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Große Forscher und Forscherinnen von der Förde:

Johann Christian Fabricius


Johann Christian Fabricius – Professor der Naturgeschichte, Ökonomie und Kameralwissenschaften in Kiel – und weltbekannter Entomologe


I. Leben


Mit Johann Christian Fabricius (1745–1808) beherbergte die Christiana Albertina einen der bedeutendsten Biologen der Generation nach Carl von Linné. Er verfasste grundlegende Werke der Entomologie, lehrte aber auch Ökonomie und Kameralwissenschaften. Der bei seinen Studenten beliebte Professor empfing nicht immer die von ihm erhoffte Unterstützung seitens der Universität, doch von seinem Weltruhm fällt bis heute Glanz auf die biologischen Sammlungen der Kieler Universität.

Der weltweit bekannte Entomologe (Insektenkundler) wurde am 7. Januar 1745 in Tondern im damaligen Herzogtum Schleswig geboren. Sein Vater war der Stadt- und Amts-Physicus Johann Christian Fabricius, seine Mutter Anna Henningsen. Nachdem der Vater auf Betreiben des Königshauses als Arzt nach Kopenhagen berufen worden war und an die weitere Erziehung der Söhne dachte, äußerte Johann Christian keinen sehnlicheren Wunsch, als bei Carl von Linné in Uppsala studieren zu dürfen. Linné hatte einen medizinischen Lehrstuhl inne (Botanik und Zoologie waren noch nicht als selbständige Disziplinen geboren), so dass der Vater gern einwilligte, konnte aus seinem jüngeren Sohn doch vielleicht ein Arzt werden. Allerdings hegte Fabricius, wie der in diesem Jahr gefeierte, 1809 geborene Charles Darwin nach ihm, keine besondere Neigung zur medizinischen Praxis.1 Um so mehr schätzte er, von Linné in den zwei Jahren seines Studiums in dessen systematische Methodik und die analytische Behandlung jedes Wissensstoffes eingeführt zu werden. Die Verehrung für Linné scheint aber auch ein innerer Antrieb gewesen zu sein, seinen Lehrmeister auf einem von diesem weniger gut bearbeiteten Gebiet der Naturgeschichte zu übertreffen. Schon in Uppsala begann Fabricius mit gründlicheren Insektenstudien, als Linné sie anstellte, unterhielt sich viel mit ihm darüber und feilte an seiner Methode, die er danach während seines gesamten Lebens auf alle Insekten anwandte, deren er, lebendig oder zumeist in den immer stärker anwachsenden Sammlungen Europas, habhaft werden konnte.

1764 kehrte er, ohne einen Abschluss bei Linné gemacht zu haben, als der nachmalige einzige schleswig-holsteinische Linné-Schüler, nach Kopenhagen zurück. Dort suchte er weiteren Anschluss an die wenigen Naturkundler seiner Zeit, wie Georg Christian (von) Oeder (1728–1791), den Herausgeber der Flora Danica, oder den Apotheker Joachim Diedrich Cappel (1717–1784)2 – und arbeitete sein erstes Buch aus, die »Genera Insectorum«3. 1765 wechselte Fabricius nach Leipzig, um die Ökonomie-Vorlesungen von Daniel Gottfried Schreber (1708–1777) zu hören und sich so für die intendierte Stellung zu empfehlen. Freilich trieb ihn weiter die Beschäftigung mit Insekten und Pflanzen an. In Schrebers Sohn Johann Christian Daniel Edler von Schreber (1739–1810)4 fand er einen Gleichgesinnten und hörte dessen botanische Vorlesungen mit Begeisterung. »[Ich] arbeitete aber mit Fleiß meine Entomologie weiter aus, sammlete die Gewächse und Insecten der umliegenden Gegend, und erhielt auch wol einige aus dem Walterschen Garten oder aus Schrebers Sammlung, so wie er mir seine Insecten alle schenkte, und ging des Abends in die Komödie, oder besuchte auch den Professor Ludwig, ob ihm gleich bei unsern botanischen Unterhaltungen meine warme Anhänglichkeit an Linné weniger zu gefallen schien.«5

Im Herbst 1766 weilte Fabricius an der Universität Leiden, wo er Chemie und Physik studierte, aber nicht unterließ, die großen niederländischen Insektensammlungen zu untersuchen. Dennoch begann er im Hinblick auf seine akademische Laufbahn mit der Ausarbeitung eines Ökonomie-Lehrbuches, in dem er die bei Linné erlernte analytisch-systematische Methode auf die einzelnen Themenfelder anwandte. 1767 folgte er seinem Bruder nach Edinburgh, doch brachen die beiden sogleich auf eine große Tour zu Pferde durch Schottland und England auf, bis sie im Herbst in London eintrafen. Fabricius besah auf dieser beinahe ein halbes Jahr währenden Reise Bergwerke, Manufakturen und viele für die »Volkswohlfahrt« nützliche Einrichtungen, um sie seinen ökonomischen Betrachtungen einfügen zu können. In London machte er die freundschaftliche Bekanntschaft mit Daniel Carlsson Solander (1733–1782), einem weiteren Linné- Schüler, mit dem zusammen er die wachsenden Bestände des British Museum erforschte und an seinen entomologischen Schriften arbeitete. Er wurde in die wissenschaftlichen Zirkel Londons eingeführt und schloss mit vielen Naturkundlern engere Freundschaft, die ihn für etliche Sommer in seinem Leben immer wieder nach London zog. Als Solander, in die Dienste von Joseph Banks6 getreten, mit diesem an der 1. Cookschen Weltumseglung teilnahm, half Fabricius bei der wissenschaftlichen Ausstattung; als die Naturforscher zurückkamen, war Fabricius der erste, der die Insekten der Südseeinseln studieren konnte. Zwischenzeitlich, wegen der Abreise seiner Freunde vereinsamt, besuchte Fabricius Paris und machte von dort aus Reisen zu allen bekannten Insektensammlungen und deren Besitzern. Als in London die 2. Cooksche Weltumseglung mit Johann Reinhold und Georg Forster als Naturkundlern in See stach, war Fabricius längst mit den beiden bekannt – und erhielt bei deren Rückkehr einen Anteil an den auf pazifischen Inseln gesammelten Pflanzen, die er persönlich mit nach Kiel brachte und so einen berühmten Bestand des Universitätsherbariums stiftete.

1770 reiste Fabricius durch die beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein, um seine ökonomischen Studien auszubauen – doch durch politische Umbrüche kam es nie zu der erhofften Anstellung am Charlottenburger Naturaltheater. Immerhin erhielt er eine mager dotierte außerordentliche Professur an der Kopenhagener Akademie, die ihn freilich nicht zufriedenstellte. Im Winter hielt er Vorlesungen, im Sommer reiste er. 1772 erschien sein Lehrbuch über die Anfangsgründe der Ökonomie7, 1775 publizierte er sein »Systema Entomologiae«.8 Dessen Erscheinen zur Ostermesse machte ihn mit einem Schlag auch bei den Naturwissenschaftlern bekannt, denen er auf seinen ausgedehnten Sammlungsbesuchen noch nicht begegnet war. Allerdings starb in diesem Jahr auch sein Vater, so dass ihm dessen finanzielle Unterstützung fehlte, während er, seit 1771 mit Cäcilie Ambrosius verheiratet, seine vierköpfige Familie ernähren musste.

»Ich fand mich deswegen genöthigt, den Ruf anzunehmen, den ich von dem Kanzler Cramer9 erhielt, als Lehrer der Naturgeschichte, der Oekonomie und der Cameral-Wissenschaften mit 650 Rthlrn. Gehalt nach Kiel zu gehen.10 Der Curator, die Lehrer der Academie, und die Einwohner der Stadt nahmen mich mit sehr vieler Liebe und Achtung auf, so wie ich mir auch bald den Beifall und die Freundschaft der Studirenden erwarb. Ich lebte ungemein angenehm, allein ich merkte bald, daß alle Hülfsmittel für meine Wissenschaft mir hier gänzlich fehlten. Man hatte mir zwar, als ich in Kiel angesetzt ward, eine unter meiner Aufsicht anzulegende Sammlung, einen ökonomischen Garten, versprochen; allein die Umstände der academischen Casse verhinderten beständig die wirkliche Ausführung. Ich war daher blos auf meine eigenen Sammlungen eingeschränkt; und da unsere Bibliothek zugleich in meinem Fache äußerst arm war, so würde ich in meiner Wissenschaft sehr geschwind veraltet seyn, wenn ich nicht wieder angefangen hätte, zu reisen.«11

Es folgten fruchtbare Jahre für ihn, in denen er, wie bisher, im Winter Vorlesungen hielt und im Sommer reiste, um seine entomologischen Untersuchungen ausdehnen zu können und immer tiefer in die Systematik der Insekten einzudringen. Er veröffentlichte 1776 die »Genera«, 1778 die »Philosophia entomologica« 12, 1779 die »Reise nach Norwegen«, die er mit dem Kieler Professor Georg Heinrich Weber13 im Sommer 1778 unternommen hatte. Im Sommersemester 1781 fungierte Fabricius als Prorektor; ebenso noch einmal im Sommersemester 1795. 1781 schrieb er über die Volksvermehrung14, 1782 gab er in zwei Bänden die »Species Insectorum« heraus, eine Frucht vieljähriger Arbeit.15

Zum ersten Mal drängt es ihn, Kiel zu verlassen, weil er seine wachsende Familie mit dem Professorengehalt nicht ernähren zu können glaubte. Zudem hätte er in England bessere Arbeitsbedingungen vorgefunden. »Die Regierung fand sich indessen bewogen, mir eine Zulage von 200 Rthlrn. beizulegen, so daß ich jetzt auf 850 Rthlr. angesetzt ward. Ich blieb, reisete aber im Sommer nach England.«16 Folgerichtig veröffentlichte er 1783 »Briefe über England« sowie, gleichfalls ein schmales Bändchen, »Ueber die Erziehung, insonderheit in Dänemark« 17. 1784 erschien die »Cultur der Gewächse«, die auch als dritter Band von Sanders »Naturgeschichte für Landleute« ausgegeben wurde.18

Fabricius' nie erfüllter Wunsch nach einem »ökonomischen« Garten mag in dieser Zeit wieder stark geworden sein. 1785 erschien der erste Band seiner »Polizeischriften«, eine Ausführung verschiedener Kapitel der Anfangsgründe in den ökonomischen Wissenschaften in Bezug auf Dänemark und die Herzogtümer, dem 1788 der zweite Teil folgte. Fabricius nutzte die gerade ein wenig erweiterte Pressefreiheit, was ihm nicht überall Wohlwollen eintrug. »1789 suchte ich, wegen einer Hintansetzung bei unserer Academie, um meinen Abschied, der mir auch nach einiger Weigerung mit 400 Rthlrn. Pension ertheilt wurde. Es war meine Absicht, erst eine Reise nach Frankreich zu machen, und mich alsdann in England nieder zu lassen. Die außerordentliche Achtung und Liebe der Studierenden in Kiel indessen, welche sowol bei der Regierung mit einem Gesuch, von allen unterschrieben, einkamen, und um die Erhaltung ihres Lehrers baten, als auch mich auf die nämliche Art baten, bei ihnen zu bleiben, bewogen mich, meinen erhaltenen Abschied zurückzugeben, insonderheit da mir wenigstens privatim versichert wurde, daß man keine Hintansetzung beabsichtigt habe, und daß man ehestens suchen würde, es mir zu vergüten, welches indessen nie geschehen.«19

Seit 1790 mehren sich die Reisen nach Paris, wo die Sammlungen der Welterkundungen immer reichlicheren Zuwachs erhielten. Fabricius schloss insbesondere Freundschaft mit Guillaume Antoine Olivier (1756–1814), der ein umfassendes Insektenwerk, »Entomologie, ou Histoire naturelle des insectes, avec leurs caractères génériques et spécifiques, leur description, leur synonymie et leur figure enluminée« veröffentlichte. Die sechs Bände wurden in Paris gedruckt: Band I 1789; II 1790; III 1795; IV 1795; V 1807; VI 1808. Während seiner Aufenthalte in Paris, wo seine Frau schließlich von 1796 an dauerhaft lebte, sah Fabricius die Bildtafeln dieser Bände lange vor deren Veröffentlichung. So entstand die kuriose Situation, dass Fabricius und Olivier sich wechselseitig in später publizierten Werken mit Angaben zitierten und sie sich gegenseitig zuwiesen. Fabricius zitierte manche Daten Jahrzehnte bevor sie gedruckt vorlagen! So nennt Fabricius in der »Entomologica systematica« I (1792), S. 306 Nr. 67 unter Cassida 6pustulata »Oliv. Ins. 97 tab. 3 fig. 36«, während Olivier in seinem erst 1808 veröffentlichten sechsten Band »Cassida 6pustulata Fab. Ent. Syst. Em. I, p. 306. n. 67« als Angabe führt. Fabricius und Olivier arbeiteten so eng zusammen, dass sie sich vertrauensvoll in futuris zitieren konnten.

Von 1792 bis 1794 erschien Fabricius’ »Entomologia systematica« in nunmehr sechs Bänden, 1798 durch einen Supplement-Band ergänzt. 1792 versuchte er auch in Kiel Nachfolger des verstorbenen Christian Cay Lorenz Hirschfeld (1742–1792) als Aufseher der Fruchtbaumschule zu Düsternbrook zu werden, um endlich seinen »ökonomischen Garten« zu erhalten, doch wurde ihm Johann Jakob Paul Moldenhawer (1766–1827) vorgezogen.

Von 1798 bis 1804 besuchte Fabricius im Frühling Kopenhagen, wo die Sammlungen so umfangreich geworden waren, dass derart viele neue Arten ihn bewogen, jeder seiner Insektenklassen eine eigene Monographie zu widmen. Neben seinen kürzeren ökonomischen Publikationen20 erschienen bis heute grundlegende Werke mit Erstbeschreibungen Hunderter Insektenarten. 1805 kam das »Systema Antliatorum« heraus21, der Druck des ersten Bandes seines »Systema Glossatorum« war begonnen, als der Verleger bankrott ging. Es ist das seltenste seiner Werke; wegen seines wissenschaftlichen Wertes liegt es allerdings als Nachdruck vor.22

Im Herbst 1806, nachdem er von seinen Dienstpflichten entbunden und königlich dänischer Etatrat geworden war, kehrte Fabricius aus Paris nach Kiel zurück. Das war seine letzte große Reise. Er starb in Kiel am 3. März 1808 und wurde auf dem St.-Jürgen-Friedhof bestattet.


II. Erziehung und Leistung


Seine Eltern erzogen Johann Christian Fabricius in einem Geist von Toleranz und Freiheit – sein Beispiel zeigt ebenso wie dasjenige des 1809 geborenen CharlesDarwin, dass solche Erziehung unabhängigen naturforschenden Geistern förderlich ist. Sie unterstützten sein früh erwachtes Interesse an Pflanzen und Tieren, insbesondere Insekten. Zusammen mit seinem älteren Bruder durchstreifte der junge Fabricius die Landschaft. »[Mein Vater] schenkte uns kleine Pferde, eine kleine Flinte, so bald wir nur im Stande waren, ein Pferd zu überschreiten oder eine Flinte abzuschießen. Er lehrte uns selbst das Ballspiel, Kegelspiel und mehrere andere Spiele, so wie er es überhaupt gerne sahe, daß wir in beständiger Bewegung, insonderheit im Freien, waren. Dieser beständigen Thätigkeit der ersten Kindheit schreibe ich wenigstens zum Theil die nachmalige Festigkeit meines Körpers und die Leichtigkeit zu, körperliche Beschwerden zu ertragen. 1754 impfte er uns selbst die Blattern mit glücklichem Erfolg ein, nur deswegen merkwürdig, weil wir die ersten, wenigstens in den Herzogthümern, vielleicht im ganzen Lande waren, an denen die Einimpfung versucht ward.«23 Als die Kinder das in vier Bänden zusammengefasste Herbarium des Vaters in dessen umfangreicher und ihrer Nutzung zugänglichen Bibliothek entdeckten, begannen sie, das Papier, auf dem die einzelnen getrockneten Pflanzen befestigt waren, auszuschneiden. Der Vater erkannte, dass nicht Zerstörungswut, sondern Erkenntnisdrang die Ursache war – und trennte sich zum Wohle der Erziehung seiner Söhne von dem gehüteten Besitz. Die beiden, vor allem aber der naturkundlich enorm begeisterte Johann Christian, versuchten, die vom Vater annotierten Namen nach dem System von Tournefort24 in das neueste und gerade begründete System von Carl von Linné25 zu übertragen. »... es war kein geringer Jubel, wenn wir eine oder die andere aus Linnés specibus plantarum bestimmen konnten«.26 Diese Erfolge bestimmten das Wollen des jungen Fabricius, der sich konsequenter Weise wünschte, bei Linné zu studieren.

Als er aus Uppsala so voller Begeisterung für Naturkunde – und nicht für Medizin – zurückkehrte, war sein Vater wegen der fehlenden beruflichen Perspektiven besorgt – eine weitere Parallele zu Darwins Werdegang.27 »[Doch], zu gütig, um meine Arbeiten, die ich mit wirklichem Eifer triebe, zu stören, oder sich nach seinen Ideen einmischen zu wollen,… suchte [er] deswegen schon damals bei dem Grafen von Moltke für mich an, um die Anwartschaft auf die Stelle eines Professors der Oekonomie bei dem Charlottenburger Naturaltheater «28 zu erwerben. Die Volkswirtschaftslehre hatte zur damaligen Zeit einen hohen biologischen Anteil, weil Landbau, Güterverwaltung, Transportwesen und alle dazugehörigen behördlichen Verordnungen in der agrarisch geprägten Gesellschaft auf Kenntnissen in Zoologie und Botanik beruhten. Allerdings gehörte an vielen Universitäten die Ökonomie zur Philosophischen Fakultät, ein Umstand, der einem in diesem Umfeld als Außenseiter dastehenden Biologen selten förderlich wurde. Für sein Fortkommen erwies es sich zudem als hinderlich, dass seine politischen Ansichten nicht immer allgemeinen Beifall fanden. »Wegen der kleinen im Kielschen Magazine eingerückten Stücke, nämlich das Lob der Leibeigenschaft, die Ankündigung einer Geschichte Friederichs des Fünften, und Dännemarks Finanz- und Schuldenwesen, bin ich oft angegriffen worden; sie enthalten doch manche Wahrheiten.«29

Fabricius finanzierte sowohl seine Reisen als auch die Ausbildung seiner Kinder selbst. Es war bereits Tradition in der Familie, auf staatliche Stipendien zu verzichten. Johann Christians Vater hatte diese für seine beiden Söhne abgelehnt, und Johann Christian selbst folgte ihm darin. Seine beiden Söhne studierten Medizin und setzten die Familientradition fort.

Stets beklagte Fabricius, dass ihm außer dem Versuchsgarten auch die wissenschaftlichen Sammlungen fehlten. Den Zuwachs an außereuropäischen Insekten in den europäischen Sammlungen konnte er nur auf seinen Reisen studieren. Welche enorme Gedächtnisleistung er dabei vollbrachte, zeigt der Umstand, dass sich unter den vielen Tausenden seiner Beschreibungen nur wenige Doppelungen finden. In Kiel schuf er die Grundlagen für die naturwissenschaftlichen Sammlungen. Gesteinsproben und Minerale, die offenbar verschollen sind, dienten seinen naturkundlichen Vorlesungen. Seine Pflanzensammlung war der Grundstock des Universitätsherbariums, und seine Insektensammlung gehört dem Zoologischen Museum; zur Zeit wird sie als Leihgabe in Kopenhagen kuratiert. So nehmen nicht nur Fabricius’ entomologische Werke, sondern auch seine Taten noch immer einen bedeutenden Rang ein.

In seine wissenschaftlichen Artikel hat Fabricius einige Zeichnungen der neu beschriebenen Insekten aufgenommen, doch nie in eines seiner Bücher. Das hätte den Druck enorm verteuert und ein Erscheinen der Bände wohl unmöglich gemacht. Der französische Entomologe Jean Antoine Coquebert de Montbret (1753–1825) aber veröffentlichte ein ausgezeichnet illustriertes Werk, »Illustratio Iconographica Insectorum, quae in Musaeis parisinis observavit et in lucem edidit Joh. Christ. Fabricius, Parisiis Anno VII, X, XII« (1799, 1802, 1804) mit 142 Seiten und 30 Tafeln. Coquebert verweist darin auf die Beschreibungen der Arten durch Johann Christian Fabricius, während dieser, in seinen späteren Büchern, wiederum auf die Abbildungen und Texte Coqueberts Bezug nimmt. Diese Abbildungen, die nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern auch wissenschaftlich exakt sind, helfen bis heute, die sehr knappen Beschreibungen Fabricius’ zu verstehen und mit Bestimmtheit Arten zuzuordnen.


III. Mittlerposition zwischen Linné und Darwin


Erst 1668 hatte Francesco Redi im Experiment nachgewiesen, dass die Vorstellung, Maden entstünden aus totem Fleisch, falsch ist. Während im 18. Jahrhundert das biologische Wissen Fortschritte erzielte, fehlte es noch an einer plausiblen Theorie für die Entwicklung des Organischen, und die beste Erklärung für die Entstehung der Arten schien immer noch die Anwendung der Genesis auf alles Leben zu sein. Aus diesem Geist heraus schuf Linné seine gewaltige systematische Leistung. Linné selbst hat in seinen späten Jahren aufgrund seiner vielen Beobachtungen und seiner Kenntnis aller Tier- und Pflanzenarten, die irgendwo in Europa lebten oder in Form von Präparaten nach Europa gelangten, hie und da einen Gedanken an die Veränderlichkeit dieser Arten eingestreut. Indem Macht und Einfluss Europas in der Welt wuchsen, entdeckte man unendlich viele neue Arten, die den Menschen vor Augen führten, dass die Erde eine wesentlich größere Vielfalt an Leben beherbergt, als man sich je vorgestellt hatte. Mit dieser Menge umzugehen, war eine praktische Frage, die Johann Christian Fabricius erfolgreich beantwortete; sie zu verstehen, führte zu einer Revolution unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit, die Charles Darwin und Alfred Russell Wallace (1823–1913) in Gang setzten.

Alle Entomologen kennen Fabricius' Namen, weil er rund 10.000 neue Insektenarten beschrieben hat und so einer der wichtigsten Systematiker dieser großen Tiergruppe wurde. Jedoch sah Fabricius Systematik im wesentlichen als Hilfsmittel an, um das Wirken der Natur besser zu verstehen. Ähnlich wie sein Lehrer Linné alle Arten zu beschreiben trachtete, um letztlich den Schöpfungsplan Gottes erkennen zu können, ging es Fabricius darum, mit Hilfe der Beschreibungen der Arten und immer genauerer Gattungsabgrenzungen Gesetzmäßigkeiten in der Natur abzuleiten. »So wie wir keinen Mann als gebildet erachten, nur weil er lesen kann, bezeichnen wir keinen Mann als Naturforscher, der nichts als das System kennt«30, war ein Credo seiner wissenschaftlichen Bemühungen.

Fabricius legte seine allgemeinen Gedanken zu den Naturgesetzen, die Arten bestimmen, in seiner »Philosophia entomologica« nieder, führte sie aber auch in seinem »Versuch über die Gesetze des Naturreiches« in Cramer’s Beiträgen31 und in seinen »Betrachtungen über die allgemeinen Einrichtungen in der Natur«32 und schließlich in seinem Buch »Resultate natur-historischer Vorlesungen«33 aus.

In diesem Buch finden sich Passagen, die sehr modern anmuten. »Auf diese Entstehung der neuen Arten, theils durch die Vermischung der schon vorhandenen unter sich, theils durch die besondere Leichtigkeit der äusseren Theile eine neue Figur anzunehmen, und dadurch die festen, in Arten übergehende, Abänderungen zu bilden, gründet sich die ausserordentliche Menge und Mannigfaltigkeit derselben.« (S. 30) – oder: »die nach und nach in Arten übergehende festen Abänderungen« (S. 24) – oder: »die Arten der grössern Affen, aus welcher [der Mensch] sich entwickelt zu haben scheint« (S. 203) – ein Gedanke, den Charles Darwin mehr als ein halbes Jahrhundert später zunächst so nicht auszusprechen wagte und der weit über die zu Fabricius’ Zeiten diskutierten Theorien der Arten hinausging.

Johann Christian Fabricius begründete die biologischen Universitätssammlungen. Auf diesem Bogen aus dem Universitätsherbarium Kiel ist ein Wildes Stiefmütterchen (Viola tricolor) montiert, das Fabricius vor über 200 Jahren sammelte. Es ist eine der Ausgangsformen unserer heutigen Stiefmütterchen und hat bis heute im konservierenden Dunkel seine Farbe bewahrt.


Zahlreiche ähnliche evolutionsbiologisch richtige Gedanken durchziehen seine Veröffentlichungen. In der »Philosophia entomologica« schreibt er (VI.4): »ergo copula differentium haud semper eandem speciem certe demonstrat« [nicht einmal die Kopulation zeigt mit Sicherheit, dass Individuen zu derselben Art gehören]. Fabricius erkannte den Einfluss der Umwelt auf die Entwicklung des Lebens und äußert auch, dass Weibchen die stärksten Männchen bevorzugen. In vielem geht Fabricius Gedanken näher nach, die sein bewunderter Lehrer Linné in seinen letzten Schaffensjahren hegte; in vielem weist er schon auf den Lamarckismus voraus. Was ihm, wie später Darwin, fehlte, war eine Erklärung der Vererbbarkeit von Merkmalen.

Fabricius war weitgereist und hatten einen offenen Geist, der sich auf vielen Feldern tummelte. Aus einer Debatte konnte er schnell die wichtigsten Argumente aufgreifen und seine eigenen Ansichten aus ihnen entwickeln. Seine allgemeinen Gedanken und Theorien flossen seitdem mit denen seiner Nachfolger in den vielen Feldern der Biologie zusammen. Seine Darstellung und Auffassung der »Ökonomie der Natur« lehrte er in Kiel über dreißig Jahre, entwickelte sie weiter – und hinterließ mit seinem entomologischen System ein bis heute grundlegendes Werk.

Dr. rer. nat. Martin Nickol



Erstveröffentlicht in: Christiana Albertina, Forschungen und Berichte aus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Ausgabe 68

Anmerkungen


1  E. Janet Browne: Charles Darwin: Voyaging. Princeton 1996.

2  Bei ihm, der zusammen mit seinem Vater am Königlichen Frederiks Hospital arbeitete, konnte Fabricius zahlreiche Sammlungsstücke nutzen. Vgl. Des Herrn Apothekers Joachim Diedrich Cappel hinterlassene Sammlung von Naturalien besonders Conchylien und Mineralien. Die d. April 1785 in der Wohnung des Apothekers ... öffentl. verauctionirt werden sollen ... Copenhagen: Möller 1785.

3  Jo. Christ. Fabricii systema entomologiae, sistens insectorum classes, ordines, genera, species, adiectis synonymis, locis, descriptionibus, observationibus. Flensburgi; Lipsiae: Korte, 1775. 832 S. Siehe auch: Genera insectorum; Species insectorum sistens eorum differentias specificas, synonyma auctorum, loca natalia, metamorphosis, etc..., Hamburgi 1779

4  Zur Jahreswende 1769/70 nahm Schreber einen Ruf der Universität Erlangen als ordentlicher Professor der Botanik, Naturgeschichte, Wirtschaft und Politik an. 1773 übernahm er die Leitung des Botanischen Gartens der Universität. Neben seiner eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit begann Schreber in diesen Jahren, das gesamte Werk Carl von Linnés ins Deutsche zu übersetzen.

5  Johann Christian Fabricius: Johan Christian Fabricius [Autobiographie]. Kopenhagen: Lahde 1805. Deutsch in: Kieler Blätter für 1819; Bd. 1, S. 88 – 153. – Christian Gottlieb Ludwig (1709– 1773), Mediziner und Botaniker, war seit 1741 ordentlicher Professor an der Universität Leipzig.

6  Sir Joseph Banks (1744–1820) war als englischer Naturforscher 45 Jahre lang Präsident der Royal Society.

7  Anfangs-Gründe der oeconomischen Wissenschaften zum Gebrauch academischer Vorlesungen. Flensburg 1773. 360 S. Das Erscheinungsjahr wurde vordatiert.

8  Jo. Christ. Fabricii systema entomologiae, sistens insectorum classes, ordines, genera, species, adiectis synonymis, locis, descriptionibus, observationibus. Flensburgi; Lipsiae: Korte 1775. 832 S.

9  Johann Andreas Cramer (1723–1788), seit 1774 Professor der Theologie in Kiel, ab 1784 Kanzler der Universität. Fabricius trügt offenbar die Erinnerung, denn in Folge der Vereinigung des großfürstlichen Teiles mit dem königlichen Anteil Holsteins 1773 hatte der König von Dänemark 1774 das Rektorat der Universität übernommen, bestätigte am 12. Januar 1775 deren Privilegien und setzte im selben Jahr Graf Detlev Reventlow als Kurator ein. Reventlow, nicht Cramer, wird die Verhandlungen mit Fabricius geführt haben. Vgl. Georg Asmussen: Findbuch des Bestandes Abteilung 47.1 Kuratorium der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Hamburg 2007 (Veröffentlichungen des Landesarchivs Schleswig-Holstein 91).

10  Vgl. Anm. 5. Er wurde am 6. September 1775 ordentlicher Professor der Ökonomie, Naturund Kameralwissenschaften zu Kiel. Vgl. Friedrich Volbehr – Richard Weyl: Professoren und Dozenten der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel: 1665 – 1954 ; mit Angaben über die sonstigen Lehrkräfte und die Universitäts-Bibliothekare und einem Verzeichnis der Rektoren. Kiel 41956, S. 161.

11  Wie Anm. 5. Die Ausstellung »Johann Christian Fabricius - Naturforschung im 18. Jahrhundert« vom 22.10.2008 bis 22.12.2008 in der Universitätsbibliothek Kiel zeigte diese vielfältigen Beziehungen Fabricius’ zu anderen Gelehrten.

12  Philosophia entomologica. Hamburg 1778.

13  Georg Heinrich Weber, geboren am 27. Juli 1752 in Göttingen als Sohn des Theologen Andreas Weber, 1774 Dr. med. in Göttingen, 1777 außerordentlicher Professor der Medizin und Botanik; gründete 1788 die Krankenanstalt in der Prüne, die 1802 an die Universität überging. An diesem akademischen Krankenhaus gründete Weber 1802 den dritten Botanischen Garten der Christiana Albertina. Weber wurde 1810 Direktor des Sanitäts-Kollegiums, 1824 Dr. phil h.c. der Kieler Philosophischen Fakultät, war seit 1806 dänischer Etatrat [Ernennung zusammen mit Fabricius!] und zu seinem Amtsjubiläum Konferenzrat. Gestorben am 7. Juli 1828. Vater des Mediziners, Botanikers und Entomologen Friedrich Weber, der bei Fabricius studierte.

14  Von der Volks-Vermehrung insonderheit in Dännemark. Hamburg; Kiel: Bohn 1781. 88 S.

15  Ioh. Christ. Fabricii Species insectorum: exhibentes eorum differentias specificas, synonyma auctorum, loca naturalia, metamorphosii; adjectis observationibus, descriptionibus. Hamburgi; Kilonii: Bohn 1781.

16  Siehe Anm. 5.

17  Dessau und Leipzig: in der Buchhandlung der Gelehrten 1784. 82 S.

18  Cultur der Gewächse zum Gebrauch des Landmannes. Leipzig: Jacobäer 1784. 207 S.

19  Siehe Anm. 5.

20  Als umfangreichere darunter ist zu nennen: Joh. Christ. Fabricius, ... der Naturgeschichte, ... Lehrer, ... über Academien, insonderheit in Dännemark. Kopenhagen: Propst und Storch 1796. 208 S.

21  Systema Antliatorum: secundum ordines, genera, species adiectis synonymis, locis, observationibus, descriptionibus. Brunsvigae: Reichard 1805. 402 S.

22  J. Chr. Fabricius: Systema glossatorum. Hrsg. von Felix Bryk. Neubrandenburg 1938.

23  Wie Anm. 5. Vgl. Peter Kristian Iversen: Fysicus J. C. Fabricius og kvægpesten i Tønder amt 1744-48. In: Ders., Prange, Knud und Rambusch, Sigurd (Hrsg.): Festskrift til Johan Hvidtfeldt på halvfjerdsårsdagen 12. December 1978. Kopenhagen 1978, S. 177-187.

24  Der französische Botaniker und Forschungsreisende Joseph Pitton de Tournefort ( 1656- 1708) hatte ein System der Pflanzen in seinen 1694 erschienen ›Éléments de botanique, ou methode pour connoître les plantes‹ auf dem Blüten- und Fruchtbau aufgebaut, das Carl von Linné als Anregung diente.

25  Caroli Linnaei Species Plantarum, exhibentes plantas rite cognitas, ad Genera relatas, cum Differentiis Specificiis, Nominibus Trivialibus, Synonymis Selectis Locis Natalibus, Secundum Systema Sexuale digestas. Holmiae: Salvius 1753.

26  Siehe Anm. 5.

27  Charles Darwin: Mein Leben: 1809 – 1882. Hrsg. v. Nora Barlow. Frankfurt am Main und Leipzig 2008.

28  Siehe Anm. 5

29  Siehe Anm. 5.

30  Fabricius, Resultate natur-historischer Vorlesungen. Kiel: in der neuen academischen Buchhandlung 1804. XX + 428 S., S. 138.

31  Beyträge zur Beförderung theologischer und andrer wichtigen Kenntnisse von Kielischen und auswärtigen Gelehrten. Hrsg. von Johann Andreas Cramer Bd. 2. Kiel 1778, S. 72-136.

32  Betrachtungen über die allgemeinen Einrichtungen in der Natur. Hamburg: Bohn 1781.VIII + 360 S.

33  Wie Anm. 30.


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