Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Forschungs- und Technologiezentrum Westküste

         
 
Diplomarbeit Henriette Dries
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AG Seevogelökologie (SAG)



Verbreitungsmuster von Schwimmkrabben (Liocarcinus sp.) in der Deutschen Bucht und ihre Bedeutung als Nahrung für Seevögel


Henriette Dries

Diplomarbeit an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (2007)

Schwimmkrabben (Liocarcinus sp.) gehören zu den häufigsten Brachyuren-Arten in der Nordsee. Analysen von Seevogelnahrung seit den 1990er Jahren haben gezeigt, dass Schwimmkrabben einen bedeutenden Nahrungsbestandteil besonders für Heringsmöwen in der südöstlichen Nordsee darstellen. Bis heute fehlen jedoch noch viele grundlegende Informationen zur Ökologie der Schwimmkrabbe. Eines der wichtigsten Ziele dieser Studie war es, die Entwicklung der Schwimmkrabbenzahlen zu ermitteln und ihre horizontale als auch vertikale Verbreitung (und somit ihre Verfügbarkeit für Seevögel) zu untersuchen. Im Laufe der Jahre wurde eine zunehmende Anzahl von Möwen bei der Aufnahme von Schwimmkrabben von der Wasseroberfläche beobachtet. Da Möwen nicht sehr tief tauchen können, müssen die benthischen Schwimmkrabben durch die Wassersäule an die Oberfläche kommen, um für diese an der Oberfläche fressenden Seevogelarten erreichbar zu werden. Daher war es eine weitere wichtige Aufgabe dieser Arbeit, ein solches Verhalten nachzuweisen und potentielle temporäre Muster aufzudecken. Des Weiteren wurde die Bedeutung dieser Beute als Nahrung für verschiedene Seevogelarten untersucht, und die Gebiete häufiger Schwimmkrabben-aufnahmen durch Seevögel auf See wurden ermittelt.

Horizontale Verbreitungsmuster der Schwimmkrabben in der Deutschen Bucht wurden mit Hilfe von Daten der "Bundesforschungsanstalt für Fischerei" und durch eigene Fänge in der Nähe der Insel Amrum untersucht. Diese Verbreitungsmuster wurden mit der Verbreitung und dem Fressverhalten von Seevögeln auf See verglichen. Die vertikale Verbreitung von Schwimmkrabben wurde auf See mittels eines kleinen pelagischen Schleppnetzes und zusätzlich experimentell im Aquarium untersucht. Um die Bedeutung der Schwimmkrabben in der Nahrung von Heringsmöwen zu ermitteln, wurden Speiballen in einer Kolonie auf Amrum gesammelt und untersucht. Die Entwicklung der Schwimmkrabbenzahlen in den letzten 30 Jahren wurde wieder mit Hilfe von Daten der "Bundesforschungsanstalt für Fischerei" ermittelt.

Schwimmkrabbe Baumkurre
Liocarcinus holsatus
Baumkurre

Die Anzahl der Schwimmkrabben fluktuierte von 1976-1998 und stieg in den letzten 10 Jahren stark an. Verbreitungsschwerpunkte lagen hauptsächlich entlang der Küste der Deutschen Bucht mit Schwerpunkten sowohl südöstlich von Helgoland als auch westlich von Amrum. Maximalzahlen wurden in einer Entfernung von 30-40 km zur Küste gefunden. Von hieraus nahmen die Zahlen sowohl in Richtung offshore als auch zur Küste hin ab. Bei letzterer wurde die Abnahme von Schwimmkrabben mit einer Zunahme von Strandkrabben (Carcinus maenas) begleitet. Ein ähnliches Muster wurde auch in Bezug zur Wassertiefe gefunden: Maximalzahlen kamen in 20-30 m Tiefe vor gefolgt von einer Abnahme in tieferem als auch in flacherem Wasser. Es hat sich heraus gestellt, dass Schwimmkrabben nur für an der Oberfläche fressende Seevögel von Bedeutung sind. Höchste Aufnahmeraten wurden für Heringsmöwen (Larus fuscus) gefunden. Für Silber- (Larus argentatus), Sturm- (Larus canus) und Lachmöwen (Larus ridibundus) nahm die Zahl der beobachteten Schwimmkrabbenaufnahmen auf See in dieser Reihenfolge ab. Hauptgebiete von Schwimmkrabbenaufnahmen durch Möwen lagen meistens entlang der Küstenlinie der Inseln. Diese Arbeit konnte einige einheitliche räumliche wie auch zeitliche Muster von Seevögeln und Schwimmkrabben aufdecken. Räumlich: (1) Die Gebiete mit den meisten Schwimmkrabbenaufnahmen spiegelten die wichtigsten Verbreitungsgebiete der Schwimmkrabben wider. Zeitlich: (1) Die Zunahme von Schwimmkrabben in den letzten Jahren war auch anhand der Nahrung von Heringsmöwen zu erkennen. (2) Der Anteil von Schwimmkrabben in Speiballen stieg von der Bebrütungs- bis zur Aufzuchtsphase von 67 auf 76 % an. Während dieser Zeit wurde auch auf See ein Anstieg der Schwimmkrabbenzahlen festgestellt. (3) Schwimmkrabben zeigten ein deutliches zeitliches Muster der Vertikalwanderung, mit Anwesenheit an der Oberfläche hauptsächlich in den Morgen- und Abendstunden. Die Aufnahmen durch Seevögel folgten diesem zeitlichen Muster.

Die Entwicklung der Schwimmkrabbenzahlen wurde in Beziehung zur Entwicklung der Fischerei und Veränderungen im Klima diskutiert. Es wurde geschlussfolgert, dass Klimaveränderungen und somit wahrscheinlich die Wassertemperatur einen großen Einfluss auf die Abundanz von Schwimmkrabben haben dürfte. Des Weiteren wurde diskutiert, dass die Wassertiefe und die Entfernung zur Küste die entscheidenden Faktoren sind, die die horizontale Verbreitung der Schwimmkrabben in offshore Richtung limitiert, wobei die Verbreitung in flachere Gebiete durch die Konkurrenz mit C. maenas kontrolliert werden könnte. Das Muster der vertikalen Wanderung der Schwimmkrabben korrelierte signifikant mit der Tageszeit. Die konkreten Faktoren, die für dieses Wanderungsverhalten ausschlaggebend sind, konnten nicht endgültig ermittelt werden. Eine Korrelation mit der Nahrungssuche erscheint möglich. Von allen Seevogelarten ist die Heringsmöwe der wichtigste Konsument von Schwimmkrabben. Das küstennahe Muster der Schwimmkrabbenverbreitung und der Schwimmkrabbenaufnahmen durch Seevögel führte zu dem Schluss, dass Seevögel diese Beute nur dann aufzunehmen scheinen, wenn sie sehr häufig ist. Eine andere bzw. zusätzliche Erklärung könnte sein, dass Schwimmkrabben nicht genug Energie enthalten, um längere Nahrungsflüge oder andauerndes Suchen zu ermöglichen. Die Ergebnisse geben Grund zu der Annahme, dass die Schwimmkrabbenverbreitung die allgemeine Seevogelverbreitung nicht wesentlich beeinflusst. Aber es könnte sein, dass sie zumindest das Muster der täglichen Nahrungsflüge der Heringsmöwe steuert.

Henriette Dries, Forschungs- und Technologiezentrum Westküste der Christian-Albrechts Universität zu Kiel, Hafentörn 1, 25761 Büsum, email: dries@ftz-west.uni-kiel.de

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