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Große Forscher und Forscherinnen von der Förde:

Johanna Mestorf


Die gebürtige Bramstädterin wurde 1891 erste Museumsdirektorin und 1899 die zweite Professorin Deutschlands an der Universität Kiel. Die Prähistorikerin leitete das »Schleswig-Holsteinische Museum vaterländischer Alterthümer« an der CAU.


Der wissenschaftliche Werdegang von Johanna Mestorf unterscheidet sich erheblich von dem männlicher Wissenschaftler ihrer Zeit. Denn die Universität blieb ihr verwehrt, sie hatte keine Chance auf ein Studium, geschweige denn eine Promotion oder Habilitation. Und dennoch – durch unermüdliches Selbststudium gelang es ihr, »Karriere« zu machen. Ausgehend von der prähistorischen Sammlung ihres früh verstorbenen Vaters widmete sie sich der vaterländischen Geschichte und den Altertümern. Sie übersetzte wichtige Abhandlungen skandinavischer Archäologen, schrieb selbst grundlegende Werke, erforschte eine Kulturstufe der Jungsteinzeit und gab ihr einen Namen (Einzelgrabkultur).

Ihre Teilnahme an den großen internationalen Archäologenkongressen in Kopenhagen 1869, in Bologna 1871 und in Brüssel 1872 sind für die damalige Zeit ungewöhnlich und belegen ihre fachliche Akzeptanz. »Unter Johanna Mestorfs Ägide ist der Grundstock für die Erforschung der Prähistorie Schleswig-Holsteins gelegt worden«, schreibt die Prähistorikerin Eva-Maria Mertens aus Karnin. »Zentraler Mittelpunkt war die Einrichtung einer Ausstellung im Museum Vaterländischer Alterthümer im Gebäude Kattenstraße in Kiel (...) Die von ihr dafür zusammengetragene Sammlung bildet heute den Kern der reichen Sammlungen des Schleswig-Holsteinischen Archäologischen Landesmuseums Schloss Gottorf.« Mertens hat zusammen mit Dr. Julia Koch 1999 eine Tagung zum Gedenken an Johanna Mestorf organisiert. Die Tagungsbeiträge sind in dem Buch »Eine Dame zwischen 500 Herren« veröffentlicht. Die Kieler Universität hat eine Straße nach der zweiten Professorin Preußens benannt. Zwei Institute, deren Geschichte eng mit der Wissenschaftlerin verbunden ist, liegen in der Johanna-Mestorf-Straße: das Institut für Ur- und Frühgeschichte und das Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde. Im Institut für Ur- und Frühgeschichte befindet sich der Johanna-Mestorf-Hörsaal, den ein Portraitbild der Wissenschaftlerin ziert.

Johanna Mestorf kam – laut Eintragung im Kirchenbuch – am 17. April 1828 in Bramstedt (Holstein) zur Welt. Zeit ihres Lebens hat sie jedoch den 17. April 1929 als ihren Geburtstag gefeiert, auf die Jahreszahl 1829 nehmen alle Ehrungen zum 70., 75. und 80 Geburtstag Bezug. Ihr Vater, der Wundarzt und Chirurg Jacob Heinrich Mestorf, widmete sich neben seiner medizinischen Tätigkeit der Altertumsforschung und sammelte prähistorische Funde. Nach seinem Tod im Jahr 1837 zieht die Mutter mit den fünf Kindern nach Itzehoe. Trotz wirtschaftlicher Not erhält Johanna Mestorf eine gründliche Schulbildung an der höheren Töchterschule der Fräulein Blöker in Itzehoe.

1849 geht sie für mehrere Jahre als Erzieherin in den Haushalt des Grafen Piper, Schloss Engsö in Schweden, wo sie ihre Sprach- und Geschichtskenntnisse vertieft. Das war eine übliche Tätigkeit für ein gebildetes unverheiratetes Mädchen aus gutem Hause ohne Vermögen. Fünf Jahre verbringt sie in Schweden. Dort erlernt sie nordische Sprachen und lernt die Verfasser bekannter Werke über skandinavische Archäologie persönlich kennen. Nach einer kurzen Rückkehr zu ihrer Mutter 1853 begleitet sie eine Verwandte der schwedischen Familie, Gräfin Faletti di Villa Falletto, mehrere Jahre durch Italien.

Im Jahr 1859 zieht sie nach Hamburg zu ihrem Bruder. Dort beginnt sie mit den ersten wissenschaftlichen und heimatkundlichen Studien und tritt vor allem als Übersetzerin der skandinavischen archäologischen Literatur hervor. Auf diese Weise verbreitet Mestorf die Erkenntnisse der damals fortschrittlichen archäologischen Forschung Skandinaviens. Ihren Lebensunterhalt bestreitet sie von 1867 an als Fremdsprachensekretärin des »Lithographischen Institut C. Adler« in Hamburg. Seit 1868 gehört sie dem Kieler Museum als freie Mitarbeiterin an. Als dieses in das Museum für vaterländische Alterthümer überführt und in die CAU eingegliedert wird, erhält sie 1873 die neu geschaffene Stelle einer Kustodin unter der Leitung von Museumsdirektor Professor Heinrich Handelmann. »Dabei kann nicht oft genug betont werden, dass dieses Museum erst 1873 gegründet worden war. Johanna Mestorf hatte daran maßgeblichen Anteil«, so Dr. Dagmar Unverhau aus Berlin.

Nach dem Tod Handelmanns 1891 wurde die 63-jährige Mestorf seine Nachfolgerin. Sie war damit die erste Frau in Deutschland, die ein Museum und ein Universitätsinstitut leitete. Der Professorentitel – genauer gesagt: Honorarprofessorentitel vom preußischen Kultusministerium mit allerhöchster Ermächtigung – wurde in Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Arbeiten verliehen. Sie war damit neben einer Naturforscherin aus dem Baltikum die zweite Frau in Deutschland, die zur Professorin ernannt wurde. Johanna Mestorf war bereits 71 Jahre alt, als sie diese Würdigung 1899 vom deutschen Kaiserpaar erhielt. Eine Lehrtätigkeit hat sie aber nie ausgeübt.

Am 1. April 1909 trat Mestorf von ihrem Posten als Direktorin des Kieler Museums zurück. Zu ihrem vermeintlich 80. Geburtstag, tatsächlich war es der 81., verlieh ihr die medizinische Fakultät aufgrund ihrer Verdienste um die Moorleichenforschung den Ehrendoktor. Am 20. Juli, wenige Monate nach ihrer Pensionierung, starb Johanna Mestorf. Sie wurde in einem Familiengrab auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg beigesetzt.

Kerstin Nees



Ausnahmefrauen an der Universität


Die wissenschaftliche Karriere Johanna Mestorfs fällt in eine Zeit, in der Frauen an Universitäten überhaupt nicht vorgesehen waren. Erst ab 1909 war es Frauen in Preußen möglich, sich für ein Vollstudium an einer Universität einzuschreiben. Das Recht zu habilitieren wurde ihnen erst 1919, zehn Jahre nach Mestorfs Tod, formal zugestanden.

Wie schwierig es war, selbst als Gasthörerin zugelassen zu werden, schildert Thomas Erdmann Fischer aus Hamburg in dem Tagungsband »Eine Dame zwischen 500 Herren«: »Zu Beginn des Wintersemesters 1884/85 stellten fünf Damen der Kieler Gesellschaft den Antrag eine Vorlesung des Universitätsprofessors Krohn über Goethes Faust hören zu dürfen. Der Professor wurde ordnungsgemäß vom Rektorat um Stellungnahme gebeten, er fühlte sich halb geschmeichelt, halb »degoutiert« und lehnte den Antrag (...) ab. (...) Die Vorstellung, dass Männer und Frauen in einer Vorlesung säßen, jagte ihm offensichtlich beträchtliche Angst ein. Eine der abgewiesenen Damen war Johanna Mestorf, die damals schon zwölf Jahre an der Universität arbeitete.«

Das Beispiel Johanna Mestorfs und auch anderer Ausnahmefrauen, wie der Biologin Maria Merian (17. Jahrhundert), der Mathematikerin Barbara Reinhardt und der Medizinerin Dorothea Erxleben (18. Jahrhundert) zeigen, dass die akademische Welt den Frauen nicht gänzlich verschlossen war. Aber sie waren immer Ausnahmen, die Möglichkeit der geschulten Wissenschaft fehlte ihnen.

Zum Weiterlesen:
  • Dagmar Unverhau: Ein anders Frauenleben (Schriften des Archäologischen Landesmuseums Bd. 13), Neumünster 2016
  • Julia K. Koch, Eva-Maria Mertens (Hrsg.): Eine Dame zwischen 500 Herren. Johanna Mestorf – Werk und Wirkung. in: Frauen – Forschung – Archäologie. Bd. 4. Münster 2002
    Beiträge der Tagung anlässlich des 100. Jahrestages der Verleihung des Professorentitels an Johanna Mestorf. Die 18 Artikel spannen einen Bogen ausgehend von dem historischen Hintergrund über verschiedene biographische Stationen bis hin zu Kolleginnen und weiteren Pionierinnen der Archäologie.

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