Christian-Albrechts-Universität zu Kiel


Große Forscher und Forscherinnen von der Förde:

Ludwig Claisen


Als Chemiker brillant, als Mensch eigenwillig: Ludwig Claisen verbrachte sieben Jahre an der Kieler Universität.


Für seine Entdeckungen im Bereich der Organischen Chemie ist Ludwig Claisen über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt, zumindest bei Chemikern: Die Claisen-Kondensation »war eine grundlegende Entdeckung, die heute jedem Studienanfänger im organisch-chemischen Bereich vermittelt wird. So grundlegend, dass der Name des Entdeckers oft schon gar nicht mehr genannt wird«, sagt Professor Günter Paulus Schiemenz vom Institut für Organische Chemie. Ähnliches gilt für die Claisen-Umlagerung. Eine Umlagerung ist eine Reaktion, bei der durch die Neugruppierung eines Moleküls eine neue chemische Verbindung entsteht, in diesem Fall eine Carbonylverbindung. Erst viel später wurde erkannt, dass Claisens Entdeckung eine Schlüsselreaktion für ein grundlegendes Reaktionsprinzip barg. Ruhm und Preise ernteten deshalb diejenigen, die mit Claisens Grundlagen weiterforschten, beispielsweise der amerikanische Chemiker Roald Hoffmann, der dafür 1981 den Nobelpreis erhielt. Claisen selbst war mehr als hundert Jahre zuvor, 1851, in Köln geboren worden. Nach seinem Schulabschluss zog Claisen für seine naturwissenschaftlichen Studien nach Bonn, wo er bei dem renommierten Chemiker Friedrich August Kekulé promovierte und sich 1878 habilitierte. Verschiedene Stationen folgten: Manchester, München, Aachen.

1897 erhielt er einen Ruf nach Kiel, dem er nicht mit reiner Begeisterung folgte. Ungern wollte er seine mittlerweile 80-jährige Mutter im Rheinland zurücklassen, ebenso missfiel ihm der Gedanke, in Kiel auch noch die große Vorlesung über anorganische Experimentalchemie halten zu müssen. Das war nicht sein Bereich. Dennoch trat er hier am 1. Oktober 1897 seine Stelle als Professor der Chemie an. Das raue Klima machte ihm zu schaffen. Zeit seines Lebens hatte er Probleme mit dem Herzen und seinen Atemorganen. Sein damaliger Kollege Professor Heinrich Blitz schrieb über ihn: »Claisen war ein Mann von vornehmer Gesinnung, voller Rücksicht anderen gegenüber; ruhig und gleichmäßig; zurückhaltend. Ein typischer alter Junggeselle, der für seine Gesundheit sorgte und lebte.« Mitte 1898 bekam Claisen eine so schwere Lungenentzündung, dass er vorübergehend darüber nachdachte, seinen Beruf aufzugeben. Am Ende desselben Jahres wurde er zum Geheimen Regierungsrat ernannt. Drei Jahre später starb seine Mutter, der er von Kiel aus jeden Tag geschrieben hatte, und dann sollte Claisen sich auch noch um den Umbau des Instituts kümmern. Das war zu viel für ihn. Er spürte Stiche im Kopf, Schwindel und Atemnot. Er ließ sich emeritieren und erlebte 1904 einen eigenwilligen Auszug aus dem Kieler Institut. Er berichtete später, dass, als er am späten Abend seine Wohnung auf dem Gelände verlassen wollte, die Vorgartentür verschlossen gewesen sei. Weil sonst niemand im Haus war, musste er über die Mauer klettern: »Ein seltsamer Auszug aus dem Institut. Stolz kam ich vor 7 Jahren mit dem Wagen vorgefahren; heut muß ich auf diesem Notweg aus dem Institut heraus.«

Es folgte ein kurzes Zwischenspiel in Berlin, wo er die in Kiel begonnenen Untersuchungen zur Wirkung von Natriumamid bei Kondensationen beendete. Dann zog er endgültig in sein Haus in Godesberg bei Bonn, das er schon während seiner Kieler Zeit gekauft hatte. Dort betrieb er ein privates Laboratorium, in dem ihm über einen längeren Zeitraum Otto Eisleb assistierte, der später schrieb: »Es wird dem Außenstehenden nicht leicht werden zu glauben, dass Claisen mit besonderer Vorliebe gerade das chemische "Handwerk" betrieb, während seine Veröffentlichungen meist bedeutende theoretische Folgerungen brachten. (...) Er betrieb dieses Handwerk wirklich "con amore". Rührend war die Gewissenhaftigkeit, mit der er sich eine neue Substanz vornahm. (...) Mit wahrer Liebe wurden nachher die Präparate in schöne Gläser verpackt und mit Etiketten versehen, die oft in langer Beschreibung bei peinlichster Gründlichkeit den Werdegang des Präparates enthielten.« Herz und Atemorgane waren mittlerweile so geschädigt, dass Claisen sogar von seinen geliebten Zigaretten lassen musste. 1930 starb er.

Fraglos ein eigenwilliger Charakter, das zeigen die Berichte der Zeitgenossen, aber in seinem Bereich kaum zu übertreffen. Voller Akribie widmete er sich seiner Arbeit, er nahm es in allen Bereichen so genau, dass er sogar einen Assistenten die Dissertationen seiner Studenten nacharbeiten ließ, bevor er sich ihnen widmete. Eine Gründlichkeit, die sich auszahlte, »seine Interpretationen von Entdeckungen stellten sich alle als richtig heraus«, sagt Schiemenz.

Jana E. Seidel



Stichwort: Kondensationsreaktion


Die Kondensation spielt eine wichtige Rolle in der organischen Chemie: In vielen chemischen Reaktionen verbinden sich Moleküle miteinander, indem sie andere Moleküle – meistens Wasser – abspalten. Sie "kondensieren". So können aus kleinen Einzelbausteinen riesige Moleküle entstehen, beispielsweise Fette und Wachse, aber auch Eiweiße oder Stärke.

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