Christian-Albrechts-Universität zu Kiel


Große Forscher und Forscherinnen von der Förde:

Johann Nikolaus Tetens


Der schleswig-holsteinische Universalgelehrte zählte zu den führenden deutschen Aufklärern. Von 1776 bis 1789 lehrte er in Kiel.


Seine letzte Kieler Vorlesung aus dem Jahr der Französischen Revolution 1789 ist nun in Gestalt einer Zuhörernachschrift in Oslo aufgetaucht. Ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Forschungsprojekt unter Leitung von Professor Dirk Westerkamp am Philosophischen Seminar erarbeitet derzeit eine kommentierte Edition der gut erhaltenen Handschrift.

Die Karriere des 1736 im Herzogtum Schleswig geborenen Philosophen, Ökonomen und Mathematikers Tetens begann in Rostock, wo er im Anschluss an sein Studium der Mathematik und Physik 1759 promovierte. Seine breit gefächerten Interessen führten ihn im Laufe seiner Tätigkeit auch zur Beschäftigung mit Fragen des Deichbaus, des Seerechts und der Berechnung von Witwenrenten.

Nach der schwedischen Besetzung Rostocks lehrte er an der neu gegründeten Akademie in Bützow Physik und Philosophie. Zum Professor für Philosophie und Mathematik wurde er 1776 nach Kiel berufen. Hier vollendete er auch sein Hauptwerk, die zweibändigen ›Philosophischen Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwickelung‹ – ein Werk, »das Kant, während er die ›Kritik der reinen Vernunft‹ verfasste, nicht vom Schreibtisch gelegt hat«, erläutert Westerkamp. Tetens hat seine Theorie der Wissenschaften auch als eine Erforschung der Sprache aufgefasst. Der Mensch greift auf die Welt vor allem mit und in der Sprache zu. Ihre Genauigkeit ist Ausdruck der Präzision unserer Wahrnehmung und Gedanken.

Die Vorlesung, die Westerkamp und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Michael Sellhoff im Rahmen des DFG-Projekts bearbeiten, war allerdings nicht nur Tetens' letzte Lehrveranstaltung in Kiel, sondern seine letzte philosophische überhaupt. Noch einmal erklärte er 1789 seinen Kieler Studenten die verschiedenen Verstandeskräfte und Seelentätigkeiten sowie deren Verbindungen zum Körper, den Aufbau der Wissenschaften und deren Verhältnis zu Philosophie und Religion. Schon im selben Jahr folgt er einem ehrenvollen Ruf zum Staatssekretär der Finanzdirektion in Kopenhagen, wohin er übersiedelte. Fortan widmete er sich ganz seiner neuen Aufgabe. Er verstarb 1807 als königlich dänischer Konferenzrat. Warum er 1789 mit seinem Weggang aus Kiel auch der Philosophie den Rücken kehrte, »darüber kann nur spekuliert werden«, erklärt Westerkamp.

Möglich ist, dass Tetens sein eigenes Werk durch Kants berühmte ›Kritik der reinen Vernunft‹ gleichzeitig umgesetzt und überholt sah. Diese Frage, so Westerkamp, umreißt ein besonderes Interesse des Forschungsprojekts. Denn erstmals lassen sich mit der Vorlesung und ihrer Kommentierung genauere Aufschlüsse über Tetens' Kant-Rezeption erhoffen. Mit der Edition wollen Westerkamp und sein Mitarbeiter auch neue Einblicke in die Anfangszeit der modernen Kognitionswissenschaften eröffnen, die sich mit dem Denken und dem Bewusstsein beschäftigen (Psychologie, Neurowissenschaft, Informatik, Linguistik und Philosophie) zu deren Pionieren Tetens gerechnet werden kann.

Dass er seine philosophische Aufgabe nicht durch das eigene Werk, sondern möglicherweise durch Kants "Kritik der reinen Vernunft" erfüllt sah, dürfte für Tetens allerdings keine Lebenstragödie gewesen sein: »Die Philosophen des 18. Jahrhunderts haben sich nicht als Konkurrenten, sondern eher als Diener ein und derselben Wahrheit verstanden. Sie konnten ohne Zornesröte akzeptieren, wenn ein anderer diese Wahrheit entdeckte oder besser vermittelte. Jede richtige Erkenntnis wurde als ein kleiner, aber notwendiger Schritt auf dem unendlichen Weg zur Wahrheit selbst verstanden«, sagt Westerkamp

Jana E. Seidel



Stichwort Aufklärung


Überholte Ideologien und starre Vorstellungen wollten die Aufklärer des 17. und 18. Jahrhunderts durch eigenständiges Denken und Handeln ersetzen. Mit Hilfe seiner Vernunft und Einsichtsfähigkeit sollte der mündige Bürger sich von den Vorgaben der Obrigkeit lösen und diese als Leitfaden für sein Handeln benutzen, um zu mehr Freiheit und Wahrheit zu gelangen.

Im Gegensatz zu Tetens' Werk schlug Kants "Kritik der reinen Vernunft" (erschienen 1781, in stark überarbeiteter Fassung 1787) wie eine Bombe ein. Es markierte einen Wendepunkt nicht nur in Kants Philosophie, sondern in der Philosophiegeschichte überhaupt. Hatte sich Kant in seiner "vorkritischen Periode" zunächst überwiegend mit naturwissenschaftlichen und metaphysischen Fragen beschäftigt, also auch mit den so genannten "letzten Fragen" nach Gottes Existenz sowie Sinn und Zweck des menschlichen Daseins, stellte er nun die Frage, ob und wie Metaphysik überhaupt möglich sei. Er begründete die neue Erkenntnistheorie, eine Philosophie, die nach den Wegen, Möglichkeiten und Grenzen der Erkenntnis fragt.

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