Hintergrund FORUM ERDKUNDE

Hintergrund / SH-Exkursion der Uni-Lüneburg



Sandra Döbbe, Sandra Dragendorf, Anke Gerber, Christoph Kaukel, Ulrike Lahrmann,

Christoph Löchle, Michaela Wangelin, Gunda Wiegmann,

Tagesprotokolle vom 02.09 und 04.10.1995

Die Stadt Kiel - Stadtentwicklung von Kiel


Kiel wurde in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gegründet und erhielt 1242 Stadtrechte. Die topographische Lage der Altstadt - eine Halbinsellage durch die Förde und den kleinen Kiel begrenzt, somit nur von Norden her zugänglich - erfüllte eine gute Schutzfunktion. Trotzdem hatte Kiel Probleme, sich im Städtesystem zu behaupten. Die einzige Funktion der Stadt war der regionale Handel, sonst sind sämtliche Handelsströme über Lübeck an Kiel vorbeigeflossen. Dementsprechend war auch die Einwohnerzahl relativ gering: 6.000 Einwohner zum Ende des 18. Jahrhunderts. Die Lage Kiels änderte sich erst mit der Eingliederung in den dänischen Staatsverband 1753 - 1863. Der Eider-Kanal wurde gebaut, 1844 fuhr die erste Bahn von Kiel nach Hamburg-Altona, 1856 das erste Dampfschiff von Kiel nach Dänemark und der Bau von Kunststraßen begann. Als Folge dieser Eingliederung hatte Kiel 1860 schon 17.500 Einwohner. Der eigentliche Boom begann aber erst mit der Übernahme Kiels durch die preußische Verwaltung 1865. 1867 wurde Kiel zunächst preußischer Kriegshafen, der von Danzig nach Kiel verlagert wurde, 1871 mit Gründung des Reiches Reichskriegshafen. Die Werften gewannen durch diese Häfen immer mehr an Bedeutung, woraufhin der städtische Expansionsprozeß einsetzte:

1900 hatte die Stadt 107.000 Einwohner, 1910 schon 211.000 und 1918 243.000, von denen 10% auf den Werften beschäftigt waren.

Während des 2. Weltkrieges gab es dann eine starke Fluktuation, zunächst durch Zuzüge. 1942 hatte die Stadt 306.000 Einwohner. Durch die starke Zerstörung der Stadt kam es dann zu Wegzügen und die Einwohnerzahl sank auf 143.000 ab.

Heute hat Kiel ca. 240.000 Einwohner. Die Werft ist zwar noch ein wichtiger Arbeitgeber, die größte Anzahl der Arbeitsplätze sind aber im Bereich des tertiären Sektors zu finden. Kiel ist heute Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein.

Stadtteilerkundung

Voraussetzung für eine stadtgeographischen "Vor-Ort-Analyse" sind theoretische Vorkenntnisse zur Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte von städtischen Siedlungen und von Stadtmodellen (z.B. von HOYT oder BURGESS). Die Stadtteiluntersuchung sollte neben der Feststellung der geographischen Lage, die sich sowohl auf das wirtschaftliche (funktionale) als auch soziale Leben auswirkt, die Betrachtung und Einordnung von Straßenverläufen und Verkehrswegen sowie der Bausubstanz beinhalten.

Kiel-Gaarden

Gegliedert wurde die Führung in vier Teile: Die Geschichte des Stadtteils, die Werft, die Wohnraumentwicklung und insbesondere das Sanierungsgebiet Vinetaplatz und Elisabethstraße.

Die Geschichte des Stadtteils

Gaarden entstand aus den beiden mittelalterlichen Bauerndörfern Hemminghestorpe und Wulvesbrooke und liegt am südöstlichen Teil der Kieler Förde. Die Dörfer wurden durch die Mühlenau abgegrenzt, die heute hauptsächlich unterirdisch verläuft. Hemminghestorpe im Osten wurde "klösterlich Gaarden” genannt, da es zum Gebiet des Klosters Preetz gehörte. Die in der Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzende Industrialisierung verdrängte die bäuerlichen Traditionen und zerstörte den dörflichen Charakter. Eine weitere Trennung des Ortes erfolgte 1844 durch den Eisenbahnbau, der Gaarden in einen östlichen und einen südlichen Teil aufteilte. Die Bevölkerung wuchs kontinuierlich an, da die Werft für eine gute Arbeitsplatzsituation in Gaarden sorgte. Somit konnte Gaarden im Jahr 1871 2.715 Einwohner, im Jahr 1910 dagegen bereits 30.427 Einwohner verzeichnen. Der Erkundungsschwerpunkt lag auf Gaarden Ost, welches 1901 durch den Städtebauer Stübben erneut überplant wurde.

Die Werft

Die Werft hatte schon immer einen großen Einfluß auf Gaarden, da viele Arbeitnehmer sich hier ansiedelten. Der Schiffbau begann in Kiel 1864, ursprünglich waren aber auf dem Gebiet der heutigen HDW verschiedene Werften zu finden. Mitte dieses Jahrhunderts begannen aber die Krisen im Bereich des Schiffbaus: Anfang der 60er Jahre drängten die Japaner auf den Markt und lösten durch Dumpingpreise die erste Werftkrise aus. Als Folge dieser Krise kam es zum Zusammenschluß der Howald Werke und der Deutschen Werft AG, um so wenigstens einigermaßen konkurrenzfähig zu bleiben.

Anfang der 80er Jahre kam es aber dann zur größten Werftkrise in Deutschland, woraufhin die EG sich entschloß, Subventionen zuzulassen. Die Krise blieb bei der HDW aber trotzdem spürbar. Während Anfang der 80er Jahre noch ca. 12.000 Arbeitnehmer beschäftigt wurden, waren es 1990 noch 5.000, 1995 sogar nur noch 3.751.

Der Konkurs des Unternehmens, das heute eine 100%-ige Tochter der Preussag ist, konnte nur durch Rationalisierungs- und Spezialisierungsmaßnahmen verhindert werden. Den Hauptanteil der Beschäftigten machen deswegen auch heute qualifizierte Fachkräfte mit durchschnittlichem Verdienst von 4.800 DM pro Monat aus. Trotzdem wohnen auch heute noch, vielleicht durch die Sanierungsmaßnahmen, viele Arbeitnehmer der Werft in Gaarden. Was sich außerdem noch über die Jahre erhalten hat, ist die Abhängigkeit vom Militär. 50% der Wertschöpfung des Unternehmens sind heute auf Aufträge vom Militär zurückzuführen, und auch der "Zukunftsrennner" Wasserstoffantrieb ist vom Militär sehr gut nutzbar.

Die Wohnraumentwicklung

Durch das starke Wachstum infolge des Werftausbaus mußte in Gaarden immer mehr Wohnraum geschaffen werden, der Stadtteil wurde also dominiert von der Wohnfunktion. Private Bodenspekulanten schufen einen geometrischen Stadtgrundriß, der vielfach bis heute erhalten ist. Vorherrschend war die Blockrandbebauung: vier- bis fünfgeschoßige Häuser, häufig mit Backsteinfronten und kleineren Wohnungen einfachsten Standards ohne Bad und mit dem WC im Treppenhaus oder auf dem Hof. Die Innenräume der Häuser wurden darüber hinaus häufig gewerblich genutzt. Einzige Ausnahme dieser Art von Mietwohnungen bildete die Kruppsche Arbeiterwohnsiedlung im Bereich Ostring/Preetzer Straße/Greifstraße/Blitzstraße. Seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts wurden im Ruhrgebiet werkseigene Arbeiterwohnungen geschaffen. Die größeren Wohnungen mit höherem Standard sollten zu einer stärkeren Bindung an das Werk und somit einer geringeren Fluktuation führen. In den 60er Jahren diesen Jahrhunderts sollte den Forderungen nach mehr Licht, Luft und Sonne mit der Zeilenbauweise (häufig mit Balkonen) Rechnung getragen werden, eine ansprechende Gestaltung des Wohn- und Innenraumes blieb aber auf der Strecke.

Das Sanierungsgebiet Vinetaplatz und Elisabethstraße

Das Sanierungsgebiet Vinetaplatz und Elisabethstraße ist nach Maßgabe des Städtebauförderungsgesetzes vom 21.07.1971 festgelegt worden. Die Sanierung umfaßt die Umwandlung der Elisabethstraße teilweise in eine verkehrsberuhigte Zone, teilweise in eine reine Fußgängerzone, die Neugestaltung des Vinetaplatzes und die Sanierung bestimmter Häuser bzw. eines ganzen Blockes, deren Bausubstanz völlig unzureichend war. Die Maßnahmen waren aus mehreren Gründen nötig geworden:

Aus diesen Mißständen entwickelte man als Sanierungsoberziele den Ausbau und die Attraktivitätssteigerung des Gaardener Zentrums, was zum einen durch die o.g. Maßnahmen erreicht werden sollte, darüber hinaus durch die Stärkung der Gewerbestruktur, den Ausbau städtischer Einrichtungen im öffentlichen sozialen Dienstleistungsbereich und die Erweiterung des privaten Dienstleistungsgewerbes (z.B. Ärzte).

Soziologische Situation heute

Gaarden gilt als Problemstadtteil Kiels, da es durch einen hohen Ausländeranteil und sozial Schwächere geprägt ist. Eine günstige Wohnsituation, billige Mieten und ein Angebot an Sozialwohnungen bedingten den Zuzug von Ausländern, Studenten und jungen Facharbeitern.

1992 hatte Gaarden 22.016 Einwohner, von denen 23,3% ausländische Mitbürger waren. 80% hiervon waren Türken. In Gaarden überwiegen aufgrund der Baustruktur 1-Personen-Haushalte, 56,7% in diesem Stadtteil sind Singles. Deutlich zeichnet sich auch aufgrund der Wohnraumsituation der Trend zur 1-Kind-Familie ab. In der Alterspyramide ist heute ein Schwerpunkt bei den 25-30jährigen zu verzeichnen. Dagegen dominierten noch in den 60er Jahren Senioren. Dieser Umkehrprozeß kann durch die Sanierung und der damit verbundenen Durchmischung der Wohnstruktur erklärt werden. Gaarden hat in Kiel den höchsten Anteil an türkischen Gastarbeitern. Die Gastarbeiterwanderung Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre sowie der Mauerbau 1961 bedingten eine höhere Bereitschaft, Ausländer in der BRD aufzunehmen. Hierbei zeichnet sich ein starkes Süd-Nord Gefälle ab, bei dem sich die Italiener, Griechen und Spanier eher heimatnah im süddeutschen Raum ansiedelten. Die Türken dagegen siedelten sich - als zeitlich letzten Entwicklungsprozeß - eher im Norden an. Die Konzentration von bestimmten Nationalitäten kann anhand der Diffusions- und Innovationstheorie von T. Hägerstrand erklärt werden.

Bewertung

Die Sanierungsmaßnahmen scheinen im Großen und Ganzen gelungen. Die Architektur ist ästhetisch, Gaarden scheint als City-Entlastungszentrum anerkannt und die Wohnqualität gestiegen zu sein. Gaarden ist ein Stadtteil mit fortgesetzter industrieller Tradition, welcher weitere Entwicklungschancen hat, wenn diese Tradition auf höherem Niveau, vor allem durch den Anschluß an technische Innovationen, fortgeführt wird.

2. Stadtteil: Zentrum

Der zweite Teil der Stadtteiluntersuchung behandelt das Zentrum Kiels: Von Gaarden aus führt der Weg zunächst über Bahnhofs-, Bollhörn-, Schweden- und Sartokai an der Hörn entlang bis zum Oslokai:

Dieser 1961 für den Fährverkehr nach Skandinavien angelegte Kai verfügt über großzügige Abfertigungsanlagen. Das Fahrgastaufkommen war von 55.000 Passagieren im Eröffnungsjahr auf über 1,1 Mio. im Jahr 1981 angewachsen, ist aber nach Verlagerung des Göteborgverkehrs an den 1983 eingerichteten Schwedenkai stark zurückgegangen. Die Abwicklung am Oslokai beschränkt sich nunmehr auf die des Fährverkehrs nach Dänemark und Norwegen. Hervorzuheben sind die für die (Tages-) Touristen kurzen Wege ins Zentrum: Vom Schwedenkai ist die Altstadt direkt über die Holstenbrücke zu erreichen, vom Oslokai ist der Weg durch den Prinzengarten zum Alten Markt ebenfalls sehr kurz.

Dem Oslokai gegenüber liegt auf einer Moränenkuppe die mittelalterliche Altstadt mit einer Größe von 17 ha. Die zwischen 1233 und 1242 gegründete Stadtanlage entspricht dem üblichen Gründungsschema der im Zuge der Ostkolonisation gegründeten Siedlungskerne: Marktplatz, Kirche und Rathaus liegen im Zentrum, von dem aus die Straßen zum Stadtrand ausstrahlen. Auf der höchsten Erhebung am Nordostrand der Altstadt wurde im 13. Jh. eine Burg angelegt, die im 16. Jh. zum Schloß umgewandelt wurde. Das vom Prinzengarten umgebene Schloß - direkt dem Oslokai gegenüberliegend - wurde bis auf den westlichen Flügel, den sog. Rantzaubau (erbaut 1697), im 2. Weltkrieg fast vollständig zerstört. Zwischen 1959 und 1969 ist auf dem Gelände ein Wiederaufbau bzw. Neubau mit kultureller Zweckbestimmung entstanden. Die Wirkung des Ensembles und des Platzes sind umstritten. Vom Schloß aus führt der Weg durch die Fußgängerzone Dänische Straße bis zum Alten Markt, dem Mittelpunkt der Altstadt, an dem auch die 1230 erbaute St. Nikolaikirche steht. Bis 1903 wurde auf dem Alten Markt der Wochenmarkt abgehalten. Zu diesem Zeitpunkt standen dort noch das Rathaus und die Persianischen Häuser, diese Gebäude wurden jedoch im 2. Weltkrieg zerstört. In der zweiten Hälfte des 19. Jh. setzten einschneidende strukturelle Veränderungen im Bereich der Altstadt, insbesondere um den Alten Markt herum, ein. Bedingt durch den Bevölkerungszuwachs und die bauliche Ausbreitung der Stadt auf dem West- und Ostufer der Förde, wandelte sich die zentral gelegene Altstadt zur City Kiels. 1971 wurde der Alte Markt - standortmäßig an die Tradition des mittelalterlichen Einzelhandels anknüpfend - mit Ladengeschäften in Form moderner Pavillons versehen. Der Markt wurde zur reinen Fußgängerzone, die man durch Stufungen, Absenkungen und Bepflanzungen zu beleben suchte. Die für die Neugestaltung gefundene Lösung, die ihn einengt und den freien Blick auf die Front der St. Nikolaikirche beeinträchtigt, ist bei den Kielern umstritten. Die Funktionalität der Altstadt als Hauptstandort des Einzelhandels wurde somit jedoch seit dem Mittelalter bei nahezu gleicher Grundrißgestaltung bewahrt.

Der Weg führt nun der Küterstraße folgend bis zum Kleinen Kiel. Dieses Gewässer ist der Rest eines schmalen Fördearms, der früher die Altstadt von dieser Seite her schützte. Heute sind die beiden erhaltenen Seen von Parkanlagen eingefaßt und verleihen dem Stadtzentrum städtebaulich Weite und Großzügigkeit. An der Südwestseite des Kleinen Kiel befindet sich der Rathausplatz. Das dort befindliche Rathaus wurde von 1907 bis 1911 errichtet, wobei der 106 m hohe Turm zum Wahrzeichen der Stadt geworden ist. Mit diesem Repräsentativbau setzte die Stadt Kiel ein Zeichen für die Entwicklung von der Landstadt zur Industriestadt. Der Rathausplatz wurde zwischen 1971 und 1972 umgestaltet. Dabei wurde der Platz mit Granit gepflastert und auf jegliche Bebauung als auch Bepflanzung verzichtet, um den städtischen Charakter der den Platz begrenzenden Bebauung zu unterstreichen. Hiermit wurde auch dem Denkmalschutz Rechnung getragen, der das bauliche Ensemble nicht durch Sichtbehinderungen (= Bäume) eingeschränkt sehen wollte. Stadtökologisch betrachtet erscheint dieses Gestaltungselement sehr fragwürdig. Zum Kleinen Kiel hin wurde der Platz terrassenförmig angehoben und somit abgesetzt.

Vom Rathausplatz geht es weiter über Fleethörn, Willestraße, Holstenbrücke, Andreas-Gayk-Straße, Holstenstraße und Holstenplatz, wobei es sich bei diesen Straßen vorwiegend um Fußgängerzonen handelt. 1951 eröffnete Kiel mit der Holstenstraße die erste Fußgängerzone Deutschlands. Sie ist mit einer Länge von 1,2 km die wichtigste Geschäftsstraße der Stadt. Bei ihrer Planung wurden die Nutzungsansprüche einer modernen City berücksichtigt: es sind diverse Kaufhäuser und Fachgeschäfte vorhanden, Wohnraum dagegen ist rar. Wir erreichen die Ostseehalle mit dem davor liegenden Europaplatz, unter dem sich eine Tiefgarage befindet. Die Ostseehalle ist eine Mehrzweckhalle, die 1951 unter Verwendung von Teilen einer Sylter Flugzeughalle gebaut und in den 80er Jahren modernisiert wurde. Sie faßt ca. 10.000 Personen.

Über Lange Reihe, Holstentörn, Herzog-Friedrich-Straße und Sophienblatt erreichen wir den Sophienhof und damit das erste Sanierungsgebiet Kiels. Der 1906 im wilhelminischen Stil erbaute Sophienhof wurde im Rahmen umfassender Sanierungsarbeiten 1983 abgerissen und Ende der 80er Jahre neuaufgebaut. Auf die historische Bausubstanz wurde trotz großer Proteste aus der Bevölkerung kaum eingegangen und so entstand eine moderne überdachte Einkaufspassage, die seinerzeit als die größte Deutschlands galt. Der Sophienhof, ursprünglich als Gegenpol bzw. Kundenmagnet zur Altstadt gefürchtet, hat sich inzwischen jedoch als eine Ergänzung hierzu entwickelt. Bemerkenswert sind die Fußgängeranlagen zu den Kais und zum Bahnhof, wodurch eine Kreuzung der Verkehrsströme vermieden wird.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Kiel durch die starken Zerstörungen des 2. Weltkrieges (83% der Bausubstanz wurden zerstört) vor große Bauaufgaben gestellt wurde. Im Zuge des Wiederaufbaus und besonders in den 70er Jahren ging Kiel vergleichsweise innovativ mit dem Thema ”Fußgängerverkehr” um: In der Innenstadt wurde eine weitgehend konsequente Trennung von Fahr- und Fußgängerverkehr durchgeführt. So ist am südlichen Rand der Altstadt unter weitgehender Bewahrung des alten Stadtgrundrisses (Ausnahme: die neu angelegte Andreas-Gayk-Str.) und unter Ausnutzung der topographischen Gegebenheiten (Verbreiterung der Straßen am Rand der Moränenkuppe) eine grundlegende Umgestaltung der Verkehrsführung durch deren räumliche Differenzierung herbeigeführt worden.

3. Stadtteil Südfriedhof

Haltepunkte:

1. Moschee, Königsweg - 2. Parkplatz, Königsweg - 3. Harries-Straße - 4. Jüdischer Friedhof, Michelsenstraße - 5. Lutherstraße - 6. Prüne

Spielanleitung

Vor Beginn der Führung wurde jedem Teilnehmer eine Personenrolle zugeordnet, in die er sich hineinversetzen sollte. Die Gruppen sind Kinder (Bsp. Elke, 8 Jahre), Studenten (Bsp. Iris, 22 Jahre), Senioren (Bsp. Marga, 71 Jahre), Singles (Bsp. Beate, Hebamme, 25 Jahre) und Familien (Bsp. Lehrerehepaar Schmidt (35 und 32 Jahre) mit 2 Kindern (3 und 5 Jahren). Während der Exkursion sollte sich jeder überlegen, wo er im Stadtteil Südfriedhof gerne wohne möchte, bzw. wo es sein Einkommen zulassen würde.

1. Moschee

Der Stadtteil Südfriedhof ist neben Gaarden und Neumühlen-Dietrichsdorf ein typisches Arbeiterwohnviertel mit hohem AusländerInnenanteil. Viele dort wohnende Türken sind selbständig und handeln mit Lebensmitteln, Obst und Gemüse, Spirituosen und Gewürzen, Haushaltswaren, Textilien, Teppichen und Reisen für Landsleute in die Heimat. Als Arbeitgeber sind die Türken jedoch bedeutungslos, da sie meist nur Familienangehörige beschäftigen. Charakteristisch für dieses Viertel ist die enge räumliche Verknüpfung von Wohnung, Gewerbe und Religionsausübung. Die Hinterhöfe werden gewerblich genutzt. Aufgrund der hohen Bebauungs- und Verkehrsdichte und dem Fehlen von Spielplätzen und Grünflächen ist dieses Quartier kein attraktives Wohnumfeld. Im Hinterhof des Königsweges Nr. 23 liegt eine Moschee.

2. Parkplatz

Die Ecke Königsweg/Hopfenstraße ist ein Beispiel für die partielle Sanierung einer Blockrandbebauung. Unter partieller Sanierung versteht man den Teilabbruch und Neuaufbau eines Gebäudekomplexes sowie die Innenhofentkernung. An dieser Stelle wurde versucht, die neue Bausubstanz der alten anzupassen. Dies wurde dadurch erreicht, daß die neue Hausfront durch andersfarbig gemauerte ”Bänder” in die Gründerzeit typischen horizontalen Bereiche gegliedert wurde. Zwischen Von-der-Tann- und Harmsstraße entsteht in einem Hinterhof ein bewirtschafteter Parkplatz mit 100 Stellplätzen. Der Bedarf an Parkplätzen ist in diesem Gebiet besonders hoch, da kaum Parkplätze auf den Hausgrundstücken zur Verfügung stehen. Der Parkdruck im Straßenraum ist entsprechend hoch. Bis vor einem Jahr wurde diese Hinterhofsfläche durch einen Baubetrieb gewerblich genutzt.

3. Harriesstraße

In der Harriesstraße ist die gründerzeitliche Blockrandbebauung noch geschlossen erhalten. Parkprobleme und das Fehlen von Grün- und Spielflächen führen auch hier zu einer Beeinträchtigung des Wohnwertes. Die steil ansteigende Harriesstraße ist auch von geomorphologischer Bedeutung: sie bildet den Rand zur Senke der Kieler Förde.

4. Jüdischer Friedhof

Der jüdische Friedhof wurde 1852 gegründet. Die Lage in einem Wohngebiet ist typisch für einen jüdischen Friedhof. Weitere Merkmale sind die unregelmäßige Anordnung der Gräber und die Gestalt der Grabsteine. Auf dem Friedhof gibt es 230 Gräber und eine Leichenhalle. Vor zwei Wochen hat hier noch ein Begräbnis stattgefunden. Die jüdische Gemeinde Kiels hatte bis 1933 600 Mitglieder. Heute hat sie kaum noch Bedeutung, und der Friedhof wird durch die jüdische Gemeinde in Hamburg verwaltet. Die Synagoge lag am Schrevenpark. Sie wurde in der Reichskristallnacht völlig zerstört. Heute ist dort nur noch ein Gedenkstein zu sehen. Der Friedhof ist immer abgeschlossen, und für Besucher gibt es keine Möglichkeit der Besichtigung. Auf dem Gelände des VW-Autohauses an der Ecke Königsweg/ Michelsenstraße war vor dem 2. Weltkrieg die ”Eiche Brauerei” ansässig. Sie wurde im Krieg zerstört.

5. Lutherstraße

Die Lutherstraße ist ein Beispiel gelungener Verkehrsberuhigung. Vor den Umbaumaßnahmen war die Lutherstraße stark von Durchgangsverkehr belastet. Gerade, wenn auf dem Schützenwall, einer Haupteinfallstraße Kiels, Stau war, wurde die Lutherstraße als Schleichweg benutzt. Jetzt ist das Wohnquartier um die Lutherstraße eine Tempo 30-Zone. Die Lutherstraße selbst ist eine Sackgasse, und die umliegenden Straßen sind als Einbahnstraßen ausgewiesen oder besitzen Einfahrverbote. Durchgangsverkehr ist so kaum noch möglich. Die Durchlässigkeit für Fußgänger und Radfahrer ist jedoch weiterhin gegeben. Im Zuge der Umbaumaßnahmen wurden auf der Straße Parkbuchten angelegt, die Gehwege verbreitert und ein bepflanzter Kreisverkehr angelegt. Im Sommer wird der Gehweg von den anliegenden Restaurants und Cafés zum ”Draußensitzen” genutzt. Durch die Verkehrsberuhigung und die vielfältige Begrünung hat die Straße wieder Aufenthaltsfunktion und im Vergleich zur Harriesstraße einen sehr hohen Wohnwert.

6. Prüne

Die Brauerei ”Eiche” wurde hier in den 50er Jahren wieder aufgebaut. Heute existiert sie nicht mehr. Der Name der Seniorenresidenz ”Eiche” erinnert an den ehemaligen Brauereistandort. An der Sandkuhle sind noch ehemalige Werkswohnungen der Brauerei zu sehen. Diese werden zur Zeit von Asylanten bewohnt. Bis vor wenigen Jahren hat auch hier noch eine Durchmischung von Wohnen und Gewerbe stattgefunden. Heute ist die Prüne jedoch stark durch die Funktion Wohnen geprägt. Mitte der 80er Jahre ist hier eine große Wohnanlage entstanden, die zum Großteil aus Eigentumswohnungen besteht. Die Innenhöfe sind mit vielen Grünanpflanzungen recht attraktiv gestaltet. Für Kinder gibt es allerdings nur einen sehr kleinen Spielplatz. Gerade wurde ein weiterer Wohnblock fertiggestellt, der eher auf Singles oder kinderlose Familien zugeschnitten ist. Es handelt sich hier in erster Linie um 1 bis 2-Zimmer Eigentumswohnungen mit Luxusausstattung. Stadtplanerisch versucht man hier die Wohnbebauung gegenüber dem Gewerbe zu begünstigen, um citynahe Bereiche wieder in Wert zu setzen.

Spielauswertung

Die Studentin Iris, Beate, die Hebamme und das Lehrerehepaar möchten in die Lutherstraße ziehen, da das Wohnumfeld dort sehr angenehm ist und es viele Kneipen gibt. Marga, die Rentnerin, möchte in der Harriesstraße wohnen, da es von dort nicht so weit bis in die Innenstadt ist. Lothar, der Kfz-Mechaniker, möchte ebenfalls in die Harriesstraße ziehen, weil hier viele junge Leute wohnen. Außerdem sieht er hier die Möglichkeit, eine Kfz-Werkstatt zu eröffnen, weil sich gerade im Winter bei Glatteis aufgrund der Steigung viele Unfälle in der Harriesstraße ereignen. Elke, 8 Jahre, würde am ehesten in die Prüne ziehen, da es dort einen riesigen begrünten Innenhof mit einem kleinen Spielplatz gibt. Ein großer Mangel des Stadtteiles Südfriedhof ist, daß es kaum Freiflächen für Kinder gibt, und die wenigen Spielplätze sehr klein und schlecht ausgestattet sind.

Auf die bisher analysierten Teile von Kiel läßt sich das Ringmodell der Stadtentwicklung von BURGESS anwenden.

Der 1. Ring umfaßt den Hauptgeschäftsbereich Kiels (kleiner Kiel bis Skandinavienkai). Der 2. Ring ist die sogenannte Übergangszone zwischen Hauptgeschäftsbereich und Wohnbereich (Ringstraße/ Brunswik). Er ist gekennzeichnet durch das Nebeneinander von Gewerbebetrieben und Wohnungen und einem hohen Anteil an Ausländern. Der Stadtteil Südfriedhof fällt in diesen Bereich. Auffällig sind hier die Büroneubauten großer Versicherungen, was zu einer qualitativen Aufwertung des 2. Ringes führen soll. An die Übergangszone schließt sich der 3. Ring, die Wohngebiete der Arbeiter (Gaarden) und des Mittelstandes (Düsternbrook, Schrevenpark) an. Aufgrund der Fördenlage ist Kiel nicht konzentrisch in Kreisen, sondern in Dreiviertelkreisen gewachsen.

4. Stadtteil: Mettenhof

Einleitung

Die Ursprünge dieses Stadtteils gehen auf das Jahr 1670 zurück. Das damalige Gut Quarnbek erstreckte sich über eine große Fläche von der Stadtgrenze Kiels bis zum Flemhuder See. Wegen der Größe war das Gut schwer zu verwalten, deshalb teilte der Besitzer es auf und errichtete wenige Kilometer von der Kieler Stadtgrenze entfernt einen Meierhof, den er nach seiner ersten Frau, Meta von der Wisch, Mettenhof benannte. Dieser Hof ist heute nicht mehr erhalten, an seiner Stelle befindet sich die Max-Tau-Schule. Lediglich Reste einer Allee, der damaligen Zufahrt zum Hof, erinnern hier noch an die Keimzelle Mettenhofs.

Der heutige Stadtteil Kiel-Mettenhof ist aufgrund des Bevölkerungsdrucks der 50er Jahre entstanden, da dringend neuer Wohnraum geschaffen werden mußte. Da es im eigentlichen Stadtgebiet keine ausreichenden Flächen mehr gab, mußte man auf den Stadtrand ausweichen. Dieses Konzept, der Wohnungsnot mit Großwohnsiedlungen am Stadtrand entgegenzugehen, wurde seit Ende der 50er Jahre in ganz Deutschland verfolgt. In Kiel entstand der neue Stadtteil Mettenhof ca. 5 km westlich der Stadt Kiel auf einer Fläche von 233 ha. Bei der Planung wurde versucht, sowohl das Gartenstadtmodell von E. HOWARD als auch den Nachbarschaftsgedanke von C. A. PERRY zu berücksichtigen.

Es wurde über 25 Jahre bis 1990 in sechs verschiedenen Bauabschnitten mit wechselnden architektonischen Strukturen gebaut und zwar mit strenger Funktionstrennung. Das heißt es gibt reine Wohngebiete und Nicht-Wohngebiete (Gewerbe, Gemeinbedarf). Sie sind über zwei Verkehrsachsen von der Stadt aus erschlossen. Innerhalb des Stadtteils bildet der s-förmig geschwungene Skandinaviendamm die Hauptverkehrsader, von der zu beiden Seiten Ringstraßen in die Wohngebiete abgehen. Von diesen wiederum zweigen Stichstraßen (Sackgassen) zu den Wohnhäusern ab. Die Großwohnsiedlung stellt mit 20.000 Einwohnern den bevölkerungsreichsten Stadtteil Kiels dar und wird

im Volksmund auch "Mettentown" oder "Manhattenhof" genannt, denn das Erscheinungsbild dieses Stadtteils ist geprägt durch mehrgeschossige Blockbebauung. Die Höhe der Bebauung nimmt dabei vom Zentrum nach außen hin ab, das höchste Gebäude Mettenhofs ist der zentral gelegene "weiße Riese" mit 23 Stockwerken. Mettenhof hat aber auch viele Merkmale der Gartenstadt- und Nachbarschaftsidee: Wohn- und Durchgangsstraßen sind getrennt, der Stadtteil ist in Kleinzellen gegliedert, die jeweils durch eine Wohnsammelstraße erschlossen und an die Fernstraßen angebunden sind. Der Durchgangsverkehr wird also aus den Wohngebieten herausgehalten. Zwischen den Häuserzeilen liegen z.T. großzügige Grünflächen. Versorgungsmöglichkeiten sowie öffentliche Einrichtungen zeigen den Ansatz der Eigenständigkeit des Stadtteils. Diese Eigenständigkeit soll auch durch die Straßennamen betont werden; fast alle Mettenhofer Straßen sind nach skandinavischen Städten oder Inseln benannt.

Das Mettenhofer Straßennetz ist an Kiel angebunden durch zwei Verbindungsstraßen, den Skandinaviendamm und die Hofholzallee. Zudem hat Mettenhof seit 1987 einen eigenen Autobahnanschluß. Es besteht eine gute Busverbindung in Richtung Kiel. Daß dieser Weg nicht immer so komfortabel war, erfuhr die Exkursionsgruppe auf dem Hinweg, als wir über das holprige Pflaster des Julienluster Weges radelten. Vor 150 Jahren war diese Strecke noch die einzige Verbindung zwischen Mettenhof und Kiel. Die zentralörtliche Bedeutung des Stadtteils ist gering. Freizeit- und Erholungseinrichtungen sind nicht ausreichend vorhanden. Erfreulich ist jedoch das Vorhandensein sozialer und kultureller Einrichtungen, wie zum Beispiel der "Kiste", einem Jugendtreff, oder dem "Hof Akkerbohm", einem ehemaligen landwirtschaftlichen Betrieb, in dem nach der Restaurierung des Gebäudes seit 1980 Ausstellungen, Konzerte oder Seminare veranstaltet werden.

1. Stopp: Alt-Mettenhof

In den 30er Jahren entstanden hier 65 Häuser für jungverheiratete und zugezogene Werksangehörige der Firma Leichtbau GmbH (Leichtbausiedlung).

2. Stopp: Zentrum

Durch ein Rollenspiel wird das Gartenstadtmodell des E. HOWARD und der Nachbarschaftsgedanke des C. A. PERRY vorgestellt und von seiten einiger als Anwohner fungierenden Exkursionsteilnehmer kritisiert.

Howard initiierte die Gartenstadtbewegung, die versucht, die Fehlentwicklung des Großstadtwachstums im Industriezeitalter zu korrigieren, um das Wohnumfeld lebenswerter zu gestalten. Seine Idee sieht vor, die Vorteile von Stadt und Land zu integrieren. Das Modell ist für max. 30.000 Einwohner ausgerichtet, die in verschiedenen Sektoren untergebracht sind. Insgesamt soll auf eine starke Durchgrünung geachtet werden, wobei auch Kleingärten und andere landwirtschaftliche Flächen in die Stadtstruktur integriert werden sollen. Das Zentrum selbst bildet eine Grünanlage, an der sich die öffentlichen Einrichtungen konzentrieren.

Perry´s ”Nachbarschaftsgedanke” widmet sich schwerpunktmäßig den Verkehrsproblemen. Ursache hierfür waren die vielen Verkehrstoten in den Städten. Er legt großen Wert auf Verkehrslenkung und -beruhigung. Der Durchgangsverkehr soll außen an den Wohnzellen vorbeigeleitet werden, damit keine Zerschneidung stattfindet. Er befaßt sich aber auch mit den Wohnproblemen und dem sozialen Leben. Die städtischen Wohnviertel sollen in einzelne Nachbarschaften gegliedert werden, um der sonst typischen städtischen Anonymität zu entgegnen. Eine Gemeinschaftsbildung und ein Gemeinschaftsgefühl sollen stattdessen ermöglicht werden. Die einzelnen Wohngebiete sollen ca. 5.000 Einwohner aufnehmen, damit die Grundversorgung durch eine Ansiedlung von Grundschule, Bank etc. gewährleistet ist.

Zum Standort im Zentrum

Wir befinden uns im Einkaufszentrum (EKZ) Mettenhofs. Es ist im 3. Bauabschnitt 1968-74 auf einer Fläche von 8 ha entstanden. Vom entferntesten Punkt des Stadtteils sind es ca. 1,4 km Luftlinie. Der Kurt-Schumacher-Platz bildet den Mittelpunkt des EKZ. Es handelt sich um eine von Geschäften gesäumte Fußgängerzone. Es konzentrieren sich hier Geschäfte für den täglichen Bedarf. Auch der Dienstleistungssektor ist hauptsächlich im EKZ vertreten. Ausnahmen bleiben aber hochspezialisierte Dienstleistungseinrichtungen, die in der City Kiels nachgefragt werden müssen, ebenso wie höherrangige Güter. 95% der in Mettenhof Arbeitenden sind dem tertiären Sektor zuzurechnen, das heißt, sie arbeiten fast alle hier im Zentrum. Hier wird nahezu das gesamte Potential an 1-Zimmer Wohnungen gestellt. Die 5-Zimmer-Wohnungen sind deutlich unterrepräsentiert. Am nördlichen und am südlichen Ende des EKZ befinden sich ausgedehnte Parkflächen. Die Stockwerkshöhe nimmt vom Zentrum zur Peripherie hin ab. Im 3. Bauabschnitt befindet sich somit auch das höchste Wohnhaus Kiels, der ”Weiße Riese”. Insgesamt ist die Bebauung im Vergleich zu den anderen Gebieten hochverdichtet. Rein optisch sind die monotonen, hochgeschossigen, langen Hochhausketten sehr dominant. Dazwischen sind 4stöckige Hausreihen eingestreut. Die Park- und Grünflächen wirken eher trist. Soziale Probleme bleiben nicht aus, und Kontakte untereinander sind gar nicht bis wenig vorhanden. Es zeichnet sich aber wohl schon eine Verbesserung ab.Im 4. Bauabschnitt befinden sich hauptsächlich 3 und 4stöckige Hausreihen, 6stöckige Punkthäuser und 4-8stöckige Hausketten.

3. Stopp: Grundschule am Rand des 2. Bauabschnitts

Zumeist viergeschossige Zeilenbauten bilden die Kerne im 1. und 2. Bauabschnitt. Die innenhofartigen Flächen sind meist dem ruhenden Verkehr oder einigen monotonen Abstandsgrünflächen vorbehalten, und auch die phantasielosen Spielplätze beleben das langweilige Wohnumfeld nicht sehr. An den Rändern finden sich monotone hochgeschossige Punkthochhäuser. Am Süd- und Westrand stehen Einfamilieneinzelhäuser und -reihenhäuser, in denen der Nachbarschaftsgedanke gut verwirklicht wurde, jedoch in den Hochhäusern herrscht wieder nur Anonymität vor. Im ersten Abschnitt sind die älteren Bewohner überrepräsentiert.

4. Stopp: Helsinkistraße im 5. Bauabschnitt

Hier findet sich unter anderem ein ”Modell des gemischten Wohnens”, das von der AWO initiiert wurde. Es handelt sich dabei um alleinstehende Mütter und ältere Leute, die in einem hufeisenförmigen Gebäudekomplex zusammenwohnen. Im fast gänzlich eingeschlossenen Innenhof befindet sich ein Spielplatz und ein Gemeinschaftshaus. Die Küchen der Mütter sind zum Innenhof ausgerichtet. Es herrscht eine angenehme und heimelige Atmosphäre. Ein Negativbeispiel direkt gegenüber: auch hier finden wir einen bewachsenen Innenhof, der nahezu von den Gebäuden eingeschlossen ist. Die Eingänge der Wohnungen liegen nach außen, und die Grünfläche wird wesentlich weniger in Anspruch genommen.

5. Stopp: Heidenberg, der 6. Bauabschnitt

Im Zeitraum von 1985-90 entstanden im sechsten und letzten Bauabschnitt Einfamilien- und Reihenhäuser auf der Grundlage eines Architektenwettbewerbs. Es entstand eine Vielzahl und Vielfalt individueller und eigenwilliger Gebäude, in denen auch Sozialwohnungen untergebracht sind. Die niedrige Bauweise und das abwechslungsreiche (da vom jeweiligen Mieter bzw. Besitzer selbst gestaltete) Grün ist optisch sehr ansprechend. Mit 40% der BweohnerInnen sind Kinder stark überrepräsentiert. Der Gedanke von PERRY läßt sich in den Sackgassen und Spielstraßen, die aber für Fußgänger und Fahrradfahrer durchgängig sind, wiederfinden. Außerdem befindet sich in diesem Gebiet ein Jugendbauernhof, der sich regen Zuspruchs erfreut, und zwar auch bei Kindern außerhalb Mettenhofs.

Zusammenfassung:

Die Planer Mettenhofs haben sich zu wenig um die Qualität, sondern eher um die Quantität gekümmert. Zum Beispiel gibt es durchaus genügend Spiel- und Bolzplätze in Mettenhof, aber die Qualität ist meist schlecht. Ähnlich verhält es sich mit der Durchgrünung, die zwar prozentual (über 15% an der Gesamtfläche sind öffentliches Grün) stark vertreten ist, jedoch bis auf die neuen Abschnitte meist nur aus langweiligem, nicht ansprechendem Begleitgrün steht, das außerhalb der Verantwortlichkeit der Bewohner liegt und somit keine integrierende Funktion ausüben kann.

Für HOWARDS Grundidee wäre neben der Durchgrünung allerdings auch eine autonome Versorgung wichtig, und vor allem ein Angebot an Arbeitsplätzen in unmittelbarer Nähe ist hier durch die Lage im ”Grünen” kaum vorhanden. Daraus bedingt sich eine tägliche Verkehrslawine zu den Hauptverkehrszeiten. Ähnlich verhält es sich bei der Versorgung mit Gütern des gehobenen Bedarfs. Der Anschluß mit öffentlichen Verkehrsmitteln läßt vor allem in den Abendstunden sehr zu wünschen übrig. Das Angebot für Jugendliche ist sehr schlecht, besonders für die Unter-15jährigen. Typische Gangbildungen etc. sind die logische Konsequenz, wie wohl auch die ausgeprägte Vereinsstruktur.

Daß bauliche Mischung nicht unbedingt zu sozialer Mischung führt, wird uns am Beispiel Mettenhof vor Augen geführt. Außer in den Einfamilien- und Reihenhausbereichen, in denen zum Teil intensive nachbarschaftliche Beziehungen bestehen, herrscht überwiegend ein anonymes Nebeneinander, Gleichgültigkeit oder sogar Aggression vor und zwar gerade in den Bereichen der Großwohnbauten. Das Ziel der Stadtplaner, durch eine Verringerung der geographischen Distanzen mehr Gemeinschaft oder Miteinander zu fördern, ist fehlgeschlagen. Die Soziologie gibt eine einleuchtende Erklärung dafür. Der soziale Mindestabstand muß gewährleistet sein, hier wird er klar unterschritten. Die Masse treibt zu einer Art Isolationsstreben. Je mehr Menschen auf begrenzten Raum beieinander wohnen, desto mehr ist der einzelne bemüht, seine Privatsphäre zu wahren. Eine weitere Folge ist die hohe Mobilität (30% Umzugsrate). In den Hochhäusern, d.h. den Hochhausketten und den Laubenhäusern, ist die Umzugsrate besonders hoch.

Der verkehrliche Aspekt von PERRY fand durchaus eine Realisierung, zumindest die Wohngebiete sind relativ ruhig. Im 6. Bauabschnitt finden wir schließlich sogar Spielstraßen etc. Insgesamt ist Mettenhof besser als sein Ruf, allerdings differiert die Wohnqualität von Bauabschnitt zu Bauabschnitt und auch innerhalb dieser sehr stark.


Literaturverzeichnis

Bähr, J., Hertum, G. (Hg.): Schleswig-Holstein, Sammlung Geographischer Führer 15. Berlin, Stuttgart 1987.

Heineberg, H.: Stadtgeographie. Paderborn 1989.

In Paravicim, W. (Hg.): Begegnungen mit Kiel. Neumünster 1992.

Lang, M., Peters, H., Sönnichsen, N., Ziefuß, H. (Hg.): Kiel zu Fuß. Hamburg 1989.

Müller, U. J., Riecken, G.: Stadtlandschaften in Schleswig-Holstein. Neumünster 1990.



erstellt von Mathias Lintl, Lüneburg 1996, 11108@stud.uni-lueneburg.de
aufgenommen in das FORUM ERDKUNDE 1999