Kino, November 19986 (Heft 2)
Aliens

Mutter Courage im Weltall

Wie nett waren die Zeiten, als sich alle Welt außerirdisches Leben noch in Form kleiner grüner Männchen vom Mars vorstellte: putzige Antennen auf dem Kopf, einäugig, dreiäugig oder fischäugig, der terrestrischen Sprache nicht kundig, aber doch in der Lage, durch eine Art weltraumindianisches "Hugh, ich habe gesprochen" grundsätzliche Verständigungsbereitschaft zu bekunden. Der niedliche und zu Tränen rührende "E.T.", den man sich als Kuscheltier getrost ans Kopfkissen legen kann, und die besonders alten Menschen wohlgesonnenen Atlantis-Unsterblichen aus "Cocoon" zählen zu den sympathischen Nicht-Menschen, die mit den Erdenbewohnern in Kontakt treten. Nachdem aber schon in den fünfziger Jahren eine Welle schleimiger Vertilger von der Leinwand aus über den grünen Planeten herfiel, um radikal Schluß zu machen mit uns armen Erdenwürmern, sind jetzt wieder "Fremdwesen" angesagt, die jenseits von allem Guten nur Böses im Sinn haben.

Die Rückkehr

Vor sieben Jahren lehrte der Schocker "Alien" die Kinomenschheit das Grauen und ließ als Monsterhit die Dollars rollen: Der Streifen, der wie eine Fahrt auf der Geisterbahn war, zählt mittlerweile zu den fünfzig kommerziell erfolgreichsten Produktionen der Filmgeschichte. Und nun kommt die Fortsetzung: "Aliens - Die Rückkehr". Ridley Scott, Regisseur des ersten Grauens, wartete vergeblich darauf, daß man ihm antrug, den zweiten Teil in Szene zu setzen. Stattdessen beauftragten die Studiobosse den "Terminator"-Regisseur James Cameron, der zusammen mit Sly Stallone auch für den zweiten "Rambo"-Auftrag verantwortlich zeichnet, mit der Realisierung der "Aliens"-Wiederkehr. Und der machte aus der Tour auf der Geisterbahn eine nicht minder nervenzerfetzende Fahrt auf der Achterbahn: "Man kann sehen, daß die große Sause ins Tal bevorsteht, und man weiß, wann sie kommen muß. Wenn es dann geschieht, beginnt der Spaß."

Der Spaß beginnt irgendwo in der Tiefe des Weltraums für Warrant Officer Ellen Ripley (Sigourney Weaver) und den Kater namens Jones, die letzten Überlebenden des zu interplanetarischen Siedlungszwecken ausgesandten Raumschiffs "Nostromo". Die Rettungskapsel, in der sie in Tiefschlaf verfallen sind, seit sie das Mutterschiff und das darauf nistende, anscheinend unzerstörbare Fremdwesen in die Luftgejagt haben, wird entdeckt. Als Ripley die Augen aufschlägt und einen Repräsentanten der Company vor sich sieht, die sich von der Besiedlung entfernter Sterne Profite verspricht, stellt sie nur eine Frage: "Wie lange war ich da draußen?" Carter Burke druckst, aber muß schließlich der Wahrheit die Ehre geben: Siebenundfünfzig Jahre. Ripleys Tochter, im Alter von elf Jahren zurückgelassen, ist sechsundsechzig geworden und weilt nicht mehr unter den Lebenden. Die Company, für die Ripley fast gestorben wäre, für die sie siebenundfünfzig Jahre ihres Lebens gab, will sie jetzt gerichtlich zur Verantwortung ziehen, weil der Sternenfrachter im Wert von 42 Millionen Dollar hin ist. Man erzählt ihr, daß der damals nur als LV426 verzeichnete Planet inzwischen den Namen Acheron bekommen hat und Heimstätte von ein paar hundert Siedlern und Wissenschaftlern geworden ist, die seit zwanzig Jahren an seiner Kolonialisierung werkeln. aber von Eiern, aus denen mörderische Fremdwesen werden, sei weit und breit im All nichts entdeckt worden. Ripley weiß es besser und warnt, aber man mag nicht auf sie hören, sondern degradiert sie kurzerhand zur Hilfsarbeiterin, die einen gigantischen roboterähnlichen Gabelstapler zu bedienen hat. Ein miserables Leben für die ehedem ihre Frau stehende Kommandantin. Doch es dauert nicht lange, da ist kein Funkpieps mehr zu hören von Acheron. Burke, der Company-Mann, bleibt zwar cool: "Vielleicht ist nur ein Gerät ausgefallen..." Dennoch, man dächte daran, einen Trupp auf die Raumreise zu schicken, um auf Acheron nach dem rechten zu sehen, und wenn sie wolle... vielleicht als Beraterin mitfliegen?

Ripley ist dabei und sieht sich umgeben von einer Truppe Ledernacken, die den Ausflug ins All als eine Art Landemanöver in Fernfernost ansehen, die sich mit allerlei Superwaffen gerüstet haben und den Eindruck machen, als erwarteten sie da draußen in der großen Leere nicht  Monstren, die jegliche militärische Fantasiekraft sprengen, sondern höchstens etwas zu groß geratene Vietcongs. Besonders der weibliche Feldwebel Vasquez (mit imponierendem Muskelspiel von Jenette Goldstein im wahrsten Sinne verkörpert)) hat für Ripleys Warnungen kein Ohr, sondern bereitet sich mit Klimmzügen und liebevoller Waffenölung auf eine eventuelle Konfrontation mit Feindwesen vor, die keinen Bock auf Kolonialherren haben. Außerdem mit von der Raumpartie ist ein Android namens Bishop ("Ich ziehe es vor, als künstliche Person bezeichnet zu werden"), der sein Messer mit unmenschlicher Geschwindigkeit zu handhaben versteht, aber für Ripley ein Schreckgespenst darstellt, weil sie auf ihrer letzten Mission erleben mußte, daß ein derartiger Robotmensch sie zu töten trachtete.

Auf Acheron angelangt, findet die Crew eine verlassene Station vor: Arbeitsplätze und Labors sind von schleimigen Spinnennetzen überzogen, schwarze Löcher machen die Wände unansehnlich, Einrichtungsgegenstände sind umgeworfen, Teller nicht leergegessen. Der erste Landungstrupp der sich mit allzeit bereiten Superwaffen durch das Labyrinth pirscht, hat über längere zeit nicht die geringste Feindberührung, entdeckt aber Spuren, die nur vom unheimlichen Säureblut der Aliens hinterlassen sein können. Allein Ripley, die das Unternehmen über Monitore verfolgt, ahnt, welcher Horror die Räume heimgesucht hat. "Was auch immer hier passiert sein mag, wir haben es verpaßt", meldet der Anführer des Spähtrupps. Als sich Ripley ebenfalls aufmacht, zu ergründen, was vorgefallen sein mag, steht die Gruppe plötzlich vor sechs durchsichtigen Reagenzzylindern. Allein die Dame, die so lange geschlafen hat, weiß, wer die arthritischen Spinnefinger sind, die da nur scheinbar ruhen: "Facehuggers", die erbarmungslosen Gesichtsklammermonster, Und prompt wird auch einer dieser unfreundlichen Kehlkopfkrebse aktiv. Alles schreckt zurück, als er attackiert, und der erste große Schock durchzuckt den Kinobesucher. Es ist erstaunlich und spricht für die Regiekunst des Mr. Cameron, daß der Film über mehr als eine Stunde die Spannung halten kann, ohne daß wirklich Dramatisches geschieht.

Nach dieser ersten Begegnung der gänsehauterregenden Art entdecken die Space-GIs in einer Luftschachtnische hinter angesammelten Stahlgerüsten ein verstörtes Lebewesen, daß sich stumm und voller Angst an einen Puppenkopf klammert. Erst das mütterliche Einfühlungsvermögen von Officer Ripley vermag dem kleinen Mädchen einen Namen zu entlocken: Newt (Carrie Henn). Als nächsten finden die mit Sonardetektoren, ausgeklügeltem Sprechfunkgerät und Videokamera-gesteuerten Waffen ausgerüsteten Sturmtrooper die leergesaugten Überreste der Siedler und müssen sich zu ihrem Leidwesen aus der Kommandozentrale sagen lassen, daß jeder Waffengebrauch gegen das säuretriefende Monstergespinst zu einer thermonuklearen Katastrophe führen würde, da man sich im Moment unter den Hitzeaustauschern der Katastrophen-Kolonie befindet. Als der befehl kommt, die Munition abzugeben, stellt einer der Macho-Marines die Frage: "Und jetzt? Glaubt ihr etwa, daß Schimpfkanonaden reichen?" Auch mit Flammenwerfern ist den geifernd gierenden, fauchenden und blitzschnell nach Soldten schnappenden Tentakelköpfen des Alien jedoch nicht recht beizukommen. Die um etliche Mitglieder dezimierte "Search and destroy"-Einheit berät sich mit der Zentrale, und Ripley macht den Vorschlag, für klaren Tisch zu sorgen: "Fliegen wir ab und sprengen den ganzen Laden hier in die Luft." Burke hat Einwände und verweist auf Dollarwerte. Außerdem möchte er allzugern ein Monsterexemplar von der Expedition mit nach Hause bringen und seinen Kollegen von der Abteilung für Biowaffen zur Ansicht vorlegen. Doch Corporal Hicks (Michael Biehn), der als ranghöchster Militär das Sagen hat, entscheidet sich ebenfalls für die Bombenlösung. Ripley legt den Arm um Newt: "Wir fliegen nach Hause", tröstet die Mutter Courage des Weltraums das Findelkind. Aber die Rechung ist ohne das Muttermonster und seine diversen Ableger gemacht worden, denn kurz darauf wird die Pilotin des interstellaren Rettungsboots von einem Alien angegriffen. Die Fähre stürzt ab, und die kleine Schar um Ripley ist gestrandet: Fast alle Waffen sind der Explosion zum Opfer gefallen, und frühestens in siebzehn Tagen kann man mit einer Rettungsaktion rechnen.Panik greift um sich...

Der über zwei Stunden lange Film, produziert von Gale Anne Hurd, die mit James Cameron schon am "Terminator" zusammenarbeitete, ist perfekt gemacht und keine Minute ohne Spannung, die den einsamen Kinobesucher krampfhaft und schlotternd um sich tasten läßt, bis er eine Hand greifen kann, möge sie auch noch so fremd sein. Sigourney Weaver, die in "Alien" ihre erste große Rolle spielte und sich jetzt wieder ins All wagte, überzeugt als "Mutter des Jahres", die gegen das außerirdische Übel ihren Mann steht, um die kleine Newt zu retten. "Ich weiß, daß man mich sicherlich als 'Rambolina' verkaufen wird", sagt sie, "aber es ist schon in Ordnung, wenn das Publikum den Wunsch hat, wir würden den Alien vernichten - das ist eine traditionelle Geschichte wie der Kampf gegen einen Drachen. Jedenfalls besser als die Vietnam-Filme, in denen jede Menge Menschen getötet werden." Die Einspielergebnisse in Amerika zeigen, daß das Publikum in Massen zur Stelle ist, wenn es eine Drachentötung zu bestaunen gibt. Schon am ersten Wochenende trugen die Gruselfans aus dem SI-Staat über zehn Millionen Dollar an die Kinokassen, um mitzufiebern, wie "den Fremden" ein für allemal der Garaus gemacht wird. Es scheint so, als hätte Cameron einmal mehr den goldenen Riecher gehabt. Er überredete die Studiogewaltigen, den Film "Aliens" nicht als reine Fortsetzung zu betrachten, sondern als eigenständiges Monsterwerk. "Ich habe ihnen gesagt, sie sollen in dem 'S' am Ende von 'Aliens' ein Dollarzeichen sehen."