Spex November 1989 (Nr.11)

FILM UND FRAU 


James Cameron - ABYSS 


Frauen, Filme, Fun und Fußball 1980 wird gut", wie ich dereinst zur letzten Jahrzehntwende prophezeiht - und recht behielt. Da bin ich mir natürlich jetzt nicht zu schade, derlei große
historische Wahrheiten einfach auch auf die nächste Dekade umzulegen. 


A) FRAUEN

"Pro-Feminismus und Anti-Militarismus sind lediglich Slogans. Aber gut, daß du das miteinander verknüpfst, denn es sind zwei Seiten desselben Problems, sich gegen etablierte Machtstrukturen durchzusetzen, obwohl die meisten Leute das isoliert voneinander betrachten. Mir geht es generell um individuelle Entscheidungsfreiheit - egal, was Gesellschaft oder soziale Rollenmodelle erwarten."
(Sagt James Cameron, der mit Produzentin/Ehefrau Gayle Ann Hurd als kleinste unabhängige
Kampfeinheit antrat, das Establishment mit den eigenen Waffen zu schlagen, und mir nun zum
guten Gespräch in Günter Gaus-Manier als beredter Zeuge der Zeit gegenübersitzt, um "Abyss", von dem eben dieses Establishment nicht müde wird zu tönen, hier werde dem alten Jahrtausend endgültig der Abflußstöpsel rausgezogen, als Summe der/seiner 80erErfahrungen auszugeben - was hier auch bedeutet, korrespondierend mit der bärbeißigen Emanze Mary Beth Mastrantonio, die als Konstrukteurin einer Unterwasserstation mit dem schönpassenden Namen Deepcore in den In-Fight mit einem knarzigen Fahrensmann der alten Bob Mitchum/Indy Jones-Schule geschickt wird: Schlußpunkt unter die 80er-Glaubensgemeinschaft Hurd/Cameron: "Ich würde nie etwas Autobiographisches verfilmen, denn mein Leben geht keinen was an. Aber als Filmemacher sehe ich schon täglich Frauen, deren Karriereambitionen in Konflikt geraten mit ihren emotionellen Bedürfnissen." 

Gemäß der Otto-Rehagel-Erkenntnis, hinter jedem mächtigen Mann steht eine kluge Frau, hat sich dieser kreuzbrave ehemalige Physikstudent nämlich schon mal rechtzeitig für die 90er in
Semi-Hipness geübt (was sich z. B. in brandneuem Designeranzugträger-Selbstbewußtsein ausdrückt) und geschlechtlich mit der verwandten Seele Kathryn Bigelow koaliert, die in Camerons unsäglichem Spaghetti-Video als Killer-Cowgirl die Westentaschen-Djangos Martini Ranch aufmischen durfte, und nach solider Grundausbildung in New Yorker Trendiness bei Susan Sontag, Rob Rauschenberg (die die 19-jährige in den Mitt-70ern zur abstrakt-expressionistischen Selbsterfahrung anlernten), und Mayo Thompsons Art & Language als hottest gunslinger im Zirkus,seit ihr Oliver Stone nach dem Endzeit-Vampirwestern "Near Dark" attestierte: "Ich bin an allem interessiert, was du als nächstes machst, und wenn ich es eigenhändig durch die Chefetage boxen muß" (Was er dann mit "Blue Steel", ihrem neuen von Wahnsinnsbegierden gepeitschten Frauen-Cop-Thriller auch tat. 




B) FILME

Wenn 'Abyss' in der gleichen Woche gestartet wäre wie 'Indiana Jones', hätte es den Film
umgebracht. Eine Woche später kam 'Ghostbusters II', dann 'Star Trek IV', dann 'Batman'. Da war kein Mauseloch mehr offen. Andererseits waren 43 Millionen Dollar wieder reinzuholen, und mit einem Badefilm wollten wir nun auch nicht bis Weihnachten warten. Zum Glück lief 'Abyss' ganz gut an (und spielte in vier Wochen das Budget wieder ein) - so blieb uns allen eine ziemliche Verlegenheit erspart. Schließlich ist der Erfolg eines Films eine sehr kapriziöse Angelegenheit und basiert am meisten auf Vermarktung. Zu meiner großen Genugtuung hat 'Batman' bewiesen, daß es nicht der Film ist- es ist der Hype. An zweiter Stelle kommt es auf den Starttermin und die Konkurrenz an, dann auf die Filme, die während des Produktionszeitraums ein ähnliches Thema behandelt haben und zuletzt erst darauf, ob dein Film gut ist. Und es ist schon schreckerregend, daß ich lediglich den letzten und für den Erfolg am wenigsten maßgebenden Faktor beeinflußen kann.( Dieser long hot Rekordsommer mit seinen Lemmingähnlichen Panikinvestments hat die 80er noch einmal beispielgebend auf den Punkt gebracht, und mehr noch als 'Batman' verkörperten diesen historischen Einschnitt die "Überraschungs"-Kassenrenner der Saison 'Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft'
(bei dem Stuart Cordon, of 'Re-Animator'-Bloodfame, drei Wochen vor Drehbeginn gefeuert wurde, und der nun im Disney-Sammelpack mit dem neuen Roger Rabbit-Appetit-Cartoon als
mechanisch-emotionsloser Laborversuch in hektischem Wahnsinn daherhetzt) und 'Dead Poets
Society', in dem Peter Weir derart schwelgerisch im Spannungsfeld zwischen David
Lean_Schiwago"-Breitwandepik (by the way: wichtigstes Kinoereignis'89 für Steven The Boss
Spielberg - die Wiederaufführung der ungeschnittenen 'Lawrence von Arabien'-Fassung) und
40er-Jahre Brit-Kammerspiel eine derart Opi-mäßig verschnarchte Prä-50er-Beatnik-Eliteschülerrebellion abfeiert (beim Erschüttern jahrhundertealter
Herrschaftsstrukturen durchs radikale Vorlesen spätromantischer Gedichte werden nebenbei noch Rap und Cool-Jazz entdeckt), daß sowas im Einzugsgebiet der milden New England/East CoastComedy Woody Allen/ Rob Reiner/Lawrence Kasdan'scher Provenienz einfach zum 90 Millionen-$-Hit reifen muß. Mittendrin als Missing Link zwischen Kid-und Adult-Eskapismus: Robin Mork Williams (als dessen follow-up sich übrigens Wabbelkinn Michael Keaton mit derlei larmoyanten End-80er-Zustandsbeschreibungen wie "Ich sammle Anzüge von Armani und Hugo Boss und höre Pop von den Fine Young Cannibals und Blues von Van Morrison) unlängst profilieren konnte). 

Das hätte nur Spielberg selbst noch overthetoppen können, hätte er sein Leib- und Magenrezept
'Rain Man' selber gedreht, anstatt mit George Lucas wochenlang das Trockenlegen ihrer Kleinkinder zu debattieren und nebenbei noch einen Film zu verfertigen, vor dem schon R. Dean Taylor 1970 mit den prophetischen Worten "Indiana wants me but I can't go back there" warnte. Nun jammert er natürlich "Jeder riskiert was - außer mir" und legt die Last der Verantwortung ab auf seinen elitären Debattierclub Scorsese und De Palma, dessen Herzensanliegen seit'69,'Casualties of War', er schon mal als "vielleicht machtvollstes Statement über Vietnam" anpreist, während die US-Presse unisono kräht: "Gewaltpornographie - nur daß diesmal die Frau erst vergewaltigt und dann umgebracht wird."
De Palma: "Ich hoffe, dies wird als gereifter Film anerkannt. Ich will nicht senil werden, ohne vorher erwachsen gewesen zu sein." 

Während diese beiden Gladiatoren auf ihre alten Tage aber noch froh sein dürfen, einige
Autorenfilm-Brotkrumen zugeteilt zu bekommen, wo doch Paul "Filming for a new society" Schrader im Gestrüpp des täglichen Existenzgestrampels gestrandet ist, und auch Shane-MacGowan-Lookalike Tim Burton, die andere große weiße Hoffnung für die 90er, im Würgegriff der Bourgeoisie ächzt (nicht nur, daß ihm die Bosse Nicholson als Joker aufgeschwatzt hatten, auch "hatten wir nicht mal ein Drehbuch. Oder wir hatten eins, und dann hörte ich, da muß aber erstmal noch ein bißchen dran gearbeitet werden, und als Jack mich eines Tages fragte "'Was mache ich hier eigentlich? Wo laufe ich denn hin?', mußte ich eingestehen, ich weiß es nicht. Die furchteinflößendste Erfahrung meines Lebens."), forderte Cameron der Centfox-Chefriege nicht nur totale Kontrolle über ein Budget ab, das
ganze Wirtschaftszweige an den Rand des Börsenkrachs hätte führen können ("Ich habe dem
damaligen Fox-Präsidenten ein Drehbuch auf den Tisch gelegt, und seine Entscheidung als
Geschäftsmann war es, es abzulehnen oder zu jedem späteren Zeitpunkt der Produktion nein zu sagen. Im Gegenzug verpflichtete ich mich aufgrund meines Ehrenkodex', genau dieses Buch zu verfilmen - und nicht irgendeinen Spinnkram, der mir vielleicht im Kopf rumschwirren könnte. Denn wenn ich experimentieren will, dann nicht mit dem Geld anderer. Schließlich sind wir verantwortungsbewußte Filmemacher. So ein Wahnsinnsprojekt hätte leicht 60 oder 80 Millionen kosten können, aber es kostet nur 43 Millionen"), sondern lavierte sich auch durch die Klippen eines Cimino-"Heavens Gate" (-um hier nicht zu sagen: Watergate-)Desasters als total
filmmaker-Gewinnertyp auf die Zielgerade der 80er. "Ich habe nie mit großen Namen gearbeitet.
Keiner meiner Darsteller trug den Film durch Box-Office-Status. Immer war der Film der Star des Films." Oder wie Centfox im Gottvertrauen auf Camerons generalstabsmäßige Führerqualitäten verlautbarte: "Uns wurden Stars angeboten wie Sauerbier, aber sowas tut man ihm nicht an. Er ist der
Star." 


C) FUN

"Für Kubricks '2001' wurden viele neue technische Verfahrensweisen entwickelt, und als ich dieses Projekt entwarf, sagte ich mir :'Das ist eine Herausforderung für mich'. Also ging ich zu Centfox: 'Hier habt ihr das 2001 des Unterwasserfilms. Für viel Geld kriegt ihr ein episches Werk, ob ihr wollt oder nicht, mit einer Bilderwelt, wie sie noch nie vorher zu sehen war.'" Nach dem teuersten undergroundmovie des letzten Maverick-Diktators, der nur sich selbst genügt, nun also das teuerste underwater-movie des Hobby-Tauchers und -Unterwasserbiologen, der allen genügt (was ja auch wieder heißt: keinem). 


Denn mehr noch als von pseudoreligiösem Erleuchtungs- und Neu/Wiedergeburtsquatsch des New Age wird 'Abyss' dominiert von den Errungenschaften aus 20 Jahren Hi-Tech-Kino (bis hin zu Leistungsschau-mäßig entfesselten 'Shining'-Kamerajagden). Oder: hier spielt einer mit seiner riesigen Modelleisenbahn. 


D) FUSSBALL
Oder: Über den Kampf zum Spiel finden. "Ich brauche Herausforderungen und Widerstände, auch wenn sie mich diesmal beinahe geschafft haben, und ich verlange auch meinen Spielern die härteste Arbeit ab, die sie je geleistet haben. Aber wenn sie dann das Resultat sehen, sind sie doch dankbar, daß ich ihnen diese Gelegenheit gegeben habe."
"Drin ist drin - egal wie." (Alte Fußballweisheit) 

Andreas Banaski




Tiefseemenschen vor finanziellem Abgund