Christian-Albrechts-Universität zu Kiel


Große Forscher und Forscherinnen von der Förde:

Philipp Eduard Anton Lenard


Der Experimentalphysiker und Nobelpreisträger gilt als einer der zwiespältigsten Wissenschaftler in der Geschichte der Kieler Universität. Einerseits ein hochkarätiger Forscher, andererseits ein verbitterter Egozentriker und leidenschaftlicher Nationalsozialist.


Philipp Eduard Anton Lenard wird 1862 im österreich-ungarischen Preßburg (heute: Bratislava/Slowakei) als Sohn eines Weinhändlers geboren. Nach dem Studium der Naturwissenschaften in Budapest und Wien sowie der Physik in Berlin und Heidelberg promoviert Lenard 1886 in Heidelberg. 1891 geht er als Assistent nach Bonn zu Heinrich Hertz, wo er sich auch habilitiert. Hier führt er bereits Experimente zur Untersuchung der Kathodenstrahlen durch, die ihm später die höchste Auszeichnung bringen sollen.

1898 kommt Lenard nach Kiel. Als Leiter baut er hier ein neues physikalisches Institut auf. Charlotte Schmidt-Schönbeck zitiert seine Beweggründe in ihrem Buch über die Geschichte der Physik an der Kieler Universität: »Ich dagegen war entschlossen, mit vollkommener Rücksichtslosigkeit vorzugehen, da ich den Ruf überhaupt nur angenommen hatte, um endlich uneingeschränkt und hindernislos zu einer vollausgerüsteten Arbeitsstätte zu kommen. Ich hatte als Assistent und als zweiter Physiker lange genug alles zugegeben, um es den mir Übergeordneten so angenehm wie möglich zu machen; jetzt forderte ich das für mich.«

Die neun Jahre in Kiel gehören zu Lenards produktivsten: Hier entdeckt er 1900 die wichtigsten Gesetzmäßigkeiten des lichtelektrischen Effekts. Er entwickelt das »Dynamidenmodell« des Atoms – ein Vorläufer moderner Atommodelle. Es besagt, dass der größte Teil des Atoms leer ist. Schließlich bekommt er 1905 für »wichtige Arbeiten zu den Kathodenstrahlen« den Nobelpreis für Physik verliehen. 1907 wechselt Lenard als Direktor des Instituts für Physik und Radiologie nach Heidelberg.

Während er zu seiner Zeit in Kiel »an politischen Dingen kein Interesse zeigte«, so Schmidt-Schönbeck, ändert sich das schlagartig mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. Als schließlich auch Großbritannien Deutschland den Krieg erklärt, entzündet das in ihm einen lang gehegten persönlichen Hass gegen einen englischen Forscherkollegen: Er kann nicht verwinden, dass Joseph John Thomson 1897 seine Arbeiten zu den Kathodenstrahlen veröffentlicht hat, ohne Lenards Vorleistungen auch nur zu erwähnen. Den Ersten Weltkrieg sieht er als Kampf zwischen »deutscher Kultur« und »westlicher Zivilisation«. Seiner vaterländischen Begeisterung folgt der Schock durch die deutsche Kapitulation 1918, der seinen Nationalismus und Antisemitismus verschärft. Lenard hält die experimentelle Physik für eine »nordische Wissenschaft«, die dem »jüdischen Weltbluff« der theoretischen Physik überlegen sei.

Nach dem Ersten Weltkrieg sondert sich Lenard zusehends ab, sowohl fachlich als auch menschlich. Er findet keinen Zugang zu den modernen Erkenntnissen der Physik und lehnt auch Einsteins Relativitätstheorie ab, nicht zuletzt auf Grund antisemitischer Vorurteile. 1920 auf der Naturforscher-Versammlung in Bad Nauheim greift er Albert Einstein öffentlich an und tritt schließlich aus der Deutschen Physikalischen Gesellschaft aus. Schon 1924 bekennt er sich in dem Aufruf »Hitlergeist und Wissenschaft« offen zu Hitler.

Nachdem Lenard 1930 in den Ruhestand getreten ist, beschäftigt er sich vornehmlich aus historischer Sicht mit der Entwicklung physikalischer Gesetze. Er veröffentlicht das mehrbändige Lehrbuch »Deutsche Physik«. Sein Urteil über physikalische Leistungen ist von seiner politischen Haltung geprägt: Er vertritt die Auffassung, wahre Naturerkenntnis könne nur von der »arischen Rasse« gewonnen werden. Einsteins Arbeiten seien dem gegenüber »Judenbetrug«. Lenard, der bereits sein Heidelberger Institut zu einem »judenfreien« Zentrum der politischen Rechten gemacht hatte, gelangt zu nationalsozialistischen Ehren. Während der Nazizeit erklärt er alle Vertreter der modernen Quantenphysik zu »Statthaltern des jüdischen Geistes im Deutschen Reich« und trägt mit dieser Hetzkampagne dazu bei, dass sie in Deutschland nicht mehr forschen dürfen.

Er verlässt nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit 83 Jahren Heidelberg und zieht ins badische Messelhausen. Die Amerikaner verschonen ihn wegen seines hohen Alters mit Entnazifizierungsmaßnahmen. Lenard stirbt 1947.

Auf der Physikertagung, die 1947 stattfand, wurde Lenard posthum mit folgenden Worten gewürdigt: "Wir können und wollen die Verfehlungen des Pseudopolitikers L. nicht verschweigen oder entschuldigen, aber als Physiker gehörte er zu den Großen."
(zitiert nach DBE)

Sandra Sieraad



Das Lenardfenster

Für seine Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Kathodenstrahlen erhielt Lenard den Nobelpreis für Physik. Kathodenstrahlen werden in einer Gasentladungsröhre – ähnlich einer konventionellen TV-Bildröhre – erzeugt. Lenard entdeckte, dass die Strahlung durch ein dünnes Fenster aus Aluminiumfolie (das nach ihm benannte Lenardfenster) die Entladungs­röhre verlassen konnte – ein früher Hinweis auf den »löchrigen« Aufbau der Materie und die Leere im Inneren der Atome. Durch das Lenardfenster war es möglich, die Strahlen unabhängig von ihrem Entstehungsprozess zum Beispiel im Vakuum, das dabei aufrecht erhalten wurde, oder unter Atmosphärendruck zu erforschen. So konnte er die Strahlung als negativ geladene Teilchen mit sehr geringer Masse identifizieren, für die sich später der Begriff »Elektronen« durchsetzte. Auch die Entdeckung der kurzwelligen Röntgenstrahlen durch Wilhelm Conrad Röntgen geht auf Lenards weiter entwickelte Kathodenstrahlröhren zurück. Lenard beschaffte ihm geeignete Entladungsröhren aus eigenem Bestand und verzieh Röntgen Zeit seines Lebens nie, dass er in dessen Schriften und Vorträgen nie erwähnt wurde.

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