Große Exkursionen sind etwas besonderes im Studienablauf, denn sie bieten die Gelegenheit, das zuvor in etlichen Semestern erworbene, theoretische Wissen bezogen auf einen konkreten Raum vor Ort anzuwenden. Große Exkursionen sind deshalb eine Art Höhepunkt des Studiums und in ihrem Lernwert Projektseminaren oder der Magisterarbeit mindestens gleichzustellen.
Außer dem genannten Aspekt, der für alle derartigen Veranstaltungen zutrifft, spielte aber bei der diesjährigen Planung zweier Exkursionen in das benachbarte Bundesland eine weitere Konzeption eine große Rolle, die in enger Verbindung mit der Art der Fortbewegung stand. Beide Male wurde großer Wert auf den möglichst häufigen Einsatz "nichtmotorisierter Fortbewegung" gelegt. Dies gelang in der ersten Exkursion durch die - nicht ganz unkomplizierte - Koppelung von Bahn und Fahrrad, im zweiten Fall durch die Anmietung eines Busses mit Fahrradanhänger.
Gerade die Fortbewegung zu Fuß oder mit dem Fahrrad und die damit verbundene relativ langsame, mitunter kraftfordernde Durchquerung von Räumen ermöglicht ein weitaus intensiveres Landschaftserleben als dies bei herkömmlichen Bustouren möglich ist. Zahlreiche Merkmale eines Raumes lassen sich nur bzw. dauerhaft erfassen, wenn man sich eine gewisse Zeit lang den äußeren Eindrücken und Einflüssen aussetzt. Das gilt z. B. für geringfügige Reliefunterschiede, wie zwischen hoher und tiefer Marsch, und daraus folgenden gravierenden, agraren Nutzungsunterschieden. Das gilt beispielsweise ebenso für den ständigen Windeinfluß in Schleswig-Holstein. So kann man die Notwendigkeit zur Anpflanzung von Windschutzhecken im Pinneberger Baumschulengebiet zwar kognitiv lesen und lernen, aber erspüren und damit verinnerlichen ist das Gelesene oder Gehörte nur, wenn man den Wind für eine gewisse Dauer genossen oder - beim Fahrradfahren mit Gegenwind - ertragen hat. Auch eine Stadtlandschaft läßt sich in ihrer Ganzheit mit struktuellen und planerischen Aspekten ebenfalls nur verstehen, wenn man sie eine längere Zeit durchquert hat und dabei seine Betrachtungen nicht auf die Altstadt beschränkte.
Mit letzterem ist ein weiterer Aspekt der Exkursionsplanung angesprochen: die selbständige Erarbeitung und Präsentation von Kenntnissen. Schon lange weiß man in der Pädagogik, daß von "nur" Gehörtem oder/Gesehenem verhältnismäßig viel schnell vergessen wird. Hohe Erinnerungseffekte erzielt man hingegen, wenn die Lernenden selbst tätig sind und dabei möglichst viel an aktiven Handlungen vollziehen müssen. Diese abstrakte Regel fand in den Exkursionen ihre Konkretisierung in verschiedenen Gruppenaufgaben, vor allem in der raumplanerischen Analyse Niebülls und den stadtgeographischen Betrachtungen in Kiel. Vor allem in Kiel wurde dabei deutlich, daß bislang tradierte touristische Präsentationsformen nur einen Bruchteil dessen vermitteln, was Städte zu bieten haben - ein Ergebnis, daß man in noch schärferer Formulierung auch auf die durchfahrenen Naturlandschaften übertragen kann.
Insgesamt waren es zwei Exkursionen, in denen es nicht nur darum ging, Wissen zu vermitteln. Vielmehr spielten immer wieder didaktische Aspekte eine Rolle, und zwar mit einer gewissen Anlehnung an die Erlebnispädagogik Kurt Hahns. Diese didaktischen Aspekte blieben nicht nur Mittel zum Zweck, sondern waren auch Erkenntnisziel selbst. Schließlich müssen nicht nur Lehramtsstudierende erkennen, welche Vermittlungsmethoden es gibt und wo ihre Vorzüge und Nachteile liegen. Für die angehenden Kulturwissenschaftler ist die gute "Vermarktung von Kultur" (Originalton Dekan FB III; "... und von Natur" fügt der Verfasser hinzu) ein nicht minder wichtiger Aspekt ihrer Ausbildung. Und wer sich damit nur ein wenig befaßt, wird schnell merken, daß in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit noch ein großer Erneuerungsbedarf besteht.
Dr. Peter Pez Lüneburg, Januar 1996