInnen einen hohen Krankenstand aufweisen (diese Problematik wird auch in der Studie des Umweltbundesamtes ”Keimbelastung der DSD-Abfälle” beschrieben). Die Arbeit erfolgt im 3-Schicht-Betrieb mit jeweils 15 MitarbeiterInnen.

Die MEW ist in Sachen Sammlung und Sortierung Auftragnehmer des Dualen System Deutschlands (DSD), die stoffliche Verwertung obliegt anderen Vertragsnehmern. Vor Einführung des DSD wurden die ”Wertstoffe” direkt an verarbeitende Firmen verkauft, Kunststoffe z.B. an eine Flensburger Firma zur Herstellung von Zaunpfählen, Papier an den Altpapiergroßhandel nach Hamburg. Die Preise für die Wertstoffe unterliegen starken Schwankungen und decken die aufgekommenen Kosten der Erfassung in der Regel nicht.


März 1988      Mai 1990       Juli 1995      Oktober 1995   
80 DM          110 DM         220 DM         150 DM         


Papierpreise pro Tonne:

Ob die Verwertungsfirmen z.B. Kunststoffe der Verbrennung (geschönt ”thermische Verwertung”) zuführen ist der Deponienbetreiberin nicht bekannt.

2.5. Sondermüllzwischenlager

Sondermüll (z.B. Batterien, Lacke, Farben, Medikamente) von Privathaushalten wird in Ahrenshöft kostenlos abgenommen. Daneben besteht die Möglichkeit, die Problemstoffe auch über ein sog. Sondermüllmobil, das in regelmäßigem Rhytmus durch das Kreisgebiet fährt, abzugeben. Die Stoffe werden nach Abgabe bzw. Anlieferung klassifiziert, sortiert und verpackt. Anschließend kommen sie zur Weiterbehandlung (z.B. Weiterverwertung, Verbrennung) oder Endlagerung. Ein Problem bleibt die lückenhafte Erfassung von Sonderabfällen. Nach wie vor landen ca. 60% im normalen Hausmüll, was dort zu entsprechenden Belastungen führt.

2.6. Sortierschleife

Seit 01.03.1995 besteht eine sog. Sortierschleife, in der Privatpersonen die verschiedensten Wertstoffe abgeben können, die dann einem Recycling zugeführt werden. So bestehen Annahmestellen für Glas, Weißblech, Kunststoffe, Styropor, Sperrmüll, Holz, Scheibenglas, Kühlschränke, Fernseher und Metallschrott. Die Schleife soll dazu beitragen, den Anteil an wiederverwertbaren Stoffen im Müllaufkommen zu erhöhen,und so die Deponien zu entlasten. Zugleich senkt es die Entsorgungskosten der Privathaushalte, die ihren Müll selber trennen und sortieren.

3. Bedeutung der Deponie aus regionalpolitischer und wirtschaftsgeographischer Sicht

Neben den begrüßenswerten innovativen Ansätzen dieser Deponie aus Sicht des Umweltschutzes, spielt dieser abfallwirtschaftliche Betrieb eine nicht unwesentliche Rolle für die regionale Wirtschaftsstruktur. Im ländlichen strukturschwachen Nordfriesland spielen auch mittelständische Betriebe eine Rolle, um das Angebot an nichtlandwirtschaftlichen Arbeitsplätzen zu erhöhen. Dabei reicht das Spektrum der Beschäftigten von Arbeitern in der Sortieranlage, die laut MEW-Mitarbeiter in der normalen Arbeitswelt keinen Arbeitsplatz mehr bekommen würden (Alkohol- und Suchtmittelkranke), über ”Ver- und Entsorger” bis zum hochqualifizierten Umwelttechniker. Die Zahl der Arbeitsplätze wurde dank der Innovationskraft des Unternehmens erheblich gesteigert (Verdreifachung innerhalb von 10 Jahren). Der Jahresumsatz der MEW beträgt derzeit 25 Millionen DM, wobei sich die Einnahmeanteile wie folgt verteilen:

Die Expansion des Unternehmens ist um so mehr hervorzuheben, da es als Beispiel für die Entwicklung endogener Wirtschaftspotentiale gilt, d.h. die Entwicklungspotentiale vor Ort werden für eine ”Ankurbelung” der regionalen Wirtschaft genutzt, ohne auf staatliche Subventionen oder eine ”von außen” importierte, investierende Industrie angewiesen zu sein. Weitere Beispiele dafür wären z.B.der sanfte Tourismus oder Vermarktungsstrategien für landwirtschaftliche Produkte aus ökologischem Anbau. Kritik an diesem Konzept gibt es in zweierlei Hinsicht. Zum einen ziehen sich die oberen staatlichen Ebenen aus der Verantwortung und es findet kein Raumausgleich statt. Zum anderen sind die endogenen Potentiale eines Raumes begrenzt.

Die Theorie von HÄGERSTRAND, nach der soziale und wirtschaftliche Neuerungen in den sog. Innovationszentren (Innovations- und Diffusionstheorie) entstehen und von da in die Peripherie diffundieren, wird in Nordfriesland mit der Müllentsorgung auf den Kopf gestellt, da die Innovation im ländlichen Raum entstand.

"Heimfahrt” von der Mülldeponie nach Niebüll (nur Gruppe 1)

Nach soviel Mülltourismus ist es doch sehr angenehm, wieder mit dem Rad durch die Landschaft zu fahren. Zwei Stationen stehen noch auf unserer Tagesordnung, die uns zurück in die Vergangenheit führen.

Zunächst besichtigen wir, nachdem wir vergeblich versucht haben eine Mittagsrast in einem der kleinen Dörfer einzulegen, einen alten Ofen zur Eisenerzgewinnung. Dieses zunächst unscheinbare Gebilde, ca. 1 m hoch und ca. 50 cm Durchmesser, gibt nach gründlichem Studium der Übersichtstafeln Aufschluß über die damalige Gewinnung von Eisen aus Raseneisenerz.

Erlebnispädagogisch-taktisch-klug läßt uns Herr Pez ohne Vorwarnung einen Weg fahren, der so manchen zum Fluchen bringt. Nach einigen Hundert Metern auf diesem relativ engen, sandigen Weg erfahren wir das Geheimnis des Weges. Dieser ist Rest des "Heerweges" (oder auch "Ochsenweg" genannt), der noch bis ins 19. Jahrhundert zu den wichtigsten "Verkehrsadern" zwischen Nord-und Ostsee gehörte. Auf ihm wurden einst Rinderherden getrieben und rollten Ochsenkarren. Auf den letzten Kilometern beweist unser Dozent dann seine gute Kondition, indem er in klassischem Stil einem großen Rest der Gruppe davonfährt. Nach über 80 Kilometern kehren wir zur Jugendherberge zurück, wo uns mal keine Spaghetti-Bolognese erwartet.


Literaturverzeichnis

Pez, P.: Abfallverwertung im ländlichen Raum - das Beispiel Nordfriesland, Die Heimat 99 (8), 1992, S. 184-191.

Informationsmaterialien der Müllentsorgung West (MEW), Ahrenshöft.



erstellt von Mathias Lintl, Lüneburg 1996, 11108@stud.uni-lueneburg.de
aufgenommen in das FORUM ERDKUNDE 1999