Christian-Albrechts-Universität zu Kiel


Große Forscher und Forscherinnen von der Förde:

Hans Gerhard Creutzfeldt


Der Nervenarzt und Hirnforscher hat als erster Rektor nach dem Krieg den Wiederaufbau der Universität in Kiel vorangetrieben. Professor Jörn Henning Wolf berichtet.


Vielfältig sind die Beziehungen des klinischen Neuropathologen Hans Gerhard Creutzfeldt zur Christian-Albrechts-Universität. 1885 in Harburg geboren, absolvierte er den klinischen Abschnitt seines Medizinstudiums 1906 bis 1908 in Kiel und erhielt 1909 sowohl das Doktordiplom der Medizinischen Fakultät als auch die Urkunde über seine Bestallung zum Arzt. Nach seiner schifffahrts-medizinischen Qualifikation am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut und schiffsärztlichem Dienst auf großen Fernreisen entschloss er sich, Hirnforscher zu werden. Zwischen 1912 und 1920 empfing er – im Ersten Weltkrieg unterbrochen durch seinen militärischen Einsatz als Marinesanitätsoffizier – an den führenden neuropathologischen Forschungszentren in Frankfurt am Main, Breslau und München eine vorzügliche Ausbildung auf dem Gebiet der Neuroanatomie.

An einer Patientin der von Alois Alzheimer geleiteten Breslauer Universitäts-Nervenklinik erforschte Creutzfeldt 1913 das klinische Bild und die pathologischen Veränderungen im Gehirn bei einer bis dahin unbekannten Krankheit. Die Beschreibung dieser Krankheit veröffentlichte Creutzfeldt 1920 erstmals in der medizinischen Weltliteratur. Damit kam er Alfons Maria Jakobs Publikation dreier gleichartiger Fälle um ein Jahr zuvor. Die 1922 in der Fachwelt eingeführte Bezeichnung als »Creutzfeldt-Jakobsche Krankheit« lebt in vielsprachigen Abwandlungen bis heute fort und erinnert an die von beiden Ärzten gleichzeitig und unabhängig voneinander erfolgte Entdeckung einer fortschreitenden Erkrankung des Gehirns. Vermutlich aufgrund der originellen Forscherleistung erhielt Creutzfeldt 1920 die Stelle des ersten Assistenzarztes an der Kieler Psychiatrischen und Nervenklinik unter dem Gründungsdirektor Ernst Siemerling. Noch im selben Jahr habilitierte er sich. Während der folgenden vier Jahre entwickelte sich Creutzfeldt zu einem klinisch orientierten Neuropathologen, und es gelang ihm – ebenfalls erstmals – zwei weitere Krankheitsbilder aus dem Formenkreis entzündlicher Erkrankungen des Gehirns darzustellen. 1924 wechselte Creutzfeldt an die Psychiatrische und Nervenklinik der Friedrich-Wilhelms-Universität in der Berliner Charité unter dem berühmten Psychiater Karl Bonhoeffer. Dort wirkte er als erster Oberassistenzarzt und Leiter des hirn-anatomischen Laboratoriums. 1938 kehrte Creutzfeldt aufgrund einer Berufung auf den psychiatrisch-neurologischen Lehrstuhl der CAU an seinen akademischen Ausgangspunkt zurück und übernahm die Leitung der Kieler Nervenklinik am Niemannsweg.

Schon während seiner in die Anfänge des Dritten Reichs fallenden Berliner Jahre und auch während der Folgezeit in Kiel verhielt sich Creutzfeldt der nationalsozialistischen Partei und Staatsführung gegenüber reserviert, aber nicht unterschiedslos ablehnend; er war als Anwärter des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes registriert sowie förderndes Mitglied der SS und stellvertretender ärztlicher Beisitzer im Erbgesundheitsobergericht Berlin, welches letztinstanzlich über Zwangssterilisierungen entschied. In seiner Rolle als Arzt und Hochschullehrer gebärdete sich Creutzfeldt insgesamt politisch unauffällig, ohne emotionale Bindung an die NS-Ideologie. Er widersetzte sich ihr aber nicht, noch trat er ihren Verfechtern nahe. Seine Haltung zu den NS-Verbrechen gegen Geisteskranke ist zwiespältig. Er lehnte Zwangssterilisationen in Pflichtgutachten nicht grundsätzlich ab und nahm in Kauf, dass chronisch Kranken, wenn sie zur Langzeitbehandlung unvermeidbar in Landeskrankenhäuser verlegt wurden, nach dem NS-Euthanasieprogramm die Überführung in Tötungsanstalten drohte. Tatsächlich wurden von 605 aus seiner Klinik verlegten Patienten 135 deportiert, davon sind nachweislich 65, wahrscheinlich aber mehr als 100 Opfer des Geisteskrankenmordes geworden.

Die CAU schuldet Creutzfeldt bis heute Dank, dass er in seiner Stellung als erster Nachkriegsrektor entschieden und erfolgreich dafür eintrat, die gegen Ende des Krieges auf 18 provisorische Standorte im Lande verteilte Universität an ihren Ursprungsort Kiel zurückzuführen. Eine Großtat von sozialer Tragweite war es darüber hinaus, dass er die Einwilligung erwirkte, vier Ausbildungsschiffe der teils beim Minenräumen eingesetzten einstigen deutschen Wehrmachtsflotte zur Beherbergung von 900 Studenten und 50 Hochschullehrern während der Winter- und Frühjahrsmonate 1945/46 nutzen zu dürfen. Diese Verdienste sind umso erstaunlicher, als Creutzfeldt sich den Zorn des University Officer der britischen Besatzungsmacht zuzog, weil er weitaus mehr ehemalige Offiziere unter den Kriegsheimkehrern zu immatrikulieren erlaubte, als es die Militärregierung duldete; sie entfernte Creutzfeldt kurzerhand vorzeitig aus dem Rektorenamt.

Creutzfeldts späte Amtsjahre bis zu seiner Emeritierung 1953 waren beherrscht von der Wiederherstellung des geregelten Klinikbe-triebs und den vorbereitenden Planungen für die Neuerrichtung von Bauten auf den Fundamenten kriegszerstörter Teile der Kieler Universitäts-Nervenklinik.

Die Gemüter erheblich bewegt hat ein von ihm ausgelöstes, 1961/62 durchgeführtes parlamentarisches Aufklärungsverfahren. Nach dem Krieg enttarnte Creutzfeldt 1954 gegenüber Behördenkreisen den in Schleswig-Holstein unter dem falschen Namen Dr. Fritz Sawade als Gerichtsgutachter arbeitenden, ehemaligen medizinischen Leiter des Euthanasie-Programms, Professor Werner Heyde. Letztlich schreckte Creutzfeldt jedoch davor zurück, gegen den im Fahndungsbuch ausgeschriebenen Kollegen polizeilich Anzeige zu erstatten. Dieses Verfahren sowie seine beginnende Alterskrankheit überschatteten Creutzfeldts letzte Lebensjahre, die er von 1953 an in München verbrachte. Umso mehr freute ihn eine persönliche Auszeichnung der CAU, die ihn im Jahr 1955 zum Ehrensenator ernannte.

Am 30. Dezember 1964 starb er im Alter von 80 Jahren. Während Creutzfeldt, in seinem Handeln nicht selten von fachlicher Eitelkeit getrieben, seinen Zeitgenossen als in sich ruhender Gentleman imponierte, erschien ihm persönlich die Psychiatrie nach einem Selbstzeugnis 1952 gegenüber den Kieler Nachrichten als »ein gefährlicher Beruf, weil er leicht zu Überheblichkeit führen kann und andererseits zur Skepsis. Die Weisheit liegt in der Mitte, in dem Sich-bescheiden«.

Jörn Henning Wolf



Professor Jörn Henning Wolf hat sich intensiv mit Leben und wissenschaftlichem Werk von Hans Gerhard Creutzfeldt befasst. Im Jahr 2003 hat der ehemalige Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin und Pharmazie eine Abhandlung über den berühmten Nervenarzt und Hirnforscher veröffentlicht: Jörn Henning Wolf: Hans Gerhard Creutzfeldt (1885-1964) – Klinischer Neuropathologe und Mitbegründer der biologischen Psychiatrie, Hamburg 2003.

Foto: Universitäts-Nervenklinik Kiel, Archiv (Prof. Dr. K. Christiani)

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