Der Spiegel, Nr. 48 / 1986
 

Grenzen des Grauens 


."Aliens - Die Rückkehr". Spielfilm von James Cameron. USA 1986; Farbe; 135 Minuten.

Das schleimige Monster mit der furchterregenden Fratze and dem Raubtierrgebiß wirkt
ekelhaft und bedrohlich. Seine physische Erscheinung scheint alles zu vereinen, was
uns als Merkmal unmenschlicher Wesensart gilt. Kein Wunder. daß wir dieses
undefinierbare Wesen als "Alien" auch verbal ausgrenzen. Doch die Angst, die uns das
"Alien" - kennengelernt haben wir es 1979 durch den gleichnamigen Filmklassiker von
Ridley Scott - einjagt, rührt nicht von seiner unmenschlichen Hülle, eher von der höchst
menschlichen Art seiner Fortpflanzung. Das "Alien" benötigt zur Reproduktion der
eigenen Spezies den Menschen als Gebär-Mutter. 

Mutet schon der Gedanke, als Brutstation für Un-Menschliches mißbraucht zu werden.
wie ein perfider Angriff auf menschliche Würde und Autonomie an, so gerät der Akt einer
solchen Symbiose zum widerwärtigen Alptraum. Nach der Befruchtung des Opfers
werden sämtliche Stadien einer Human-Schwangerschaft simuliert: Erst gibt es Übelkeit
und Erbrechen, dann wölbt sich der Bauch und schließlich kommt es zu einer blutigen
Entbindung, bei der das ausgereifte "Alien"-Embryo durch die Bauchdecke seines Opfers
stößt - ein gewalttätiger Abnabelungsprozeß, der der menschlichen "Gastmutter" den
Tod bringt. 

Gegen diese Schwangerschafts-Horror-Vision läßt der amerikanische Filmemacher
James Cameron in dem "Alien" Nachfolger "Aliens - Die Rückkehr" zum Kampf antreten.
57 Jahre nachdem die Besatzung des Raumfrachters "Nostromo" auf einem fernen
Planeten erstmals das "Alien" entdeckte, macht sich die einzige Überlebende der
damaligen Expedition, der weibliche Decksoffizier Ripley (Sigourney Weaver), zum
finalen Showdown im interplanetaren Verhütungskampf auf. Gemeinsam mit einer
Spezial-Einheit der Marines will sie den inzwischen von der Orbit Company - ihrem
Arbeitgeber - besiedelten Planeten, zu dessen Bewohnern seit geraumer Zeit kein
Funkkontakt mehr besteht, endgültig von dem "Alien" und seinen mittlerweile
herangewachsenen Nachkommen säubern. 

Bei Roger-Corman-Schüler Cameron (bekannt durch seinen intelligenten Genre-Film
"Terminator") wird diese nur scheinbar simple Mission zu einem doppelbödigen
Abenteuer voller Fallen und Widerhaken. Ausgerüstet mit modernsten Laserkanonen,
elektronisch gesteuerten Maschinengewehren, Spezial-Flammenwerfern und anderem
hochentwickelten Kriegsgerät, bewegen sich seine Kämpfer durch Gebäudekomplexe voll
röhrenartiger Gänge und Schachtsysteme wie einst die US-Marines durch die
Dschungelwälder des Mekong-Delta. 

Doch im Innern der symbolhaften weiblichen Architektur wird aus dem geplanten
Vernichtungsfeldzug schnell ein verzweifelter Kampf ums eigene Überleben. Die
martialische High-Tech-Bewaffnung erweist sich angesichts einer drohenden
Beschädigung des thermonuklear betriebenen Kühlsystems als wertlos, und die
Kampfmethoden des Spezial-Kommandos können gegen die nach bewährter
Guerillastrategie operierenden "Aliens", die unerwartet zuschlagen und sofort wieder
verschwinden, nichts ausrichten. 

Nicht nur in dieser Parabel auf einschlägige Vietnam-Erfahrungen hintergeht James
Cameron die Genre-typischen Klischees und Erzählmuster. Hinter dem vermeintlich
trivialen Action-Entertainment seines Films verbirgt sich ein subtilabgründiges Spiel mit
den Erwartungen des Zuschauers. Gewohnte Kräfteverhältnisse verkehren sich in ihr
Gegenteil, der Stand der Dinge wird in Frage gestellt, und daraus entsteht jene
produktive Beunruhigung, die einen guten Horrorfilm stets auszeichnet. 

Der extra-terrestrische Krieg gegen die "Aliens" spiegelt allegorisch die
Verdrängungs-Feldzüge, die wir tagtäglich in unserer Psyche führen. Ripley bekämpft die
schleimigen Monster aus dem All stellvertretend für unsere schleimige.
männlich-monströse Angst vor dem Mutter-Dasein. Es gehört zur lronie des Films, daß
dieser Kampf - seinem Wesen nach eigentlich Männersache hier von einer Frau geführt
wird und daß diese Kämpferin gegen die Mutterschaft selbst Mutter werden muß (indem
sie ein kleines Mädchen, die einzige Überlebende der Planeten-Siedlung, quasi
adoptiert), um überleben zu können. 

Erst als Mutter gelingt es Ripley nämlich, ins Zentrum ihrer und der Zuschauer Ängste
vorzudringen. In einem gebärmutterähnlichen, höhlenartigen Raum steht sie - ihr "Kind" in
der Linken, einen Flammenwerfer in der Rechten unverhofft vor der Ur-Mutter der
matriarchalisch organisierten "Aliens". 

Spätestens an dieser Stelle haben sich die Grenzen des Grauens verschoben. Die
Erscheinung der lediglich um Arterhaltung bemühten "Aliens" bekommt etwas
Vertrautes, wir entdecken in ihnen die "menschlichen" Züge der Fürsorge und des
Beschützens; dagegen enthüllt der Mensch in seiner Aggression und Zerstörungswut
wahrhaft Monströses. 


Am weitesten in dieser Richtung geht zweifellos der karrieresüchtige und profitgierige
Manager-Repräsentant jener Gesellschaft, die die Planetenbesiedelung und die
Kommandoaktion in die Wege geleitet hat. Der smarte Space-Yuppie entpuppt sich als
das eigentliche "Alien" der hintersinnigen Schreckensreise. 

Als Mann überlebt in dem zerstörerischen Mutter-Krieg nur, wer seine Frau steht, wer
also die Mutterfunktion der Beschützerin übernehmen kann. Das ist ein Marines-Corporal
(Michael Biehn), der auch in Notsituationen in liebender Fürsorge für Ripley und ihren
Schützling den Fluchtweg freihält. Und es ist ein Android, der als künstliche Kreatur
ohnehin weniger Schwierigkeiten mit dem Wechsel der Geschlechter zu haben scheint;
noch als es ihn selbst schon längst - symbolhaft - in zwei Teile gerissen hat, rettet er in
mütterlicher Aufopferung das kleine Mädchen vor dem Tod. 


Camerons Film handelt von dem. was den Menschen in zwei Teile zu zerreißen droht: die
Antagonismen zwischen Mann und Frau, Mensch und ,"Alien". Bewußtem und Unbewußtem.
lnsofern ist seine "Alien"-Fortsetzung tatsächlich auch ein Kriegsfilm geworden - aber einer, der
im Gegenteil zu "Rambo" (bei dessen 2. Teil Cameron als einer der Autoren ausgewiesen ist)
und Konsorten von der inneren Front in unseren Köpfen erzählt 


Gad Klein