Christian-Albrechts-Universität zu Kiel


Große Forscher und Forscherinnen von der Förde:

Walther Flemming


Der Kieler Anatom und Histologe gewann internationale Anerkennung durch zellgenetische Grundlagenforschung. Dr. Helmut Zacharias stellt ihn vor.


Walther Flemming war ein Wegbereiter der Zytogenetik, eines Wissenschaftsgebietes, das Strukturen und Vorgänge im Zellkern mit dem Mikroskop analysiert. Er untersuchte als Erster systematisch die Chromosomen während der Teilung und prägte hierfür den Begriff Mitose. Sein 1882 veröffentlichtes Werk »Zellsubstanz, Kern und Zelltheilung« gilt als Gründungsschrift der modernen Zellbiologie.

Flemming trat im Februar 1876 seinen Dienst am Anatomischen Institut in Kiel an, das damals im Warleberger Hof untergebracht war. Dort hatte er nach eigenen Worten »in besonderem Grade mit den beiden bestehenden Uebelständen, dem Raummangel und dem Mangel an Material, zu kämpfen gehabt. (...) Die Zahl der eingegangenen Leichen war auffallend gering.« Nicht alle Präparanten (sic) erhielten daher Material, und »es konnten nur wenige Skelett-, Muskel- und Gefäßpräparate« für die anatomische Sammlung angefertigt werden, wie er im ersten Jahresbericht schrieb. So widmete sich Flemming besonders dem zweiten Teil seiner Professur, der für höhere Anatomie gehaltenen Histologie, der feingeweblichen Untersuchung.

Als er nach Kiel kam, zählte der Nachfolger von Karl Wilhelm Kupffer (1829–1902) bereits zu den führenden Zellforschern; die Prager Universität hatte Flemming 1873 zum außerordentlichen Professor für Histologie und Entwicklungsgeschichte ernannt. »Zur Kenntniss der Zelle und ihrer Theilungs-Erscheinungen«, so der Titel einer Veröffentlichung im Jahr 1878, wollte er beitragen. Der Feuersalamander eignet sich dafür in idealer Weise wegen seiner besonders großen Chromosomen. So gelang es Flemming mit stundenlanger Lebendbeobachtung und selektiver Färbung, den Übergang des ›ruhenden‹ Zellkerns in die Teilungsphasen zu beschreiben. Er stellte fest: »Stets erst nach der Teilung ihres Kerns tut dies die Zelle.« Am 13. Januar 1879 machte ihn die Kaiserliche Deutsche Akademie der Naturforscher in Halle zum Mitglied. Noch im selben Jahr prägte er für die färbbare Kernsubstanz das Wort Chromatin.

Endlich, Anfang 1880, zog die Anatomie von der Dänischen Straße in das neue Institut an der Hegewischstraße, wo nebenan auch das Gebäude der Zoologie entstand. Im selben Jahr ging Flemming nach Neapel und untersuchte an der exzellenten zoologischen Station die Befruchtung und Teilung von Seeigel-Eiern.

Flemming durchdrang den zellvermehrenden Zyklus und rang um eine passende Benennung der Teilungsphasen, mit denen die »Faden-Metamorphose« der Kerne bei wohl allen höheren Lebewesen abläuft. Sein Fachbegriff »Mitose« für den Prozess der Kerntei-lung, der in zwei genetisch identische Toch-terzellen resultiert, hat seit 1882 Bestand. Erst 1891 wurde ihm klar, dass die Chromosomen sich vor der Trennung verdoppeln müssen.

Flemming erkannte auch, dass Geschlechtszellen nicht dem gewöhnlichen Teilungsmuster folgen. An der Spermienbildung des Feuersalamanders beschrieb er diese sonderbar zweifache Kernteilung. Sie führt zu vier genetisch verschiedenen Tochterzellen, von denen jede nur den einfachen Chromosomensatz beinhaltet. Er benutzte dafür zwar noch nicht das Fachwort Meiose, beschrieb aber genau ihre beiden Teilungsschritte.

Walther Flemming wurde am 21. April 1843 in Sachsenberg bei Schwerin geboren. Sein Vater, Carl Friedrich Flemming (1799–1880), leitete dort die mecklenburgische Landesheilsanstalt für Geisteskranke. Der Sohn Walther studierte in Göttingen, Tübingen, Berlin und Rostock Medizin. 1870 diente er freiwillig als Arzt im Deutsch-Französischen Krieg. 1871 habilitierte er sich an der medizinischen Fakultät Rostock und ging anschließend nach Prag. 1876 wurde er an die kleinste preußische Universität nach Kiel berufen. Hier verbrachte er seine wissenschaftlich ergiebigsten Jahre und machte das Anatomische Institut zu einem international sichtbaren Forschungszentrum für zelluläre Biologie.1902 ließ sich der Geheime Medizinalrat aufgrund einer fortschreitenden Krankheit entpflichten; zuletzt fesselte ihn ein Oberschenkelbruch an sein Haus im Düsternbrooker Weg 55, das nicht mehr existiert. Am 4. August 1905 starb Walther Flemming an Lungenentzündung.

Helmut Zacharias



Der Autor, Dr. Helmut Zacharias,

ist Zytogenetiker und arbeitete bis 1994 in der Allgemeinen Zoologie der CAU. Er unterstützt die Initiative der CAU, eine Straße nach dem bedeutenden Forscher und Hochschullehrer Walther Flemming zu benennen. Rektor Professor Thomas Bauer hat sich im Sommer 2007 mit diesem Anliegen an die Kieler Oberbürgermeisterin gewandt. Ein Entschluss hierzu liegt noch nicht vor.

Stichwort: Flemmings Schmetterlinge

Die materiellen Hinterlassenschaften Walther Flemmings sind dürftig, seine Briefe und Aufzeichnungen sind unauffindbar, alle anatomischen Schriften und Präparate gingen 1944 mit der Zerstörung des Instituts verloren. Neben seinem Mikroskop blieben Schmet-terlinge erhalten. Im Nachruf auf seinen Vorgänger am Anatomischen Institut schreibt Ferdinand Graf von Spee: »Zu seiner Erholung nach Semesterschluss pflegte er zuerst in die Alpen zu eilen, mit Vorliebe hoch gelegene Orte zum Aufenthalt zu wählen und sich hier der Vervollständigung seiner schließlich sehr bedeutenden Sammlung europäischer Schmetterlinge hinzugeben, für deren Variation er ein besonderes Interesse besaß.« Clara Flemming übergab diesen Nachlass ihres Bruders dem Zoologischen Museum der CAU. Die Sammlung war damals in vier Schränken untergebracht und enthielt 4.240 Schmetterlinge. Das Zoologische Museum hat erst angefangen, die Sammlung zu sichten. Sie ist derzeit nicht ausgestellt.

Zum Weiterlesen:

Gudrun Peters: Walther Flemming 1843–1905: Sein Leben und sein Werk. Wachholtz Verlag, Neumünster 1967

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