Birte Weiß, Georg Ohnheiser, Bernd Redecker
Der Exkursionstag begann mit einer Busfahrt von Kiel zum Gut Wahlstorf. Der inhaltliche Schwerpunkt dieser ersten Tagesetappe bestand in der historischen Entwicklung der gegenwärtigen Struktur der ostholsteinischen Gutslandschaft am Beispiel des Gutes Wahlstorf. Vom Bus aus konnten wir auf der Strecke zum Gut, die durch das ehemalige Pachtdorf Wielen führte, die Landschaft und ihre Nutzungsstruktur beobachten:
Kleine Felder, die durch heckenbestandene Wälle eingegrenzt sind und zum Futteranbau sowie zur Beweidung genutzt werden, wechseln mit großen Ackerschlägen. Die Entwicklung dieser Nutzungsstruktur führt zurück ins 8. Jahrhundert mit der slawischen Besiedlung des Raumes. Mit hölzernen Hakenpflügen bewirtschafteten die slawischen Siedler leichte, sandige Böden. Mit der deutschen Ostkolonisation kamen germanische Stämme in das Gebiet, die, mit Eisenpflügen ausgestattet, schwere, fruchtbare Böden bewirtschaften konnten. So kam es zunächst weniger zu einer kriegerischen Besetzung als zur parallelen Bewirtschaftung, die sich jedoch in eine Überprägung durch die überlegenen Germanen wandelte. Eine Lehnsmannschaft von Rittern wurde zur Sicherung und Verwaltung des Gebietes geschaffen, die ihre Machtstellung politisch ausbaute (Verwaltung, Hofämter, Gerichtshoheit). Für ihre Dienste erhielten die Lokatoren Land (Lehen), das doppelt so groß war wie das bäuerliche und mit der Zeit beständig vergrößert werden konnte. Das Recht der Ritter, Hand- und Spanndienste zu verlangen, führte zur Verschuldung der Bauernfamilien, die ihr eigenes Land nicht mehr angemessen bewirtschaften konnten. Sie wurden zu Leibeigenen des Adels.
Mit der Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahre 1805 und der Agrarreform kam es zu maßgeblichen Umstrukturierungen: Die Zeitpachtstellen (von reformerischen Gutsherren zur Effektivierung der Arbeitskraft schon vor 1805 eingeführt) wurde von der Erbpacht und später von der Umwandlung in Eigentum abgelöst. Die Agrarreform ermöglichte die Auflösung der Dreifelderwirtschaft und die Parzellierung. Die Gründe für die anfangs erwähnte Dichotomisierung der Landwirtschaft (Ackerbaubetrieb auf großen Flächen, Vieh-/ Weidewirtschaft auf kleinen Parzellen) kam nach dem 2. Weltkrieg zum Tragen. Während für die Gutsbetriebe im Zuge der Abwanderung von Arbeitskräften in die gewerbliche Wirtschaft die Arbeitskraft zum limitierenden Faktor wurde und sie deswegen von der Mischwirtschaft auf den modernisierten und arbeitsextensiven Ackerbaubetrieb (Getreideproduktion) umstellten, mangelte es den familienbäuerlichen Kleinbetrieben auf den ehemaligen Pachtstellen nicht an Arbeitskräften, sondern an Boden. Folglich richteten sie sich auf arbeitsintensive Betriebszweige, vor allem die Milchwirtschaft aus.
Das Gut Wahlstorf zeigt einen ähnlichen Aufbau wie die zahlreichen weiteren Gutshöfe im Landschaftsraum. Das große Herrenhaus am Ende der Zufahrt wird zu beiden Seiten durch vorgelagerte Betriebsgebäude eingerahmt. Die Gutsanlage stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert und das Herrenhaus gilt somit als das älteste in Schleswig-Holstein. Die Scheunengebäude wurden bis ins 19. Jahrhundert hinein laufend erweitert. Obwohl heute nicht mehr genutzt, wird die gesamte Hofanlage durch Restauration und Pflege als historisches Beispiel einer adeligen Gutsanlage erhalten.
In diesem Zusammenhang wurde abschließend das touristische Nutzungspotential der Anlage thematisiert: Bei Besichtigungen kann die Geschichte des Gutshofes eingebettet werden in die historischen und gesellschaftlichen Gesamtzusammenhänge.
Das zweite Etappenziel des Tages war Heiligenhafen. Auf dem Weg dorthin passierten wir den Plöner See. Wie andere Seen in diesem Teil Schleswig-Holsteins, entstand er in einer durch die Gletscher der Weichselkaltzeit ausgeschürften Senke. In den Senken konnten sich die Eisloben länger halten, so daß erst später Sedimentationsprozesse einsetzten. Dadurch kommt es auch erst später zur Verlandung. Das erklärt das Vorkommen vieler großer Seen in dieser Region. In Heiligenhafen angekommen, beschäftigten wir uns anhand eines Referates mit den Problemen der Freizeitzentren an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste (vgl. Kap. XXIV). Anschließend ging es mit dem Rad in Richtung Nordwest an die Küste. In diesem Küstenabschnitt befindet sich ein 12 bis 15 Meter hohes Kliff. Im Profil des Kliffs lassen sich graue und weiße Horizonte erkennen. Das weißliche Material deutet auf den hohen Kalkgehalt des Jungmoränengeschiebes hin. Bei den grauen Horizonten handelt es sich um tonige Schichten. Oberhalb dieser Schichten befinden sich oft Quellen, die, zusätzlich zur Meeresabrasion, das Kliff von der Landseite erodieren. In besonderen Fällen, die hier zum Teil auch vorlagen, kann es bei einem schiefen Anstehen der Schichtungen zum Abrutschen ganzer Kliffpartien kommen. Der durchfeuchtete Ton dient dann gewissermaßen als Rutschbahn. Auch der Regen kann durch die Bildung von Abflußrinnen zu einer landseitigen Abtragung des Kliffs beitragen. Im Fußbereich des Heiligenhafener Kliffs befinden sich freigespülte Gesteinsbrocken aus der weichselkaltzeitlichen Moräne.
An den Steilküstenabschnitt schließt sich nach Osten hin ein Nehrungshaken an. Somit kann hier ein Musterbeispiel für die in diesem Bereich der Ostsee typische Ausgleichsküste studiert werden. Im Steilküstenbereich wird erodiert, im Bereich der Nehrungen akkumuliert. Hinter allem steht die Tendenz, eine gerade Küstenlinie ohne Vorsprünge (Kliffs) und Buchten (Haken) entstehen zu lassen. Der Heiligenhafener Nehrungshaken zerfällt in zwei Abschnitte: den Steinwarder und den Graswarder. Der Steinwadrer ist selbstverständlich kein Bereich, in dem Steine angeschwemmt wurden. Vielmehr hat man diesen Teil des Nehrungshakens zum Schutz gegen die Brandung mit Steinaufschüttungen versehen. Hinter dem Steinwader hat sich ein Strandsee gebildet, der durch die Verlandung einer Hartholzaue von der offenen See abgeschnitten wurde.
Der Graswarder wurde, wie schon der Name vermuten läßt, durch Anpflanzungen, also weichen Küstenschutz befestigt. Der angepflanzte Strandhafer fördert die Dünenbildung, indem er mit seinem Etagenwurzelwerk den lockeren Sand festhält. Im Stillwasserbereich hinter dem Graswader finden Sedimentationsprozesse statt, die zu einer sonst eher von der Nordsee bekannten Marschenbildung führen. Nach der Entstehung der Dünen wurde der Graswarder besiedelt und die Marschen bis vor kurzem beweidet.
Den Abschluß unseres Besuches auf dem Heiligenhafener Nehrungshaken bildete ein vermeintlicher Zufallstreffer - eine (ursprünglich nicht eingeplante) Führung durch einen Herrn vom Naturschutzbund. Dessen Vortrag ließ leider jeglichen roten Faden oder gar ein didaktisches Konzept vermissen und schien auch fachlich nicht gerade fundiert zu sein. Deshalb fällt eine Protokollierung schwer. Zusammenfassen läßt sich sein Beitrag vielleicht in einem Zitat: "Wasser da - Queller da! Wasser weg - Queller weg!"
Fluchtartig verließen wir Heiligenhafen und machten an diesem Tag auch keinen weiteren thematischen Halt bis zu unserer Ankunft in Lübeck.