Christian-Albrechts-Universität zu Kiel


Große Forscher und Forscherinnen von der Förde:

Carl Friedrich Cramer


Der Kieler Gelehrte und überzeugte Anhänger der Französischen Revolution gilt als Vorkämpfer der europäischen Idee. Dr. Rüdiger Schütt stellt ihn vor.


Kiel, eine späte Dezembernacht des Jahres 1789: In der Wohnung eines jungen Professors geht es hoch her, 18 Herren feiern die neue Epoche. Auf dem Tisch liegt ein Stein aus der zerstörten Bastille, drum herum stehen vier große Pokale, gefüllt mit rotem Wein. Sie symbolisieren die Kerkertürme der Pariser Festung, die am 14. Juli vom Volk gestürmt worden ist. Außerdem liegt da noch ein Stapel Bücher: die Schriften Luthers, Montesquieus, Rousseaus und anderer aufrührerischer Geister. Es wird gestritten und gelacht. Gedichte werden vorgetragen. Am frühen Morgen erhebt sich der Gastgeber und greift sich einen der Pokale. Alle stehen auf, begeistert, schwenken ihr Glas und trinken auf die Freiheit.

Carl Friedrich Cramer heißt der Zeremonienmeister dieses Abends, seit 1775 Professor der "griechischen und morgenländischen Litteratur" in Kiel. Der junge Wissen­schaftler versteht es, Aufmerksamkeit zu erregen. Er liebt die große Geste, das große Wort. Voller Elan schreitet er weit über den Kreis der antiken Literatur hinaus und liest über die Dichtung noch lebender Autoren, für damalige Verhältnisse sehr ungewöhnlich. Über seinen Freund Klopstock hat er die erste Biografie verfasst. Er schreibt Aufsätze zur Musik, übersetzt Opernlibretti und gibt ein Magazin für Musik heraus. Doch dann wird es politisch. 1792 erscheinen die ersten Stücke seines Journals "Menschliches Leben", eine 20-bändige Schriftenreihe, in der Cramer gegen konservatives und reaktionäres Denken zu Felde zieht. Protagonisten der Revolution wie Mirabeau und Sieyès werden vorgestellt. Cramer will ihre Ideen propagieren, will sie in Deutschland bekannt machen.

Immer lauter wirbt Cramer für die Ideale der Französische Revolution, so laut, dass es ihn schließlich den Job kostet. Der zuständige Minister in Kopenhagen, Andreas Peter Bernstorff, sieht sich gezwun­gen, ein Exempel zu statuieren. Am 10. Mai 1794 verkündet der Prokanzler der Universität, dessen Amt zu diesem Zeitpunkt ausgerechnet Cramers Bruder Andreas Wilhelm bekleidet, vor der versammelten Professorenschaft, der Störenfried sei entlassen und des Landes verwiesen. Außerdem habe er sich zukünftig »aller Verbreitung seiner der Staatsverfassung des Landes zuwiderlaufenden Grundsätze« zu enthalten.

Aber Cramer rappelt sich wieder auf. Nach einem Intermezzo als Privatlehrer in Hamburg zieht er schon 1795 nach Paris. Hier passiert etwas schier Unglaubliches: In der staatlichen Lotterie gewinnt er ein stattliches Haus, nicht weit entfernt vom Palais-Royal, dem Kerngehäuse des revolutionären Paris. Auch hat er einen Mäzen gefunden, den liberalen, souveränen Hamburger Großkaufmann Georg Heinrich Sieveking. Er finanziert Cramer den Aufbau einer Druckerei mit eigener Buchhandlung. Damit beginnt Cramers Arbeit als deutsch-französischer Kulturbotschafter. Er überträgt Rousseau und Diderot ins Deutsche, Schiller und Klopstock ins Französische und organisiert darüber hinaus ein ganzes Netzwerk deutscher Übersetzer und Drucker in Paris. Sein Haus wird zu einem Treffpunkt der Avantgarde.

Cramer hat es geschafft, so scheint es. Aber das Geld! Das Geld! Sämtliche Einnahmen werden gleich wieder in Projekte investiert, die zwar sein Ansehen mehren, aber wenig finanziellen Gewinn erbringen. Der Konkurs eines Pariser Bankhauses besiegelt schließlich Cramers wirtschaftlichen Ruin und führt dazu, dass er 1805 Haus und Druckerei verkaufen muss. Seine Lebenskraft erlahmt. Zu viele Schicksalsschläge haben seine Motivation gedämpft und ihn am Sinn seiner Arbeit zweifeln lassen. 1799 ist bereits sein Freund, Rat- und Geldgeber Sieveking gestorben; Klopstock, der ferne Meister, folgt im März 1803. Zwei Monate zuvor aber hat es Cramer besonders hart getroffen. Der frühe Tod seines einzigen Sohnes, Hermann, wirft ihn völlig aus der Bahn, und er fragt sich: »Wofür arbeite ich nun?«

Am 9. Dezember 1807 stirbt Cramer, völlig mittellos, an einem »zehrenden Fieber«, wie die Zeitungen berichten. Sein Grab ist rasch vergessen, der Nachlass verstreut, bis auf einen kleinen Teil, der in die Universitätsbibliothek Kiel gelangt, wo er bis heute archiviert ist.

Dr. Rüdiger Schütt



Umgeben von Dichtern

Geboren am 7. März 1752 in Quedlinburg, wuchs Carl Friedrich Cramer in der Nähe von Kopenhagen auf, in einer Atmosphäre geistiger Freiheit. Sein Vater Johann Andreas Cramer war ein angesehener Hofprediger und Theologieprofessor. Durch ihn lernte der Junge die Autoren der Zeit auch persönlich kennen: Matthias Claudius, für dessen "Wandsbecker Bothen" er später schrieb, und Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, den Verfasser des ersten Sturm-und-Drang-Dramas "Ugolino". Vor allem aber das Idol der Jugend, Friedrich Gottlieb Klopstock. Während seines Theologie-Studiums in Göttingen schloss sich Cramer dem für seinen Klopstock-Kult bekannten legendären Hainbund an und veröffentlichte erste schwärmerische Gedichte in den Almanachen dieses "Clubs der jungen Dichter", bevor er 1775, gerade 23 Jahre alt, als Professor nach Kiel kam.

Zum Weiterlesen: Rüdiger Schütt (Hrsg.): Ein Mann von Feuer und Talenten. Leben und Werk von Carl Friedrich Cramer. Göttingen 2005 www.ub.uni-kiel.de/Nachlass/Cramer

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